Erstes Blatt
anauer
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General-Anzeiger.
Amtliches Orga« fit Mt- md Landkreis Hanau.
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Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur: <8. Schrecker in HavW,
Nr. 275. F-rn!»r-«mschl»h Nr. 605. Mittwoch den 25. November F-mspr-ch-nschlxß Nr. eos. 1906
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Amtliches.
Stadtkreis Danau» ^etafmßdniuncn des Oberbriraermeisteramtes.
WocherrbeApflegeemuen.
Die Ehefrau des Gärtners Wilhelm Lach, Apollonia geb. Rpbar, wohnhaft Johanniskirchstraße Nr. 9, und die Ehefrau des Goldarbeiters Wilhelm Oefner, Elise geb. Hartjen, wohnhaft Sternstraße Nr. 39, sind als WochenbeLLpflegsrinnen ausgebildet worden.
Hanau den 4. November 1903.
Der Magistrat.
B o d e. 21022
Mus Stadt und £and.
Hanau, 25. Noobr.
Historische Gedenktage.
28. November 1792 brachen die bei Marburg gesammelten und neu formierten hessischen Truppen, 12 Bataillone und 9 Schwadronen, aus ihren Standquartieren auf. Sie bildeten den Hauptbestandteil eines von dem preußischen General v. Kalkreuth befehligten Korps, welches — angelehnt an die von dem Herzog von Braunschweig befehligte über Homburg v. d. Höhe und Kamberg auf Höchst vordringende Hauptmacht der Verbündeten — die Aufgabe hatte, das jetzt von dem Cüstin'schen Untergeneral von Helden besetzte Frankfurt zu befreien.
Aus dem Grrichtssaal.
Sitzung des Schöffengerichts vom 24. November.
Der Zuschneider L., welcher 14 Jahre in einem hiesigen Herrenkletdergeschâft tätig gewesen war, beschäftigte sich nebenher noch mit der Anfertigung von Anzügen für eigene Privat- kundschaft und hierbei soll ihm das unangenehme Versehen untergelaufen sein, daß er für diese privatim angefertigte Anzüge Futterstoffe verwendete, welche dem Geschäft seines Arbeitgebers entnommen wareu. Im Juni d. I. brachte ein Junge irrtümlicherweise einen solchen Anzug zur Anprobe in den Laden des Arbeitgebers, statt zu L. und da ersterer schon längere Zeit einen stärkeren Abgang der Futterstoffe, als wie sich mit den angefertigten Anzügen vertrug, zu bemerken geglaubt hatte, so unterzog er das Futter einer näheren Besichtigung und stellte fest, daß dasselbe seinem Lager entnommen war. Er machte dem Zuschneider Vorhaltungen und dieser gestand nach längerem Zögern denn auch ein, daß das Futter aus dem M*m***"*mmwwwwmmm»mmiiim«mibmwm
Feuilleton
Ein Reiseabenteuer.
Nach dem Englischen von T. W. Speicht.
Deutsch von Wilhelm Thal.
Nur
Es war ungefähr vierzehn Tage vor Weihnachten, wenige Reisende befanden sich auf dem Bahnhöfe und ich bekam deshalb ein Coupö für mich allein. Mein Bestimmungsort war Paris und ich hatte von meinem Vater den Auf- trag, seinem dortigen Agenten (mein Vater war nämlich Juwelier und Goldschmied in London) einen sehr wertvollen Brillantring zu überbringen.
„Die Diamanten haben einen Wert von 500 Pfund," patte mein Vater zu mir gesagt; „ich hoffe also, daß du es an der nötigen Vorsicht nicht fehlen läßt, Ned, und sie weder unterwegs verlierst noch dir stehlen läßt."
. â lächelte etwas höhnisch, als mein Vater diese Worte sprach. Als ob es überhaupt möglich wäre, daß mir dieser ljuaantring gestohlen «erde, oder daß ich ihn verlieren könnte. Ich war gerade einundzwanzig Jahre alt geworden, und mein âter hatte doch wahrhaftig kein Recht, so mit mir zu sprechen, " "och ein Knabe wäre.
