Hanauer
Erstes Blatt
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Och«« und verlegt in der Buchdruckerei des verein, rv, Waisenhauses in Hanau.
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Acklichts AM fit Stadt- »ad Fandtrrtis Kama.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Anzeiger
Einrilckungsgedühr:
Stadt- und Larrdkreis Hanau 10 PfA die fünf ' palicue Peürzeile oder deren Raum, für Auswärts l^fl, im^Reklameutheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.
Dcrantwsrtl. Redakteur: 6. Schrecker in ^ ^yW,
Nr. 256
Fernsprechanschluß Nr. 605*
Montag den 2. November
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FernsPrechmschluß Nr. 605* 1903
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Arrrtliches.
Stadtkreis Danau.
Ausschreiven.
Der bei der König!. Staatsanwaltschaft zu Frankfurt a. M. wegen Einbruchsdiebstahl in Untersuchung stehende Buchdrucker August Badsching, geb. am 4. Juli 1880 zu Karlsruhe, ist in der Nacht vom 1. zum 2. November 1903 auS dem hiesigen Polizeigefängnis, woselbst er als Transport- gefangener untergebracht war, ausgebrochen, nur mit buntgestreiftem Hemd und melierter Hose bekleidet.
Beschreibung:
Alter 23 Jahre, Größe 1,75 bis 1,80 m, Statur schlank aber kräftig, Haare blond, kurz gehaltener Vollöart.
Um Anstellung der eingehendsten Recherchen, Festnahme des Badsching im Betretungsfalle und Ablieferung an die Königl. Staatsanwaltschaft zu Frankfurt a. M. bei Nachricht anher wird ergebenst ersucht.
Hanau den 2. November 1903. I. Nr. P 8895
Königliche Polizeidirektion.
Landkreis Danau.
Bekanntmachungen des Königl. Landratsamtes.
Der Metzger Heinrich Röll in Langenselbold beabsichtigt auf seinem Grundstück daselbst, Karte 42, 43 und 69 Nr. 82 — Steinweg Nr. 5 — eine Schlächterei einzurichten und zu betreiben.
Es wird dies mit dem Bemerken zur öffentlichen Kenntnis gebracht, daß Einwendungen gegen die Anlage, zu welcher die Zeichnungen und Beschreibungen im Bureau des Kreisausschusses hier offen liegen, binnen 2 Wochen, vom Tage des Erscheinens dieser Bekanntmachung an gerechnet, hier anzubringen sind.
Zur mündlichen Erörterung der rechtzeitig erhobenen Einwendungen wird Termin auf
Dienstag den 17. November d. Js., vormittags 9 Uhr, in das Bureau des Kreis-Ausschusses anberaumt und werden die Interessenten mit dem Bemerken vorgeladen, daß im Falle des Nichterscheinens gleichwohl mit der Erörterung der erhobenen Einwendungen vorgegangen werden wird.
Hanau den 29. Oktober 1903.
Der Vorsitzende des Kreis-Ausschusses.
3.9tr.A4401. v. Beckerath. 19687
Stadtkreis Danau. Belmmtmachungen des Oberbiirgermeisteramtes.
Bekanntmachung.
Für die mit Ende d. Js. auèscheidenden Mitglieder der Stadtverordneten-Versammlung sind Ergänzungswahlen vorzunehmen :
Es scheiden folgende Herren aus:
III. Wahlabteilrmg:
Kaufmann Jean Bailly,
Rentner Jakob Bier, Rentner Philipp Föll, Fabrikant Karl Glaser.
II. Wahlabtâng:
Rechtsanwalt Karl Eberhard, Fabrikant August Hoffmann,
Fabrikant Friedrich Kreuter zu m, Kaufmann Friedrich Roth.
I* Wahlabtsilu»g:
Fabrikant Heinrich Brüning, Fabrikant Dr. Wilhelm Heraeus,
Rentner Rudolf Küstner,
Fabrikant Willy Rodde.
Außerdem ist in der II. Wahlabteilung eine Ersatzwahl ans eine Wahlzeit bis Ende 1905 für die Herren Jung, Koch und Wörner vorzunehmen, desgleichen in der II. vvagl- abteilung bis 1907 für Herrn Dr. Fues.
Die Wahlen finden wie folgt statt:
Die Wähler der III* Abteilung Wahle» am Montag den 23* November, Dienstag de» 24* November und Mittwoch den 25. November d. täglich von vormittags l0 bis mUtags l llht und nachmittags von 4 bis 8 Uhr und zwar die Wähler, deren Name mit den d«Eâ» bis K beginnt, im unteren Saale, die Wahler, deren Name mit den Buchstabe» L bis Ä beginnt im oberen Saale des Neustädter Rathauses.
Die Wähler der II. Abteilung wähle» am Freitag de» 27* November d. Js«, von vormittags 10 Uhr bis mittags 1 Uhr und nachmittags von 4 bis 8 Uhr, im unteren Saale des Rathauses.
Die Wähler der I* Abteilung wählen am Samstag den 28. November d. Js., von vormittags 10 bis mittags 1 Uhr, im unteren Saale des Rathauses.
