Einzelbild herunterladen
 

Drittes Blatt

anauer

Bezugspreis: vierteljährlich 1,80 M., monatlich 60 PW für aus- pärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag, Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.

General-Anzeiger

Anzeiger

V «druckt und »erlegt in der Buchdrucker« des verein, ev.

Amtlicher Organ fit Stadt- md Landkreis Hanan

Einriickungsgcbühr:

8'ür Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. di« fünf« gespaltene Petitzeile oder deren Naum, für Auswärts 15 Pfg., im Neklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.

Waisenhauses in Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Derantwortl. Redakteur: 6. Schrecker in Hanau,

Nr. 50

FernsPreclaniMiM Nr. 605

Amtliches.

Bekanntmachung.

Postverkehr mit den Besahimaen S. M. Schiffe in den westindischen Gewässern.

Nachdem die Blockade gegen Venezuela eingestellt morden ist und damit das mobile Verhältnis der beteiligten Streit» kräfte aufgehört hat, können Postsendungen an-und von Per­sonen der Besatzungen S. M. Schiffe in den westindischen Gewässern nicht mehr als Gegenstände der Feldpost zur Be­förderung gelangen; es kommt daher die nach der Bekannt­machung vom 11. Januar zugestandene Portofreiheit und Portoermäßigung in Wegfall. Für den Postverkehr mit diesen SchiffsLesatzungen gelten von jetzt ab wieder die im Verkehre mit den deutschen Kriegsschiffen im Ausland allgemein be­stehenden Portosätze.

Berlin W 66 den 25. Februar 1903.

Der Staatssekretär des Reichs-Postamis.

K r a e t k e.

Bekanntmachung.

a) Die Aushändigung der KriegsbeordeLMtgeir und Patznotizen erfolgt in diesem Jahre in der Zeit vom 9. bis 25. März.

b) Die bis jetzt noch nicht zur dienstlichen Kenntnis ge­brachten Wohnungsveränderungen sind sofort zu melden.

c) Die Mannschaften der Reserve, Landwehr I. und II. Aufgebots, sowie die Ersatz-Reservisten haben, falls sie nicht selbst zu Hause sein können, eine andere Person des Haus­standes mit Empfangnahme der Kriegsbeorderungen und Paß­notizen zu beauftragen.

d) Jeder Mann der bis zum 25. März abends keine Kriegsbeorderung oder Paßnotiz erhalten hat, hat hiervon seinem Bezirksfeldwebel mündlich oder schriftlich Meldung zu erstatten.

e) Die vom 1, April d. Js. ab nicht mehr giltigen roten Kriegsbeorderungen und die Paßnotizen sind an diesem Tage durch die Mannschaften selbst zu vernichten, die neuen gelben sind einzukleben.

f) In Hanau können die Kriegsbeorderungen und Paß­notizen von den Mannschaften des Beurlaubtenstandes, welche bis zum 26. März keine Kriegsbeorderungen oder Paßnotizen erhalten haben, vom 26. bis 31. März persönlich bei dem Haupt-Meldeamt (Paradeplatz) von 9 bis 12 Uhr vormittags und 2 bis 6 Uhr nachmittags abgeholt werden.

Die Militärpapiere sind mitzubringen.

Königliches Bezirks-Kommando Hanan.

Feuilleton.

In Dur und Moll.

Novelle von G. von Schlippeubach (Herbert Rivnlet). (Fortsetzung.)

III.

Berlin im Dezember.

Sehr vernachlässigt habe ich Dich, mein liebes Tagebuch; heute will ich aber mit Dir plaudern, denn ich habe das Be­dürfnis nach Mitteilung.

Zuerst sollst Du wissen, daß mein Nachbar Hans Raven heißt und im Orchester der Königlichen Oper als Musiker angestellt ist. Als ich an der Influenza erkrankte, hat er , mir köstlich duftende Maiglöckchen und Hyazinten ge­schickt mit seiner Karte. Was mich an dem Strauße besonders freute, waren die darin versteckten Heidekrautblülen. Mein Heidelied hat ihn wohl dazu veranlaßt. Ich war so erfreut, daß mir unwillkürlich die Augen naß wurden war es die Erinnerung an das Vaterhaus, war es, weil die Geige neben­an spielte?

