Zweites Blatt.
Hanauer W Anzeiger
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Nr. 252
FernspreKanschlvß Nr. 605,
Donnerstag den 27. Oktober
Fernsprechanschlnß Nr. 6y5.
1904
Politische Rundschau»
Die Fraktionen des Abgeordnetenhauses haben bei seinem Zusammentritt folgende Stärke: Konservative 140 (bei Beginn der Seision 143). Freikonservative 60 (59), Nationalliberale 74 (79), Zentrum 96 (97), Freisinnige Volks- partei 25 (25), Freisinnige Vereinigung 8 (8), Polen 13 (12), bei keiner Partei 11 (9). Erledigt sind 6 Mandate, bei Beginn war ein Mandat frei. Von den erledigten Mandaten waren in konservativem Besitz 3, in sreikonservativem 1, in nationalliberalem 2» Von den während der Vertagung neuge- wäblten Mitgliedern hat sich Rzesznicek für Pleß-Rybnik der freikonservativen, nicht, wie erwartet, der konservativen Frak« tion angeschlossen.
Nach Deutsch-Südweftafrika. Gestern nachmittag 4 Uhr ging der Dampfer „Gertrud Woermann" mit 25 Offizieren, 375 Unteroffizieren und Mannschaften, sowie 375 Pferden von Hamburg nach Südwestafrika ab. Der kommandierende General hielt eine Abschiedsansprache, die mit einem dreifachen Hurra auf den Kaiser schloß. Bei der Abfahrt des Dampfers war auch Generaloberst v. Hahnke zur Verabschiedung seines Sohnes, des Hauptmanns v. Hahnke, anwesend.
Der Aufstand in Deutsch-Südwestafrika. General v. Trotha meldet: Major Mühlenfels hat den Oberbefehl i« Norden. Hauptmann Humbracht sperrt mit dem 1« Bataillon des 2. Regiments, der 7. Batterie, zwei Maschinenkanonen und einem Maschinengewehr die Wasserstellen am Epukirofluß von Otjimanangombe bis Kandune und hält das Smrmseld und Ombakaha besetzt; er hat Postierungen in ^Eware, Okatjekuri und Okuwarumende. Die 6. Kompanie deS 2. Regiments geht nach Gobabis. Estorff gelangte 30 km den Eisebfluß abwärts. Er fand zersprengte HereroS aller Stämme an mehreren Wofferlöchern. Die Hereros sind ermattet und widerstandsunsähig. Weggeworfene Gewehre und viel verendetes Vieh werden gefunden. Gefangene sagen übereinstimmend aus, Samuel sitze an einer Wasserstelle vier Tage nordöstlich von dem letzten von Estorff erreichten Wasserloch. Er habe fast alles Vieh und die Hälfte seiner Leute verloren. Estorff bleibt zunächst in der Gegend von Owinaua-Maua. Im übrigen ist die Absperrung wie bisher. Oberst Leutwein meldet aus Rehoboth vom 21. O^tbr.: In dem Kampfe gegen die aufständischen Witbois sind gefallen: Farmer — ehemaliger Reiter — Otto Meinig, geboren am 15. Juni 1872 zu Dresden, früher Infanterieregiment 46. — Nach einer telegraphischen Meldung des Gouvernements aus Windhuk vom 25. d. MtS. beruht die Nachricht von dem Tode des Bezirkshauptmanns von BurgSdorff, des Misstonstechnikers Holzapfel und deS Farmers H u ß -
Feuilleton.
Erlebnisse eines Fremdenlegionärs.*)
Von Max Langvei«.
(Nachdruck verboten.)
Vielfach sind schon Warnungen ausgesprochen worden, »eiche den Zweck verfolgen, durch Schilderungen von Selbst- erlebtem in der Fremdenlegion vor dem Schritt zu warnen, welcher meist zu Siechtum oder Tod führt. Der letztere ist nur zu häufig eine Erlösung von dem entsetzlichen Schicksal, das man sich selbst bereitet hat in Furcht vor der Erfüllung ier heimatlichen Dienstverpflichtung oder aus Abenteuerlust. Sehr groß ist die Zahl derer, welche in ihrer Verzweiflung den letzten Ausweg, den Selbstmord, ergreifen; doch zahlreicher sind jene, welche den Chinesen in Tonkin, oder den Arabern in Algerien, oder aber in beiden Ländern dem Klima zum Opfer fallen.
