12. Mai.
Dienstag
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Der Mord an Bord der „Loreley" vor dem Oberkriegsgericht. Vor dem Oberkriegsgericht der zweiten Marine-Inspektion zu Wilhelmshaven gelangt zum dritten Male der aufsehenerregende Mordprozeß gegen den Matrosen Kohler von S. M. Schiff „Loreley" zur Verhandlung. Der ^Angeklagte ist bekanntlich beschuldigt, in der Nacht vom 15. zum 16. November vorigen Jahres an Bord des damals im" Piräus bei Athen in Reparatur liegenden Stationsschiffes „Loreley" den ihm vorgesetzten Oberfeuerwerksmaaten Biederitzki ermordet und ferner die Schiffskasse geraubt zu haben. Der Ermordete hatte in der fraglichen Nacht mit einigen Matrosen und dem Angeklagten Kohler als Deckposten die Wache auf dem Schiffe und nach den Ergebnissen der Beweisaufnahme im ersten Prozeß muß angenommen werden, daß Biederitzki in pflichtwidriger Weise einige Bekannte auf das Schiff hatte kommen lassen uno mit diesen' stark getrunken'hatte,' so'daß èr gegen Mitternacht die zweitePflichtwidrigkeit beging, sich in dem ihm sonst nicht zugänglichen Offizierssalon des Schiffes zum Schlaf niederzulegen. Diesen günstigen Augenblick benphte dann der M trose Conrad Kohler, um sich auf den Wehrlosen zu stürzen und ihm mit einem Messer die Kehle ^durchzli- schneiden. Hierauf versuchte er die Kasse des Stationsschiffes zu erbrechen und schleppte, als ihm dies nicht gelang, die mehrere Zentner schwere Kiste an Deck, wo er sie mit Tauenumwandundin ein vorhervonihm klargemachtes Beiboot herabließ. In diesem Boote trieb er darauf dem offenen Meere zu, wurde aber kurz vor der Hafenausfährt von einem Fischerboot verfolgt, weshalb er sich entschloß, an Laud zu gehen, wo er schließlich nach einem nochmaligen vergeblichen • Versuch, die Kiste zu öffnen, diese ihrem Schicksal überließ und die Flucht ergriff. Wenige Tage später gelang bann, seine Verhaftung, durch welche die zunächst von den deutschen Behörden gehegte Annahme, daß ein Athener für den Mord in Frage komuze, zerstört wurde. Der am 16. Februar 1873 in Unterbopfingen bei Weingarten in Württemberg geborene Angeklagte wurde dann am 23. Januar dieses Jahres vor das Kriegsgericht der zweiten Marineinsveklion in Wilhelmshafen gestellt und von diesem zum Tode, 6.Jahren und 4 Monaten Zuchthaus, zur Entfernung aus der Marine, sowie zum dauern- ten Verlust der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Die gegen dieses Urteil eingelegte Berufung hatte eine nochmalige Verhandlung der Sache zur Folge, in welcher schließlich der Antrag auf Untersuchung des Geisteszustandes des Angeklagten vom Gericht angenommen wurde, worauf Kohlex auf sechs Wochen in die'Hildesheimer Irrenanstalt überführt wurde. , Nachdem diese Untersuchung die völlige geistige Intaktheit des Angeklagten ergeben hat, stand er nunmehr heute zum dritten Male vor seinen Richtern. Ueber das Urteil wird gemeldet: Der Matrose Kohler wurde zum Tode, Versetzung in die zweite Klasse des Soldatenstandes, Entfernung aus der Marine, dauerndem Verluste der bürgerlichen Ehrenrechte verurteilt. Ferner erkannte das Gericht wegen schweren Diebstahls und Fahnenflucht auf 6 Jahre 3 Monate Zuchthaus.
