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Bezirks-Ferns-rechanschluß Nr. 98.
Dienstag den 28. Januar
Bezirks-Fernsprechansililuß Nr. 98. 1902
Vaterlandsliebe und Familie.
Vor einigen Tagen hat das deutsche Reich seinen 31, Geburtstag gefeiert. Bei der Gelegenheit ist naturgemäß vielfach auf den Unterschied zwischen „einst und jetzt" hingewiesen worden. Die Zeit, die vor der Wiedercrstehung des deutschen Reiches liegt, ist unvergessen. Durch Hader und Streit war Deutschland von seiner politischen Höhe hinabgedrängt und zu einem geographischen Begriffe geworden. Seit den großen Ereignissen der Jahre 1870—71 kann jeder Deutsche überall in der Welt mit dem Stolze und dem Selbstbewußtsein auftreten, das den römischen Bürger der alten Welt auszeichnele. Im Innern unsers Vaterlandes hat sich derselbe Umschwung vollzogen. Nicht als Söhne derselben Mutter, nicht als Kinder derselben Nation betrachteten sich vorher die Stämme, die im Norden und Süden Deutschlands wohnten, sondern Kälte und Feindseligkeit trug man gegen einander im Herzen. Durch Hemden Uebermuth zu gemeinsamem Kampfe gezwungen, schloffen die Deutschen auf blutigem Schlachtfelde treue Waffenbrüderschaft. Ueber den zum Grüßen gesenkten ruhmreichen Fahnen stieg im Thronsaale zu Versailles die Kaiserkrone empor, das leuchtende Symbol der unlöslichen Verbindung des gesummten Deutschlands.
Wer die Zeit mit erlebt hat, als der Traum von Deutschlands Einheit zur Wahrheit wurde, der zehrt noch an der Begeisterung, die damals Alle beseelte, der liebt sein Vaterland. Die Jugend aber, die das mühsam Errungene als etwas Selbstverständliches hinnimmt, die sich nicht vorsiellen kann, wie es einst bei uns anssah, — sie muß zur Begeisterung für das Vaterland erzogen werden. Hierzu ist allerdings in erster Linie die Schule da, und sie thut ihre Schuldigkeit. Wenn oer Lehrer unsre großen Fürsten und Männer schildert, wenn er bei jeder Gelegenheit zeigt, wie groß Deutschland dasteht, so wird er die Herzen der ihm anvertrauten Jugend mit Vaterlandsliebe erfüllen. Aber ebenso wichtig ist die Erziehung in der Familie.
„Das Heim ist die erste und wichtigste Schule des Charakters. Hier erhält jedes menschliche Wesen seine beste und schlechteste sittliche Zucht, denn hier fangen wir die Grundsätze jenes Benehmens ein, die uns durch das reifere Alter begleiten und erst mit unserm Leben endigen." Dieses Wort möge sich jede deutsche Mutter merken; denn in der Familie ist es besonders die Mutier, die die edeln Triebe in das Gemüth des Kindes pflanzt. In ihre Hand ist es daher auch gelegt, dem Heranwachsenden Geschlecht Patriotismus ein- zuimpfen.
Vor Allem hat die Mutter dafür zu sorgen, daß unter ihren Angehörigen stets in der rechten Weise vom Vaterlande und von unserm Kaiser gesprochen wird. Dadurch kann am
Feuilleton.
Zu dem Verhalten unserer Truppen tu China ist folgender Briefwechsel zwischen dem früheren Divisions- psarrer im ostasiatischen Expeditionskorps, Herrn Max Schmidt, jetzt Braunschweig, und dem Herrn Pastor D. O. Fun ck e, Bremen, zur Veröffentlichung übergeben worden:
Braunschweig, 15. Januar 1902.
Hochverehrter Herr!
