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Hanauer G Anzeiger
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General-Anzeiger.
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Verantwort!» Redakteur: <8. Schrecker in Hanau.
Nr. 226 Fernsprechanschluß Nr. 605»
Montag den 28» September
Fernsprechanschluß Nr. 605
1903
■ Das neue Krcishans.
Das Alte stürzt. Es ändern sich die Zeiten, Und neues Leben blüht aus den Ruinen.
Neue Zeiten sind herangebrochen, staatliche Gesetzgebung und kommunale Tätigkeit greifen unaufhaltsam aus immer weitere Gebiete über, alles dehnt und reckt sich, erfordert inten- . sivere Arbeit, vermehrte Kräfte, sodaß sich gleichwie in gewerblichen und Privatverhältnissen auch für manche Behörden die Notwendigkeit ergibt, die engen Mauern zu verlassen und für neuzeitlich hergerichtete, den veränderten Verhältnissen Rechnung tragende Lokalitäten Sorge zu tragen. Aus diesen Erfordernissen heraus ist an der Hainstraße ein wohl an den gothischen Profanbau mit neuzeitlichen Zutaten erinnerndes Bauwerk entstanden, dem ein alter schmuckloser Bau zum Opfer fiel, ein Gebäude, das in seine veränderte Umgebung mit neuzeitlichen Prachtbauten, schmucken Villen und wohlgcpflegten Anlagen längst nicht mehr hineinpassen wollte. Nachdem die ihr gegenüber angelegten modernen Turnhallen der städtischen Schulgebäude ihrer Nachbarin den Wind aus den Segeln genommen, hatte die alte Störger'sche Turnhalle ihre Daseinsberechtigung verloren Und unser vormaliger Landrat, Herr v. Schenck, betätigte einen glücklichen Gedanken, als er gerade diesen Platz zur Errichtung eines neuen Kreishauses ins Auge faßte. So mußte denn dieser stumme Zeuge, der noch die bescheidenen Anfänge des jetzt hochentwickelten Turnwesens unserer Vaterstadt gesehen, fallen, um dem imposanten Neubau Platz zu machen, welcher die umfangreichen Verwaltungsburcaus unseres Kreises in sich schließt und heute seiner Bestimmung übergeben wird.
Wir lassen bei dieser Gelegenheit die Blicke einmal rückwärts schweifen, um eine kurze Darstellung über die Entstehung des Kreishauses wie nachfolgend eine Beschreibung seiner äußeren und inneren Gestaltung zu geben.
Die Räume des alten, dem Fiskus gehörigen Landratsamts am Paradeplatz waren, wie erwähnt, schon seit längerer Zeit für die Bedürfnisse der verschiedenen darin untergebrachten Behörden zu eng geworden; besonders die stetig steigende Bedeutung der kommunalen Selbstverwaltung des Landkreises Hanau machte allmählich die Errichtung eines eigenen Geschäftshauses für den Kreis nötig.
Nachdem der Kreistag bereits bei der Etatsberatung im Jahre 1900 diese Notwendigleit anerkannt, beschloß er am 17. Mai 1900 auf den Vorschlag einer von ihm mit den Vorarbeiten beauftragten Kommission den Ankauf des Stoerger'schen Grundstücks in der Hainstraße und die Bewilligung einer Summe von 350,000 M. für Grunderwerb und Baukosten. Die Bausumme wurde spät-w um rund 50,000 M. erhöht.
Zur Erlangung geeigneter Pläne wurde anfangs 1901 ein engerer Wettbewerb ausgeschrieben.
Am 10. April trat das Preisgericht, dem die Herren Landet von Schenck, Direktor Dr. Hoffmann aus Mainkur, Geh. Oberbaurat Professor Hofmann aus Darmstadt, Baurat Becker aus Hanau und Stadtbauinspektor Wilde aus Frankfurt a. M. angehörten, zusammen und entschied dahin, daß der von Herrn Professor Pützer in Darmstadt unter dem Kennzeichen „Osterhase" eingereichte Entwurf zur Aus- Arung zu wählen sei. Ueber diesen Plan sagt das ausführ-
Gutachten u. a. folgendes: „Der Entwurf ist sowohl in der Grundrißlösung als auch in dem mit seinem künstlerischen Empfinden entwickelten architektonischen Aufbau als ein durch- E Zweckmäßiger und in den Abmessungen sämtlicher Räume als besonders geglückte Lösung zu bezeichnen, er erfüllt die Ansorderungen des Programmes in jeder Beziehung am besten und wird auch ohne wesentliche Abänderung und Ueberschreitung der ausgeworfenen Kostensumme ausgeführt werde» können. Das Preisgericht beschließt einstimmig, den Entwurf „Osterhase^ für die Ausführung zu empfehlen."