Ein Familierrdrama im Waloe hat sich in der lltâhe von Bruck, einer kleinen österreichischen Stadt, abgespielt. Dort hat der Besitzer des Pechhütten-Gasthauses, Franz Ranner, seine vier Kinder im Aller von zwei bis sechs Jahren und dann sich selbst erschossen. Seine Gattin rettete sich durch die Flucht. Der Vater beging den Mord an seinen Kindern, weil er sich der Not preisgegeben sah. Es war ihm bei den Bauten auf dem Frachtenbahnhofe der Bierverkauf übertragen worden, und nach Beendigung der Baulichkeiten sollte jetzt seine ausnahmsweise Konzession ein Ende haben. Dadurch war er auch vor das Ende seines Erwerbes gestellt. In seiner Aufregung wollte er seine Frau bewegen, mit ihm in den Wald zu gehen, sie weigerte sich jedoch, da ihr bas verstörte Wesen des Mannes auffiel, und hielt sich ihm fern. Ranner nahm dann seine vier Kinder mit sich in den Wald. Unter einem Tannenbanme schoß er eins nach dem andern mit einem Revolver ins Herz und jagte sich sodann eine Kugel in die Schläfe. Bauern hörten in der Nähe die Schüsse, legten ihnen jedoch keine Bedeutung bei, da sie Jäger vermuteten. Später wurden die Leichen der Kinder zerstreut aufgefunden, als ob eins oder das andere während der Bluttat des Vaters geflohen wäre. Der Wirt selbst war, als man ihn fand, noch nicht tot, jedoch im Sterben. Es wurde die Gendarmerie verständigt, die einen Wagen herbeischaffte. Als man Ranner auflud, starb er. Die fünf Leichen wurden auf einem Bauernwagen nach Bruck an der Mur geschafft.
Die schwarzen Pocken. In dem belgischen Grenzstädtchen Welkenraedt sind die schwarzen Pocken ausgebrochen. Es handelt sich um 3 Fälle in derselben Familie, von denen einer mit dem Tode der erkrankten Perlon geenbfgt hat. Die Behörden haben alle Vorsichtsmaßregeln getroffen, um die Krankheit auf ihren Herd zu beschränken.
Der Dynamit-Anschlag gegen die „Umbria". In einer Meldung aus Newyork heißt es: Die Polizei ermittelte, daß die Höllenmaschine in einem grünen Wagen von 2 Italienern auf die Landungsbrücke gebracht worden .................................. «^^<«-r-m—, ,,—,,„,
ist. Das Dynamit ist ans Pennsylvanien, die Batterie 1 stammt aus Ohio, das Uhrwerk ist in Connccticat angeferiigt. Die graphologischen Sachverständigen gaben ihr Gutachten dahin ab, daß der Brief von einem gebildeten Amerikaner, der seine Handschrift zu verstellen suchte, geschrieben sei.
Ein neuer Komet. Die Hamburger Sternwarte berichtet: Der Privatastronom Grigg auf Neuseeland entdecke einen neuen Kometen am 16. April. Die Bezeichnung des Kometen ist 190c b. Er befindet sich südlich des Sternbildes Orion.
Gestrandet. Nach einer Lloyd-Depesche aus Mozambique ist der deutsche Dampfer „G o u v e r n e u r" unweit der Punbabucht gestrandet. Die Reisenden und die Post werden durch den Dampfer „Reichstag" nach Mozambique gebracht, von wo sie auf dem Dampfer „Herzog" weiter befördert werden sollen. Zwei Dampfer sind zur Flottmachung abgegangen.
Schwere Hungersnot. In den Distrikten von Nanning und und Tsunfa ist eine schwere Hungers- n o t ausgebrochen. Eine 73000 Köpfe starke Bevölkerung ist in Mitleidenschaft gezogen. Von hier gehen Lebensmittel ab, die für etwa zwei Wochen Hilfe bringen dürften.
