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Derantwortl^Redakteur K U^SW^chiaHW H«W,
Nr. 31 Fernsprechanschluß Nr. 605.
Das deutsche Offizierlorps und das . deuWe Volk.
Unter den zahlreichen Stimmen, welche dagegen protestieren, wie bei uns di- Armee heruntergezogen wird, sagt ein trefflicher Artikel des „Gienzboten" über das deutsche Offizierkorps und das deutsche Volk: „An dem deutschen Offizierkorps parti- zipieren heute alle gebildeten Stände der Nation in einem Umfange, wie das seit den Befreiungskriegen nicht der Fall gewesen ist. . . . Man hat ehedem unser OffizierkorpS als volksfeindlich bezeichnet, als reaktionär, junkerhaft und dergleichen. Das war schon damals eine arge Uebertreibung, als es sich in der Mehrzahl noch aus jenem altpreußischen Schwertadel rekrutierte, der zu dem großen Ersatz bei weitem nicht mehr ausreicht. Heute mehr als je ist die Armee die stolzeste und höchste Vertreterin des nationalen Gedankens und Empfindens, an ihrer Spitze steht em Offizierkorps, das in der Ge- famtheit unserer gebildeten Stände seinen Ursprung und seinen unversiegbaren Jungbrunnen hat. Wenn schon .im Konfliktsjahre 1866 der damalige demokratische Abgeordnete Ziegler ausrufen konnte: „Das Herz des preußischen Volkes ist da, wo die preußischen Fahnen wehen" — heute trifft noch in viel höherm Grade das Wort zu: Das Herz Deutschlands schlägt in seinem Heer und in seiner Flotte. ... Unsere gebildeten Stände sollten eine Literatur von sich abschütteln, die in ihren Absichten oder ihren Resultaten nur der Herabsetzung dieser Institution dient. Bedingung jedes Erfolges ist für den 'rmzelnen wie für die Nationen — die Selbstachtung."
Die ländliche Hypotheken-Verschuldung.
Im letzten Hefte der „Zeitschrift des Königlich preußischen Statistischen Bureaus" befindet sich eine lehrreiche Bearbeitung der Hypotheken-Bewegung in den preußischen Oberlandesgerichts- Bezirken während der Jahre 1895 bis 1900. Der Verfasser, ■ Regierungsrat Dr. Kühnert, hat sich nicht auf die zahlenmäßige Erfassung der Eintragung und Löschung der Hypotheken beschränkt, sondern hat Berichte von berufener Seite, das heißt von den Grundbuchrichtern hinzugefügt, die deren Eindrücke wiedergeben. Die Ursachen der ländlichen Hypotheken-Ver- schuldung sind danach im Osten und im Westen der Monarchie dieselben.
Die Hauptursache ist die Ungunst der wirtschaftlichen Ber- hältniffe. So gelten als wesentlicher Faktor für die zunehmende Verschuldung im Bezirke Königsberg „der Druck der wirtschaftlichen Verhältnisse", in Marienwerder „die mißliche finanzielle Lage der Landwirtschaft", in Stettin der „Nieder- gang der Landwirtschaft, insbesondere die geringen Preise", in Kiel „die niedern Kornpreise, namentlich für Weizen", in Celle
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Feuilleton.
Die mit Tränen säen . . .
Eine Erzählung von Elfe Krafst.
(Schluß aus dem 3. Blatt.)
Jetzt wurde der alte Bureaukrat wirklich aufgeregt. „Bessere Männer? In der ganzen Stadt ist kein so schneidiger, angesehener Freier mehr zu finden, wie Fritz Leuchtmann! Gerissen hat man sich um den! Hast Du nicht gemerkt, wie sie alle neidisch waren, als sich Lore mit ihm verlobte? Am Biertisch selbst haben mich die Väter, die auch Töchter haben, scheel angesehen, und Lore'S Freundinnen sind seitdem rein wie weggeblasen auS unserm Hause! Und nun mit einem Male solcher dummen Sache wegen alles futsch, alles vergebens? Nein, mein Töchling," der Alte hatte sich ganz heiß geredet, „die Hauptsache ist, daß sich die beiden lieb haben. Na, haben sie sich lieb?"