Alle diese Fährlichkeiten habe auch ich durchgemacht, und wenn ich nach dreimaligem Fluchtversuch, nach Kampf und Bedrohung durch die Araber, nach langem Siechtum in Gefängnis und Spital dennoch den Weg znr alten Heimat zurückgefunden habe, so habe ich es nächst Gott einer festen Gesundheit zu danken.
Aus der nüchternen Schilderung meiner Erlebnisse erkennt der Leser dann auch, wie es zugeht, daß die Franzosen immer "och nicht verlegen um den Ersatz für ihre Fremdenlegion zu sein branchen. Der Grund ist darin zu suchen, daß die Aufklärungen über die entsetzlichen Verhältnisse in der Fremden-
*) Unter vorstehendem Titel schildert ein ehemaliger Fremdenlegionär w „Nach Feierabend", illustriertes Familienblatt mit Abonnenten- Versicherung, Leipzig, seine Erlebnisse, die wir zn Nutz und Frommen abemeuertustiger Laphsleute mit Erlaubnis des Verlags hier wiedergeben.
selb auf einer Meldung des Leutnants Freiherrn von M a l tz a h n, der in Gibeon war. Nähere Nachrichten fehlen noch. Frau v. BurgSdorff befindet sich in Gibeon in Sicherheit, desgleichen in Tsuhnis die Frau des getöteten Farmers Friccius. Der früher als tot gemeldete Farmer Georg B r ä u e r befindet sich mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Rehoboth in Sicherheit. Dagegen ist der Tod von Fräulein Bräuer amtlich bestätigt — Die erfolgte Beerdigung des Gouvernementstierarztes Dr. Albrecht, der Farmer Hermann Meinig und Friccius und des Fräulein Brauer wird vom Distriktschef in Rehoboth gemeldet. —Die „Norddeutsche Allgemeine Zig." schreibt, die Blättermelbung könne nur auf einem Mißverständnisse beruhen, nach welcher in Südwestafrika Sendungen an Mannschaften des Expeditionskorps nur als Feldpostpakete zollfrei eingehen, für Offiziere aber auch als gewöhnliche Pakete. Die Norddeutsche fügt hinzu: Allerdings wurde bei dem Regime des Aufstauens der Gouverneur zunächst telegraphisch angewiesen, Feldpostpakete für zollfrei zu erklären. Ein späteres Telegramm dehnt die Zollfreiheit aus sämtliche mitgeführten und nachgesandten Ausrüstung?- und Bedarfsgegenstände der Truppen und der Truppenangehörigen unter ausdrücklicher Erwähnung von Tabak und Zigarren aus. Ein Unterschied besteht nur in dem einen Punkte, daß im Privatbesitze der Offiziere befindliche Waffen und Munition zollfrei sind. Dieser Unterschied beruht darauf, daß die Mannschaften keine Privatwaffen mitführen. Selbstverständlich sind auch die Liebesgaben für zollfrei erklärt worden.
Die evangelische Kirche in Sachsen. Das „Dr. Journal" erfährt über die Audienz einer Abordnung der evangelisch-lutherischen Landeskirche beim König, daß der König in seiner Dankantwort auf die ausgesprochenen Beileidsbezeugungen der Abordnung die Versicherung aussprach, baß die evangelisch-lutherische Landeskirche auch unter seiner Regierung auf denselben Schutz und die gleiche landesväterliche Fürsorge rechnen dürfe, die sie unter seinen Vorgängern auf dem Throne genoffen, in deren Sinne überhaupt die Regierung zu führen des Königs Wille sei.
