Zweites Blatt.
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General-Anzeiger.
Amtliches Organ K Stadt- u«d Fandtireis Sana«
Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Derantworü. Redakteur: G.Schrecker ku tzummr«
Nr. 19
M»«W^'
Ferns-rellimschlnß Nr. 605
Freitag den 23 Januar
Fernspre-anschlnß Nr. 605
1903
Amtliches.
Stadtkreis Panait Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes.
Steuererhebung.
Am Anschlnh an unsere Bekanntmachung vom 9. Januar 1903 machen wir darauf aufmerksam, daß in der Zeit vom 22. Januar 1903 bis 2. Februar 1903 die Zahlung der Stenern und des Schulgeldes derjenigen Steuerpflichtigen zu erfolgen hat, deren Steuerzettel eine der Nummern 3001—6000 aufweisen.
Hanau den 20. Januar 1903.
Stadtkasse. 1356
Deutscher Reichstag.
(Sitzung vom 22. Januar.)
Reichshaushaltsetat.
Am Bundesraistisch die Staatssekretäre Graf Po^adowsky, Frhr. von Richtbofen, Frhr. von Thielmann und die Minister v. Goßler und Schönstedt. Der Prändent Graf Ballestrem eröffnet die Sitzung um 1 Dr 20 Min. Bei der fortgesetzten Beratung des Etats führt Abg. Bebel (Soz.) aus, der diesjährige Etat bedeute ein vollständiges Debacle. Im vorigen Jahr ist es dank der Finanzkünste der Budgetkommission noch möglich gewesen, eine Zuschußanleihe zu beseitigen, aber jetzt wird man diese trotz größter Sparsamkeit nicht aus der Welt zu schaffen vermögen. Ich sehe schon die Zeit kommen, wo man im Widerspruch zu der Verfassung zu den allergewagtesten und bedenklichsten Mitteln auf dem Fmanz- gebiet greifen wird. Kann es einen traurigeren Zustand geben, als daß das Reich bezüglich der Finanzen darauf warten muß, daß man die notwendigsten Lebensmittel der arbeitenden Klassen unerhört verteuert? Zudem ist es noch keineswegs sicher, daß wir mit den erhöhten Zolleinnahmen über den Berg kommen. Deutschland ist eben nicht in der Lage, auf dem Gebiete des Militär- und Marinewesens eine Rolle ersten Ranges zu spielen. Abg. Schädler meinte zum Schluffe feiner Etatsrede, wenn die Wünsche des Zentrums, der Toleranzantrag und die Zurückberufung der Jesuiten, erfüllt würden, dann solle der deutsche Adler schützend seine Schwingen ausbreiten vom Fels zum Meer, und über das Meer hinaus. Einer solchen Aufforderung bedarf es nach
Feuilleton.
Eine Partie Domino.
Novellette von J. F. De Witt.
Nach dem Holländischen von K. Robolsky.
(Nachdruck verboten.)
In dem elegant eingerichteten Studierzimmer eines der vornehmsten Häuser der Stadt saß ein einsamer Mann. Es war ein trüber, nebliger Tag und die Dunkelheit draußen hatte auch das Zimmer in Dämmerung gehüllt.
. ^a wurde die Tür geöffnet und es war, als ob sich auf einen Augenblick alles im Zimmer erhellte bei dem Erta emen der schonen, lichten Gestalt, die auf der Schwelle stand.
c ehe "^ ^0^ ^ "^ ^en, daß ich in die Versammlung ", Die Tür wurde wieder geschlossen und das Zimmer erschien wie vorher, grau und kalt.
Der junge Mann saß nachdenklich da.
Kein Kuß, kein Händedruck war gewechselt worden: seine junge Gattin war nur gekommen, um ihm zu fagen, daß sie ausging .... I
Das war alles, was von der Zärtlichkeit des Ehelebens übrig geblieben war. Der junge Mann lächelte schmerzlich und Rüttelte den Kopf: Viel war es nicht. An wem lag die Schuld?
