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nauer
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GehWèkt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau. 1
General-Anzeiger.
Amtliches Organ für Mt- M Landkreis SaiiW.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
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Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf« gespaltene Petitzeile oder deren Naum, für Auswärts 15 Pfg., im Neklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.
Verantwort!. Redakteur: <8. S ch r e ck c r in HanW,
Nr. 236 Fernsprechanschluß Nr. 605.
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Kus Stadt und Cand.
Ein Rmidgaiig durch die Festräume.
Von einem Frennde des Vaterländischen Frauen- Vereins.
Hanan, 9. Okt.
Schon im Mai hatte unsere heimische Presse verkündet, daß der Zweigverein Hanau des Vaterländischen Frauen- Vereins im Oktober d. J. die fünsundzwanzigste Wiederkehr seines Stiftungstages, 27. Oktober, begeht, und daß zur Feier dieses Jubiläumswiegenfestes ein großer Basar geplant werde. Auch wurde bereits vom Vorstand, dem zur Zeit die Damen Frau K. Heraeus, als Vorsitzende, Frau Amalie Weishaupt, stellvertretende Vorsitzende, Frau Landrat v. Beckerath, Frau Dr. Bitlle, Frau Oberbürgermeister Dr. Gebeschus, grau E. Koch, Fran Emilie Morin, Frau Zahn, Frau H. F. Ziegler, Fräulein Leisler und Fräulein Neumann und die Herren Hauptmann a. D. v. Buttlar, Schriftführer, C.Boehm, Schatzmeister, W.Heraeus sen., Superint.Sopp, Pfr. Wessel und Dr. Ambrosius angehören, ein engerer Allsschuß bestimmt, die Vorbereitungen zu dem Fest in die Hand zu nehmen. Längere Zeit hörte man nun nichts weiter, nur wer Gelegenheit hatte, in engeren Kreisen lauschen zu können, der merkte, daß der begonnene Faden im Stillen weitcrge- fponnen wurde. Schnell gingen die Sommermonate darüber hin, und als die Tage wieher bereits empfindlich kürzer wur= den, begannen in den verschiedensten Kreisen Hanaus sich Köpse imb Hände zu regen, die Vorbereitungen zürn Ehrenfest des allgemein beliebten und geschätzten Vereins in weiterem Umfange zu treffen. Dank eines Aufrufes, der jebem Glied unserer nationalgesinnten, den Bestrebungen des Vaterländischen Frauenvereins sympathisch gegenüberstehenden Fainilien Gelegenheit gab, seine Kräfte zur Mithilfe dem leitenden Ausschuß zur Verfügung zu stellen, wurde die Beteiligung eine ganz allgemeine, llicht auf einzelne Gruppen oder Kreise beschränkte, imb damit war ein guter Grund zum Ausbauen des Programmes gelegt und alle Aussicht 311 einem erfolgreichen Gelingen des Festes gewonnen.
Mit diesen rückblickenden Gedanken machte ich mich gestern auf den Weg, der Turnhalle der Turngemeinde Hanau, in deren prächtigen Räumen das Fest stattfindet, am Tage der Generalprobe einen Besuch abzustatten. Ueberrascht war ich von dem verällderten Bild, das der Turnsaal mir bot. Im schönsten reinen Jugendstil ist die einheitlich wirkende Dekoration durchgeführt nach den Ideen des Herrn Profestor Wiese, der im Verein mit Herrn Maler W. Schultz sich in bewährter altgewohnter Weise in den Dienst der guten Sache gestellt hat. Den Eintritt zum Saal flankieren drei hohe Pylonen, an denen sich, damit auch der Humor nicht fehlt nnb den Einlretenden gleich begrüßt und in Stimmung versetzt, weibliche Figuren, ein „Ueberweib" versinnbildlichend emporwinden. An den Längsseiten des Saales streben aus großen blau und weiß lackierten Kübeln je vier mächtige bis an die Galerie reichende Pyramiden hervor, ans frischem Tannengrün funftvoU gefertigt, mit bunten Bändern umwun- ben, mit zahlreichen goldnen Kugeln verziert, und begrenzen zugleich die einzelnen Verkaufsstände. Die Galerien sind durch kräftige Tannengirlanden verziert. Von der Decke endlich hängen verschiedenartig angeordnet bunte Wimpeln herab, die dein ganzen einen originellen, bunten Abschluß nach oben geben, ohne dabei die schöne Wölbung der Decke des Saales ganz zu verdecken. Die Idee stammt, wie gesagt, von Herrn Professor Wiese, ausgeführt wurde sie unter Leitung des genannten Herrn von Herrn Schwellenberg im Verein mit Herrn Schreiner Hch. Hack. Einen besonderen Reiz verleiht aber den Festräumen der reiche Damenflor in seiner einheitlichen Kleidung. Alle Damen am Buffet und den Vcr- kaufsständen, sowie die Sängerinnen und Tänzerinnen sind einheitlich in Gewändern des Jugendstiles gekleidet, auch Frisur und Haarschmuck, schmale goldne Reifen und große Blumen, sind gleichartig. Und da die Stoffe zu den Kleidern ganz verschiedenartig, aber doch alle 'stil- und farbengerecht sind, ist damit ein höchst eigenartiges, geradezu bezauberndes Bild voller Jugend, Farbe, Leben und dabei Harmonie geschaffen, auf das alle, die ratend oder sich beteiligend mitgeholfen, stolz sein können.
