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Zweites Blatt

anauer

Bezugspreis:

Vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich GO Pjg., für aus­wärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postausschlag, Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.

Erdrückt und verlegt in der Buchdrucker« des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.

General-Anzeiger.

Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kanan.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- itnb Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Eiurückuugsgebnhr:

Siir Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf- gespaltene Petitzeiic oder deren Naum, für Auswärts 15 Pfg., im Neklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 85 Pfg.

verantwort!. Redakteur: <8. Schrecker" in Hanau.

Nr. 41

Fernerelk ans^luS Nr. 605

Mittwoch ven 18. Februar

Fernsprechanschlnß Nr. 605

1903

Amtliches.

Zwangsversteigerung.

Im Wege der Zwangsvollstreckung sollen die in Hanau belegenen, im Grundbuche von dort Band XI Artikel 652 Fol. 280 zur Zeit der Eintragung des Versteigerungsvermerkes auf den Namen der Witwe des Kaufmanns Johann Philipp Döring, Louise geb. Albach in Hanau ein­getragenen Grundstücke:

I. Kartenblatt K, Parzelle 26, Sterngasse Nr. 9,

a) Wohnhaus mit Seitenbau links (A) und Hof­raum,

94 gw groß, 975 Mark Nutzungswert;

II. Kartenbi an K, Parzelle 138 und 139, Langstraße Nr. 45, a) Wohnhaus mit Einfahrt und Gallerie, Seiten­bau links (0), Treppe (B) und Anbau (D) nebst Hofraum und Hausgarten,

b) Seitenbau Ums (A), ei L, H. und III. Seitenbau rechts E. F. M, (l) Querbau,

7 ar 49 qm groß, 2235 Mark Nutzungswert,

am 17. April 1903, vormittags 10 Uhr, durch das unterzeichnete Gericht an der Gerichtsstelle Marktplatz 18 Zimmer Nr. 14 ^ versteigert werden.

Hanau den 9. Februar 1903.

Königliches Amtsgericht 2. 3089

Bekanntmachung.

Zugelaufen ein rotbrauner Jagdhund, männlichen Geschl. Näheres zu erfragen in der Bürgermeisterei.

Rückingen den 17. Februar 1903.

Der Bürgermeister. 3086

politische Rundschau.

Kaisermanöver 1903. Im Anschluß an die bereits gebrachten Mitteilungen über das diesjährige Kaisermanöver wird aus zuverlässiger Quelle noch berichtet, daß der Beginn desselben auf den 24. August festgesetzt worden ist. Außer den beiden sächsischen Armeekorps (XII. und XIX.) nimmt noch das IV. preußische Korps (Provinz Sachsen) daran teil. In der Hauptsache kommt das Gelände zwischen Leipzig und Merse urg für die Bewegungen der Truppen in Betracht. Der Kaiser wird am 2. September im Schlosse zu Merseburg Wohnung nehmen, welches zu diesem Zwecke einer Ausbesserung unterzogen wird. Eine Besichtigung des Schlosses und speziell der Kaiserzimmer durch Herren des Hofmarschallamtes ist be­reits erfolgt. Hinsichtlich der Abnahme von Paraden über die

Feuilleton.

Der Kanonikus von HalbcHadt.

' Zum 100. Todestage G.leim's, 15. Februar.

Don Alexander Härlin.

(Nachdruck verboten.)

, ®8 stibt Dichter, deren Werke verschollen oder doch so gut rote verschollen und die dennoch unvergessen, ja populär sind.

'dnen gehört Gleim,Vater Gleim". Wenn wir ohne literarische Heuchelei prüfen, was von seinen Dichtungen noch am ân tst, w werden wir finden, daß man sich allenfalls elmger mutiger Stellen aus den Grenadierliedern erinnert und bau die eine oder die andere seiner Fabeln wohl noch in der Kinderstube erzählt wird. Das ist alles. Und man kann nicht einmal behaupten, daß die Nachwelt dem Dichter Unrecht getan hatte, indem sie sein Schaffen ' so der Nacht der Ver­gessenheit preisgab. Gleim war ein sehr bescheidenes, poetisches Talent; Goethe bezeichnet es einmal (Werke, Hessische Ausgabe. 30, 138) als ein öffentliches Geheimniß, das Vater Gleim schlechte Ver^e mache, wenn auchso viel gesellige Verehrer und so viel fuß- und bauchfällige Klienten" von ihm sich dies Geheimnis nur ins Ohr zu sagen wagten.