Gerard van Woerden stammte aus armer Familie; sein Emporsteigen verdankte er seinen großen Geistesgaben und seinem Fleiße. In der ersten Zeit hatte er für seinen Unterhalt hart arbeiten müssen, so war er immer für sich allein geblieben, da es ihm für Vergnügungen und Zerstreuungen an Zeit und Geld gefehlt hatte. Er lebte fast nur mit seinen Büchern. Erst als er zu den höchsten Stellen berufen und
oben wahrhaftig nicht. Was die Weltpolitik angeht, sind wir Hans Dampf in allen Gassen. Wo nur ein Dazwischenfahren mit der Faust einigermaßen gerechtfertigt ist, wird die Gelegenheit sofort ergriffen. Der Reichskanzler sprach von unserer traditionellen Freundschaft zu Rußland. Allerdings erweisen wir Rußland ohne jede Gegenleistung fortwährend Entgegenkommen. Nach der Revaler Zusammenkunft wurde telegraphiert: Der Beherrscher des Atlantischen Ozeans entbietet Grüße dem Herrscher des Stillen Ozeans. Die Antwort darauf lautete ganz kühl: „Glückliche Reise". Das verstimmte natürlich England, wenngleich dessen Verstimmung zum Teil schon von der Zeit herrührt, wo die neuen Flottenpro- sekte in Deutschland auftauchten und inaktive Marineoffiziere darauf hinwiesen, daß Deutschland einen großen Seekampf mit England auszukämpfen haben würde. Eine Desavouierung dieser Auffassung erfolgte von keiner Seite. Vielfach wurde unser Vorgehen gehen Haiti als allzusireng bezeichnet, und in der Venezuela-Angelegenheit kann man es Castro, der um Leben und Präsidentensitz kämpft, nicht verdenken, wenn er auf übertriebene Forderungen nicht ohne weiteres eingehen will. Wie rechtfertigt sich das Vorgehen des „Panther" gegen San Carlos? Zu solchen Gewaltmitteln sollte man doch nur im alleräußersten Falle greifen. Für die in Aussicht gestellte Abänderung des Wahlgesetzes werden wir stimmen, das ist ein kleiner Fortschritt, den wir mit Genugtuung acceptieren. Die sozialdemokratische Partei wird, auch wenn keine Reichstags- diäien gezahlt werden, weiter ihre Schuldigkeit tun. Die sozialpolitische Gesetzgebung ist nur aus Furcht vor der Sozialdemokratie entstanden. Wir sind keine prinzipiellen Gegner derselben und haben uns auch die erdenklichste Mühe gegeben, diese Gesetze wenigstens zum Teil nach unseren Wünschen zu verbessern. Wenn die Vorlagen aber nicht entfernt das bieten, was wir verlangen, kann man uns nicht verdenken, daß wir sie ablebnen. Die deutsche Bourgeoisie ist der größte Feind der Arbeiter. Die Staatswerkstätten, die doch Musterbetriebe sein sollen, sind es keineswegs. Ist etwa die Umsturzvorlage von 1895 ein Beweis sozialer Fürsorge? Oder ist etwa der Zolltarif den sozialen Tendenzen entsprungen, zu denen der Reichskanzler sich gestern bekannt hat? Was die Bekämpfung der Sozialdemokratie anlange, habe dieselbe leider einen persönlichen Charakter angenommen, durch den die Gegensätze unnötig verschärft wurden, speziell seit der Zeit, wo der Kaiser als Privatmann in diese Kämpfe eingriff. Wir wollen keinem Fürsten das Recht der freien Meinungsäußerung beschneiden. Aber der Fürst nimmt eine Ausnahmestellung ein, denn er ist staatsrechtlich und in hohem Grade strafrechtlich nicht verantwortlich. Der Kaiser ist eben so wenig wie die anderen Fürsten Privatmann. Wo er auftritt, tritt er als Kaiser auf. Wenn die Sozialdemokratie, und wir als ihre ein Günstling der Regierung geworden, hatte er sich, halb gezwungen, dem Leben mehr zuwwandt.