Marie nickte mechanisch. Es war ein Würgen in ihrem Halse, das sie der Sprache beraubte.
„Na siehste!" meinte der Vater erleichtert. „Was sollen denn auch die Leute sagen, wenn so eine Verlobung hier in unserer kleinen Stadt wieder aufgelöst wird? Nein, das geht ja garnicht I"
„Nein, das geht garnicht," wiederholte Marie hart, indem sie die arme, krumme Gestalt hoch aufzurichten versuchte. „Lieber sich verkaufen, — lieber elend werden sein Leben lang, — der Leute wegen!"
Der alte Mann erhob sich.
. „Du bist ganz töricht heute," meinte er böse. „Mit Dir kann man garnicht vernünftig reden!"
Das Mädchen schluchzte auf.
„Ja, ich bin auch töricht, und es soll nicht wieder vor- kommm, Vater! Gib mein, gib unser Geld hin, alles, wenn
Samstag den 6. Februar
„Las Sinken der Preise für landwirtschaftliche Erzeugniffe und die Steigerung der Erz-'lgungskosten", in Hamm die „teuern Arbeitslöhne und die gedrückten Kornpreise, welch letztere kaum mehr die Erzeugnngskosten decken", in Caffel „die durchweg sehr ungünstige Lage des ländlichen Grundbesitzes", in Frankfurt a. M. „die unzureichenden Preise für landwirtschaftliche Erzeugniffe", in Köln die sinkenden Erträge der Landwirtschaft infolge „niedriger Gelreidepreise". Diese Aeußerungen bestätigen, was freilich längst kein Geheimnis mehr ist, daß in dem Mißverhältnis zwischen den Erzeugungskosten und den Preisen der landwirtschaftlichen Erzeugnisse die Hauptquelle der zunehmenden, in den letzten zehn Jahren um rund 3 Milliarden Mark gewachsenen Verschuldung zu suchen ist.
Eine andere wesentliche Verschuldungsursache liegt in dem Besitzwechsel durch Verkauf wie durch Erbgang. Je häufiger der Besitzwechsel, desto größer ist in der Regel die Verschuldung. Aber selbst bei längerer Besitzdauer dürfte es nur in den wenigsten Fällen gmngen, die aufgenommenen Hypothekenschulden ganz oder zum größern Teile abziistoßen. So häufen sich beim Besitzwe^sel durch Erbgang die neuen Hypotheken zu den bereits vorhandenen alten, es wird die Lage des übernehmenden Besitzers noch mehr erschwert und seine Fähigkeit zur Verzinsung und Abtragung bw Hypotheken verringert. Hier können neben den Maßregeln zur Hebung der Landwirtschaft, durch Zölle rc., die Landschaften, Landeskredit-Anstalten und Sparkassen segensreich wirken, die Real- kredit zu billigen Zinssätzen mit der Möglichkeit gewähren, die Hypotheken zu tilgen.
Leider ist der Kreditwucher noch immer im Schwünge. Auch die private Güterschlächterei trägt oft die Schuld an der hohen.Verschuldung, so in den Oberlandesgerichts-Bezirken Polen, Naumburg, Caffel und in Hohenzoller». Gelegentlich haben auch Viehseuchen, wie in den Rheinlanden und in andern Gegenden, ungünstig auf den Schuldenstand gewirkt. Schließlich hebt Kühnert hervor, daß im Gegensatze zur Stadt, obwohl deren buchmäßige Verschuldung relativ wie absolut höher ist, auf dem Lande „unverkennbar ein Sinken der Rentabilität des landwirtschaftlichen Betriebes und damit zugleich ein Rückgang des Bodenwertes sich vollzieht und zwar nicht nur im Osten, sondern auch in zahlreichen Gebieten des Westens".
Kolonialpolitil.