„Das bezaubernde Sizilien". Aus Mailand in Oberitalien schreibt man der „Voss. Ztg.": Vor den Geschworenen in Termini Jmerese hat ein Prozeß seinen Anfang genommen, der gegen nicht weniger als 197 Angeklagte wegen Mitschuld an den Verbrechen des Briganten Varsa'ona und seiner Bande geführt wird. Natürlich ist auch diese saubere Sippschaft angeklagt, wird aber über das strenge Kontumaz-, also „in Abwesenheit" der Hauptschuldigen gefällte Urteil ebenso lachen, wie über die seit Jahren erlassenen Haftbefehle. Die Anklageschrift nimmt das bezaubernde Sizilien, das von den Strahlen der Sonne und von ewigem Blumenflor geküßt wird, wie sich der poetisch angehauchte Staatsanwalt ausdrückt, gegen den Vorwurf der Verbrecher-Verbindungen in Sckutz und leugnet die Existenz der Masfia als einer über ganz Sizilien verzweigten geheimen Gesellschaft. Sie versteigt sich zu der wohl etwas gewagien Behauptung, daß in den zivilisierten Ländern nicht weniger Verbrecher-Vereinigungen als hierzulande bestehen. Wenn man in Rücksicht zieht, daß binnen kurzem ein ähnlicher Prozeß gegen 25 Angeklagte in Modica stattsinden wird und wenn man fast täglich von räuberischen Ueberfällen durch maskierte Männer liest, muß man wohl zu einer anderen Meinung gelangen und sagen, daß die Sicher- heitsverhâltnisse in gar keinem Vergleich mit jenen des eigentlichen Italiens gestellt werden dürfen. In diesem einst so blühenden Lande ist vieles faul und die Maffia, die sich zu einem so glänzenden Verteidiger gratulieren darf, wird leider noch lange ihr Unwesen treiben.
Eisenbahnunfall.
Görlitz, 12. Mai. In der Nacht stieß ein auf dem Bahnhöfe eintreffenber Berliner Zug mit einer Lokomotive zu- sammen. Ein Beamter und ein Trainsoldat wurden verletzt.
Braud einer Abtei.
Trier, 12. Mai. Die uralte Abtei Karthaus brennt. Die benachbarte Kirche ist gefährdet.
Wechselfälschungen.
Mühlheim a. d. Ruhr, 12. Mai. Der Weinhändler Nacken wurde verhaftet. Er wird Wechselfälschungen in der Höhe von 20 000 Mark beschuldigt.
Durch Pferdehusschlag verletzt.
Hannover, 12. Mai. Der Leiter des Militärreit- lnstiluts General v. Mitzlaff wurde in der Reitbahn durch einen Pferdehufschlag der linke Unterschenkel zerschmettert. Der General wurde nach dem Krankenhause gebracht.
Madrid, 11. Mai. Ein Telegramm der „Correspon- dencia de Espagna" meldet, daß die Soldaten, welche sich weigerten, nach Tetuan abzugehen, nach Fez marschieren werden, da sie ihren Sold nunmehr erhalten haben.
Ncw-Nork, 11. Mai. Ein Telegramm aus Panama meldet: Der Präsident von Kolumbien, Marroquin, wurde gezwungen infolge politischer Unruhen von seinem Amte zurückzutreten. Der zweite Vizepräsident, Reyes, wurde zum Präsidenten ernannt.
Watsonville (Kalifornien) 11. Mai. Präsident Roosevelt ist hier eingetroffen. Im Laufe einer Rede, die er hier hielt, besprach er die vorherrschende Stellung, welche bis Vereinigten Staaten im Stillen Ozean besäßen. In der Zukunft würden sie eine unendlich viel bedeutendere Stellung ein nehmen. Im Laufe des jetzigen Jahrhunderts müsse der Stille Ozean unter amerikanischen Einfluß kommen. Dadurch werde zweifellos der Nation ein großes Maß von Verantwortlichkeit aufgebürdet. Die Nation könne aber nicht groß sein, ohne einen Preis für die Größe zu zahlen. Nur eine feige Nation könne gegen die Zahlung dieses Preises sein.
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flyie gegen Karl Funk von mir aus- gesprochene Beleidigung nehme id)_olä unwahr zurück. 8735
Bernhard Streb.
Drahtnachrichten.
Wismar.
Stockholm, 11. Mai. Der Staatsausschuß des Reichstages hat heute der Vorlage zugestimmt, nach der die Regierung ermächtigt werden soll, von dem Reckte abzusehen, die Stadt Wismar mit Umgebung durch Erlegung der Pfandsumme wieder loszukaufen.
Vom Bischof Korum.