Kürzlich bin ich auf einen Aufsatz Ihrer Feder aufmerksam gemacht worden, der im Daheim-Kalender dieses Jahres unter der Ueberschrift „Dein Wille geschehe" erschienen ist. Dort steht S. 108: ...... was jetzt in China geschreht, all die Greuel, die durch sogenannte christliche Soldaten ausgeübt werden .... das ist auch nicht gerade geeignet, in uns den Glauben an das göttliche Weltregiment zu stärken". Der Briefschreiber, dem ich diesen Hinweis verdanke, versteht ^re Worte so, daß der Inhalt der sogenannten „Hunnenbrrese von Ihnen als wahr angenommen wurde. Was könnten sie auch sonst gemeint haben? Welche Greuel iollen m 6bota von christlichen Soldaten verübt sein, wer sind diese soldaienr
Wollen Sie mir daher eine recht dringende Anfrage und eine sich anknüpfende Bitte gestatten. Ich war als ^ew- divisionspfarrer bei unseren Ostastaten und zwar vom Anfang bis zum Schluß des Feldzuges (16. Juli 1900 bis 21. O - tober 1901). Unsere Soldaten habe ich lange und genau kennen gelernt. Mein Dienst hat mich nach sientstn, Peking, Tongku, den Peitang- und Takuforts, Iangtsun, Langfang, im Norden bis nach Schanhaikwan und der Großen Mauer, im Westen bis zu den Ming-Gräbern und Gebirgspässen, flüchtig auch nach Paotingfu, selbst nach Nagasaki zu unseren
besten die sozialdemokratische Agitation, die Vaterland und Monarchie untergraben will, lahm gelegt werden. Auch durch patriotische Geschichten läßt sich manches erreichen. Wenn die Mutter den Kindern von der großen Begeisterung erzählt, die unser Volk 1870 beseelte, wenn sie ihnen gar mittheilen kann, daß Großvater, Vater oder Onkel geholfen haben, Deutschland auf die Höhe zu bringen, die es jetzt einimmt, dann werden die Knaben und Mädchen jubelnd singen: „Will Vaterland dir bleiben auf ewig fest und treu!" Und wenn die Mutter an den großen patriotischen Feiertagen wie demnächst am Geburtstage unsers Kaisers, Veranlassung nimmt, sie auch in der Familie festlich zu begehen, dann wird sie die Vaterlandsliebe immer von neuem kräftigen.
Auch indirekt kann die Mutter viel thun. Die Neigung für das Fremde ist ein alter Fehler im deutschen Charakter. Ist es nöthig, daß die Hausfrau ihre Kleider aus Paris bezieht ? Müssen die Kinder nicht daraus schließen, in Deutschland sei man nicht imstande ebenso Gutes herzustellen. Wenn in einer deutschen Familie vaterländische Erzeugnisse als minder- werthig angesehen werden, wenn auf französische Art gekocht wird, wenn Fremdwörter beim Sprechen überhand nehmen: muß das nicht in der Jugend den Glauben hervorrufen, daß der deutsche Geist nicht imstande sei, mit dem Auslande in Wettbewerb zu treten, daß die Muttersprache nur ein Gemisch aus Deutsch und allerlei Kauderwelsch sei? Nur die Mutter, die in ihren Kindern die Vaterlandsliebe pflegt verdient den Ehrennamen einer deutschen Frau.
Kaisers Gctmttstnp.
W. 2$erlitt, 27. Januar. Der Geburtstag des Kaisers wurde heute Morgen eingeleitet durch den Cheral „Lobe den Herrn" von der Kuppelgallerie des Schlosses. Gleichzeitig wurde das „Große Wecken" exekutirt. Die öffentlichen und privaten Gebäuden hatten geflaggt. Die Straße „Unter den Linden" und die Umgebung des Schlosses wurden von einer zahlreichen Menge durchfluthet. Der Kaiser nahm um SVs Uhr die Glückwünsche der engeren Familie entgegen, darauf diejenigen des engeren Hofes, des Hauptquartiers und der Kabinetschefs, sodann die Gratulation der Prinzen und Prinzessinnen des Königshauses und der hier versammelten Fürstlichkeiten und Obersten Hofchargen. Das Wetter ist schön.