Zur I. Wahlabteilung gehören die in der Liste der Stimmberechtigten verzeichneten Wähler, welche an direkten Steuern (Staats- und Gemeindesteuern zusammen gerechnet) in der Stadt Hanau 1588,15 Mk. und mehr,
zur II. Wahlabteilung diejenigen, welche mehr als 199,80 Mk. bis einschließlich 1551,40 Mk. und
zur III. Wahlabteilung diejenigen, welche 199,50 Mk. und weniger entrichten.
Für die Wahl kommt die Vorschrift des § 18 der Städte- Ordnung für die Provinz Hessen-Nassau in Anwendung und müssen demzufolge von den in der III. Abteilung zu Wählenden drei Hausbesitzer und von den in der II. Abteilung zu Wählenden einer Hausbesitzer sein.
Wahlberechtigt und wählbar sind nur diejenigen Personen, welche in der Liste der Stimmberechtigten verzeichnet sind.
Wir laden hierdurch die Stimmberechtigten zur Teilnahme an den Wahlen ein.
Hanau den 30. , Oktober 1903.
Der Magistrat.
Dr. G eb eschus. 19661
BokamrLmaHmrg.
In dem Konk«rsvcrsohre» über den Nachlaß des am 3. September 1903 verstorbenen Handelsmanns Gustav Kaufmann zu Langendiebach ist Termin zur Gläubiger- versammlung auf Antrag des Konkursverwalters auf den
24* November 1903, vormittags 9 Nhr, anberaumt.
Tagesordnung:
Antrag des Verwalters, das Verfahren wegen Fehlens einer den Gerichtskosten entsprechenden Masse einzustellen.
Langenselbold den 29. Oktober 1903. 19622
Der Gerichtsschreiber Königliche» Amtsgerichts.
Hus Stadt und £and*
Hanau, 2. Novbr.
Landsnedcusiruch und Totschlag vor dem Schwurgericht.
(Dritter Verhandlungstag.)
Wie eine Jndranergeschichtè aus Cooper's „Lederstrumpf- erzähluugen" hört es sich an, je länger und eingehender der brutale Gewaltakt auseinandergesetzt und in seinen empörendsten Einzelheiten geschildert wird, der gegen die armen, wehr losen Leute begangen wurde. Besonders der Sturm auf das Haus, bei dem sich die Person, welche die Tür einschlug, durch wildes Brüllen und Toben hervortat, war ein wohl vorbereiteter Handstreich, bei dem sicher schon vorher jedem seine Rolle zugeteilt war. Welcher Lärm und welch' infernalisches Geheul dabei herrschte, geht daraus hervor, daß es in dem 10 Minuten von Lütter entfernten Dorfe Rhönshausen gehört mürbe und von dort Leute herbeilockte. Um so empörender ist es, daß sich Leute aus Lütter, die direkt neben dem Haus wohnen, wo der Skandal verübt wurde, die Hände empor- hehen und schwören, sie hätten nichts gehört. Selbst der Bürgermeister von Lütter, der überhaupt bei der ganzen Affäre eine eigentümliche Rolle spielt, befindet sich unter diesen Leuten.
Ei» verunglückter Hilfszug.
Zeuge Lehrer Gramm von Rhönshaufen war an dem Abend in der Endersffchen Wirtschaft in Lütter. Nach 10 Uhr sei der Schneider Schäfer blutüberströmt in die Wirtschaft gekommen und habe um Hilfe gebeten. Maurermeister Diehl sei nach einigem Zögern mitgegangen, er selbst' sei mit einer Gruppe von Leuten späterhin nachgefolgt. Sie hörten den Tumult, Fensterklirren und Schläge gegen die Tür und der Zeuge sagte darauf zu seinen Begleitern, „das geht nicht, hier müssen wir helfen." Letztere weigerten sich zunächst, schließlich ließen sich aber doch einige bereden, bewaffneten sich mit Knütteln und folgten der Weisung des Lehrers, von vorne gegen das Haus vorzurücken; sie sollten suchen, einender Täler zu ergreifen, während er selbst mit einigen Leuten von hinten herum an das Haus hdrankommen wollte, | um etwa fliehende Täler abzufangen. Die ganze Hilfsaktion i hatte keinen Erfolg, denn es wurde kein Täter gefaßt, und als I
in dem Sturm eine Pause eintrat, gingen die meisten nach Hause. Zeuge setzte sich auf eine Mauer in den Grasgarten und wartete den weiteren Verlauf der Dinge ab. Zeuge sagt auch aus, daß Sitzmann, als der Sturm im Gange war, von dem Fenster seiner Wohnung Heruntergerufe» hat, „es ist nur gut, daß ich nicht dabei bin, sonst würde der Schäfer sagen, ich sei es gewesen." Ueber die fremden Laute, welche bei dem Brüllen vor der Haustüre ausgestoßen wurden, äußert sich der Zeuge, es seien Worte darunter gewesen, wie „Sakramente, Jtaliano, Mordis". Diese Stimme soll die des Angeklagten Reith gewesen sein, der früher mit italienischen Arbeiter», die im Dorfe arbeiteten, verkehrte und sich ihre Laute angewöhnte. Die Wilhelmine Schäfer will bekanntlich auch an dieser Stimme den Reith erkannt haben. Der Zeuge hat die Stimme nicht erkannt. Ueber die Dunkelheit an dem Abend befragt, erklärt Zeuge, daß es nicht ganz dunkel gewesen sei.