- » „ L e. das Etui mit dem Ring in die innere Tasche meines Ueberziehers gesteckt und überzeugte mich von Zeit zu .den durch die Berührung, ob er auch noch da war. Ich den Ring nicht mehr gesehen, seit mein Vater ihn in das kleine Sammet-Etui gelegt, in dem er sich noch jetzt befand. Als ich meine erste Zigarre zu Ende geraucht und die Morgenzeitung durchgelesen" hatte, kam mir plötzlich der Gedanke, den Ring doch einmal zu betrachten. Dabei war doch mchts, nicht wahr? Ich nahm alw das Etui aus der Tasche und öffnete es. Meine Augen waren förmlich geblendet; da lag der kostbare Schatz vor mir auf Sammet gebettet. Wer hätte dem Wunsche widerstehen können, ihn htrauszunehmen
Geschäft war, er hätte es aber nachher angeben und mit dem Lohn verrechnen lassen wollen. Der Zuschneider wurde sofort entlassen, es entstand ein Prozeß über Forderung und Gegenforderung zwischen den Parteien und heute hat sich der Zuschneider auch wegen der im Geschäft begang-nen Unterschlagung von Futterstoffen zu verantworten. Es sind eine große Anzahl Zeugen geladen, für welche der Angeklagte Anzüge gemacht hat, zu denen das Futter dem Gesèbäft seines früheren Arbeitgebers entnommen sein soll. Der Angeklagte behauptet, er sei durch unregelmäßige Lohnzahlungen gezwungen gewesen, sich Nebenverdienst zu suchen, habe aber in unredlicher Absicht nichts entwendet. Die Stoffe zu den obenerwähnten Anzügen seien in hiesigen Geschäften gekauft. Das Gericht ist nur in der Lage, eine Feststellung bezüglich des Futters zu treffen, von welchem der Angeklagte selbst zugab, daß es seinem Arbeitgeber genommen war und erkennt gegen L. mit Rücksicht auf seine bisherige Unbescholtenheit auf 5 Tage Gefängnis. — Das „Dienstmädchen" S. von einem badischen Orte bei Heidelberg tarn am 11. Mai d. Js. vonMannheim hierher, mietete bei einer Frau unter falschem Namen ein Zimmer und schwindelte ihrer Logisgeberin vor, sie trete am 15. Mai in einem hiesigen Warenhaus als Ladenmädchen ein. Auf der Reise sei ihr ihr Geld gestohlen worben, weshalb sie um ein Darlehen von 3 Mark bitte, bis ihr Koffer eintreffe. Die ganze Geschichte war Schwindel und die Mieterin verschwand am 3, Tage wieder spurlos. Später wurde sie von den beschwindelten Eheleuten in Frankfurt getroffen und festgehalten. Die Angeklagte erhält zwei Wochen Gefängnis. — Der 17 jährige Bäckergeselle P. . unterschlug feinem Meister Kundenzelder im Betrage von 16 Mk. Er wirb zu 25 Mk. Geldstrafe verurteilt,, welche jedoch durch die erlittene Untersuchungshaft als getilgt angesehen werben. — Der „Fahrradhöndlrr" Otto M. zu Frankfurt, dessen Hauptgeschäft im Vertrieb von gestohlenen Fahrrädern bestand, war in Frankfurt in Nummer sicher gebracht worden. Es gelang ihm aber, dort in der Nacht zum 19. -Äugust auszubrechen und die Frankfurter Polizeibehörde, welcher bekannt war, daß M. hier eine Braut haue, verf'ändi sie sofon die hiesige Polizei, damit M., falls er sich hierher wandte, nicht e.wa Unterschlupf fände. Ein Kriminalschutzmann begab sich auch in die Wohnung der Eltern der Braut und warnte die Leute, daß sie dem Ausbrecher keine Unterkunft gewähren sollten. Du der Nacht zum 21. August erschien nun M. mit einem Kumpan richtig in Hanau und teerte bei der Braut Einlaß, den ihm diese unvorsichtigerweise auch gewährte. Des Morgens verschwand er dann wieder spurlos. Die ganze Familie L., bestehend aus Vater, Mutter, Tochter und zwei Söhnen hat sich deshalb heute wegen Begünstigung der Flucht eines Gefangenen zu verantworten. Das Ehepaar erhält .je 15 Mark., die Tochter und zwei Söhne je 6 Mk.