Raven muß ein großes Leid erfahren haben; es zittert und klagt in den Saiten, wenn er mit seiner Musik Zwie­sprache hält, und es ergreift mich oft- so, daß ich ihm mit einem passenden Liede antworten muß. Nun wohnen wir schon ziemlich lange nebeneinander und kennen uns nicht per­sönlich. Gesehen aber habe ich ihn doch, soviel Eoanatur steckt schon in mir. Ich weiß, wann er ausgeht, und habe um die Zeit in einem Laden, der seiner Haustür gegenüberliegt, Ein­käufe gemacht. Er ist groß und blond und trägt einen Voll­bart. Seltsam bekannt erschien er mir; es war eine ver­schwommene Erinnerung, die ich nicht ünterzubringen wußte. Vielleicht gleicht er einem Bilde, das ich gesehen, einer Person, der ich flüchtig begegnet bin.

Samstag den 28. Februar

politischer tilochenbericht.

Die verflossene Woche hat uns in dem anläßlich des Streits über Bibel und Babel veröffentlichten Religions- b e k e n n t n i s s e unseres Kaisers ein hochinteressantes und hochbedeutsames Dokument beschert. Mit sicherer Hand werden in dem kaiserlichen Schreiben die Grenzen zwischen Religion und Wissenschaft gezogen und nachdrücklich alle liebergriffe menschlicher Forschung in die urewige und ur­eigenste Domäne des gläubigen Herzens zurückgewiesen. An den zentralen Heilswahrheiten will Kaiser Wilhelm nicht ge­rüttelt wissen; in Worten, die aus innerster Ueberzeugung quellen, bekennt er sich zur Offenbarung lind ihrer Vollendung in unserm Heilande Jesu Christo. Anderseits aber läßt er in Bezug auf alles das, was menschliche Zutat und geschicht­liches Beiwerk ist, der wissenschaftlichen Forschung freien Spiel­raum. So vereinigt sich in dem Bekenntnisse des Kaisers po­sitiver Christenglaube mit dem Geiste weitherziger Duldung und Milde. Sicherlich ist dieses Bekenntnis geeignet, vielen zur Klärung von Zweifeln auf den dunkeln Pfaden des Erdendaseins und zur Förderung ihres innern Lebens zu ge­reichen. Es kann daher nicht dankbar genug ausgenommen werden.

In dem parlamentarischen Leben ist aus jüngster Zeit ein Ereignis zu verzeichnen, das an Bedeutung weit über den Rahmen der sonstigen Parlamentsverhandlungen hinausragt, nämlich eine Rede, mit welcher sich der preußische Eisenbahnminister Budde im preußischen Abge­ordnetenhause eingesührt hat. In frischer, ursprünglicher Kraft, und zugleich unter souveräner Beherrschung des schwie­rigen, weitschichtigen Stoffes entwickelte der Minister die Grundzüge, von denen er sich bei der Verwaltung des Eisen­bahnressorts leiten lassen will. Die Tarifpolitik soll ohne gewagten Experimenten ausgesetzt zu werden, den Bedürfnissen des wirtschaftlichen Lebens Rechnung tragen. Was sodann die Leitung des gewaltigen Beamten und Arbeiterheeres der Eisenbahn anbelangt, so machte Minister Budde energisch gegen die Sozialdemokratie Front und erklärte, keine Ümsturzbe- strebungen unter den Eisenbahnern dulden zu wollen. Zu­gleich aber stellte er in warmherzigen Worten die weitgehendste Fürsorge für die Beamten und Arbeiter feines Ressorts in Aussicht. Die Rede war von lebhaftem Beifall begleitet, aus welchem dem Minister das vollste Vertrauen und die Geneigt­heit zu freudiger Mitarbeit entgegenklangen, um die er das Haus ersucht hatte.