Ich begann nunmehr meinen Rundgang. Zuerst boten mir reizende Damen ein Exemplar der Festzeitung an. Gern nahm ich cs entgegen, da es das Programm der Aufführungen enthielt und überdies durch die künstlerische Ausführung würdig war, ein bleibendes Andenken an das Fest zu bilden. Wie man mir erklärte, sind die Zeichnungen von Herrn Löwer, Mitglied des Klub „Cellini", entworfen und dann durch Holzschnitt (Xylograph Herr Geist hierselbst) vervielfältigt. HergestcUt wurde ^ie AeituNa in der Buch- und Kunstdruckerei
Freitag den 9. Oktober
von Döring u. Hüning, nach spezieller Angabe des Herrn Hüning. Die bei Wohltätigkeitsfesten schon oft bewährte Munificenz dieser Firma ^ermöglichte es, daß die Zeitung zu dem billigen Preise von 50 Pfg. verkauft werden konnte. Von dem Inhalt möge sich jeder selbst überzeugen, ich will davon nichts verraten. „Am Samstag gibts eine weitere Nummer mit ganz neuem Inhalt", eröffneten mir gleich die geschäftskundigen Verkäuferinnen.
Rechts wandte sich alsdann mein Schritt. Die „Post" hatte hierselbst ihren Platz gefunden (Leitung: Fräulein Caro Boch, außerdem Fräulein Toni Döring, Geibel, Schade und Zwicker). Die Besucher können hierselbst gegen einen Gutschein die von ihnen gekauften oder gewonnenen Sachen abgeben und bekommen alsdann ihr Eigentum am nächsten Tage frei in die Wohnung gebracht. Ein größeres Entgegenkommen kann man nicht erwarten und gleichzeitig wird man zu der Ueberzeugung gedrängt, daß die Leitung bestrebt gewesen ist, alles auf das praktischste und schönste einzurichten. Natürlich wird hier auch Gelegenheit geboten, seinen Lieben imb Freunden in der Ferne die übliche Ansichtskarte zu senden. Auch hierin ist diesmal etwas ganz Eigenartiges geboten, indem von einer hiesigen Familie kunstvoll gezeichnete und ausgeführte Postkarten dem Verein für das Fest gespendet wurden. Die Zeichnung ist das Werk eines Sohnes unserer Heimatstadt, des Herrn Adolf Hosse, der z. Zt. in Rotenburg a. d. Tauber seiner Kunst und seinen Studien lebt
Ich trat an die anschließende Budenreihe heran. Zunächst steht die Spielwarenbude, deren Leitung Frau Dr. Koref übernommen hat unter Mithilfe von Frau Berlizheimer, Frau Jean Siebert,' Frl. Eckhard und Fräulein Haffyer.
Daran schließt sich die Waffeln- und Schokoladenbude unter Leitung von Frau Rittmeister v. Eckartsberg, der sich Frau Major Schraub, Frau Oberleutnant v. Papen, Fräulein Julie Deines, Fräulein Koref und Fräulein v. Velpert angeschlossen haben. Den Abschluß der Verkaufsstände auf dieser Seite bildet die Bude oder richtiger der Vcrkaufsstand für Kunst- und Ziergegenstände (Leitung Frau v. Buttlar unter Mitwirkung von Frau von der Becke, Frau August Brüning, Frau von Büngner, Frau von Meding, Frau Oppenheim.)
