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Erstes Blatt.

Bezugspreis: vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für aus­wärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postausschlag, Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.

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Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf« gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg.

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Erdrückt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.

General-Anzeiger.

Amtliches Organ für Stadt- md Landkreis Ka«a«.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Derantwortl. Redakteur: G. Schrecker in Hanau,

^t» 237. FernsprechansKluß Nr. 605.

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Freitag den 10. Oktober

Fernsprechanschluß Nr. 605. 1902

Amtliches.

Stadtkreis Ban au.

Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes.

Bekanntmachung.

Die städtischen Körperschaften haben beschlossen, die' Ver­pflichtung zum Besuch der gewerblichen Fortbildungsschule mit Wirkung vom 1. Oktober 1903 an auf die gewerblichen Ar­beiter unter 18 Jahre aller Handwerkszweige auszudehnen. Zugleich wird den gewerblichen Arbeitern, die noch nicht schul­pflichtig sind, schon vor dem 1. Oktober 1903 der freiwillige Besuch der gewerblichen Fortbildungsschule gestattet. Solche Arbeiter können sich bei dem Direktor der Anstalt melden.

Hanau den 7. Oktober 1902.

Das Kuratorium der gewerblichen Fortbildungsschule.

Dr. Gebeschus. 17496

Mus Stadt und £and.

Hanau, 10. Oktober.

Jenseits von Gut und Böse

nennt Robert Krafft in Anlehnung an das bekannte Werk des vor einigen Jahren in Geistesumnachtung frühzeitig verstorbenen Philosophen Nietzsche einen Kriminalroman, mit dessen Veröffentlichung wir in unserer täglichen Unterhaltungs­beilage morgen beginnen werden. Krafft hat in seiner Arbeit ein Kabirretstück krimluattsttscher Erzählung geschaffen. Ein feiner Kenner des englischen Detektivwesens, dessen Eigenheiten dem Romanschriftsteller zu den spannendsten Verwickelungen und überraschenden Lösungen reiche Gelegen­heit geben, ist er zugleich ein Meister moderner deutscher Darstellungsweise. Auch der Stoff ist der modernsten einer, wie schon der Titel zeigt.

EinUebermeusch"

.st der Krafft'sche Held, nicht in dem spöttischen Sinne un­serer Witzblätter, sondern eine volle, großangelegte Natur, die uns durch ihre dämonischen, ungezügelten Triebe theils zurück- schreckt, theils in ihrerHerrenmoral" und gigantischen Wucht unwillkürlich Bewunderung abuöthigt. Die dramatische Hand­lung, die sich Zug um Zug in ewig wechselnden, aber stets gleich lebensvollen Bildern vor unseren Augen abrollt, wird vertieft durch psychologische Blitzlichter, die, fern von pedan­tischer Lehrhaftigkeit, doch bis auf den Grund einer räthsel- vollen Seele hinableuchten.

Feuilleton.

Franxotsc und Catherine.

Skizze von Emile Zola. Deutsch von Wilhelm Thal,

(Nachdruck verboten.)

Ich habe zwei Katzen. Die eine, Frantzoise, ist weiß wie ein Maimorgen, die andere, Catherine, schwarz wie eine Sturm­nacht. Fran^oise hat den runden und lachenden Kopf einer Tochter Europas. Ihre großen hellgrünen Augen nehmen den ganzen Kopf ein. Ihre rosa Nase und Lippen sind wie mit Karmin bestrichen. Sie ist dick, mollig, Pariserin bis in die Pfotenspitzen. Sie benimmt sich recht auffallend, wenn sie läuft, macht entgegenkommende Mienen und hebt geräuschvoll den Schwanz, wie eine kleine Dame, die die Schleppe ihres Kleides rafft.