Unter den auswärtigen Dingen steht wohl die m a c e d o- nische Frage gegenwärtig im Vordergründe des Interesses. Das von Rußland und Oesterreich-Ungarn den übrigen Signatarmächten unterbreitete Reformprojekt hat bei diesen

Fran Hauptmann Erhardt ist jetzt immer sehr liebens­würdig gegen mich. Ihr Mann ist nach Hannover abkomman- diert, ich vermisse ihn, denn er hatte gegen mich immer etwas Ritterliches. Ich liebe meine begabten kleinen Schülerinnen und bewundere die schöne Mutter. Wie gern hätte ich auch so regelmäßige Züge, solche tiefblauen Augen und goldblondes Haar. Welch schmales häßliches Gesicht habe ich dagegen, und in der tiefen Trauerkleidung sieht meine Gestalt unvor­teilhaft aus. Aber das ist recht nebensächlich für ein armes Mädchen, das allein steht und unbeachtet bleiben will im Treiben und Hasten Berlins; äußere Vorzüge sind hier eine Gefahr, der ich entgehe.

Doch genug über mein uninteressantes Ich; lieber berichte ich von dem Hochgenuß, den ich gehabt. Frau Erharbt hatte einen Logenplatz für Tannhäuser genommen, bekam jedoch leider ihre Migräne und bat mich freundlichst, die schöne Oper statt ihrer anzuhören. Natürlich nahm ich es mit Dank an Und setzte mich in die dunkelste Ecke, die'Vorderplätze den Be­kannten Frau Erhardts überlastend. Bald vergaß ich alles und war ganz von der gewaltigen Tondichtung Wagners hin­gerissen.' Immer schien es mir, als hörte ich Ravens Geige hindurch; ich kenne ja ihren weichen Ton allzugut.

Die Damen in der Loge lachten und Unterhielten sich leb­haft in den Zwischenakten. Sie richteten anch an mich das Wort, ich antwortete höflich aber einsilbig. Wie kann man von alltäglichen Dingen schwatzen, wenn die Seele vom Zauber der edlen Musik erfüllt ist?

Im Hinausgehen sah ich Raven ganz nah. Er spracht mit der Schauspielerin Rosani, deren Bild ich in den Schaufenstern gesehen habe. Ob er sie schon lange kennt? Die freie, zu- dringliche Art, wie sie seinen Arm nahm und mit ihm ko­kettierte, läßt mich vermuten, daß sie sich nicht erst heute be­gegneten. Ich wollte an dem Paar vorbeischlüpfen, da trafen sich seine und meine Augen, er neigte kaum merklich das stolze Haupt, ich aber wußte plötzlich, weshalb er mir bekannt erschienen war. Er ist der Fremde, der mich in euerm

Fernsmechanschluß Nr. 605. 1903

vollste Zustimmung gefunden und ist alsbald auch vom Sultan genehmigt worden. Bei den Vorschlägen handelt es sich der Hauptsache nach um drei Dinge: Einsetzung eines General­inspektors für Macedonien, Reorganisation der Polizei und Gendarmerie und regelmäßige Zahlung aller Gehälter in der Provinz durch die Banque Ottomane, an welche zu dem Be­hufe alle Zehnten und Steuern Macedoniens abzuführen sind. In der Besprechung des Reformprojektes geben die offiziösen russischen und österreichischen Preßstimmen Bulgarien und Serbien aufs deutlichste zu verstehen, daß diese Staaten in keiner Weise auf die Unterstützung Rußlands oder Oesterreichs zn rechnen hätten, falls siedurch revolutionäre und gewalt­same Mittel eine Veränderung der bestehenden Ordnung auf der Balkanhalbinsel anzustreben sich entschließen sollten." Hoffentlich sind diese Warnungen geeignet, die Durchführung der beschlossenen Reformen gegen störende und hemmende Ein­flüsse von außen her zu sichern.

