Einrückungsgebühr:
Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf« gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Neklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.
vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für aus« »artige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag, Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
Gedruckt und verlegt in der Duchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.
Amtliches Orgsn für Stadt- und Fandkreis Kauau
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur: G. S ch r e ck e r in Hanau.
Nr. 165
Fernsprechansckluß Nr. 605*
Freitag den 18. Juli
Fernsprechanschlnß Nr. 605
1902
Amtliches
Landkreis hanau.
Bekanntmachungen des Königl. Landrathsamtes.
Für den am 13. November 1886 in Bergen geborenen Heinrich Philipp Bttch ist um Entlassung aus dem preußischen Staatsverband nachgesucht worden.
Hanau den 7. Juli 1902.
Der Königliche Landrath.
V 6423 I. A.: Schneider, Kreissekretär.
Gefundene und verlorene Gegenstände rc.
Gefunden: 1 Taschenmesser mit weißen Hornschalen, 1 Manschette mit Knopf, 1 Kinderportemonnaie mit einem Geldstück.
Verloren: 1 Dienstbuch für Eva Gernet.
Hanau den 18. Juli 1902.
Christenthum und Sozialdemokratie.
Der „wissenschaftliche" Kampf des SozialismuS gegen das Christenthum, der auf dem Parteitage in Mainz gefordert worden war, hat seinen Anfang genommen. Im Verlage der Buchhandlung „Vorwärts" hat ein Herr Dr. Eugen Losinsky mit der Herausgabe einer Broschürenreihe begonnen, welcher er den stolzen Titel „Aufklärungsschriften über das Christenthum" gegeben hat. Bisher liegen vier Heftchen vor. Jedes trägt auf dem Titelblatt die marktschreierische Reklame: An den Werken der Schriftsteller des 19. Jahrhunderts dargelegt. Die Schriftsteller, die Losinsky als Kronzeugen gegen das Christenthum anruft, werden von der „Kölnischen Volkszeitung" wie folgt gekennzeichnet.
Nach Zahl und Umfang der Zitate steht D. F. Strauß obenan; nach ihm kommt Poes Guyot und Ernest Renan; dann folgen in buntem Wechsel: Feuerbach, Bebel, Engels, Kautsky, Eduard v. Hartmann, Th. Schultze, F. A. Lange, Buckle, H. Heine, Emil Zola und — Nitzsche: also lauter geschworene und erbitterte Feinde des Christenthums. Kann man einseitiger verfahren? Wir wollten einmal den Hexen- sabbath sehen, der gegen jenen antisozialistischen Schriftsteller losgelassen würde, dem es einfallen sollte, „Aufklärungsschriften" über den Sozialismus zu schreiben und darin nur Zitate zu bringen etwa aus den Reden — Stumms und den Schriften Eugen Richters. Wir fürchten, die Feder könnte die massiven Ausdrücke nicht wiedergeben, die über einen solchen Menschen niederhagelten.
Aber was dem Sozialismus billig, das ist dem Christenthum recht. Und damit kommen wir zu der prinzipiellen Frage, und raBKaaaaaewH^ 1111...............................—M
Feuilleton.
Der deutsche Wald.
Von Georg Leeger.
Wachdruck verboten.)