Der einzige Begleiter.
Der nächste Zeuge ist Maurermeister Diehl von Rhönshausen. Er stand mit Schäfer auf gutem Fuß und war an dem Abend in der Endcrs'ichen Wirtschaft, als Schäfer mit blutendem Kopf hereinkam und um Hilfe gegen die Unmenschen flehte. Diehl stellte sich hinter eine Säule, weil er sich dachte, daß Schäfer ihn in Anspruch nehmen würde, der ihn dadurch zuerst auch nicht sah. Als er ihn aber doch enibeefie, bat er ihn um seine Begleitung, Diehl wollte aber nicht recht und fragte den Wirt, was er machen sollte. Der Wirt sagte darauf, Diehl solle nur mitgehen, denn er mache ihm die Stube sonst so voll Blut. Diehl ging darauf hin mit, sprach aber unterwegs absichtlich sehr laut und hielt sich ein Stück abseits vom Schäfer, damit dessen Feinde ihn (Diehl) an der Stimme erkennen konnten und er nicht auch noch einen Steinwurf bekäme. Schäfer jammerte unterwegs, sie hätten ihn die Hirnschale eingeschlagen und das sei sein Tod. Vor dem Schäfer'schen Hause angekommen, fanden sie die Wilhelmine Schäfer furchtbar zugerichtet auf der Treppe liegen. Sie bat, sie möchten sie um Gottes Willen in das Haus bringen, sie sei halb tot geschlagen. Diehl wollte sie auch anfaffen, hörte aber im selben Augenblick, daß jemand in seiner Nähe war und erschrak so, daß er glaubte, es könnte auch an ihn gehen. Er ließ die hilflose Person liegen und sagte, es tue ihm leid, er sei Geschäftsmann und könne sich der Gefahr nicht aussetzen. Darauf setzte er sich auf sein Rad und fuhr nach Rhömshausen. Während er fortfuhr, hörte er noch das Niederreißen einer Planke und einen Schrei. Als der Zeuge in Rhömshausen mit seinem Bruder über die Sache sprach, hörten sie, daß es in Lütter wieder mit verstärkter Gewalt losging. Man hörte das Krachen von Holz, Fenster- klirren und Jammergeschrei, worauf die beiden wieder auf Lütter zugingeu. Als sie dort ankamen, hörten sie nur noch leises Wimmern. Zeuge will ebenso wie der vorhergehende den Schäfer nicht nach dem Täter gefragt haben, der ihm die klaffende Wunde in die Hirnschale schlug.
Zeuge», die nichts sahen und nichts hörten.
Es folgt nun eine Anzahl Zeugen, die alle das gemeinsam haben, daß keiner dm Schäfer, als er in die Wirtschaft kam, gefragt haben will,, wer ihm denn eigentlich die scheußliche Verletzung beigebracht habe, auch der vorige nicht. Auch an der Stimme wollen sie niemand von den Tätern erkannt haben. Dagegen erkannten sie alle den Sitzmann an der Stimme, als er zum Fenster herausrief, daß er sich freue, nicht dabei zu sein. Der Vorsitzende fragt den Zeugen Hohmann, der auch in der Wirtschaft war: „Warum sind Sie denn nicht mitgegangen, Sie waren doch eine ganze Menge Leute, oder dachten Sie, Sie könnten auch was abkriegen." Zeuge: „Ich dachte gar nichts!" Vorsitzender: „Warum sind Sie nicht zum Bürgermeister gegangen, der doch als Orts- pölizeibehörde zur Aufrechterhaltung der Ruhe und Ordnung da ist? Herr Lehrer, dieselbe Frage richte ich auch an Sie!" Zeuge: „Der Gedanke ist mir nicht gekommen!" — Den un günstigsten Eindruck machte wohl aus alle Zuhörer die Vernehmung des Bürgermeisters, der einfach erklärte, er habe nichts gehört und ihm sei auch nichts angezeigt worden. Als Wilhelmine Schäfer und ihr Nachbar Seufferk abends aus Furcht vor kommenden Angriffen zu dem Bürgermeister kamen und ihn um Stellung einer Nachtwache baten, rief er zum Fenster hinaus, er habe keine. Am Morgen nach der Mordnacht sollte er in das Schäfer'sche Haus gerufen werden, wobei ihm mitgeteilt wurde, der Pfarrer, der Arzt, der ^aer- wachtmeister und der Gendarm von Weyhers leren bereue dort. Anèb jetzt hielt es das sonderbare Dorfoberhaup! nicht für notwendig, hinzngchm und nachzusehen, was denn eigentlich vorgegangen war. So überließ er die Leine auch letzt ihrem Schicksal und hatte kein tröstendes ^ort für sie übrig. — Der Zimmermann Drexler wohnt direkt neben dem Doppelhaus in' welchem Schäfer wohnte. Er erklärt kaltblütig, er