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Geueral-Anzeiger.
Amtliches Organ ssir Stadt- nnd Landkreis Sanan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur: G. S ch r e ck e r in Hanau.
Nr. 212
Fernsvrechanschluß Nr. 605.
Donnerstag den 1L September.
Fernsvrechanschlnß Nr. 605.
1902
Amtliches.
Candhms Danau,
Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.
Gemäß § 1 der Kreispolizeiverordnung vom 15./12. 88 ist in den nachstehenden Gemeinden der Tag des Beginns der diesjährigen Aepfelernte wie unten angegeben festgesetzt worden:
Bergen 25. September,
Bischofsheim 15. September,
Butterstadt 20. September,
Dörnigheim 25. September,
Eichen 1. Oktober,
Erbstadt 22. September,
Fechenheim 18. September,
Gronau 21. September,
Groß-Auheim 20. September,
Groß-Krotzenburg 18. September,
Hochstadt 24. September,
Hüttengesäß 22. September,
. Kefselstadt 15. September,
Kilianstädten 29. September,
Langenselbold 20. September,
Marköbel 11. September,
Mittelbuchen 24. September,
Niederdorselden 25. September,
Niederissigheim 22. September,
Mederrodenbach 22. September,
Oberdorfelden 24. September,
-Weriisigheim 22. September,
Oberrodenbach 24. September,
Ostheim 22. September,
Ravolzhausen 22. September,
Roßdorf 17. September,
Rüdigheim 22. September,
Wachenbuchen 15. September,
Windecken 22. September.
Hanau dm 9. September 1902.
Der Königliche Landrath.
V 8654 v. Beckerath.
Nach Mittheilung des Königlichen Landrathsamtes in Geln- Hausen hat sich der ledige Bauer Adam Hnvnischfegev von Oberndorf seit Freitag den 29. August von da entfernt und ist seither nicht mehr in seine Wohnung zurückgekehrt. Es ist nicht ausgeschlossen, daß derselbe sich das Leben genommen hat; er war in letzter Zeit geisteskrank und hat nach Aussage seiner Geschwister schon Selbstmordversuche gemacht.
Kleines Feuilleton.
Lotto und Aberglaube. Der römische Mitarbeiter des „Hann. Cour." schreibt: Im italienischen Volksleben ist vielleicht nichts so vom Aberglauben durchtränkt, wie das unter dem Namen Lotto vom Staat veranstaltete Glücksspiel. Man hat eine ganze kabbalistische Bibliothek darüber, und Zauberer und Hellseher oder vielleicht auch Schwindler, gründen auf den Aberglauben der Lottospieler ihre Existenz, indem sie gegen Vergütung die Gewinnnummern vorhersagen, unbegreiflicher- weife aber selber nicht spielen. In Jeder Gegend gibt es außerdem noch ganz besondere Quellen für die Erlangung der Gewinnzahlen, 'so in Rom unter zahlreichen anderen das mystische Geflüster, welches die Seelen der Gehenkten führen auf dem Wege, den sie einst zur Richtstätte gepilgert. Freilich bringen diese geheimnißvollen Töne nicht an das Ohr nüch- lerner, skeptischer Menschenkinder, sondern sind nur Denen vernehmbar, die in mitternächtiger Stunde dort für die Gerichteten beten. Beo,ibt man sich Freitag Nacht auf die Via Gulia, wo das neue Gefängniß liegt, so wird man verschiedener Gruppen, namentlich von Frauen aus dem Volke, ansichtig, die, das Havpt in Shawls eingewickelt, die Mitternacht erwarten. Allmählich tauchen aus dem Halbdunkel der benachbarten Gassen immer neue Gruppen auf, alte Weiber zumeist, aber auch junge Burschen oder Brautleute, denen das Herz voll, aber die Börse leer ist. Jetzt tündigt die Uhr des Kerkerthurms die zwölfte Stunde an, wie durch einen elektrischen Schlag strömt Leben in die stummen Gruppen und Personen, sie ziehen zum Eingang desGefängnisses, verbeugen sich und küssen inbrünstig die Thür, dann bewegen sie sich, den Rosenkranz in der .Cand, in schweigsam ernstem Zuge die Straße hinab bis zum Arco della Morte, wo sich die nächtlichen Pilger sonderbarerweise in zwei Reihen spalten, von denen die eine die Wanderung über die Via Giulia fortsetzt, während die
Alter-: 63 Jahre alt; Größe: 1,70 bis 1,75; blonden kurzen Schnurrbart; Anzug: Werktagsanzug ohne Jacke; besondere Kennzeichen: geht auffallend krumm und lahmt ziemlich stark, am rechten Zeigefinger fehlt das vordere Glied.