Die Post in Süvwestafrika. Ueber das Schicksal der Postbeamten in den von den aufständischen Hereros bedrohten Orten liegen bisher keine ungünstigen Nachrichten vor. Unter den bis zum 17. Januar aus Windhuk durch Boten
die Lore dadurch glücklich wird. Nur das Eine versprich mir. Dies Häuschen, in dem wir mit Mutter so glücklich waren, dieses Häuschen laß mein sein. Es hat ja nicht viel Wert, Vater, hier draußen am Wiesenrand! Hier wird es keiner so bald kaufen wollen."
Der alte Mann lächelte.
„Das alte Häuschen? Ja ganz allein soll's Dir gehören, Mie, nach meinem Tode. Dürftig genug ist das Vermächtnis, das ich nach jo viel Arbeitsjahren für Euch erübrigen konnte."
Sie schmiegte sich an ihn, zärtlich, dankbar,
„Aber nein, Vater! Unser Haus ist doch so schön! Und der Garten und die Rosenstöcke, und die lieben, lieben Wege, an denen nun bald wieder der Flieder blüht!"
Vater und Tochter nickten sich lächelnd zu, und als das letzte Rot am Himmel erlosch, kehrte auch das Brautpaar wieder heim.
Im Zwielicht noch sah Fritz Leuchtmann, daß seine Chancen günstig standen, und er bot seine ganze Liebenswürdigkeit auf, die verschlossene Schwägerin für sich zu gewinnen. Schließlich gelang ihm das auch, und nun hatte er nichts eiliger, als den Tag der Hochzeit festgesetzt zu sehen.
„Im Rosenmonat, wenn alles in Blüte steht," verlangte Lore.
Und Marie neigte das Haupt, als der Vater dem Brautpaar zustimmte.
„Mög's auch in Deinem Herzen so sein, kleine Lore," betete sie im stillen.
*
Und die Rosen Blüten und verblüten, und der Winler kam und ging.
Da fand man eines Tages im Frühlenz den alten Sekretär am Fenster sitzen, leblos, mit geschlossenen Augen. Er hielt die Hände gefaltet und lächelte.
So fand ihn Marie.
„Vater," rief sie angstvoll, „Vater!"
Fernsprechanschluß Nr. 605. 1904
nach Kubas gebrachten und dort nach Swakopumnd te^ graphierten Melbunzen befand sich auch eine Depesche des Postamts in Windhuk. Die postalischen Vorbereitungen für bie Errichtung von Feldpostanstalten sind getroffen. Den mit der „Darmstad!" und dem „Adolf Woermann" ausgereisten Postbeamten wird am 6. Februar mit der „Lucie Woermann" der' Postsekretär Rische aus Düffeldorf folgen, der bereits 1897 bis 1901 im Schutzgebiet tätig war. Ebenso find die Vorbereitungen für die Einrichtung eines FeldtelegrammverkehrS von Südwestafrika nach der Heimat getroffen. Er wird sich voraussichtlich unter ähnlichen Bedingungen, wie seinerzeit im Verkehr mit den Truppen in Ostasien entwickeln.
Eisenbahn Lome—Palime. Bekanntlich beabsichtigt die Kolonialverwaltung, beim Reichstage noch während seiner fetzigen Tagung die Bewilligung der Mittel für die Togo- Eisenbahnlinie Lome—Palme, für welche das Kolonial-Wirtschaftliche Komitee die Trassierungsarbeiten vorgenommen hat, zu beantragen. Gerade diese, etwa 120 Kilometer lange' Ei^-nbaßn ist, wie Professor Dr. Warburg im Tropenpflanzer hervorhebt, wirtschaftlich von ganz besonderer Bedeutung. Sie durchquert nicht nur die etwa 90 Km. breite Oelpalmenzone, sondern reicht auch in die für B.nmwollbau besonders geeigneten' Gebiete Togos hinein. Auch für Kakao, Kautschuk, Kola und > Zuckerrohr geeignete Gebiete werben erschlaffen. Vor allem aber wird das Inland durch Ueb^brückung' der gefährlichen Tsetsegegenden mit der Küste in ganz anderer Weise alS bis-' her verbunden.