Als die Römer Germanien kennen lernten, war es mit dichten Urwäldern besetzt, die den Fremden Furcht und Grausen einflößten. Denn sie, die schon ein Jahrtausend mit ver Natur rangen und sie in den Kreis der Kultur einzu- beziehen bestrebt waren, sie sahen im wilden jungfräulichen Walde eine Stätte des Schreckens, den Aufenthalt unholder Geister, finsterer Mächte, und sie ruhten in ihrem Lande nicht, bis sie die dichten Wälder in freundliche, sichere, zugängliche Haine verwandelt hatten. Nicht so die Germanen. Mit ehrwürdiger Scheu nahten sie wohl dem Walde, aber sie fürchteten ihn nicht, sie haßten ihn nicht. Kaum eine zweite Naturmacht spielte in ihrem Leben die Rolle, wie der Wald. Im Walde standen ihre Tempel, vollbrachten sie ihre Opfer, warfen sie die schicksalsvollen Runen. Der Wald rief sie zu ihrem Lieblingsgeschäfte, der Jagd. Ihre dürftigen Ansiedelungen müssen wie Inseln in dem Waldmeere gelegen haben. In den Wald flüchteten sie sich vor übermächtigen Feinden, wie ja auch noch das tapfere Mädchen in Freytags „Jngraban" den Zug der Frauen und Kinder im Bergwalde des Schwarza- ihales birgt. Eine tiefe Liebe zu dem heiligen, schirmenden Walde wurzelte damals in der Seele des Germanenvolkes ein, und diese Liebe hat allen Wandel der Jahrhunderte überdauert. Kaum ein zweites Volk steht in einem so innigen Verhältnisse zum Walde, wie die Deutschen.
Es spiegelt sich dies Verhältniß lebhaft in den getreuesten Dolmetschern der Volksseele, in den Künsten, wieder. Unmöglich, alle Dichter deutscher Zunge zu nennen, die den Wald gepriesen und geschildert haben, von dem Sauge vom
wir sagen: Wer mit dem Anspruch auftritt, aus den Werken der Schriftsteller des 19. Jahrhunders Urtheile über das Christenthum zu bringen, der ist, wofern er beansprucht, ernst genommen zu werden, verpflichtet, auch mitzutheilen, ob und inwieweit diese Werke die Kritik bestanden haben. Warum aber unterläßt Losinsky, seinen Lesern zu sagen, baß die ernste Wissenschaft das Leben Jesu von Strauß nach gründlicher Prüfung seiner Aufstellungen ablehnen mußte als ein freies Phantasiestück? Warum nennt Losinsky von den zahlreichen Schriften protestantischer Theologen, welche sofort gegen Strauß ausgetreten sind, von Luthardt, Tholnck bis auf Weiß und v. Hofmann, nicht e^en einzigen? Daß er die katholische Apologetik berücksichtige, wollen wir nicht einmal in diesem Zusammenhänge verlangen. Die Antwort auf unsre Frage ist sehr einfach: sobald Losinsky seinen Lesern die Ergebnisse dieser Kritik mitgetheilt Hütte, wäre es mit seiner Tendenz-Schriftstellerei zu Ende gewesen! Engels, Kautsky, Bebel — das mögen im Marxismus wohlbewanderte Schriftsteller sein, aber daß ihnen für die Beurtheilung des Urchristenthums und des Christenthums überhaupt alles Verständniß abgeht, das wurde ihnen immer aufs Neue nachgewiesen.
Am allerbesten aber beleuchtet die Kampfesweise des neuen Kirchenstürmers die Anführung Nitzsches, mit dessen „Antichrist" Losinsky wiederholt paradirt. Gewiß, jene Schrift ist der leidenschaftliche Angriff, der je gegen das Christenthum gerichtet wurde, aber warum verschweigt denn Losinsky seinen Lesern, weshalb eben Nietzsche dem Christenthume einen „Todhaß" ent- gegenbrachte und ihm den „Todtkrieg" predigte? Nietzsche haßte das Christenthum, weil es sich der Schwachen, Armen, Nothleidenden, kurz der Masse des Volkes angenommen, weil es die Sache des Volkes auf seine Fahne geschrieben, weil es proletarisch und nicht aristokratisch sei: deshalb nannte er das Christenthum „den Sklaven-Aufstand in der Moral". Das dürfen allerdings Losinskys Leser nicht erfahren, denn sonst könnten sie versucht sein, diesem so geschmähten Christenthum näher zu treten.
Hus Stadt und Cand.
Hanau, 18. Juli.
Lokal-historische Notizen.