Ein paar Schritte weiter — da stürmen mir junge Mädchen entgegen, die mir ebenso liebenswürdig wie gewandt Lose der Tombola anbieten. Frau Rudolf Küstner waltet hier ihres Amtes als Leiterin und die Damen Frl. Else Brenner, Ottilie Fenner, Dora Kalb, Martha Meyer und Else Schwind stehen ihr jederzeit dienstbereit zur Seite.
Kaum bin ich diesen Boten des Glückes entronnen und habe meine Schritte an der Bühne vorbei nach links gewandt, als mit einem Mal mich eine Schar unheimlicher Gestalten umzingelt. Zigeuner, echte Pußtatöchter und -söhne haben hier ihr Zelt aufgeschlagen. Malerisch auf Stroh gelagert, ihre fahrende Habe im Zelt zusammengedrängt, laden sie mich zu einem Besuche ein, dem man nicht leicht wiberftehen kann. Liebenswürdig gestatten sie die genaue Besichtigung des Lagers nach allen Ecken hin, und habe ich mich in meiner Hoffnung, vielleicht eine hohe Belohnung zu erringen, mich leider täuschend überzeugen müssen, daß die vielgesuchte Elfe Kassel hier nicht zu finden ist. Nach einem wohlschmeckenden Imbiß, vermutlich aus fremden Kellern und Küchen heimlich geholt, erstand ich für billig Geld einige Kleinigkeiten, wie sie so fahrendes Volk gern verkauft, spendete den z. T. recht ärmlich gekleideten Kinderchen — beim dunkellockigen Jüngsten hat es nur für ein Hemdchen gelangt — einen Nickel und verließ die Stätte fröhlichen Treibens, welche dem Tennisklub „Quick" unter Führung von Herrn und Frau Heinrich Heraeus ihr Dasein verdankt.
Meinen Rundgang weiter fortjetzend, bewunderte ich die an das Zigeunerlager sich anschließenden reich ausgestatteten Buden für Haushaltungsgegenstände und Modewaren und Handarbeiten. Leiterin der erstgenannten Bude ist Frau Präsident Koppen unter Assistenz von Frau Bohnè, Frau v. Spindler, Frl. v. Kraatz-Koschlau und Frl. v. Koziczkowska. Die Bude für Modewaren und Handarbeiten untersteht Frau Heinrich Brüning und sind außerdem hier tätig: Frau von Maltitz, Fräulein Bornett, Fräulein Hamm und Fräulein Schultz.
Den Abschluß bildet in der her Post gegenüber liegenden Ecke des Saales ein mit entzückenden Kindern Floras von Frau Dr. W. Heraeus äußerst geschmackvoll ausgestatteter Blumenstand, dessen bunter und dichtender Inhalt außerdem noch von Frau Major v. Ehrenkroog, Frl. Mimi Becker, Frl. Käthe Döring, Frl. Kohler, Frl. Reimers und Frl. Zwicker zum Versauf angeboten wird.
Damit war ich zum ^Ausgangspunkt zurückgekehrt und wollte nunmehr meinen Schritt nach den oberen Räumen numbei'. Der Weg dahin führt über die truppe neben der
Fernsprechanschluß Nr. 605
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Post, wie deutliche Plakate beweisen, da es im Interesse des ungehemmten Verkehrs auf den Treppen und Korridoren notwendig ist, daß die Treppen immer nur in einer von d et- Leitung vorgeschriebenen und durch große Plakate deutlich gekennzeichneten Richtung benutzt werden. Im Begriff zur Treppe $11 gelangen, fesselte in diesem Augenblick eine kleine Grnppe meine Aufmerksamkeit. Boten, die kommen und gehen um Meldungen zu überbringen oder Anweisungen nach allen Richtungen hin zu verbreiten, beweisen, daß in den Händen von Frau E. Morin und Herrn v. Buttlar alle Fäden zu« samurenlaufen. Diese Beiden nicht um die Bürde ihres Amtes beneideud, gehe ich die Treppe zur Galerie und dem kleinen Saal hinauf und betrete damit das unbeschränkte Reich von Fräulein Marie Leisler, welche mit kundiger und erfolggewöhnter Hand ein einladendes, üppig ausgestattetes Büffet hergerichtet hat. Ein großer Stab von Damen steht ihr zur Seite und zwar Frau Landrat v. Beckerath, Frau Dr. Diesterweg, Frau San.-Rat Dr. Hartmann, Fran Dora Jäger, Frau Bertha Kraus, Frau Staatsanwalt Ramelow, Frau Sachsenweger, Frau Hauptmann Schulz, Frau Dr. Seligmann, Frau Julius Steinheuer, Frau Josef Waltz, Fräulein Rohde, Sommerhoff, Trapper und Johanna Witzel. Unermüdlich walten die Damen ihres anstrengenden Amte- und tragen trefflich zubereitete Speisen aller Art zu, ferner Champagner, Wein, in Flaschen sowohl wie glasweise und Bier, Nicolay - Bier gestiftet von dem Haufbrauhaus Hanau vorm. Gg. Ph. Nicolay und Kanzler-Bräu 150 Fl., gestiftet von her Hof-Bierbrauerei Hanau A.-G. norm. G. Koch. Eine Preistafel ermöglicht jedem, sich einen Begriff von der reichen Ausstattung des Büffets zu machen und über-raschr durch die bei derartigen Festlichkeiten in anderen Städten ungewöhnten zivilen Preise. Gerade im Begriff mich nieder- zulasseu, sehe ich, wie Austern vorbeigetragen werden, ich suche die Spur auf — und finde eine Austernbank, die, von der Gattin eines hiesigen freigebigen Groß-Industriellen gestiftet, einen köstlichen Genuß und hoffentlich auch glänzende Einnahmen verspricht.