Die Ruckbernsnng der Gräfin Montignoso. Das „Dresdener Journal" schreibt: Einige Blätter haben erneut die Frage aufgeworfen, ob die Gräfin Montignoso an den Königlichen Hof zurückkehren und der König geneigt sein werde, sich wieder mit ihr zu vereinigen. Wie wir aus zuverlässigster Quelle wissen, besteht auch nicht die entfernteste Aussicht dafür, daß es jemals zu einer Wiedervereinigung kommen könne. Der König hat nicht bloß vor dem Tode des hochseligen Königs, sondern auch nachher in der allerbestimmtesten Weise die unzweideutige Willensmeinung kundgegeben, daß er für alle Zeit jede Annäherung von jener Seite weit von sich weise. Dementsprechend sind schon früher bindende Ab
legion nicht in diejenigen Kreise dringen, welche notwendig der Warnung und Aufklärung bedürfen.
Ich war noch nicht militärpflichtig und hatte nicht die Absicht, mich meiner Militärpflicht zu entziehen, als ich den Entschluß faßte, auf Wanderschaft zu gehen. Als stellungsloser Kellner Reffte ich in den südlichen Ländern meine Lage zu verbessern. So führte mich mein Weg durch Thüringen über Tirol nach Italien; ich erhielt Stellung für kurze Zeit in Venedig, San Remo, Monte Carls und kam schließlich ohne jede Mittel in Gesellschaft eines ehemaligen sächsischen Sergeanten in Nizza an.
In Nizza wie in fast allen Städten Frankreichs befinden sich französische Agenten, welche für die Fremdenlegion anwerben. So kamen auch wir in die Hände solcher Agenten, die genügend Deutsch verstanden, um zu erkennen, in welcher Lage wir uns befanden. Sie schloffen sich uns an, bezahlten unser« Zeche und unterhielten sich mit uns über Madagaskar. „Für eine Expedition nach Madagaskar bedarf es nur einer kurzen Ausbildungszeit, und jeder Zurückkehrende erhält 600 Franken," erzählten sie uns, und in der Weinlaune ließen wir uns bann auch nach dem Werbebureau in Nizza bringen, denn wir hätten die 600 Franken gern verdient.
So wenig geachtet der einzelne Mann in der Fremdenlegion selbst ist, denn es sind schlechte Elemente darunter, nach deren Herkunft man aber nicht fragt, so vielen Beifall finden die Legionäre in Frankreich selbst. Die Franzosen sind ja der Fremdenlegion zu Dank verpflichtet, sie hat ihnen Algerien erobert und befindet sich dort, wie in Tsnkin, auf den gefährlichsten Außenposten zum Schutz der Grenzen französischer Kolonien. Der in Frankreich Angeworbene gewinnt also durchaus nicht den Eindruck, daß er sich einer schlechten Sache verpfändet, und zudem wußten wir gar nicht, daß wir uns durch unsere Unterschrift für fünf Jahre zu „jedem Dienst, zu jeder Arbeit und an jedem Ort" verpflichteten: wir unterschrieben eben auf Treu und Glauben für einen Feldzug nach Madagaskar.
machungen zwischen den beiden Beteiligten getroffen. Jeder Einsichtige weiß von selbst, daß der König nach allem voran- gegangenen eine andere Haltung niemals annehmen kann.
_ Aerztenot in Rußland. Die Nachfrage nach Aerzten auf dem Kriegsschauplatze hat in vielen russischen Städten und Provinzen zu einem Mangel an tüchtigen Aerzten geführt. Viele Chirurgen, die zum Militärdienste verpflichtet sind, sind zum Heere gegangen, andere sind nach Charbin und Ticling in die Feldlazarette geschickt worden. Infolgedessen ist in vielen Krankenhäusern in Ostrußland der ärztliche Stab verkleinert worden und in Sibirien hat der Mangel an Medizinern zu vielen schweren Epidemien geführt. In der Provinz Perm und im Uralgebiet h-rrscht der Typhus epidemisch. Ein Dorf bei Nowo Tscherkask ist von Masern heimgesucht. Aus der Umgebung ven Jrkutsk wird der Ausbruch der Cholera berichtet und die ärztlichen Körperschaften von Moskau und St. Petersburg bereiten sanitäre Vorschriften vor, die in allen Provinzen verbreitet werden sollen. Man hat bittere Klagen erhoben, baß tüchtige Spezialärzte zum Heere abkommandiert werden, ohne Rücksicht auf ihre besonderen Fähigkeiten und speziellen Kenntnisse. Augen- und Ohrenärzte, die von den Behandlungen von Schußwunden und von Amputationen nicht viel verstehen, sind auf dem Wege nach Charbin. Ein berühmter Spezialarzt für Krebsleiden in Odessa wurde vor einiger Zeit berufen. Als er Widerspruch erhob und den Behörden auseinandersetzte, baß er sich zur Leitung eines Feldlazarettes für verwundete Soldaten nicht eigne, fertigte man ihn einfach mit der Erklärung ab: „Sie sind Arztl"
Vereine und Versammlungen.