Im e n g l i sch e n Un t er h a u s e hat ein Amendement, betreffend Mißbilligung der Heeres-Reorganisation des Kriegs­ministers Brodrick, zu ausgedehnten Debatten Anlaß gegeben. Ministerpräsident Balfour erörterte bei seiner Verteidigung der Regierungs-Maßnahmen die Möglichkeit eines englisch­russischen Zukunftskrieges und stellte zum Schluffe die Vertrauens­frage. Das Amendement wurde darauf mit 261 gegen 145 Slimmen abgelehnt und der Regierung das Vertrauen des Hauses ausgesprochen.

Von dem nordamerikanischen Repräsen­tantenhause ist ein Gesetz-Entwurf, betreffend die Be­kämpfung des Anarchismus in den Vereinigten Staaten ange­nommen worden, welcher sehr scharfe und weitgehende Be­stimmungen enthält. Unsere Sozialdemokratie wird also den Stoff für ihre Entrüstungs-Kundgebungen überAttentate auf die Freiheit",reaktionären Kurs" u. s. w. in Zukunft an erster Stelle wohl oder übel einem republikanisch regierten Staatswesen entnehmen müssen.

Candwirtfcbaftliebes*

Wochenbericht der Berliner Produktenbörse.^ Auf den für den Welthandel maßgebenden Getreidemärkten hat sich in der am 25. Februar beendigten Berichtswoche keine bemerkenswerte Aenderung vollzogen. Die Umsätze hielten sich in engen Grenzen. Der große Ertrag des letzten Erntejahres an Weizen hat eine besonders drückende Wirkung nicht aus­zuüben vermocht wegen der vorangegangenen vollständigen Ausbrauchung aller Vorräte. Den in den letzten Monaten in Erscheinung getretenen bedeutenden Ausfuhrleistungen Ruß­lands und Argentiniens standen stärkerer Bedarf und willige Aufnahme Italiens und Frankreichs einerseits und anderseits

und Regen beschützte, seine strahlenden Augen haben ihn ver raten.

Nun kann er Lohengrins Lied nicht mehr spielen: Nie sollst du mich befragen. Ich weiß:weß Art er ist."

Weihnachten.

Zum erstenmal in der Fremde und eine Waise. Ich habe ein Stündchen der Vergangenheit gewidmet und Rückschau gehalten, habe im Geist an den Gräbern der Eltern gekniet.

Nein, ich darf mich nicht völlig den traurigen Gedanken hingeben; über Erdenleid strahlt die Himmelsfreude:Euch ist heute der Heiland geboren."

Eigentlich sollte ich den Cbristbaum bei Erhardts brennen sehen, doch sind die beiden kleinen Mädchen an den Masern erkrankt. Ich war am morgen des 24. Dezember bei meinen Lieblingen, saß an ihren Bettchen und brachte ihnen meine kleinen Geschenke. Auch der Hauptmann kam in das Kranken­zimmer, er war eben erst aus Hannover zurückgekehrt. In seiner offenen, biedern Art reichte er mir die Hand, und wir plauderten und scherzten miteinander in natürlicher, harmloser Art, die aber von Frau Erhardt anscheinend mißdeutet wurde. Sie trat mit gerunzelten Brauen auf mich zu und war fast un­gezogen, so daß ich mich schnell verabschiedete. Und ich muß mir das gefallen lassen ich kann nicht sagen, daß ich in Zukunft fortbleiben werde, weil ihre Eifersucht mich kränkt ich muß stillschweigen, denn es handelt sich um mein Fort­kommen. Solche Arbeit ist Frohndienst, sie schlägt den freien Willen in Sklavenketten!

Ich habe das bittere Gefühl niedergekämpft. Der Gang durch die weihnachtlich belebten Straßen und die fröhlichen Gesichter der Menschen haben mir den Groll über soviel Klein­lichkeit aus dem Herzen getrieben. , ,

Ich habe mir etwas Schönes erdacht und habe ein winziges Tannenbâumchen gekauft, es mit Rauschgold und buntem Schmuck aufgeputzt und Lichter auf den grünen Zweigen be- fesiigt. Auch braune Lebkuchen und Marzipan habe ich, und