Erstes Blatt
anauer G Anzeiger
Bezugspreis: vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für aus- Bartige Abonnenten mit dem betrefsenden Postaufschlag. Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
General-Anzeiger
Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, er. Waisenhauses in Hanau.
Amtliches Organ für Mt- und Landkreis Kanan
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Eiurnckungsgebühr:
Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf» gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Reklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.
Verantwort!. Redakteur: G. S ch r e ck e r in Hanau,
9^ 174» Ferns-rechmMlnß Nr. 605»
Mittwoch den 29. Juli
Fernsprechanschlnß Nr. 605.
1903
Amtliches
Bekanntmachung.
In das Handelsregister ist eingetragen bei Abteilung A Nr. 45:
Firma Schörrmeyer und Baumann in Rückingen: Der Kaufmann Heinrich Schönmey e r ist in die Gesellschaft als persönlich haftender Gesellschafter eingetreten. Die bisherigen Gesellschafter Karoline Baumann (Ehefrau Niedenthal), Louise Baumann und die Erben der Ehefrau Graulich geb. Baumann, nämlich deren Ehemann und Kinder: Heinrich Wilhelm, Ernestine Louise, Wilhelm und Fritz Graulich sind ausgeschieden.
Langenselbold, den 13. Juli 1903.
Königliches Amtsgericht. 13127
Gefundene und verlorene Gegenstände re.
Gefunden: 1 Damenschirm, 1 Portemonnaie mit Inhalt, 1 silberne Medaille vom Metzgergesellen-Verein Hanau.
Verloren: 1 Portemonnaie mit 2,95 Mark Inhalt, 1 des gl. mit über 6 Mark Inhalt, 1 Hundehalsband (silberne Kette mit Anhängsel), 1 Zehnmarkstück.
Hanau den 29. Juli 1903.
Hus Stadt und Cand.
Hanau, 29. Juli.
* Wechsel des Berufes infolge Betriebsunfalls. Eine durch einen Betriebsunfall erwerbsunfähig gewordene Person ist nach einem Reichsgerichtsurteil nicht unter allen Umständen verpflichtet, einen neuen Erwerb zur Verminderung des Schadens zu ergreifen. Je nach dem Berufe, dem der Verletzte angehört hat, und der hierzu erforderlichen Art der geistigen und insbesondere körperlichen Ausbildung kann gemäß der Art der Verletzung und deren Folgen auch ohne Vernehmung von Sachverständigen die Ueberzeugung gewonnen werden, daß mit der professionellen Erwerbsunfähigkeit auch die Fähigkeit zu irgend einem anderen Erwerbe in Wegfall gekommen sei. Wenn die Beschränkung auf eine im Sitzen zu verrichtende Arbeit nur mehr Handarbeit gestattet, dazu aber wieder die berufsmäßige Ausbildung der Handfertigkeit gehört, die ein Mann, der jahrelang schwere Arbeit verrichtet hat, jedenfalls für eine Reihe von Berufsarbeiten auch nicht mehr sich aneignen könnte, so kann eine Verpflichtung zur Erlernung einer neuen Erwerbsart dem Verletzten nicht obliegen.
* Bestellt. Kaplan Fröhlich in Rasdorf wurde zum Kuralus der neuerrichteten Kuratiestelle zu Langenselbold vom 1. August d. J. ab bestellt.
Feuilleton.
Geschichts-Kalender.
29. Juli.
1546. Kaiser Karl V. spricht über den Kurfürsten von Sachsen und den Landgrafen von Hessen die Reichsacht aus.
1588. Sieg der Engländer über die spanische Armada in der Nähe von Calais.
1605. In Memel der Dichter Simon Dach („Aennchen von Tharau") geboren.
1806. In Ostheim (Hessen) Lorenz Diefenbach geboren (Sprachforscher und Stadtbibliothekar in Frankfurt a. M.).— Einverleibung von Wesel ins französische Reich.