Es wird ersucht, im Falle der Genannte betroffen werden sollte, dem Bürgermeister zu Oberndorf sogleich Nachricht zu geben.
Hanau den 9. September 1902.
Der Königliche Landrath.
J. V. Nr. 8746 v. Beckerath.
Stadtkreis Danau.
Bekanntmachungen des Oberbürgermelsteramtes.
Nachdem die Abänderung der Baufluchtlinie der Mühl- straße vor der Parzelle G. 352/263 auf Grund des § 8 des Gesetzes vom 2. Juli 1875 förmlich sestgestellt worden ist, liegt der Plan von jetzt an im Stadtbauamt vormittags von 10 bis 12^2 Uhr zu Jedermanns Einsicht offen.
Hanau den 1. September 1902.
Der Magistrat.
J. A.: Schmidt. 15529
Hue Stadt und Cand.
Hanau, 11. September.
Beamtenpersonal-Nachrichten.
Ernannt: die Regierungs-Afsesforen Freiherr v. Tettau, v. Eschwege, Pickert und Scholtz in Cassel und v. Asch off zur Zeit in Weisungen zu RegjeruMs-RWen.
Bestellt: der außerordentliche Pfarrer Die. theol. Bach zum Gehilfen des Superintendenten S old an zu Großen- wieden im Pfarramte.
Entlasten: der Rechtsanwalt und Notar Prack in Melsungen aus dem Amte als Nolar infolge seiner Zulassung zur Rechtsanwaltschaft beim Landgericht in Frankfurt a. M.
Ausgeschieden: der Referendar Pfeffer aus dem Justiz- dienste.
Verliehen: den prakt. Aerzten Dr. med. Nehm in Rauschenberg und Dr. med. ® albere ein in Obernkirchen der Charakter als Sanitätsralh, dem Regierungs- und Baurath Greve in Cassel unter Versetzung nach Berlin die Stelle des ingenieurbautechnischen Rathes bei dem Königlichen Polizei- Präsidium daselbst, den Rechtsanwälten und Notaren Grebe in Schmalkalden und Schmuch in Cassel der Charakter als Justizrath, dem Kirchendiener, Lehrer Volk wein in Aue der KüNtoriiiel.
Penstonirt: der Hegemeister R ö d e r in Friedewald.
andere zur Via bei Farnesi abschwenlt. Es gibt zwei Erklärungen für diese Zweiteilung, nach der einen wollen die Pilger nicht am Giordano Bruno-Denkmal vorüber, nach der anderen sind die Galgenkandidaten eben über die Via Giulia und nicht die Via bei Farnesi zu den Cerchi gegangen, wo der Henker an ihnen sein blusiges Amt vollzog. Die weitaus stärkere Abtheilung zieht über Piazza Farnese, Viadei Baullari, Campo di Fiori, wo das Giordano Bruno-Denkmal steht, San Carlo a Catinari, Via Faleguami, Piazza delle Tartarughe, Via Funari, Campitelli, nach Piazza Montanara, wo sie sich mit der anderen Gruppe aufs Neue verschmilzt. Durch die Via Bocca della Veriia gelangt man dann zu den Cerchi, und hier, aus einer Osteria, dringt, wie die abergläubischen Leute einmüthig behaupten; der Ruf: 45 primo estratto! Dies bedeutet, daß Jemand von mehreren Zahlen schon auf eine einzelne spielt, wobei freilich wenig herauskommt, da es viel leichter ist, als zwei oder drei oder gar vier Zahlen unter 90 zu errathen. In diesem Augenblick schlägt die Uhr der benachbarten Kirche San Giovanni des Enthaupteten 123/4, was Viele veranläßt, die 12 als zweite Zahl zum Ambo zu wählen, diese küssen die Kirchen- thür und entfernen sich. Alles lauert nun voller Spannung auf neue Winke der dankbaren Armesünderseelen. Da steckt ein Frauenzimmer auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes seinen Kopf durchs Fenster und schreit eiwas hinab. Sofort ist die Menge einig, daß man 28 gleich Jungfer setzen müsse, und damit ist auch der Terno fertig, nämlich 29 gleich Tag des heiligen Johannes des Enthaupteten, 28 gleich Jungfer und 70 gleich Kirche. Am nächsten Tage soll der Waisenknabe, dem man die Augen verbindet, die Gewinn- Nummern des Lotto aus der Trommel ziehen. Es kommen zum Vorschein, 45, 12, 29, 28, 70. . . . Unter dem römischen Volk herrscht große Erregung. Ein paar Dutzend alte Weiber, Brautpaare und andere abergläubische Personen haben im Lotto gewonnen, freilich nicht übermäßig viel, da die armen Leute nur wenig Soldi zu setzen pfleoen. Aber
* Musterregister. Im Monat August b. Js. veröffentlichte das Amtsgericht Hanau Bekanntmachungen über 158 neu geschützte Muster und Modelle, davon 64 plastische und 94 Flächenmuster. •
* Einquartierung. Die nächste Einquartierung haben wir am 13. und 14. d. Mts., also Samstag und Sonntag, zu erwarten, und zwar erhält unsere Stadt das gesammte Infanterie-Regiment Nr. 81. 2 Bataillone werden in die Jn- fanteriekaserne, 1 Bataillon in Bürgerquartieren untergebracht.