Dem Vorschläge her- Preisrichter entsprechend wurde Herr Professor Pütz er mit der weiteren Bearbeitung seines Entwurfs betraut. Es waren nur geringe Aenderungen in der Anordnung der Räume der Landratswohnung nölig, damit der Plan allen Wünschen Rechnung trage. Die Bauaus
führung vollzog sich unter der künstlerischen Oberleitung des genannten Architekten, während die Vergebung der Arbeiten, die Leitung des Baues u«d die Abrechnung dem Kreisbau- inspektor Herrn Baurat Becker in Hanau übertragen wurde. Die Kosten des Baues werden sich, wie schon bemerkt, einjchl. Grunderwerb auf rund 400 000 Mk. belaufen.
Im Februar 1902 wurden die Ausschachtungs- und Maurerarbeiten in Angriff genommen, und im Laufe des Jahres 1902 der Rohbau unter Dach gebracht. Die Fertigstellung der inneren Arbeiten vollzog sich dann während des Jahres 1903 bis zum heutigen Tage, an dem das Gebäude feierlich seiner Bestimmung übergeben wird.
Schon im äußern läßt die Gliederung des Baues die Zweckbestimmung seiner einzelnen Räume klar erkennen. Der bis auf 5 Meter an die Hainstraße heranreichende, durch einen mit dem preußischen Wappen geschmückten Giebel betonte Flügel enthält in seinem Obergeschoß den 92 qm großen Sitzungssaal. Dieser Flügelbau wird, von der Straße gesehen, überragt durch einen mit Satteldach und zwei Trcppenzicbelu abgeschlossenen, von einem Dachreiter gekrönten Bauteil, der das Treppenhaus, den Eingang zum Kreishaus und die Wartehalle faßt. Hieran schließen sich nach Südwesten hin in einem langen Flügel die Diensträume, im Erdgeschoß für die Polizei- direkiion, in den Obergeschossen für die landrätliche und die Kreisverwaltung. Nach Nordosten wird durch ein gedrungenes
KREISHAUS- HANAU
I Türmchen, die Sparkasse und darüber das Zimmer des Land- rals enthaltend, der Anschluß an die 13 Meter von der Straße abgerückte Wohnung des Landrats vermittelt. Eine große Terrasse führt im Erdgeschoß vom Speisezimmer in den mit einem vertieftem Rasenbeet versehenen Vorgarten, während der Haupteingang zur Wohnung sich an der Nordostseite befindet.
Das Aeußere zeigt über einem Sockel aus oberhessischer Basaltlawa eine teils 6tè zur Brüstungshöhe, teils bis zur Kämpferhöhe der Erdzeschoßienster reichende Verblendung mit flach kassierten Quadern aus rotem Mamfaudstein. Hierüber sind die in Ziegeln ausgeführten Frontmauern, weiß verputzt, während die Fensterumrahmungen und Architekt urteile auä rotem Sandstein hergestellt wurden. Giebel und Dach sind mit deutschem Schiefer gedeckt.
Um den von zwei freistehenden Säulen flankierten Haupt- eingang, der mit Rücksicht auf die verhältnismäßig geringe Breite der Straßenfront an die Seitenfront verlegt werden mußte, möglichst zu betonen, wurden die dekorierten Teile derselben farbig belebt; die Eingangstur erhielt eine Verkleidung in Kupferblech. Durch einen W nid fang führt der Weg über einige Granitstufcn ^zum Erdgeschoß des Dienstgebäudes, geradeaus in die Sparkasse. Zur. Rechten liegt die PoUznw.'rcki- stube, von der aus öuvd) ein Schalterfen'tkr der Eingang zu
übersehen ist. Nach der Straße hin sind, für daS Publikum nicht zugänglich, die Tresorräume und ein Sitzungszimmer für die Sparkasse untergebracht. An dem zur Linken des Eingangs sich öffnenden Flur liegen die Geschäftsräume für die Polizeiverwaltung.
