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Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kanan.
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es» Waisenhauses in Hanau.
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Berantwortl. Redakteur: G. Schrecker in Haara
Ri. 231 Aernsprechanschlusj Nr. 605.
Montag den 2. Oktober
Fernsprechäuschluh Nr. 605
1905
Hus F)anau Stadt und Eand.
Hanau, 2. Oktober.
Einweihung der Bahnstrecke Stockheim- Windecken-Heldenbergen.
Der berechtigte Wunsch der Bewohner des Niddertales sowohl auf hessischem wie auch auf preußischem Gebiete und damit eines nicht unerheblichen Teiles der Bewohner unseres Landkreises, eine bequemere und direkte Verbindung einerseits mit dem Vogelsberg, andererseüs mit Hanau, Friedberg und Frankfurt zu haben, hat wenigstens zum Teil nunmehr seine endliche Erfüllung gefunden. Am vergangenen Samstag ist die Teilstrecke Stockheim-Windecken-Heldenbergen der Slock- heim-Dilbeler Bahn feierlichst eingeweiht worden, deren Be- itreb dank nicht zum wenigsten auch den eifrigen Bemühungen unseres Landtagsabgeordneten Junghenn an maßgebender Stelle in Berlin mit dem 1. Oktober seinen Anfang nahm. Wie weitgehend aber das Interesse aller Volksschichten an dem nun vollendeten Werke ist, das konnte man zur Genüge ersehen aus der freudigen Teilnahme von nah und fern an der Einweihungsfeier und der frohen Begrüßung, die dem Festsonderzug auf allen Stationen zuteil wurde.
Zur festgesetzten Stunde traf der von Hanau über Gelnhausen kommende Festzug, in dem eine Reihe Wagen für die aus den einzelnen Stationen an der Sonderfahrt Teilnehmenden eingestellt waren, im prächtigen Schmucke auf der Aus- gangsstation Stockheim, die, wie ja alle, aufs reichste mit Fahnen und Girlanden geschmückt war, ein. Hier wurde den mit demselben angekommenen und nun an der Feier teilnehmenden Behörden, unter denen wir als Vertreter der hessischen und preußischen Staatsregierung die Herren Ministerialrat S ü f f e r t-Darmstadt und Landrat v. B e ck e- rath-Hanau, ferner Kreisamtmann Dr. Kranzbühler- Gießen, Kaufmann Fart sch, Präsident der Handelskammer Friedberg-Büdingen, die Kreisrate Böckman n-Büdingen und F e p-Friedberg, endlich als Vertreter der Eisenbahndirektion die Herren Regierungsbauräte W o l l p e r t, Drescher und Dr. W a l l st e r-Frankfurt u. a. bemerkten. Namens der Gemeinde, die durch ihren Vorstand und Schule, deren weißgekleidete Mädchen prächtige Blumensträuße überreichten,-vertreten war, sprach Herr Pfarrer Köhler mit dem Dank die Hoffnung aus, daß mit dem heutigen Tage, mit dem ja ein neuer Abschnitt in der Geschichte der rasch sich entwickelnden und aufblühenden Gemeinde Stockheim auch ein neuer Abschnitt des ganzen Verkehrswesens der dortigen Gegend beginnen möge unter Gottes Schutz zu deren Heil und Segen. Nachdem hierauf Herr Ministerialrat Süffert uach seinerseits dem Wunsche der Erfüllung aller an die
Feuilleton»
Stadttheater in Hanan.
8 Hanau, 2. Oktober.
Nachdem nun alle die fleißigen Hände ruhen, die den ganzen Sommer hindurch wetteiferten, das Innere unseres Musentempels in ein neues Gewand zu kleiden, konnte gestern abend die Eröffnungsvorstellung der beginnenden Saison vor sich gehen. Der in dezenten Farbentönen gehaltene Zuschauerraum präsentiert sich unserm Auge auf das vorteilhafteste, die prächtig wirkende Deckenmalerei in Verbindung mit der von einem modernen Kronleuchter ausgehenden elektrischen Beleuchtung vereinigen sich zu einem harmonischen Ganzen, das stimmungsvoll abgeschlossen wird durch den neuen, reichlich mit Gold verzierten Hauptvorhange. Wohl keine Stadt von der Größe Hanaus hat der Kunst und Literatur eine würdigere Pflegestätte bereitet, als gerade wir in unserm den Erfordernissen der Neuzeit gerecht werdenden Musentempel und wir wollen nicht verfehlen, hierfür auch an dieser Stelle unsern städtischen Körperschaften, die bereitwilligst die erfor- derlichm Mittel zur Verfügung stellten, den aufrichtigsten Dank aller Kunstfreunde auszusprechen.