und anzwieckeu? Ich gewiß nicht. Erst versuchte ich ihn auf dem einen Finger und dann auf dem andern. Als ich ihn aber auf den Miitelsiuger meiner rechten Hand gesteckt hatte, da gefiel er mir am besten. Jetzt kam ich auf den Gedanken, wo könnte der Ring wohl sicherer aufgehoben sein, als auf meinem Finger? Ich brauchte nur einen Handschuh anzuziehen, und keine Seele wußte, was das Leder barg. Er war hier weit sicherer als in meiner Tasche. Da ich mich immer noch allein befand, so brauchte ich meinen Handschuh nicht anzuziehen; dafür bewunderte ich lieber den herrlichen Glanz der Steine und fragte mich, für welchen großen Herrn der prachtvolle Ring bestimmt sein mochte.
Plötzlich erschien am Fenster eine Gestalt, aber es war
nur der Schaffner, der mein Billet soupierte.
Trotzdem zog ich meinen Handschuh an, umsomehr, als der Zug schon in einer halben Stunde in Dover einlief. Vom Bahnhof begab ich mich unmittelbar an Bord des Steamers, der mich nach Calais bringen sollte. Ich erblickte höchstens ein Dutzend Passagiere; von Damen dagegen sah ich nur zwei. Die eine war eine ältere beleibte Dame, welche die ganze Fahrt hindurch fortwährend aß und trank. Die andere war — na, mit einem Wort, das reizendste Geschöpf, das meine Augen je gesehen hauen. Es war mir nicht möglich, die Bücke von ihr zu wenden. Ich ging fortwährend an ihr vorüber und sah ihr dabei jedesmal in die Augen. Ach, und sie hatte so hübsche, graue Augen! Und dazu prachtvolles, goldgelbes Haar. Um ihre Erscheinung gebührend zu beschreiben, müßte ich ein Dichter sein. Einmal ober zweimal begegneten ihre Augen den meinen für einen Moment, und ich war betroffen von der unendlichen Traurigkeit, die in diesen holden Sternen zu lesen stand. Soweit ich es beurteilen konnte, war sie ganz allein. Wir hatten unaefâhr die Hälfte der Reise gemacht; ich war etwa zum fünfzigsten Male an ihr vorübergeganzen, da sprach sie mich an: „Würde der Herr die Liebenswürdigkeit haben und den Steward veranlassen, mir einen kleinen Kognak zu bringen?"
Die heutige Nummer umfaßt außer dem Mrterhalturtgsblatt 12 Seiten.
Geldstrafe. — Der Foribildunasschüler E. störte den Unterricht durch allerlei Ungezogenheiten und erhielt ein Strafmandat von 6 Mk. Er meint, er habe keine Strafe verdient und hat Einspruch erhoben. Das Gericht ist anderer Ansicht und erhöht die Strafe auf 10 Mk. — Der Förster N. betraf die Eheleute W. beim unberechtigten Grasernten und stellte nach erheblichen Schwierigkeiten ihre Namen fest. Als sie ein Stück weit von dem Förster weg waren, stellte sich die Ehefrau W. hin und ließ eine Schimpfrede vom Stapel, die sich gewaschen hatte. Dafür erhielt sie 15 Mk. Geldstrafe. — Der Taglöhner W. zog am hellen Montag mittag mit zwei Genossen in bekneipiem Zustand durch verschiedene Gassen der Altstadt, woselbst das würdige Trio durch fein Benehmen einen riesigen Austaus verursachte. In der Metzzergasse amüsierte W. das Publikum noch dadurch, daß er einem — Esel ein Liedchen vorsang. Er hat Einspruch gegen das Strafmandat von 6 Mk. erhoben, der aber natürlich vergeblich ist. — Der Mktzgerbursche K. ist beschuldigt, von einem zum Wiegen vorbereiteten geschlachteten Schwein im Schlachthof widerrechtlich Fleisch und Fetteile herausgeschnitten zu haben. Da das Gutachten des Sachverständigen für den Angeklagten günstig lautet, wird freigesprochen.