Eine bequeme Granittreppe führt neben dem Eingang ! hinauf zum ersten Obergeschoß. Hier erweitern sich Flur und Treppenhaus zu einer größeren, reich ausgemalten mit Kreuzgewölben überdeckten Halle. Ein mit dem Wappen der Grafschaft Hanau geschmückter Kamin ziert die Längswand, Stein- bänke laufen den Wänden entlang, am Anschlusse des Flures fällt das Auge auf einen dekorativen Wandbrunnen. Diese Halle soll den Zentralpunkt der Anlage bilden und als Warteraum für das Publikum, als Vorraum für den Sitzungssaal und das Zimmer des Landrats dienen. Mit großen Türen öffnen sich beide Räume zu dieser Halle hin. Außerdem kann der Zugang zum Sitzungssaal durch einen kleinen Garderoberaum erfolgen, dessen Wände mit blauer Stoffbespannung und Holzrahmen zur Aufnahme der Gardcrobehalter »ersehen sind.
Die Decke des Sitzungssaals ist als reich gegliederte Eichenholzlonne mit reicher dekorativer Be
malung ausgebildet. Eine dunkelgebeizte Eichenholz- täfelung ziert die Wände, an der Kopfseite einen in Holz verkleideten Kamineinbau fassend. Ueber letzteremist, vom zweiten Obergeschoß ans zugänglich, eine kleine Loge ausgebaut. Die gegenüberliegende Wand wird beherrscht durch ein nach dem Entwürfe des Herrn Akademielehrers Bernhard W e n i g in Hanau mit reicher Glasmalerei geschmücktes Maß- werkfenster, eine Stiftung des Herrn Direktor Dr. Hoffmann- Mainkur. Einen besonderen Schmuck der Lângswand bildet das von Sr. Königl. Hoheit dem Landgrafen Alexander Friedrich von Hessen gestiftete, von Herrn Maler R e n o w i tz k p-Berlin ausgeführte Oelbildnis Sr. Majestät des Kaisers und Königs. Die in Bronceguß von der Firma W. Maus zu Frankfurt a. M. ausgeführten prächtigen Beleuchtungskörper des Saales sind ein Geschenk des Herrn Geh. Kommerzienrats Dr. Gans zu Frankfurt a. M. Nach Osten hin zeigt der Sitzungssaal eine erkerartige Ausweitung, die durch eine in Holz gefaßte Stoffbespannung und eine dezente Deckenbemalung belebt wird. Das anstoßende Dienstzimmer des Landrats, das durch eine dritte Tür auch eine direkte Verbindung mit den Wohnräumen erhielt, interessiert durch den mit einem vierteiligen Fenster versehenen halbrunden Wandabschluß. Eine grü«e mit einem breiten dekorativen Fries abgeschloffene Tapete und eine weiße Stuckdecke machen den Naum freundlich und behaglich.
Des weiteren folgen sich in diesem Geschoß nach einem Botenzimmer die Bureau- räume des Landratsamts. Diese Räume sind ebenso wie alle Dienstzimmer der anderen Geschoffe mit einfachen Tapeten versehen, die Fußböden sind mit Linoleum belegt.
Im zweiten Obergeschoß wurden das Steuerbureau und die Kreisausschußbureaus unicrgkbracht. Auch das dritte Obergeschoß enthält noch vier Reserveräume, es ist ferner die Möglichkeit vorhanden, hier noch weitere Räume auszubauen.
Im Kellergeschoß liegen zur Straße hin zwei Räume für die Sparkasse, daneben die Schlafstube für die Schutzleute, durch ein Weudeltreppchen mit der daruberliegenden Wachtstube verbunden. Drei weitere Kellerräume dienen als Kohlen-und Koaksgelasse, sowie Kesselraum für die das Dienstgebäude ebenso wie die Wohnung des Landrats versorgende Zentral- Warm-Wasserheizung. Die übrigen Kellerräume sind disponibel.
' Entsprechend dem Eingang zum Dienstgebäude mußte, mit Rücksicht auf eine günstige Naumverteilung bei dem verhältnismäßig schmalen Grundstück, auch die Eingangstür zur Wohnung des Landrals an eine Seitenfront, die Nordostseite, verlegt werden. Die Stufen zum Erdgeschoß liegen in einer malerisch ausgcstalteten Diele und führen hier in ein Empfangszimmer und ein großes Speisezimmer mit Holzdecke und Holz- läfclmtg, sowie einer reichen Kaminuische. Ein Anrichteraum verbindet das Eßzimmer mit der zum Hof hinliegenden Küche. Eine Eichentreppe führt vom Erdgeschoß in den dielenartig er eiterten Vorplatz des ersten Obergeschosses, das die übrigen W^ räume des Landrats enthält. Die Räume sind den An-