W. Berlin, 27. Januar. Um 10V» Uhr hatten sich in der Schloßkapelle versammelt die Botschafter, das diplomatische Korps, der Reichskanzler, der Bundesrath, die Ritter des Schwarzen Adlerordens, die Minister, die Präsidenten der Parlamente und Andere. Unter großem Vortritt nahten in feierlichem Zuge die kaiserlichen Herrschaften und die Fürstlichkeiten. Der König von Württemberg führte die Kaiserin,
Schiffen — also zu allen Truppentheilen des Expeditionskorps geführt. Daraus folgere ich mein Recht zu dieser Anfrage und den Anspruch, als kundiger Augenzeuge reden zu dürfen. Ein Feldprediger wird doch der letzte sein, Schandthaten der Truppen zu beschönigen.
Als wir drüben aus Briefen und Zeitungen die Mär von den „Hunnenbriefen" erfuhren, sahen wir mit staunendem Befremden einander an. Wie man solche Dinge im eigenen Vaterlande uns zutrauen oder von uns glauben könnte, begriffen die Mannschaften so wenig als die Offiziere. Soweit die fraglichen Briefe wirklich in China geschrieben sind, enthalten sie nichts als „Schusterparolen" im Stile Münchhausens; wer wird Münchhausens Aufschneidereien aber ernst nehmen? Sehr wohl erinnere ich mich, wie im Anfänge ein Beamter der Feldpost erzählte, daß die unglaublichsten Kriegsmärchen auf offenen Postkarten in die Heimath befördert würden; welche Dinge wohl in den verschlossenen Briefen stünden! Man lachte darüber, denn diese Schreiber — daS konnten wir ge- NM nachweisen — hatten keinem Chinesen nur ein Haar gekrümmt.
Wie sah denn die Wirklichkeit aus? Wenn Chinesen verfolgt wurden oder bei der dort schnell hereinbrechenden Dunkelheit aus Angst flohen, wohin flüchteten sie? Auf dem kürzesten Wege in den Bereich, am liebsten ins Lager unserer Truppen 1 Dort wußten sie sich sicher geborgen. Ihre anfängliche Furcht war sogar schnell in eine häufig erstaunliche Frechheit umgeschlagen. In den ersten Wochen nach der Landung kam es in Tientsin z. B. binnen wenigen Tagen vor, daß Chinesen den Soldaten bei Hellem Tage das Fleisch aus dem Kochgeschirr zu stehlen versuchten oder einem Hauptmann, der ein schnell aufgeführtes Häuschen inmitten seiner Kompagniezelte bewohnte, einen Koffer entwandten, der dem aus dem Fenster springenden Diebe noch im letzten Augenblicke abgejagt wurde. Trotzdem wurden die Chinesen mit ruhiger Festigkeit behandelt, dieselben Zopfträger, von deren blutgierigen Angriffen auf das Europäer-Viertel uns täglich von Augenzeugen erzählt wurde.
der Kaiser die Prinzessin Heinrich, der Prinz von Wales in der Uniform der ersten Gardedragoner führte die Prinzessin Friedrich Leopold. Der Kronprinz führte die Herzogin von Albany. Der Kaiser nahm dem Altar gegenüber, rechts von der Kaiserin, Platz. Weiterhin saßen in der ersten Reihe u. A. der Prinz von Wales, der Kronprinz, in weiteren Sesselreihen Prinz August Wilhelm, Oskar, Joachim und die Prinzessin Viktoria Louise. Der Domchor leitete den Gottesdienst mit dem Gesänge eines Psalms ein. Oberhofprediger Dryander hielt eine Ansprache. Abermaliger Gelang des Domchors, sowie das niederländische Dankgebet schloß die Feier. — Von der Schloßkapelle schritten die kaiserlichen Herrschaften, während vom Lustgarten Salutschüsse ertönten, zur Gratulationscour nach dem Weißen Saale und nahmen vor dem Throne Aufstellung. Sodann schritten die zur Cour befohlenen Herren vorüber. Der Kaiser reichte dem Reichskanzler und den acht Botschaftern die Hand und sprach mit ihnen. Er zeichnete auck im Fortgang der Cour eine Anzahl Herren durch Ansprachen aus, so die Präsidenten der Parlamente. Nach Schluß der Cour sprach der Kaiser kurze Zeit mit dem Prinzen von Wales. Der König von Württemberg, der die Kaiserin in den Weißen Saal geführt hatte, nahm an der Cour nicht Theil.