Aber derselbe Goethe ist es auch, der ihm an einer andern Stelle den halb humoristischen Titel einerHibamme des Genies" gibt und dadurch seine fortdauernde Popularität er­klärt. Nach einem wenig bewegten Studien- und Lehrerleben frühzeitig in eine auskömmliche Stellung gelangt, die ihm nicht gar zu viel Arbeit aufbürdcte, in einem angenehmen, ruhigen, mit den meisten literarischen Hauptorten Deutschlands in be­quemer Verbindung stehenden Orte angesiedelt, sah er seine Hauptaufgabe darin, seine Mittel, seine Verbindungen und seinen Einfluß unablässig zu Gunsten anderer Talente zu ver­wenden. Seine herzliche und gerne gespendete Gefälligkeit haben

drei Korps verlautet, daß der Kaiser am 2. September das XII., am 3. September das IV. und am 4. September das XIX. Armeekorps besichtigen wird.

Die Eröffnung des englischen Parlaments. In der gestern vom König selbst verlesenen Thronrede wird in erster Linie hervorgehoben, daß die Beziehungen Englands zu allen auswärtigen Mächten fortgesetzt freundliche seien. Die Blockade der Venezuela-Häfen habe sich als notwendig er­wiesen wegen der Beschimpfung der britischen Flagge und des gegen die Person und das Eigentum englischer Staatsange­höriger begangenen Unrechts und habe zu Verhandlungen zur Regelung aller strittigen Fragen geführt. Der König freut sich, daß eine Beilegung erreicht ist, welche es den Blockade- mäckten ermöglicht, alle feindseligen Flottenoperationen sofort zu Ende zu bringen. Die Thronrede macht sodann Mitteilung vom Abschluß des Vertrages, nach welchem die Alaska-Grenz- srage schiedsrichterlicher Entscheidung unterbreitet wird, und führt aus:Der Zustand der europäischen Provinzen der Türkei gibt Anlaß zu ernster Besorgnis. Ich habe mich aufs beste bemüht, dem Sultan und seinen Ministern die bringende Notwendigkeit praktischer, wohlerwogener Reformmaßnahmen vorzustellen. Die Regierungen von Oesterreich-Ungarn und Rußland haben Erwägungen darüber angestellt, von welchen Reformen es wünschenswert wäre, daß die Mächte, welche am Berliner Vertrag teilgenommen haben, sie dem Sultan zur sofortigen Annahme empfehlen. Ich vertraue, daß die gemachten Vorschläge sich für den Zweck als ausreichend erweisen werden und daß ich es möglich finden werde, ihnen meine herzliche Unterstützung zu leihen."

Deutscher Reichstag.

(Sitzung som 17. Feoruar.)

Etat des Reichsamts des Snnmt.

Am Bundesratstisch befindet sich Staatssekretär Graf P o s a d o w s k y. Präsident Graf B a l l e st r e m eröffnet die Sitzung um 1 Uhr 20 Min. Nachdem einige Wahlen nach den Anträgen der Kommission debattelos für gütig erklärt sind, wird die Beratung des Etats des Reichsamts des Innern fortgesetzt. Abg. Sachse (Soz.) wendet sich gegen die Ausführungen des Abg. Paasche über die Krupp'schen Wohl- fahrtseinrichtungen. Die Lebensmittelpreise der Krupp'schen Konsumanstalt decken sich so ziemlich mit den Preisen der anderen Konsumvereine, nur das Schwarzbrot sei etwas billiger. Die Pensionen aus der Krupp'schen Kasse betrügen für Ar­beiter etwa 500 Mk.; die höheren Pensionen, die der Abg. Paasche angeführt habe, erhielten nur wenige Vorarbeiter, die schon mehr Beamtencharakter hätten. In der Arbeitelpensions- kasse gingen bei vorzeitigem Ausscheiden sämtliche Beiträge