1807. Der Dichter Gustav Pfizer in Stuttgart geboren.
1817. In Stuttgart Wilhelm Griesinger, Arzt und Psychiater, geboren.
1818. Angelo Secchi, italienischer Astronom, geboren.
1849. Die Festung Rastatt ergibt sich.
1856. Der Komponist Robert Schumann stirbt in der Irren- heilanstalt zu Endenich bei Bonn.
1868. Aufhebung der Bürgermiliz in Hamburg.
1870. Napoleon III. übernimmt den Oberbefehl über die Armee. — Vorpostengefecht bei Saarbrücken.
Eine schreckliche Reise von Schiffbrüchigen im Eismeer.
Eine furchtbare Schilderung von Gefahren und Entbehrungen, die die Mannschaft des Walfischfängers „Vega" nach ihrem Schiffbruch im nördlichen Eismeer zu erdulden hatte, gab der Kapitän Cooney, der jetzt in London eingetroffen ist, dem Vertreter eines dortigen Blattes. Die unglückliche „Vega", die am 31. Mai in der Melvillc-Bay verloren ging,
* Hanauer Bezirksvereln der evangelischen Gustav-Adolf-Stiftung. Dem gestrigen Berichte über die Jahresversammlung dieses Vereins wollen wir noch ergänzend hinzufügen, daß dem Vereine in den letzten Monaten dieses Jahres in der Stadt Hanau allein 283 selbständige, neue Mitglieder mit Leistung entsprechender Jahresbeiträge beigetreten sind. Auch ist darauf hinzuweisen, daß von den 24 Diasporagemeinden des Hessenlandes nicht weniger als 16 dem Gebiete des Hanauer Bezirksvereins angehören, von denen dieser wegen nicht ausreichender Mittel leider nur 9 Stationen mit größeren und kleineren Unterstützungen bedenken konnte. Erfreulicherweise hat auch auf dem Lande die Zunahme der Mitgliederzahl einen bedeutenden Aufschwung genommen, sodaß allenthalben reges, aufstrebendes Leben wahrgenommen werden kann. Es wurde festgestellt, daß in Kürze das Netz. der Ver- einstätigkeit eine hochbedeutsame Erweiterung erfahren hat, die der großen und edelen Sache deS Vereins förderlich sein wird. Auch ist noch zu erwähnen, daß in den neuen Statuten des Hauptoereins Cassel dem Hanauer Bezirksverein die von ihm geschichtlich erworbene selbständige Stellung auch tatsächlich dadurch anerkannt worden ist, daß diesem seine alte erprobte Organisation bis ins einzelne gesichert wurde. Gleichsam als Anerkennung für die Rührigkeit und umsichtige Tätigkeit deS diesseitigen Bezirksvereins ist bestimmt worden, daß sein Vorsitzender fernerhin auch gleichzeitig Mitglied deS Hauptvèreins- Vorstanbes ist.
* Juwelierarbeiten im modernen Stil. Ueber den Stil der Juwelierarbeiten, den gegenwärtig die Mode fordert, schreibt der Beacht der Aeltesten der Kaufmannschaft in Berlin, daß nach wie vor das Bestreben vorherrscht, burd) möglichst einfache Anordnung der Steine eine tunlichst große Wirkung zu erzielen; die künstlerische Zeichnung kommt erst in zweiter Linie. Allenfalls finden einfache, leichte Formen, deren Hauptlinien mit kleinen Steinen ausgefaßt sind, noch Anklang, dagegen sind extravagante, modern stilisierte Stücke schwer verkäuflich. Auch in der Bijouteriefabrikation sind ausgefallene Muster, wie z. B. die mit „Darmstädter Kunst" bezeichnete Richtung, sehr wenig begehrt, und bleiben einfache Formen und naturalistische Motive entschieden bevorzugt. — Was den Handel mit farbigen Edelsteinen betrifft, so war nach dem genannten Bericht Smaragd der am meisten gesuchte Stein. Das wenige Material, welches in guten Qualitäten davon am Markte war, und die enormen Preise, welche selbst für Mittelware verlangt wurden, erschweren sehr das Geschäft; größere annähernd reine Steine von guter Farbe waren zu Liebhaberpreisen erhältlich; reguläre