Die gestrige Aufführung von Laubers „Karlsschülern" war noch von feiten der Direktion als eine nachträgliche Gedächtnisfeier des unserem Herzen gleich nahestehenden unsterblichen Dichters und. Denkers Schiller gedacht, dessen begeisterter Schönheitskult vor nichts zurückschreckte, wenn es galts hohe und allerhöchste Ziele seiner von geistvoller .Menschlichkeit entworfenen idealen Ziele zu vollenden. Dieses rastlose Ringen Schillers, einesteils nach geistiger Freiheit, anderenteils nach einer ihn verstehenden Seele, hat Laube in seinen „Karlsschülern" uns geradezu meisterhaft plastisch vor Augen zu führen verstanden und wenn wir am Ende des Werkes Laura' s tiefempfundene Worte hören .meines
neue Verkehrsverbindung gerade für die gewerbreiche Gegend Stockheims sich knüpfenden Hoffnungen Ausdruck verliehen, begann nun der Festsonderzug seine Fahrt auf der neuen Strecke, welcher entlang eine besondere Kapelle ihre munteren Weisen, die auch auf den einzelnen Stationen die patriotischen Gesänge der Festteilnehmer begleitete, hören ließ. Station G l a u b e r g war der erste Anhaltspunkt. Lauter Jubel froher Kinderschar, die mit den Vertretern der Gemeinde- und Kirchenbehörde und dem Kriegerverein auf dem Bahnsteige Aufstellung genommen, empfing den Sonderzug, nach deffen Eintreffen Herr Bürgermeister Schmidt den Dank aussprach für das durch den Bahnbau von der hohen Staatsregierung bewiesene Interesse an der Gemeinde, aus der einzelne Glieder in ihrer konservativen Gesinnung anfänglich hierfür zwar wenig begeistert, mit der Zeit aber den hohen Nutzen des nun vollendeten Werkes gewiß erkennen werden. Nachdem hierauf von weißgekleideten Festdamen Wein kredenzt und die Vertreter der Behörden mit bunten Sträußchen dekoriert waren, setzte sich der Sonderzug wieder in Bewegung nach der Haltestelle Enzheim, dessen, kleines, zierliches Dienstgebäude auch ohne den überreichen Schmuck an Fähnchen und Kränzen ein „Schmuckkästchen" genannt zu werden verdient, das zur Eröffnungsfeier den sinnigen Spruch zeigte: „Willst du dich am Ganzen erquicken, mußt du das ganze im kleinen erblicken". Doch auch hier fehlte nicht die dankesfrohe Begrüßung, die mit dem Kirchenvorstand Herr Bürgermeister Lipp den Behörden zuteil werden ließ. Längeren Aufenthalt veranlaßten die Empfangsveranstaltungen auf der nächsten Station Lindheim, vor dessen Gebäude auf weißgedeckten Tischen ein reichliches Frühstück mit perlendem Champagner, von Herrn Oekonomierat Westerna cher den Festgästen angeboten, serviert war, das durch die Zöglinge der dortigen Haushaltungsschule dargereicht wurde. In seinerBegrüßungsrede lprach Herr Pfarrer Bär die Hoffnung aus, daß die großen Opfer, die gerade Lindheim, das zwar bisher kein Stiefkind des Verkehrs gewesen, nun aber mitten in diesen hinein gestellt sei, nicht vergeblich gewesen und schloß, auf die vorzeitige Eröffnung der Teilstrecke hinweisend und auf die dortigen früheren Hexenprozesse anspielend, mit den launigen Versen: „Das Hexen" höret nimmer auf, das zeigt uns heut die Bahn, denn als wir kaum noch hofften drauf, fing sie zu fahren an. Ein Hoch drum all den „Hexenmeistern", die durch ihr Werk uns nun begeistern." Ihm überbrachte Herr Ministerialrat Süffert den Dank der Staatsregierung für die reichen Opfer der Gemeinde rmd das damit bekundete Interesse, worauf der anwesende Männer- und Schülerchor unter Leitung des Herrn Lehrer Stelter ihre Begrüßungs-, chöre anstimmten. In Alt enstad t, dem bedeutendsten unter all den Orten, welche die neue Bahn berührt und in der
Dichters Zukunft ist mein Trost!" so liegt es auf uns wie ein Alp, daß die lechzende Begierde Schillers noch ein wenig seelischer Unterstützung seiner Zeit fast völlig unverstanden blieb. Der gesunde Kern des Werkes, die bewunderungswerte szenische Aneinanderreihung der historischen Gemälde, sowie überhaupt die höchst fesselnden Vorgänge des Schauspiels stempeln Laube zu einem Bühnenschriftsteller) der sich durch dieses Werk schon allein ein nie zu verwitterndes Denkmal in der deutschen Literatur selbst errichtet hat.