* Manövergäste. Für nächsten Montag den 15. September sind im „Hotel Adler" Quartiere bestellt für den kom- mandirenden General v. Lindequist, die Offiziere des Generalstabes, darunter Prinz Karl von Hessen, u. A. — Das Manöver zieht sich von nächster Woche ab wieder mehr in der Richtung nach Hanau zu.
* Vortrag des Obersten Schiel. Der bereits angekündigte Vortrag des bekannten Burenführers, Oberst Schiel, findet am 25. d. Mts., abends 7Vi Uhr, in den Räumen der Turnhalle statt. Der Ertrag ist für die Zwecke hiesiger Wohlthätigkeitsanstalten bestimmt. Wir bemerken noch, daß in den Pausen in den Restaurationsräumen Erfrischungen dargeboten werden.
** Schöffengericht. In dem Bericht über die gestrige Schöffengerichtssitzung ist ein kleiner Irrthum zu berichtigen. Der Gefreite, welcher im Bruchköbler Wald von 4 Knechten vom Kinzigheimer Hof Überfällen wurde, kam nicht vom Kinzig- heimer Hof, sondern von Bruchköbel zurück. Diejenigen^welche die Mädchen auf den Hof begleitet und dadurch die Eifersucht der Burschen erregt hatten, waren schon vorher zurückgekommen, sodaß sich der Zorn der Knechte gegen den Unrechten gerichtet hatte. Der Gefreite hatte mit den Mägden gar nichts zu thun.
* Der Feldberg als Luftkurort. Es dürste wohl wenig bekannt sein, daß der Feldberg auch in der Liste der Luftkurorte steht. Seit einer Reihe von Jahren besitzt das alte Feldberghaus nicht mehr allein das Privilegium des Wirthschaftsbetricbes, es sind ihm bekanntlich zwei Konkurrenten erwachsen, und da genügte der tägliche Fremdenverkehr nicht mehr. Der Kurbetrieb mußte ausgenommen werden. Die Sache hat sich bewährt. Eine größere Anzahl von Fremden hat sich in diesem Sommer dauernd dort oben einquartiert. Alle loben die reine Lust, die wohlthuende Stille und die gute Verpflegung.
* Fahvaddiebstahl. Ein Metzgergeselle hatte gestern Abend beim Bedienen der Kundschaft sein Rad vor ein Haus der Steinheimerstraße gestellt. Als er wieder herauskam, war das Rad verschwunden.
* Selbstmordversuch. Gestern Mittag in der 4-Uhr- stunde befanden sich einige Arbeiter am Main in der Nähe der Volksbade-Anstalt. Diese sahen plötzlich, wie ihnen ein
nächsten Freitag werden andere hinausziehen zur Via Giulia und zu den Cerchi, und man wird alles zusammenraffen und auf die Nummern setzen, welche die Seelen der Gehenkten in mitternächtiger Stunde Denen, die für ihr Heil beten, zuflüstern. Und damit erhält ein jahrhundertalter Volksaberglaube, den nur die Aermsten im Geiste vor dem Verschwinden bewahrten, neues Leben und fordert von dem analphabetischen Volke neue Opfer.
Alburubtatter.
In einem kalten Zeitalter zu leben, ist kein Unglück. Denn indem man sich der Kälte entgegenstellt, ergreift man nothwendig das Entgegengesetzte: die Begeisterung. Begeisterung aber ist die Mutter alles Großen. Unheilbringend ist aber eine falschbegeisterte Zeit, denn um sich nicht mit fortreißen zu lassen, wird man auf die Kälte hingewiesen. Kälte jedoch sichtet und scheidet, bringt aber nichts hervor. Grillparzer.
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Wenn Du in des Melkens Tagen Nicht den frohen Muth mehr hast, , Rosen in dem Haar zu tragen, Weil den Wangen sie verblaßt: O, dann zaubert Dein Gemüthe, Wenn Du'S vor dem Frost bewacht, Auf Dein Antlitz eine Blüthe, Leuchtend durch die Todesnacht. Lena».
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Willst Du Dich Deines Werthes freuen, So mußt der Welt Du Werth verleihen. Goethe.