Berlin, 27. Jan. Mittags begab sich der Kaiser mit dem Prinzen von Wales, Beide das Band des Schwarzen Adlerordens tragend, zum Zeughaus. Es folgten der Kronprinz, Prinz Eitel Friedrich, das Hauptquartier, der russische Flügeladjutant Obolenski und das Gefolge. Zahlreiches Publikum brächte Hochrufe aus. Vor dem Zeughaus hatte eine Ehrenkompagnie des zweiten Garde-Regiments mit den direkten Vorgesetzten Aufstellung genommen. Im Lichthofe des Zeughauses fand die Paroleausgabe statt. Generaloberst von Hahnke brächte ein dreifaches Hurrah auf den Kaiser aus, der dann mit dem Prinzen von Wales die Neuerwerbungen des Zeughauses besichtigte.
W. Berlin, 27. Januar. Der „Reichanzeiger" veröffentlicht einen Erlaß des Kaisers an den Reichskanzler unterm 27. Januar, welcher lautet: Ich habe beschlossen, die Benennung der Truppentheile meines Heeres in vaterländischem Sinne zu erweitern. Ich will dadurch den alten theueren Ueberlieferungen der unter meinem Szepter vereinigten Lande und Stämme in der Armee eine dauernde Stätte und die Anerkennung zu Theil werden lassen, die ich ihrer Tüchtigkeit und Hingebung an das gemeinsame Vaterland zolle. Diese alten deutschen Namen entrollen ein Bild des Werdens unseres Volkes. Ich will sie der Vergessenheit entreißen. In der Armee vereinigt geben sie ein Abbild der deutschen Geschichte. Möge der Geist, welcher die Träger dieses Namens seit Jahren beseelt und zu den Thaten befähigt
Nach einiger Zeit entwickelte sich ein harmloses, von unserer Seite vielleicht reichlich gutmüthiges Verhältniß. So hatten die meisten Mannschaftsstuben einen Chinesen von 14 bis 18 Jahren, auch ältere, als gemeinsamen Diener angenommen, der auf den Namen „Fritz" oder „Lehmann" hörte und der Stube allerlei Dienste that. Den üblichen Tagelohn (in China 10 Cents = 20—22 Pfg.) zahlten die Soldaten der Reihe nach. Sie fütterten ihren hungrigen Kuli auch durch. Ein Stück deutschen Brodes war z. B. ein gesuchter Leckerbissen, zumal die Chinesen kein Brod in unserem Sinne backen. Die Behandlung dieser Chinesenjnngen kann durchaus nicht „Humenhaft" gewesen sein, denn beim Abschiede weinten viele, weil sie nicht mit nach Deutschland sollten. So wars in den Standorten und Qua-tieren.
Daß freilich in den Gefechten und auf Streifzügen bewaffnete Boxer unschädlich gemacht werden mußten und mancher Chinese fiel, ist als Folge des Krieges selbstverständlich.
Die ganz vereinzelten Ausschreitungen find bekanntlich mit der vollen Wucht der Kriegsgesetze geahndet und die Mannszucht aufs Schärfste gewahrt worden. Ich kenne so ziemlich alle unsere Vernrtheilten, _ sowohl die leichter, als die wenigen schwer Bestraften, sie selbst und ihre Vergehen, kenne auch die Versuchungen und die Oede, in der sie lebten — und muß bezeugen, daß ich über die allermeisten nach Herz und Gewissen nicht anders, als günstig denken kann.
Es ist natürlich, daß solche Vergehen eher bekannt werden, als stille Thaten der Gutherzigkeit, der Nächstenliebe. Davon erfährt ein Feldgeistlicher in seinem Dienst vielleicht mehr, als mancher Andere. Nnr weniges führe ich an. Im schmutzigsten Straßengewirr kauern alte, durch Hunger entkräftete Chinesen. Ein deutscher Soldat sieht das und kauft von seinen paar Groschen Lebensmistel für die Hungernden, die sich dankbar zum Kotau heranschleppen. Oder ich treffe im Lazareth zu Peking einen an Brustfellentzündung lebensgefährlich erkrankten Deutschen. An einer reißenden Stelle war er in die gelben, undurchsichtigen Fluthen des Peiho einem ertrinkenden Chinesen