Ein großes Glück erblühte ihm, als er die Liebe und die Hand einer der reichsten Erbinnen der Hauptstadt gewann.
Agathe selbst, wie hoch sie auch stand, fühlte sich geschmeichelt, daß sie die Verehrung eines Mannes genoß, den jeder mit Auszeichnung behandelte. Und als sie von ihm vernahm, wie einsam er in seiner Jugend gestanden und wie er um der Arbeit willen selbst die Freundschaft seiner Zeitgenossen hatte entbehren müssen, hatte sie ihm erst aus Hochachtung vor so viel Selbstverleugnung und Beharrlichkeit ihre Achtung geschenkt und dann war in ihrem Herzen die schöne Blume der echt frauenhaften Liebe erblüht und sie hatte beschloffen, mit Liebe zu vergüten, was er an Freundschaft hatte entbehren müssen.
So traten die beiden jungen Menschenkinder in das eheliche Leben und das Los schien über Gerard van Woerden seine schönsten Gaben auszustreuen. Das Vermögen seiner Gattin machte ibn unabhängig, und wenn er jemals zu be- neiden gewesen, so war es jetzt, da er die schönste Frau des Landes sein eigen nannte.
Kaum von der Hochzeitsreise zurückgekehrt, die ihm wie ein Traum von Glück erschienen war, wurde ihm eine Stelle im diplomatischen Korps angeboten. Er war bald ein Mann von Ruf in einer Weltstadt und das junge Paar wurde in allen Kreisen, auch am Hofe, gesehen. In der ersten Zeit waren Gerard und Agathe stets zusammen, aber es schien Herrn van Woerden immer etwas Besonderes, Eigentümliches anzuhaften. Er selbst hatte gemerkt, wie schwer es ihm oft wurde, den leichten Konversationston in den Gesellschaften zu treffen. Das Leben hatte ihn zu ernst gemacht. Selbst im häuslichen Kreise vermochte er nicht scherzend Kleinigkeiten zu berühren. Er sah selbst ein, daß es nicht möglich war, in Gesellschaften lange über ernste Dinge zu sprechen, baut waren die Personen zu verichieden an Glauben, Denkart, Nationalität p. s. w. Reibungen wären nicht ausgeblieben. So be-
Vertreter, in heftigsten Worten angegriffen werden, ist es selbstverständlich, daß wir auf das Allerenergischste dagegen protestieren. Solche Angriffe sind aufs entschiedenste als ungehörig, als unzulässig zurückzuweisen. (Stürmische Rufe bei den Sozialdemokraten. Rufe: Gemeinheit! Große Unruhe. Präsident: Wer war der Rufer? Er meldet sich nicht; ich würde ihn sonst zur Ordnung rufen.) Wir sind Gegner der Monarchen, aber nicht Gegner der Person des Fürsten.