Klopstock, I. G. Jakobi, Heinse, Bürger und viele andere erfahren. So wußte er sich zu einem Mittelpunkte zu machen, um den sich viele Interessen gruppierten, und sich in der literarischen Welt eine Stellung zu sichern, die zu seinen eigent­lich poetischen Fähigkeiten außer Verhältnis stand. Das Echo dieses seines menschenfreundlichen und gütigen Wirkens ist es, das noch heut nachklingt unb ihm Popularität erhält. Weniger des Dichters Gleim als des Charakters, den auch der sitten­strenge Schiller rühmte, erinnert man sich.

Immerhin kommt dazu, daß Gleim doch auch als Dichter wenigstens einmal den richtigen Instinkt gehabt hat. Er hat eine neue und fruchtbare Idee erfaßt und damit, wenn auch die Ausführung keine mustergiltige war, neue Bahnen eröffnet das vergißt die Literaturgeschichte nicht, und mit Recht nicht. Diese Idee waren diePreußischen Kriegslieder von einem Grenadier". Sie ist freilich wohl nicht ganz sein Eigentum; rief ihm doch Freund Lessing zu:Dir fehlt weder die Gabe den Helden zu singen, noch der Held. Der Held ist Dein König! . . . Singe Ihn, Deinen König!" Und Gleim begriff die Ausgiebigkeit dieses Gedandens und sang seinen König. Freilich, wenn wir heut diese Kriegslieder mit ihren mythologischen und historischen Anspielungen, mit ihren oft wenig anschaulichen Schilderungen dnrchlesen, so er­staunen wir, daß man in ihnen jemals ein wahrhaft volks­tümliches Erzeugnis sehen, ja sie lange wirklich für daS Produkt eines einfachen Grenadiers halten sonnte. Was bleibt an ihnen, wenn man an Alexis' herrliches echtes Volkslied Friedericus Rex unser König, und Herr", ober an Bürgers wenige, durchaus geniale Verse denkt:

Der König und die Kaiserin, Des langen Haders müde. Erweichten ihren harten Linn Hub machten endlich Friede.

Dennoch ist relativ und historissch ihr Erfolg durchaus zu begreifen. Denn sie entstanden ebenmit und in der Tat" (Goethe); sie waren, um einen heut üblichen Ausdruck zu ge-