Cathörine hat den feinen spitzen Kopf einer egyptischen Göttin. Ihre Augen, die so gelb wie Goldmonde schimmern, haben die undurchdringliche Starrheit und Härte der Pupillen eines barbarischen Götzenbildes. In ihren schmalen Mund­winkeln lacht die ewige, stumme Ironie der Sphinx. Wenn sie sich mit hochaufgerichtetem, unbeweglichem Kopfe auf ihren Hinterpfoten zusammenkauert, ist sie eine Göttin aus schwarzem Marmor, die große hieratische Pracht des Tempels zu Theben.

* * *

Sie verbringen alle beide ihre Tage auf den gelben Sande des Gartens.

Franchise wälzt sich auf dem Rücken, ganz mit ihrer Toilette beschäftigt, und leckt sich die Pfoten mit der großen Sorgfalt einer Kokette, die sich in süßer Mandelmilch die Hände wäscht. Sie hat nicht drei Gedanken im Kopfe. Das sieht man übrigens an ihrem sorglosen Weltdamengesicht.

CathSrine grübelt. Sie grübelt, schaut, ohne zu sehen, und dringt mit dem Blick in die unbekannte Welt der Götter.

* Verbrauchsabgaben. Im Laufe des Monats September 1902 wurden im hiesigen Schlachthause geschlachtet:

109 Ochsen, mehr

gegen den Monat

Septbr. 1901

27 Stück

149 Kühe,

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II

II

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9

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64 Rinder, weniger

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4

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891 Schweine,

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56

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389 Kälber,

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166 Hämmel,

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51

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2 Ziegen, mehr

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Die Accis-Einnahme hiervon beträgt . Mk. 4455.80 An eingeführten Fleischwaaren rc. wurden versteuert: 30131 Kilogramm, weniger gegen den Monat Septbr. 1901: 755 Kilogramm.

Hiervon die Accis-Einnahme mit . . Mk. 958.84

Summa Mk. 5414.64

Gesammt - Accis - Einnahme im Monat

September 1901 ..... Mk. 5311.49

Mithin mehr gegen den Monat September

1901.......Mk. 103.15. Accis-Einnahme vom 1. April 1902 bis 30.

September 1902 . . . . . Mk. 30 591.37 Accis - Einnahme vom 1. April 1901 bis 30.

September 1901..... 31 501.23

Mithin weniger gegen die gleiche Zeit des

Vorjahres . . . . ^ . Mk. 909.86.

* Stadttheater. Die heutige Reprise des graziösen LustspielsDie Zwillingsschwester" wird voraussicht­lich die letzte Aufführung des prächtigen, erfolgreichen Stückes sein. Sonntag den 12.:Im weißen Rößl". Sonntag den 19.:Als ich wiederkam" (Fortsetzung von Im weißen Rößl"). Nächste Novität:Der Doppel­gänger" (Titelrolle: Herr Schwarz). Am 24. d. M.: Gastspiel von Adalbert Malkowsky, Königl. Preuß. Hof­schauspieler:Kean" oderGenie und Leidenschaft".

* Der Sprechverkehr von Hanau, Bruchköbel, Hoch- stadt, Marköbel, Mittelbuchen und Wachenbuchen ist auf Nieder- mittlau, Gondsroth, Rothenbergen, Wirtheim, Lanzingen und Flörsbach ausgedehnt worden.

* Notariatsstelle. Dem gestrigen Bericht über die Eingabe der Handelskammer hinsichtlich der Neubesetzung einer Notariatsstelle ist ein bedauerlicher Schreibfehler unseres Refe­renten unterlaufen. Die Eingabe ist u. a. veranlaßt worden durch die Niederlegung des Notariats seitens des Herrn Justizraths Eberhard, der sich übrigens erfreulicherweise noch einer recht guten Gesundheit erfreut, sodaß auch in diesem Falle hoffentlich ein bezügliches bekanntes Sprichwort zur Geltung kommen wird.

Stundenlang bleibt sie grade und unbeweglich und läßt das seltsame Lächeln eines geheiligten Thieres über ihre Lippen Lippen.