Die erste Schußzoll-Propagandaversammlnng, in der Herr Chamberlain nach der Rückkehr von seiner Erholungsreise zu sprechen gedenkt, wird am Abend des 15. Dezember im Eastend Londons stattfinden. Diese Veranstaltung erhält dadurch eine besondere Bedeutung, daß zum ersten Male die dem Arbeiterstanbe angehörige Bevölkerung der Hauptstadt um ihre Meinung über daS Schutzzollsystem befragt werben wird. Seitdem Herr Chamberlain mit seinen handelspolitischen Ideen und Vorschlägen auf den Plan getreten ist, haben sich die englischen Arbeiter der Forderung, den Freihandel mit dem Schutzzoll zu vertauschen, energisch und einmütig widersetzt. Man darf sich aber nicht verhehlen, daß in der jüngsten Zeit hierin ein wesentlicher Wandel eing-treten ist. Wenn jetzt in den Arbeitskreisen Englands das Urteil über die Schutzzoll- bewegung für Herrn Chamberlain günstig lautet, haben besonders zwei Umstände dies zu Wege gebracht. Dem Vorkämpfer des geschlossenen Protektionismus kam es zweifelsohne zu statten, daß in zahlreichen Industrie- und Handelszweigen die Verhältnisse nicht gerade die besten sind, sodaß sich auch
Mit einem Handgeld von 1.25 Franken wurden wir bann durch Gendarmen nach Marseille befördert, wo man unS nach unserer nächtlichen Ankunft ruhig laufen ließ; wir hatten ja kein Geld, denn das Handgeld war unser Zehrgeld auf der Reise gewesen. So meldeten wir uns denn selbst wieder bei einem Gendarm, und dieser brächte uns nach einem der Hafenforts, wo wir, es war der 18. Dezember 1894, mit 42 Mann aufs Schiff gebracht wurden. Es waren meist Elsäffer und Belgier, auch drei Italiener und ein sächsischer Deserteur, welche mit uns die Reise nach Oran machten. Das liegt nun nicht auf der Insel Madagaskar, sondern an der Küste von Algerien, und schon auf der zweitägigen Seereise wurde mir von einem teilweise erfahrenen Leidensgefährten die Zukunft nicht im rosigsten Licht geschildert. Doch eS war zu spät; nun gab es wohl kein Entrinnen mehr, und um mich meines Leichtsinns nicht schämen zu müssen, nahm ich mir vor, meinen Eltern meine Lage nur immer erträglich zu schidern, sie würden sich dann auch nicht um mich grämen.
DaS ist auch mit eine der Ursachen, daß so vielfach durch die Schilderung von Selbsterlebtem von Legionären nur die Abenteuerlust geweckt wird: das Beschämende seiner Lage verschweigt jeder gern. In Oran, einer Festung, wurden wir von Mannschaften der Legion mit aufgepflanztem Seitengewehr empfangen, die unS klar machten, daß wir selbst jetzt nichts anderes als Gefangene seien. Im Fort Theresia, hoch über Oran auf einem Berg, wurden wir verlesen und erbten nachträglich für die zwei Reisetage drei «oiw Löhnung. ^ sind ungefähr zwölf Pfennige nach d-utsch-m Geld. t hier eingeschaltet, daß Frankreich neben der aus^M »entern bestehenden Fremdenlegion 6- Mk ganzes Ar- Kompanien von 250 bis 270 Mann) ^ ^ nerfteM ineekorps, das XIX., ch x^mz und Tripolis.'
man gemeinhin unter A-g-r-en ^^m aus Zuaven, dAfrigue, Chasseurs d'Afrique und Eu- SS# Ehrend die^remdenlegion kein, Asrikul«.