verloren; hier müsse ein Mittelweg geschaffen werden, daß wenigstens die gezahlten Beiträge zurückerstattet würden. Der Abg. Stöcker bat dazu ausgefordert, dem von höherer Stelle gegebenen Winke zu folgen und Arbeiter in den Reichstag zu wählen. Wie findet üch der Abg. Stöcker damit ab, daß er dieselbe Stelle christlich-sozial als Unsinn bezeichnete? Redner verliest eine längere Re'he von Zitaten und wird vom Präsidenten Grafen B a l l e st r e m aufge­fordert, seine Vorlesungen nicht allzuweit auszudehnen. Abg. Sachse wendet sich dann gegen das Zentrum, das der Sozialdemokratie auch Hetzereien vorwerfe, während zum Beispiel dieEssener Volkszeitung" zehn Gebote der Sozialdemokratie veröffentlichte, die selbst der rückständigste Arbeiter als Lüge und Verleumdung erkennen müsse. Auch der Abg. Stötzel habe behauptet, daß die Blätter der Sozialdemokratie von Gotteslästerung strotzten. So werde im Zentrum am aller­meisten gehetzt. Redner bespricht sodann die Mißstände in den Bergwerksbetrieben und führt namentlich über die Gruben- inspeklionen Beschwerde, welche häufig nicht genügende Ver­schwiegenheit beobachteten und welche die Namen der Beschwerde­führenden bekannt gaben. Aus den Strafen, welche den Berg­leuten aus den mannigfachsten Gründen auferlegt würden zögen die GrubenbPtzer Nutzen. Ueber die Behandlung der Arbeiter beklagen nicht nur wir uns, sondern auch die christ­lichen Bergarbeiter. Die Unfallmaßregeln find ost nur sehr ungenügend eingeführt und durchgeführt. Für die 300 Mil­lionen Mark, die in China verbraucht wurden, hätte man lieber Arbeitcrwohnuugen bauen sollen. Sächsischer Bundesbev oll - mähiigter Geheimrat Fischer wendet sich zunächst gegen die Angriffe des Abg. Hoch gegen die sächsischen Gewerbe-Inspek­toren. Schon der Staatssekretär habe ausgesührt, daß den Gewerbe-Inspektoren zur Pflicht gemacht sei, sich größerer sozialpolitischer Auseinandersetzungen zu enthalten. Der Frakiionsg-nosse Hochs, der Abgeordnete Wurm, habe gerade umgekehrt den Gewerbe-Inspektoren den Vorwurf gemacht, daß sie mehr als tatsächliches berichteten. Das Verhältnis zwischen den Arbeitern und den Gewerbe-Inspektoren war in Sachsen ein wenig angenehmes. Es wurden in Arbeiterversammlungen schwer Vorwürfe gegen die Gewerbe-Inspektoren erhoben. Die sozialdemokratische Presse tat das Ihrige hinzu. Unter solchen Umständen können Sie nicht verlangen, daß die Gewerbe-Inspektoren vor den Arbeitern den Kotau machen. Redner weist darauf im einzelnen die von den sozialdemo­kratischen Abgeordneten gegen die sächsischen Bergwerke erhobenen Beschwerden zurück. Der Sachverhalt liege in Wirklichkeit ganz anders als er hier dargestellt worden worden sei. Auch die im vorigen Jahre von dem Abg. Sachse vorgebrachten 5 bis 6 Beschwerdefälle hätten sich nach den inzwischen von der sächsischen Regierung vorgenommenen Prüfungen sämtlich als

brauchen, im höchsten Maßeaktuell", und sie waren jeden­falls das volkstümlichste, was man in dieser Galtung bisher kennen gelernt hatte. Ihr Wert wird uns bewußt, wenn man sie mit den Erzeugnissen der regelsteifen Poesie der Gott- schedianer vergleicht. Und wahr ist, daß Gleim an einzelnen Stellen wirklich volkstümliche Töne fand:

Auf einer Trommel saß der Held Und dachte seine Schlacht, Den Himmel über sich sinn Zelt lind nm sich her die Nacht.

Oder:

Gott donnerte, da floh der Feind!

Oder:

Franzose, nicht an Alaun nnb Pferd, An Heldenmut gebricht'»:

Was hilft Dir nun Dein langes Schwert lind großer Stiefel? Nichts!

Auf solche gelungene Einfälle ist Goethes Urteil zu beziehen, der den Kriegsbildern dieglückliche Form" und vollkom­mendste Wirkiamkeit" nachgerühmt (Wahrheit u. Dichtung II, 7).

Allein diese frischeste und dauerhafte Schöpfung Gleims ist eingerahmt von Poesien, denen man, will man unbefangen urteilen, unmöglich glückliche Form ober vollkommene Wirk­samkeit nachrühmen kann. Das sind seine anakreontischen Gedichte. In Lessings anakreontischen Liedern er­freut man sich doch noch heut an der scharf geschliffenen Form ober der schlagenden Pointe; aber die Gleims muß man als matt und lahm in Form und Inhalt be­zeichnen. Ihnen fehlt das Fener, der Wein- und Rosen- dufl, der schwärmende Geist, der in solchen Poesien leben muß. Und dieser Mangel hat seinen guten Grund. Wohl waren auch Lessings Anakreontika zum guten ^i! ein Tribut an die literarische Mode; doch immerhin hatte er ein starkes Temperament, das austoben wollte und oft genug aus- wbte. Nicht so bei Pater Gleim, einer durchaus bürgerlichen, normalen und friedlichen Natur, über die der dionysische Geist