Was nun die gestrige Aufführung anbelangt, so wollen wir nach alter Sitte für die erste Vorstellung von einer kritischen Beurteilung der einzelnen Kräfte absehen, möchten uns aber der Tatsache nicht verschließen, daß das Schauspiel, von Herrn Oberregisseur Steger musterhaft inszeniert, in jeder Hinsicht e nwandsfrei über die Bretter ging und wir unter den neuen ersten Fachvertretern, soweit es die Rollen zuließen, höchst beachtenswerte Talente zu beobachten Gelegenheit hatten. Der alte Stamm unserer treulichst zu uns zu- rückgekehrlen Künstler eiferte in gewiffenhafter Pflichterfüllung mit ihren neuen Kollegen um den Lorbeer des Abends, besonders konnte sich Herr Gehrmann über stürmischen Auftrittsapplaus bedanken, ein Beweis alter Anhänglichkeit und Sympathie von seilen des Publikums. Die Eröffnungsvorstellung wurde durch eine von Herrn Kapellmeister Schmidt mit seiner Künstlerschar wirkungsvoll gegebenen Ouvertüre eingeleitet, der ein von Frl. Behrens vorgetragener und von Herrn Hofschauspieler Winds verfaßter Prolog folgte. Die junge Dame verfügt über eine hübsche Bühnenerscheinung, wie auch ihr Vortrag von einer geschulten Aussprache zeugte, sodaß die wuchtige Dichtung in beabsichtigter Wirkung das Gemüt des Hörers zu fesseln vermochte. Das sehr gut besetzte Haus kargte nicht mit beifallsfrohen Kundgebungen. Die von unserer rührigen Direktion neu eingeführten Zettelhefte sind durch ihr äußerst handliches Format als eine hübsche Neuerung dankbar zu begrüßen.
Mitte zwischen den beiden Endzielen der Teilstrecke gelegen, erreichten, entsprechend der hohen Bedeutung, die diese gerade für diese Gemeinde hat, die Einweihungsfestlichkeiten ihren Höhepunkt. Eine überaus zahlreiche festlich gekleidete Einwohnerschaft mit ihren politischen und kirchlichen Vertretern, sämtlichen Vereinen, den dortigen Schulen und Beamten hatten in geordneten Reihen vor dem stattlichen Stationsgebäude Aufstellung genommen, um mit vielstimmigem Zuruf den Festsonderzug zu empfangen. Herzlich und innig war darum auch der Dank der Gemeinde, den Herr Pfarrer Häusler zum Ausdruck brachte, mit der sicheren Gewißheit, daß nun mit der Bahnverbindung eine Zeit der Weiterentwicklung der Bildung, der Kultur, der Landwirtschaft, des Handels und des Verkehrs anbreche. Nach ihm überreichte mit poetischem Gruße ein Schulmädchen einen prächtigen Blumenstrauß dem Herrn Ministerialrat, der im Namen der Staatsregierung die Gemeinde herzlichst beglückwünschte und für den begeisterten Empfang dankte. Auch hier erfreute der schöne Gesang des Männerchors „Hoch mein Vaterland" und des dreistimmigen Schülerchores: „Lob dem Herren" alle Festteilnehmenden. Mit einem freudigen „Auf Wiedersehn!" gings dann nach Höchst, wo Herr Pfarrer Körbel, umgeben vom Krieger- und Gesangverein, der mit dem Lied „Wie könnt ich dein vergessen" den Festzug empfing, den Dank der Gemeinde aussprach, der um so größer sei, da gerade dort bei den schwierigen und komplizierten Erddurchstichen und