18. Juli 1607. Gründung der hohen Landesschule (einer zwischen Universität und denjenigen Unterrichtsanstalten, welche wir jetzt Gymnasium nennen, in der Mitte stehenden Schule) zu Hanau. Fast zwei Jahrhunderte bestand sie, wenn schon ihrer Natur nach nur kränkelnd, in dieser Weise mit Professoren der Theologie, Jurisprudenz, der Philosophie; unter der Regierung des
Helden Siegfried, der im Walde den grimmigen Lindwurm erlegt, die Vogelsprache erlernt und dann seinen Tod findet, bis zu Geibel und Scheffel. Dürer und Lukas Cranach haben die Stimmung des mitteldeutschen Waldes poesievoll und wahrhaft wiedergegeben, Schwinds Kunst ist vom Geiste und Leben des Waldes ganz erfüllt und Böcklin hat in seinem „Einhorn im Walde" den räthselvollen Märchenzauber des Waldes in tiefsinnigem Symbole gebannt. Weber's „Freischütz" ist eine Weise von Wald- und Jägerleben und Richard Wagner hat im „Waldweben" die geheimnißvollen Stimmen des Waldes in die Sprache der Kunst übertragen. Immer und immer wieder hat die Deutschen ihre Geschichte auf den Wald hingewiesen. Im Waldgebirge vernichteten einst die Germanen die römischen Unterdrücker; von Waldeswipfeln umrauscht schuf Luther, vor seinen Feinden verborgen, die Bibelübersetzung; in den Wald scheuchte der große Krieg die Deutschen zurück, die verurteilt schienen, wieder das Leben des Urwaldmenschen zu beginnen und die nationale Erhebung unseres Volkes knüpft sich an die Gestalt des „Alten im Sachsenwalde", der den Wald von Kind auf gekannt und geliebt hat, immer wieder zu ihm zurückgekehrt ist und schließlich im Angesichte des Waldes seine Augen geschlossen und unter seiner Hut seine letzte Ruhestatt gefunden hat.
In der Geschichte des deutschen Waldes kann man, wie Heiß treffend ausgeführt hat, zwei Perioden unterscheiden: die Periode des Kampfes gegen den Wald und die für den Wald. Zuerst steht sich der Mensch vom Walde beengt. Er braucht Platz für seine Aecker, Platz für seine Siedelllugen und er schafft sie sich mit seiner Axt. Die Kultur geht dem Urwalde zu Leibe. Aber nicht immer bleibt der Kampf gegen den Wald so gut und gerecht. Der unrationelle Betrieb der Landwirthschaft, der oft zur Walbverwüstung führt, und die unvollkommene Kenntniß von der Eigenart, der Bewirthschaftung und Bedeutung des Waldes führen allmählich zu einem gefährlichen Kampfe gegen den Bestand des absolut nothwendigen
Großherzogs von Frankfurt wurde sie theilweise und endlich 1817 völlig in ein Gymnasium verwandelt.
18. Juli 1610» Erbverbrüderung zwischen den beiden Hanauer Grafenhäusern Münzenberg und Lichtenberg, woraus nachher die Erbschaft Münzenbergs von Seiten der überlebenden Linie Lichtenberg folgte.
18. Juli 1809 wurde auf dem Forst zu Cassel Oberstleutnant Emmerich, gebürtig aus Kilianstädten, erschossen, welcher am 24. Juni desselben Jahres einen planlosen Aufstand gegen die westfälische Regierung in Marburg begonnen hatte.
* *
* Mittheilung des Weltbürger Wetterdienstes. Die Ergebnisse des Weilburger Wetterdienstes während des Monats Juni sind noch besser als die des Mai. Nach den Berichten von 18 Vertrauensmännern der Landwirthschafts- kammer zu Wiesbaden und des landwirthschaftlichen Vereins für Oberhessen hatten die Wettervoraussagen im mittleren Lahngebiet 93 Proz., im oberen und unteren Lahngebiet 88 Proz., in den übrigen Theilen des Regierungsbezirks Wiesbaden und des Kreises Wetzlar 86 Proz., in der Provinz Oberhessen 86 Proz. Treffer. Auch diesmal waren fast alle Voraussagen ganz oder vorwiegend richtig, nur 1—4 Proz. je nach der Gegend halb richtig; vorwiegend unrichtige oder ganz falsche sind überhaupt nicht vorqekommen.