Reichskanzler Graf Bülow: Bevor ich mich dem sachlichen Teil der Ausführungen des Abg. Bebel zuwende, möchte ich mich kurz äußern auf das, was er soeben gesagt hat über das Oberhaupt des Reichs. Der Abg. Bebel hat die Vorwürfe berührt, welche der Kaiser gegen seine Partei erhoben hat. Darauf erwidere ich dem Abg. Bebel: Was führen Sie denn selbst für eine Sprache? Ist nicht eben aus Ihren Reihen ein Ausdruck gefallen, den ich nicht wiederholen will? Ich will nur konstatieren, daß Derjenige, von dem der Ausdruck herrührte, wenigstens soviel Schamgefühl gehabt hat, sich nicht dazu zu bekennen. (Unruhe bei den Sozialdemokraten: wo?) Ich wiederhole, es ist eben aus Ihren Reihen ein Ausdruck gefallen, den ich nicht wiederholen will, aber ich konstatiere, daß Derjenige, der sich diesen Ausdruck erlaubt bat, noch soviel Schamgefühl besaß, sich nicht dazu zu bekennen. Ebenso möchte ich nicht an alles das erinnern, was in Ihren eigenen Blättern gestanden hat, auch nicht eine Blütenlese geben aus dem „Vorwärts" oder gar aus der „Leipziger Volkszeitung". Aber soviel will ich nur sagen: Suchen Sie nicht etwa mit allen Mitteln der Agitation die Monarchie ru schädigen? Und da wundern Sie sich, daß ein von seinen Pflichten und Rechten durchdrungener Monarch sich zur Wehr setzt? (Beifall rechts.) Solange die Sozialdemokraten den Umsturz unterer verfassungsmäßigen Zustände vertreten, können Sie sich nicht darüber wundern, daß der oberste Träger des monarchischen Prinzips sich dagegen mit Entschiedenheit und, wie es seiner Natur entspricht, hier und da auch mit Schroffheit zur Wehre setzt. Die große Mehrheit dieses Hausts aber wird mit mir den Wun'ch teilen, daß die Allerhöchste Person, die verfaffungs« mäßig unverantwortlich und unverletzlich ist, so selten als möglich in unsere Debatte hineingezogen wird. «Lebhafte Zustimmung rechts.) Ich werde mich niemals scheuen, mich vor den Träger der Krone zu stellen und ihn zu decken. Aber auf der anderen Seite bin 'ch überzeugt, daß die große Mehrheit des Hauses gern zurückkehren wird zu der früheren Praxis, aus unseren Debatten nach Möglichkeit die Person des Monarchen auszuichließen. (Lebhafter Beifall rechts.) Und nun wende ich mich zu dem, was der Abgeordnete Bebel ausgeführt hat über unsere Sozialgesetzgebung. Er bat gemeint, unsere sozialpolitische Gesetzgebung wäre in Stillstand geraten, jedenfalls wäre noch viel zu tun übrig. Daß noch sehr viel zu
gnügte er sich bald, Zuhörer zu sein, aber auch das sagte ihm nicht zu. Am liebsten saß er still und sah zu, wie einnehmend und liebenswürdig sich die Frau bewegte, die er lieb hatte.
Er wußte, daß auch ihr Geist Gefallen an ernsten Gesprächen fand und beneidete sie wegen der Gabe, sich dem gesellschaftlichen Tone anzupassen.
Mit der Zeit fing er an, wenn seine Gegenwart nicht durchaus notwendig war, sich von den Gesellschaften fern zu halten und — man vermißte ihn nicht. So liefen die Wege des Ehepaares langsam auseinander. Er wollte sich nicht merken lasten, wie einsam er sich oft fühlte und Agathe wartete auf eine Bitte als einen Beweis, daß ihr Zuhause- bleiben ihm angenehm sei. Als die Bitte nicht ausgesprochen wurde, begann sie zu glauben, daß sie ihrem Gatten nicht so unentbehrlich sei, wie sie in der ersten Zeit ihrer Ehe und vor der Geburt ihres einzigen Kindes gedacht hatte.
Während van Woerden nachdenklich vor sich hinsah, wurde die Tür seines Zimmers leise geöffnet und sein kleines fünfjähriges Söhnchen stand auf der Schwelle, die Hände auf dem Rücken und die großen blauen Augen lachend auf ihn gerichtet.
„Was tust Du da allein?" fragte van Woerden.
„Ich wollte zu Papa", lautete die Antwort, und der Kleine klammerte sich an den Vater an.
„Wo ist Fräulein?"
Keine Antwort.
„Bist Du fortgelaufen?"
Keine Antwort, aber ein liebkosendes Streicheln mit den kleinen Händchen.
Van Woerden klingelte. Der Diener kam.
„ Höre Dich um, weshalb der junge Herr allein im Hause herumläuft."
Bald erschien die Bonne. „Oh, gnädiger Herr, verzeihen Sie. Ich mußte für die gnädige Frau etwas besorgen und unterdessen ist der Junker fortgelaufen."