Brückenbauten man die Größe und schwere eines Bahnbaues vor Augen gesehen habe. Herr Minffterialrat Süffert wünschte auch dieser Gemeinde, deren Existenzbedingungen, da an der Peripherie gelegen, an den Nachbarstaat gebunden seien, wirtschaftlichen Aufschwung. Mit Verlaffen dieser Station fuhr nun der Festsonderzug auf preußisches Gebiet, in welchem auf Station Eichen, woselbst die Gemeinde- und Kirchenbehörde, der Kriegerverein und die Schule Aufstellung genommen hatten, namens der Gemeinde Herr Kantor Stoppel die Festgäste begrüßte. In begeisterten und schwungvollen Worten brachte er, der selbst als Mitglied des Komitees Jahre lang im Interesse seiner Gemeinde an der Verwirklichung des Bahnbaues mitgewirkt hatte, den schuldigen Dank dar, nicht vergessend vor allem der Verbimste unseres Landtagsabgeordneten Junghenn, allen denen, die am Bau tätig gewesen, während der Schülerchor das von ihm verfaßte „Eisenbahnlied" vortrug. Das Eisenbahnlied lautet:
Laßt unsre Fahnen wehn und stimmet freudig an: Hurra! sie ist vollendet, die lang ersehnte Bahn! Sie bringe reichen Segen und Wohlstand allzumal In all die lieben Orte im schönen Niddertal!
Ein Hoch den werten Herren und auch dem Arbeitsmann Und allen, die geholfen am Bau der neuen Bahn.
GemeinnLhiftes.
Ei« billiges und unfehlbares Mittel gegen Blutlaus, Schildlaus, Krebs und Brand an unseren Obstbäumen. Als der Erfurter Führer im Obst- und Gartenbau vor zwei Jahren die ersten Berichte über den Anstrich unserer Obstbäume mit Karbolineum brachte — haben viele Praktiker und auch andere Leute den Kopf geschüttelt. Dasselbe Karbinoleum, welches früher als tödliches Gist für die Pflanzenwelt verschrieen wurde, sollte ein großartiges Heilmittel sein! — Es ist so. — Die Versuche find abgeschlossen. Sie haben erwiesen, daß Karbolineum ein unfehlbares Mittel gegen Blutlaus ist. Es hilft auf jeden Fall gegen Krebs und Brand, es bringt den Gummifluß fort, bringt bei kränklichen Bäumen kräftigen Wuchs — ja es hilft gegen die Schwarzfleckigkeit bei Aepfel und Birnen — furtum, im Karbinoleum besitzen wir ein so billiges uud so sicheres Mittel gegen alle Krankheiten, daß jedem Obstzüchter die Bekanntschaft damit nur angeraten werden kann. Da der Erfurter Führer im Obst- und Gartenbau im Interesse der Sache Nr. 26 unseren Lesern kostenfrei schickt, werm sie diese Nummer über Karb olmeum mittelst Postkarte verlangen, so wird es allen leicht gemacht, sich zu informieren, nnd wir können nur raten, dies zu tun.
Die städtische Bibliothek
Gärtnerstraße 67 (alte Zeichenakademie) ist Sonntags, Mittwochs und Samstags von 11 bis 1 Uhr zur kostenfreien Benutzung für das Publikum geöffnet. — Gesamtkata- loge sind in der Bibliothek zu haben.
Albumblätter.
Wer die Natur liebt, sucht sie kennen zu lernen, aber nicht in jedem gleichgültigen und versteckten Detail, sorrdern in allem Wesentlichen, durch das sie sich uns offenbart. — Und nicht anders hält es der gute Geschmack mit großen Männern. Sebald Soèker.