Durchquetttug Neupommerns. Missionar R Rascher berichtet im „Münsterischen Anzeiger" über eine Forschungsreise durch Reupommern, auf der er den Gouverneur Dr. Hahl von Neuguinea vom 28. August bis 5. September 1903 begleiten durste. Aus dem sehr interessanten Berichte, welcher der Klugheit, Besonnenheit, den Kenntnissen und Erfahrungen Dr. Hahls reiches Lob spendet, seien die Aus- führungen über die wirtschaftliche Bedeutung des neu erforschten Gebietes hervorgehoben. Nach P. Rascher eignet sich der überaus fruchtbare Boden zu den verschiedensten Kulturen, besonders Kokos, Kaffee, Kakao, Tabak und Kautschuk. Diel« Tausende von Hektaren des reichsten Grundes, besonders im Karawattal, lägen brach und harrten nur der mutigen kapitalkräftigen Männer, um fie wirtschaftlich auszubeuten.
Bergbauliche Entwickelung der deutsche« Süd- see-Kolonieen. In der Südsee sind neuerdings zwischen Gilbert- und Marschallinseln auf dem englischen Ocean-Island und der deutschen Insel Nauru bedeutende Ablagerungen hochgradiger Phosphate entdeckt worden. Zu ihrer Ausbeutung hat sich die demsch-mglische Pacific Phosphate Co. mit einem Kapital von '/, Million Mark gebildet. Im Innern von Kaiser-Wilhelmsland ist von verschiedenen Expeditionen nach,
Er hörte es nicht mehr. Er lächelte, lächelte, und fein verlassenes Kind mußte aus diesem Lächeln erkenne», wie gerne er den Weg gegangen, den die Mutter vor ihm genommen. DaS Mädchen weinte nicht. Es konnte nicht weinen. Nur noch etwas mehr gebmgt war die junge Ge< stalt, und das Antlitz so schreckhaft blaß am Tage der Beerdigung, daß die Leute flüsternd auf das Schwesternpaar- hinter dem Sarge wiesen.
„Man weiß nicht, wer mehr zu bedauern ist, das Mädchen oder die junge Frau!"
Denn eS war nicht mehr die alte Lore, die dem Vater das letzte Geleite gab. Das Lachen, das kindliche Lachen hatte sie verlernt, und das liebliche Gesichtchen war schmal, rührend schmal geworden. Sie hielt des Arm der Schwester so fest, als fände sie an der kleinen, schwächlichen Gestalt eine große, große Stütze, einen heimlich süßen Trost.
Und Marie konnte es in ihrem Schmerz über sich gewinnen, tapfer neben der jungen Frau einherzuschreiten und ab und zu einmal behutsam die überschlanken Finger zu drücken.
Neben der jungen Frau schritt Fritz Leuchtmann. Dea. Blick weder rechts noch links, nur immer geradsurs, in gleichgültiger, fast gelangweilter Stimmung.
„Er guckt sie kaum noch an/ flüsterte» ein paar Frauen am Wege. Er falls ja mit der Fremden Hallen, mit der schönen Sängerin drüben im Altstädter Hof!" , .
Ein Kopfschütteln, ein Staunen hin und her, der traurige Zug ging weiter. , „
Ais die letzte Erdscholle über die Blume« hmaorollt-, führte Fritz Leuchtmann Frau und Schwägerin vom Grave, hinweg. Lautlos, ohne jegliches Wort schritte« pe zurück ur. das kleine Haus am Wiesenrand. . f r
Lore, die schon an der Gartenpforte in ein faffMgslows Schluchzen ausgebrochen war, lief in das alte, vertraute Wohn»- zimmer, von der Schwester gefolgt.
Fritz Leuchtmann ging in den Arbeit-raum des Totes, bie- letzten Schriftstücke des Schwiegervaters darchblätterud»