* * *

Wenn ich Fran^oise mit der Hand streichle, macht sie den Rücken krumm und stößt ein leisesMiau" des Behagens aus. Sie ist so glücklich, daß man sich mit ihr beschäftigt! Sie er­hebt mit freundlicher Bewegung den Kopf und erwidert meine Liebkosung, indem sie ihre Nase an meiner Wange reibt. Ihr Fell zittert, ihr Schwanz bewegt sich langsam und wellen­förmig. Und schließlich bläht sie sich mit geschlossenen Augen und schnurrt leise und gemüthlich.

Wenn ich Catherine streicheln will, weicht sie meiner Hand aus. Sie zieht es vor, einsam in ihrem religiösen Traume zu leben. Sie besitzt die schamhafte Scheu einer Göttin, die jede menschliche Berührung erzürnt und verletzt. Wenn es mir gelingt, sie auf den Schoß zu nehmen, so macht sie sich ganz platt, streckt den Kopf aus und macht starre Augen, um mit einem Satze zu entwischen. Ihre nervigen Glieder, ihr magerer Körper bleibt unter meinen Fingern, die sie streicheln, leblos und unbeweglich. Sie geruht nicht, zur Liebesfreude einer Sterblichen herabzusteigen.

* *

*

Wie Frantzoise eine Tochter von Paris, Grisette oder Marquise ist, ein leichtfertiges und reizendes Geschöpf, das sich für ein Kompliment über ihr weißes Kleid verkaufen würde, so ist CathSrine die Tochter irgend einer verfallenen Stadt, ich weiß nicht woher, auf der Sonnenseite. Sie gehören zwei Zivilisationen an, die moderne Puppe und das Idol einer todten Nation.

Ach, wenn ich in ihren Augen lesen könnte! Ich nehme sie in die Arme und sehe sie starr an, damit sie mir ihr Geheimniß erzählen. Sie senken nicht die Lider, und sie sind es, die mich studiren. Ich lese nichts in der glasigen Durchsichtigkeit dieser Augen, die sich wie grundlose Löcher,

* Der Werth des Turnens für Frauen und Mädchen. Bei derTurngemeinde" besteht die Absicht, eine Turnabtheilung für Frauen und Mädchen einzurichten, wie solche bereits in vielen anderen Städten bestehen. Zu diesem Zweck hielt gestern Abend auf Veranlassung derTurn­gemeinde" und desVereins für Volkshygiene" der Großh. Hess. Turninspektor, Herr Emanuel Schmuck, einen sehr interessanten Vortrag über den Werth des Turnens für Frauen und Mädchen, leider nicht vor einer sehr zahlreichen Zuhörer­schaft. Als Vertreter desAerztlichen Vereins" und deS Vereins für Volkshygiene" begrüßte Herr Sanitätsrath Dr. H a r t m a n n die Erschienenen und machte sie mit dem Zweck des Abends bekannt. Sodann hielt Herr Schmuck einen äußerst lichtvollen und lehrreichen Vortrag über obengenanntes Thema. Wenn man auch darüber kaum noch etwas Neues Vorbringen könne, so sei die Wiederholung des schon in un­zähligen Reden und Schriften Gesagten doch nichts Ueber- flüssiges, weil man dem Menschen die zu seinem Wohlergehen nöthigen Dinge nicht oft genug predigen könne, bis er sich endlich einmal entschließe, sie zu befolgen. Die Leibesübungen waren bei allen Völkern der Erde im Gange, sobald sie erst einigermaßen aus dem Urzustände heraus waren. Zunächst dienten sie wohl zumeist zur Erlegung wilder Thiere, also im Kampfe ums Dasein, aus diesem rohen Zustande wurden sie veredelt und dienten der Pflege der Gesundheit und Schönheit, und zuletzt erhielten sie noch einen dritten Zweck, einen vaterländischen. Sind Leibesübungen wirklich dazu fähig, die Schönheit des Körpers zu erhöhen, dann liegt es nahe, sie auch dem schönen Geschlecht zu Theil werden zu lassen. So war das alte Kulturvolk, die Griechen, unerreicht in ihrer körperlichen Schönheit, zu der sie sich durch ihre Leibesübungen erzogen. Die lykur- gische Gesetzgebung, schrieb den spartanischen Frauen und Mäd­chen das Turnen vor und der Meister der attischen Komödie, Aristophanes, rühmt in seinem LustspielLysistra" die von den fremden römischen Besuchern beneidete Schönheit der spar­tanischen Jungfrau und läßt sie auf die Frage danach ant­worten, daß sie sich dieselbe durch das Turnen erworben habe. So lange die griechische Gymnastik auf ihrer Höhe stand, blieben die Griechen auch das erste Kulturvolk, mit dem Ver­fall der Ersteren ging auch ihr Niedergang Hand in Hand. Bei anderen Kulturvölkern finden wir dieselbe Erscheinung. Diese Thatsachen sollen uns eine ernste Mahnung sein, unsere Leibes­übungen nicht zu vernachlässigen. Die Kultur bedeutet den Fortschritt der Menschheit, neben ihr und durch sie geht aber auch eine Degeneration des Menschengeschlechts einher, wenn ihre Schäden nicht durch Leibesübungen paralysirt werden. Wenn man die verzerrten Gestalten unserer modernen Künst­ler betrachtet, dann muß man sich unbedingt sagen, daß die­selben keine Ahnung haben von den prächtigen Schönheiten deS