* 50jähriges Arbeitsjubiläum. Heute feiert der Gürtler Herr Eduard Grünewald das Fest seines 50- jährigen Arbeitsjubiläums bei der Firma E. G. Z i m m ermann, Eisengießerei hier. Der Jubilar wurde seitens seiner Arbeits-Kollegen sowie des Chefs der Firma in der üblichen Weise geehrt und beschenkt. Dem Jubilar wurde von Sr. Majestät dem Kaiser das Allgemeine Ehrenzeichen verliehen.
* Silberne Hochzeit feiern heute Herr Zahntechniker Jakob Frey und Frau.
* Das Strandfest im Kaiserhof hatte gestern eine solch starke Anziehungskraft ausgeübt, daß der schöne Garten des Etablissements dicht gefüllt war. Zumal die Kinderwelt hatte sich in Begleitung der Angehörigen in hellen Schaaren eingefunden. Die verschiedensten Kinderspiele fanden reichen Anklang, wie überhaupt alle Veranstaltungen des schönen Volksfestes regem Interesse begegneten. Daß das Fest bei allen Theilnehmern frohe Erinnerungen hinterlaffen hat, dürfte wohl als feststehend zu betrachten sein.
* Glaser- und Schreiner-Innung. Heute Abend 9 Uhr findet in der „goldenen Gerste" eine Versammlung der Glaser- und Schreiner-Innung statt, in welcher interessante Angelegenheiten für die Betheiligten zur Aussprache gelangen, worauf wir an dieser Stelle die Mitglieder noch besonders aufmerksam machen.
Waldes. Doch schon setzt die Gegenströmung ein. Die Vorliebe für die Jagd veranlaßt Fürsten und Herren, sich des Waldes anzunehmen, die Wiffenschaft erhebt ihre Stimme und zeigt den unermeßlichen Werth des Waldes im Haushalte der Natur und des Menschen; und heute besteht in Deutschland keine Meinungsverschiedenheit darüber, daß der Wald ein nationales Werthobjekt von der höchsten Bedeutung ist und den sorgsamsten Schutz und die eifrigste Pflege erreicht.
Deutschland ist heut nicht das waldreichste Land Europas. Von der Gesammtfläche sind in Schweden 39,7, in Rußland 36,9, in Oesterreich 32,5, in Ungarn 28,4 Prozent mit Wald bestanden; dann erst folgt Deutschland, das 25,8 Prozent Waldbestand aufweist. Von den deutschen Bundesstaaten ist der waldreichste Schwarzburg-Rudolstadt mit 44,1 Prozent und der waldärmste Bremen mit 1,4 Prozent. Wie verschieden der Waldbestano innerhalb eines und desselben Waldgebietes ist, davon gibt Professor Neumanns textlich und illustrativ eine ganz ausgezeichnete Monographie über eines der schönsten deutschen Waldgebirge, über, den Schwarzwald (bei Velhagen u. Klasing in Leipzig erschienen), eine klare Anschauung. Das Buntsandsteingebiet des nördlichen und östlichen Schwarzwaldes ist zu 60—65 Prozent bewaldet, am Westabhang und im Zentmm sinkt der Waldbestand auf 40—45 Prozent, im Osten aber auf 25—35 Prozent herab. Wir haben in Deutschland keinen Urwald mehr, und es gibt poetisch empfindende Menschen, die das beklagen und die sich nach der majestätischen Wildheit des Urwaldes sehnen. Aber abgesehen davon, daß wir ans wirthschaftlichen Gründen den Urwalv nicht halben können, sondern einen rationellen Wald- betrieb brauchen — beträgt doch der Baargewinn der rationellen Holzwirthschaft allein in Baden jährlich das hübsche Sümmchen von mehr als 20 Millionen Mark —, so würde auch in ästhetischer Hinsicht der Urwald in der Nachbarschaft der Kultur nur eine schrille Dissonanz bilden. Es ist nicht die Aufgabe der Kultur, den Wald zu schädigen oder zu vernichten, und jedes Land, das sich hierzu verleiten lieg, hat es