Marktpreise gab es nicht mehr. Auch Rubine waren viel verlangt und behielten ihre bisherigen hohen Preise. Saphire blieben auf bisherigem Preisniveau wenig gesucht, feinste Qualitäten steigerten ihre Preise. Der was das berühmt gewordene Schiff, auf dem Nordenskjöld das ganze sibirische Meer durchschiffte und durch die Beringstraße nach Europa zurückkehrte, so das alte Problem der nordöstlichen Durchfahrt lösend. Am 11. April verließ das Schiff Dundee, und am 29. Mai fuhr es in die Meloille-Bay ein ; aber während die anderen Schiffe der Walsischfängerflotte, die eine Strecke voraus waren, durch das Treibeis am folgenden Nachmittag gelangten, kam die „Vega" zu spät. In der Nacht trieb ein südlicher starker Wind das Tafeleis zusammen und schloß tatsächlich den Kanal gegen die „Vega" ab, die fest zwischen das Landeis und Packeis eingekeilt war. Der Damfer befand sich damals auf 74 Grad 23 Minuten nördlicher Breite und 58 Grad 45 Minuten westlicher Länge. Die Nacht hindurch arbeitete die Maschine mit voller Kraft achtern, da der Kapitän hoffte, auf diese Weise frei zu kommen. Am nächsten Tage wurde eine Flasche mit Schießpulver unter das Packeis geworfen und explodierte. Im Augenblick wurde das Eis zerschmettert und die kleineren Stücke schwammen unter dein Schiffsrumpf durch; aber die Haupteismasse kehrte zurück und bedrängte die" Vega" an der Backbordseite. Da das Eis an der Steuerbordseite fest blieb, war der Druck furchtbar. Die ausgezähnten Zacken des Eises, an sechs Fuß dick, drückten auf die Planken und mit furchtbarem Krach zerbrach das Mittelschiff an der Backbordseite. Die „Vega" sank. Die arbeitenden Dampfmaschinen wurden überschwemmt, mit Mühe gewannen die Maschinisten noch das Deck. Die Boote wurden flott gemacht, die erreichbaren Vorräte mitgenommen. Als der Kapitän die Brücke verließ, stand das Wasser drei Fuß über dem Deck. Kaum hatte er einen ; gesicherten Platz erreicht, als die „Vega" verschwand. Dir Verfassung der Seeleute war kläglich, die meisten von ihnen waren nur halb bekleidet, mehrere hatten keine Stiefel an bei Füßen. Anderthalb Sack Schiffszwieback und etwas gutes Fleisch war alles, was von Proviant gerettet war. Trink- wasser war nicht vorhanden. Upernivik, die nächste menschliche Niederlassung, war in der Luftlinie 156 Meilen weit
Bedarf an Opalen ist zurückgegangen, die schon lange sehr niedrigen Preise blieben unverändert. Von Türkisen waren nur ganz feine Qualitäten verlangt, die sehr schwer zu beschaffen waren und teuer bezahlt wurden. Für Halbedelsteine (Olivine, Turmaline, Edeltopase re.) war regere Nachfrage; ihre Verwendung begünstigten die herrschende Mode und der enorme Preis der meisten Edelsteine.
* Disziplinarverfahren gegen einen Postbeamten. Die offiziöse „Nordd. Allg. Ztg." schreibt: „Das „Berliner Tageblatt" bringt einen Leitartilel „Kratke ca. Richard Wagner", in dem ein Hanauer Postbeamter als unschuldiges Opfer seiner philosophischen Lebensauffassung und seiner lyrischen Neigungen hingestellt wird. Wie unsererseits mitgeteilt wird, ist gegen den Beamten das Disziplinarverfahren eingeleilet, weil er sich in demonstrativer Weise öffentlich als Anhänger der sozialdemokratischen Partei bekannt und in einem stark besuchten Gasthofe unter auffälliger Beurteilung des Bürgertums ein Hoch auf die „Internationale revolutionäre Sozialdemokratie" ausgebracht hat." — Wie wir noch ergänzen können, trug sich der erwähnte Vorfall am Abend der Haupimahl zum Reichstage in einer Wirtschaft der Außenstadt zu.