wie klare, blasse Brunnen öffnen, in denen glühende Funken schwimmen.

Und Frantzüise schnurrt zärtlicher, während die gelben Blicke Cathörines mich wie Messingstäbe durchbohren.

Letzthin ist Frangoise Mutter geworden. Dieser Tollkopf hat ein vortreffliches Herz. Sie pflegt das Kleine, das man ihr gelassen hat, mit reizender Zärtlichkeit. Sie nimmt* es fein säuberlich bei der Halshaut, um es durch alle Schränke des Hauses spazieren zu führen.

Cathörine schaut ihr zu und scheint in tiefe Betrachtungen verloren; das Kleine interessirt sie. Sie hat ihm gegenüber die Haltung eines alten Philosophen, der an das Leben und den Tod der Geschöpfe denkt und in seinen Träumen ein ganzes philosophisches System aufbaut.

Gestern hat sie sich, während die Mutter ausgegangen war, neben dem Kinde niedergekauert. Sie hat es befühlt und mit der Pfote umgedreht und es dann plötzlich in einen dunklen Winkel geschleppt. Dort, wo sie sich wohl verborgen glaubte, hat sie sich vor dem Kleinen hingestellt, mit den leuchtenden Augen und dem zitternden Rückgrat einer Priesterin, die sich zu einem Opfer anschickt. Ich glaube, sie wollte mit einem Biß dem Kleinen den Kopf zerbrechen, als ich schleunigst dazwischen trat und sie verjagte. Während sie floh, hat sie mir wahrhaft teuflische Blicke zugeworfen, doch geschmeidig und still, ohne einen Schrei auszustoßen.

*

Nun, ich liebe Caihörine noch immer. Ich liebe sie, weil sie tückisch und grausam ist, wie ein Thier der Hölle. Was kümmert mich die leichte Anmuth Fran^oise's, ihre köstlichen Grimassen, ihre Manieren eines tollen Backfisches? Alle unsere Evastöchter haben ihre schnurrende, weiße Grazie. Doch eine Schwester Cathörines, ein verderbtes und kaltblütiges Geschöpf, ein schwarzes Idol, das in dem ewigen Traum des Bösen lebt, habe ich noch nicht finden können.