Berlin, 12. Mai. Die „Berl. Polit. Nachr." melden: Bischof Korum genehmigte die Erteilung des katholischen Religionsunterrichtes an der neuerrichteten kommunalen höheren Töchterschule zu Kreuznach.
Senatswahlen in Spanien.
Madrid, 11. Mai. Die letzten Ergebnisse bei den Senatswahlen sind: Gewählt wurden 106 Konservative, 47 Liberale, 3 Anhänger des Herzogs von Teiuan, 3 Demokraten, 1 Regionalist, 2 Republikaner, 5 Unübhângige, 1 Carlist und 4 dem geistlichen Stande Angehörige.
Die Forderungen gegen Venezuela.
New York, 12. Mai. Präsident Noo!evelt ernannte den Deutsch-Amerikaner Dr. Nolls zum Präsidenten der gemischten Kommission für die deutschen Forderungen gegen Venezuela.
Ausschreitungen.
Fünskirchen, 12. Mai. Die Ausschreitungen in Kroatien und Slavonien dauern fort. In Szisz'k zerstörte der Pöbel die Einrichtung der Cafèhäuser und schlug die Fenster der Bürgermeisterei und des Zollamtes ein. In Brod wurden die Bahnhofsfenster eingeschlagen.
Ansgeschobener Ausstand.
New-Nork, 11. Mai. Der Ausstand der Unterbeamten der Southern Pacificbahn ist verschoben worden, wegen den eingeleiteten Bemühungen den Streik beizulegen. Der Staat Kentucky verklagte die Southern Pacificbahn wegen rückständiger Steuern im Betrage von 1 Mill. Dollars.
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Sprechfaul.
Für die unter dieser Rubrik ein gesandten Notizen übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.
Kollektenunwesen.
Einsender möchte mit diesen Zeilen darauf Hinweisen, bei Darreichung von Liebesgaben und Unterstützungen zu wohltätigen Zwecken an auswärtige Kollektanten, Kolporteure, Bilder- und Bücherverkäufer recht vorsichtig zu verfahren. Die Erfahrung hat gelehrt, daß zur Einsammlung solcher Liebesgaben nicht immer die lautersten Elemente auf der Bildfläche erscheinen. Insbesondere ist dem Angebot von Bildern seitens hausierender Verkäufer, dem das Mäntelchen der Wohltätigkeit umgehängt wird, mit gerechtem Mißtrauen zu begegnen. Es birgt sich darunter meist ein Unternehmen, bei dem Verleger und Verkäufer den Löwenanteil beziehen, während der Anstalt, für die hausiert wird, nur ein ganz verschwindender Nutzen zugute kommt. Offenbarer Schwindel wird auch vielfach damit getrieben. So bot erst im vergangenen Jahre ein Verkäufer hier Bilder an, deren Erlös für den Bau einer Kirche in Offenbach a. Glau bestimmt sei. Nachfragen ergaben, daß diese Gemeinde längst eine Kirche besitzt und keinen Verkäufer zu dem angegebenen Zwecke autorisiert hatte. Gegenwärtig hausiert ein junger Mann mit Büchern in hiesiger Stadt. Sein Angebot empfiehlt er mit dem Bemerken, daß der Erlös zur Unterstützung der Kinderheilanstalt in Soden bei Salmünster bestimmt sei. Eingezogene Erkundigungen haben jedoch ergeben, daß in Soden gar keine Kinderheilanstalt existiert. Es ist daher auch in diesem Falle für die freundlichen und hilfsbereiten Herzen möglichste Vorsicht geboten, wozu wir hiermit leise gemahnt haben wollten.
Mehrere Bürger.
Für eine unverschuldet in Not geratene Mutter von zwei kleinen Kindern wird eine Stelle gesucht. Da es sich um einen Akt der Wohltätigkeit und eine Frau handelt, die nach jeder Richtung hin empfohlen werden kann, so hofft man auf diesem Wege der armen Frau einen geeigneten Erwerb verschaffen zu können. Anfragen bittet man unter X 10 an die Redaktion d. Bl. zu richten.
Briefkasten.
S. in W. — Willkommen.
N. N. Wir wiederholen nochmals, daß anonyme Zusendungen keine Aufnahme finden können.
Löwenheim,
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