* Statistik. Es ist nicht ohne Interesse, festzustellen, wie verschieden in den einzelnen preußischen Oberlandesgerichis- bezirken das durchschnittliche Verhältnis der Zahl der Richter und Rechtsanwälte zu der der Einwohner ist. Im Bezirk Frankfurt a. M. kommt durchschnittlich ein Richter auf 5895 Einwohner, , in Cassel aus 5832, in Berlin auf 6177, in Königsberg aus 6359, in Posen auf 6800, in Marienwerder auf 7007, in Breslau auf 7239, in Naumburg auf 7294, in Celle auf 7437, in Kiel auf 7754, in Stettin auf 7860, in Hamm auf 8715, in Köln auf 8912 Einwohner. Von Rechtsanwälten kommt durchschnittlich einer auf 4560 Einwohner im Bezirk Berlin, in Frankfurt a. M. auf 5303, in Köln auf 8255, in Kiel auf 8621, in Naumburg auf 9938, in Csile ans 10,401, in Hamm auf 10.581, in Breslau auf 10,587, in Marienwerder auf 10,787, in Königsberg auf 10,793, in Cassel auf 10,953, in Stettin auf 10,972, in Posen auf 11,025.
* Post onderzüge. In der Zeit vom 18. bis 24. Dezember gehen u. «. folgende Postsonderzüge zwischen Frankfurt und Berlin: Ab Frankfurt a. M., haltend auf allen größeren Stationen, 11.42 vorm., in Berlin über Eisenach 9.34 vorm.; ferner ab Frankfurt 11.07 abends, in Berlin 7.45 nachm.; ab Berlin 1 nachts, in Frankfurt 10.15 abends; ab Berlin 12 mittags, in Frankfurt 10.52 vorm.; ab Berlin 6.30 nachm., in Frankfurt 4.27 nachm.
Sie sprach französisch. Ihre Stimme war „^olb und süß", wie es in dem Liede heißt. Ich war so geschmeichelt, daß ich nicht einmal zu antworten vermochte. Ich konnte mich nur verbeugen und lief so schnell wie möglich selbst nach dem Büffet, um ihr den Kognak zu holen. Ach, und sie dankte mir in so liebenswürdiger Weise! Ich möchte sagen, sie nippte wie ein Kanarienvögelchen, wenn ich nicht wüßte, daß Kanarienvögel für gewöhnlich keinen Kognak trinken.
„Ich hoffe, mein Fräulein, Sie haben sich jetzt ein wenig gefühlt," wagte ich leise zu bemerken.
„Ja, allerdings," murmelte sie, „ich danke Ihnen, mein Herr, aber ich bin kein Fräulein, ich bin Frau und zwar Witwe."
Bei diesen Worten drückte sie ein Taschentuch an die Augen. — Wie interessant — nein, wie rührend war dieses einfache Bekenntnis. Jetzt wußte Ich auch, warum sie so traurig aussah. Ach, wie gern hätte ich sie getröstet.
Zufällig befand sich ein Feldstuhl in der Nähe. Ich wagte es, denselben ein wenig näher zu rücken und mich darauf niederzul«isfen; aben ich wurde blutrot ob meiner Kühnheit. Sie schien sich darüber gar nicht beleidigt zu fühlen, und wir waren bald in lebhafter Unterhaltung miteinander. Stolz war sie nicht, im Gegenteil, sie war die Liebenswürdigkeit selbst. Wie sie mir erzählte, war sie nur drei Tage kn London gewesen. Sie hatte dort geschäftlich zu tun gehabr nnd zog sich jetzt wieder in die Einsamkeit zurück, in die kleine Villa, wo sie seit dem Tode ihres teuren Gatten stets gelebt hatte. Sie müßte, wie sie mir erzählte, erst ^it dem Wend- zuge Weiterreisen, da sie in Calais noch eine Besorgung z
Das^ plauderte sie alles mit einer reizenden Aufmerksamkeit herunter. Ich sah keinen Grund, weshalb ich nicht ebenfalls mit dem Abendzuge Weiterreisen sollte. Ich machte sie also init meiner Absicht bekannt und sie hatte nichts dagegen ein- zuivenden. Sie ' gab mir sogar zu verstehen, sie reise sehr gern in Gesellschaft, und dabei sah sie mich an mit einem