* Ehrend. Am heutigen Tage waren 33 Jahre verflossen, seit der Färber Herr Ernst Hartmann ununterbrochen bei der Firma Gebr. Voltz, Sternstraße dahier beschäftigt ist. Geschäftsinhaber wie Geschäftspersonal ließen diesen Tag nicht vorübergehen, ohne den betagten Jubilar (derselbe steht im 76. Lebensjahre) in mannigfacher Weise zu ehren und zu erfreuen. Der Vorgang zeigt, daß bei der Firma ein tatsächlich schönes und inniges Einvernehmen zwischen Arbeitgebern und -nehmern herrscht, zum Vorteil beider Teile.
* SommerLheater. Unsere gestrige Mitteilung ist dahin zu berichtigen, daß die Firma Gebr. Rabe nur auf Veranlassung einiger Herren ihr Konzert-Grammophon dem Unternehmer zur Verfügung stellt und machen wir somit nochmals auf die heute abend stattsindende Aufführung von „Draga" aufmerksam. Die nächste Vorstellung findet zum Benefize der zum Liebling des Publikums gewordenen Lola Henß statt.
* Besitzwechsel. Das der Firma Sauer-Döring gehörige Wohnhaus Sternstraße 9 ging käuflich an Herrn Weiß- bindermeistrr Fr. Wolf hier über.
* Abonnement-konzert im Kaiserhof. Das der ungünstigen Witterung halber gestern abend ausgefallene Abonnementskonzert im „Kaiserhof" wird nunmehr morgen Donnerstag stattfinden.
* Unehrlicher Logisaenoffe. Ein Hausbursche namenS Georgi hat zwei Tage mit einem anderen Hausburschen, M., in der Steinheimerstraße zusammengewohnt. Vorgestern benutzte er eine ihm günstige Gelegenheit, aus der entfernt. Sie war das Ziel der Wanderung für die 44 Mann starke Mannschaft. Tag und Nacht schleppten die Leute, je sieben für ein Boot, die schweren Boote über die hügeligen Eisfelder vorwärts und setzen über dazwischenliegende Wasser- strecken. Jeder Stillstand bedrohte die Schiffbrüchigen mit Erfrieren. Nach einigen Tagen erlebten sie noch einen furchtbaren Schneesturm, den sie unter den Booten abwarteten. Trotz der Warnung der älteren Leute, nicht zu schlafen, taten es einige jüngere doch, und mehrere holten sich Frost dabei. Nach zwei Tagen kam der Sturm von neuem auf, und die Boote wurden zur Sicherheit am Lande festgemacht. Sie wurden jedoch fort- getrieben, und die Seeleute trieben in die offene See. Zum Glück blies der Wind nach Norden und mit seiner Hilfe erreichten die ersten Boote Upernivik am 5. Juni, die übrigen zwei Tage später. Die Walfischfänger waren im letzten Stadium des Verfalls der Kräfte. Der dänische Gouverneur ließ ihnen alle Pflege angedeihen. Als der Sturm nachließ, machte sich Kapitän Cooney, von 14 Mann begleitet, nach den südlicheren Niederlassungen durch die Davisstraße in zwei offenen Booten auf, in der Hoffnung, einen heimkehrenden Dampfer zu treffen. Da völlige Windstille herrschte, wurden die reichlich 300 Meilen mit Rudern zurückgelegt. An Schlaf war nicht zu denken. Am 18. Juni gelangten sie nach Nitenbenk, von wo ein norwegischer Dampfer sie nach Aberdeen brachte.
Albumblätter.
Das Glück deiner Tage
Wäge nicht mit der Goldwage.
Wirst du die Krâmerwage nehmen,
So wirst du dich schämen -
Und dich bequemen. * öoetge.
Wer nicht viel tragen kann, viel wohltun, viel vergeben, Versteht die Weisheit nicht und nicht die Kunst zu leben.
Lavater.