Ausgeruht und gestärkt, und fast des Sehens schon müde, schied ich von dem gemütlichen Raum, betrachtete von der Galerie herab eine Zeit lang das bewegte bunte Bild im Saal und suchte dann die letzte Sehenswürdigkeit auf die in den verfügbaren Parterre-Räumen aufgeschlagen worden ist. Ist man die Stufen herabgesticgen, sieht man einen hessischen Bauernhof, zu dessen Besuch echte kreuzfidele Tirolerinnen einladcn. Frau Oberbürgermeister Dr. Gcbe- schus versieht die Würde und das verantwortungsvolle Amt der Wirtin, Frau Bechtel-Landgrebe, Frau Bückmann, Frau Regierungsrat Dr. Wenke, Fräulein Burv, Heller, Bertha Hofmann und Fräulein Neumann harren ihres Winkes und der Wünsche der Gäste. Kurze Rast und weiter gings hinein in die „Bauernschänke", empfangen von echten Wirten, Herren Almeroth imb Hoyer. Gar mancher, der in Berlin einmal in der „Bauernschänke" gemütliche Stunden verlebt, wirb sich hier heimisch fühlen. Eine Tiroler- Gesellschaft, mehrere Damen des Chorgesanges imb Fräulein Jhlëe, Herr Almeroth, Küstner und Rohde und die Zither- Spieler Herr Augustin, Langhans und Zeul vom Zitherverein Hanau, sorgen-unablässig für Unterhaltung. Ihnen werden sich die verschiedensten bewährten Komiker unserer Stadt anschließen. Und ivas die originelle Ansstattung dieser Schänke aulangt, so genügt der Name „Meister W. Schultz" — und jeder weiß, daß alles vollendet gelungen ist. Herr Weiß-^ bindermeister Aug. Wörner ist beim Malen Herrn Schnitz behilflich gewesen. Während ich mitten im vollsten Lärm und Trubel meine Ansichtskarten schrieb, befahl plötzlich der Wirt mit lauter Stimme, daß alles ihm zu folgen hätte. Im Zug ging's in ein „Hinterstübchen", geschmackvoll als Biertunnel eingerichtet. Der besondere Schmuck dieses Raumes waren wertvolle Funde aus lange zurückliegenden Zeiten, auf die man bei Ausgrabungen in Stadt- und Landkreis Hanau jüngst gestoßen und die hier zum ersten Male der Öffentlichkeit gezeigt werden. Daneben haben äußerst seltene und sehr schwierig zu beschaffen gewesene Raritäten Platz gefunden, für die uns Herr Winsel vom Klub Cellini ein kunstverständiger Führer war. _ | •
Hochbcfriedigt und mit neuen Eindrücken reich versehen, gings dann wieder zurück in die Bauernschäicke. Schmeckte das vom Hofbrauhaus Hanau vorm. Nicolay, in unbegrenzten Quantitäten gespendete köstliche Naß auch noch so gut, einmal muß doch geschieden sein. Ich war auch am Schluß wirklich müde, so viel war geboten. Und sollte mir in der Fülle das eine ober andere entgangen sein, so bitte ich um gütige Nachsicht. Mein Versprechen, diesen Führer zu schreiben, gemahnte mich zum Aufbruch. Noch einen Blick zum Abschied in den Saal. Eine Frage hatte ich noch auf dem Hemen, auf die ich Antwort haben mußte. Woher stammt