Erstes Blatt.
Hanauer W Anzeiger
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General-Anzeiger.
Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Hanan.
Einrückungsgebühr:
Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf» gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Reklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.
Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage. Verantwort!. Redakteur: G. Schrecker m Hanau,
Nr. 211. sernftreWM sr. 605. Mittwoch den 10. September.
Fernsprechanschluß Nr. 605»
1902
Amtliches.
Stadtkreis Danau.
Bekanntmachungen des Oberbürgermeisteramtes.
Bekanntmachung.
Zur Verloosung städtischer Schuldverschreibungen ist Termin auf Dienstag den 30. September 1902, nachmittags 3 Uhr, in das untere Sitzungszimmer des Neustädter Rathhauses anberaumt.
Hanau den 6. September 1902.
Der Magistrat.
Dr. Gebeschus. 15481
Gefundene und verlorene Gegenstände rc.
Gefunden: 1 weißes Taschentuch gez. M. G., 1 goldener Zwicker.
Verloren: 1 Barett (Mütze aus Sammet mit Silberstickerei), 1 schwarzer Sammetgürtel mit gelber Schnalle, 1 Gummireif von einem Kinderwagen, 1 schwarzes Herrenportemonnaie mit ca. 38 Mark Inhalt, 1 Kummttasche.
Entflogen: 1 Kanarienvogel.
Entlaufen: 1 schwarze Dachshündin.
Hanau den 10. September 1902.
Flcislhnoth.
1) In der „Posener Zeitung" veröffentlicht eine Anzahl dortiger Fleischer eine Erklärung, die wörtlich diesen Satz enthält : „Uns Fleischern ist von dem Magistrat der Stadt Posen eine gedruckte Aufforderung zugegangen, in welcher wir ersucht wurden, uns gehörig mit Vorräthen zu versehen und uns den Verdienst während der Kaisertage nicht entgehen zu lassen. Nachdem die Vorräthe angeschafft waren, machte dieselbe Behörde plötzlich bekannt, daß es dem Publikum gestattet sei, während der Kaisertage einzelne Fleischstücke, wie Keulen, Roastbeef, Filet u. s. w. von auswärts einzuführen. Das Publikum, durch die fortwährenden Hetzereien des „Posener Tageblattes" gegen uns Fleischer mißtrauisch und kopfscheu gemacht, machte sich diese Erlaubniß zu nutze und ließ ungeheure Vorräthe von auswärts kommen, wenn auch zu ihrem eigenen Schaden, denn durch Porto, Steuer und Untersuchungsgebühr auf dem hiesigen Schlachihof werden die Waaren ebenso theuer wie die hiesigen, kommen aber, durch die Verpackung, leider meistens verdorben hier an. Wir Fleischer aber sitzen mit unseren Vorräthen fest. Wer wird uns entschädigen?"
2) Im „Berliner Tageblatt" vom 5. September ist in einem Originalbericht dieses Blattes aus Posen wörtlich zu
lesen : „Trotz des während der Kaisertage enorm gesteigerten Fleischverbrauches kann von einer eigentlichen Fleischnoth nicht die Rede sein. Die Schweine, die der Landwirthschaftsminister der Posener Stadtvertretung in ihrer neulichen Audienz von der Viehzentrale aus zugesichert hat, sind auf dem Zentral- viehhof eingetroffen, stehen aber noch unverkauft da. Durch die Preßagitation ist so viel Vieh nach Posen getrieben, hauptsächlich von der kleineren Landbevölkerung aus, daß der Konsum vollständig gedeckt ist' und der Antrieb sogar über dem Bedarf steht. Es ist bemerkenswerth, daß das Schweinefleisch in den letzten zwei Tagen im Preise zurückgegangen ist."
Zur Fleischvertheuerung veröffentlicht im „Dresd. Anzeig.", dem amtlichen Organ der Dresdener Stadtverwaltung, ein „Konsument, der rechnen kann", eine Zusammenstellung der Fleischpreise mit den Viehpreisen im Verlauf der letzten Jahre. Das Ergebniß ist das Folgende: „Vor fünf Jahren schwankten Ende August am Dresdener Viehhof die Preise für gute Waare zwischen 46 und 51 M., für mittlere Waare zwischen 43 und 48 M. In diesem Jahre werden für gute Waare laut der amtlichen Preisnotirungstabelle 50—53 M., für mittlere Waare 48—52 M. bezahlt. Es besteht innerhalb dieser fünf Jahre ein Preisunterschied von kaum drei Mark pro Zentner, das ist aufs Pfund, nach welchem Gewichte das Fleisch doch im Laden verkauft wird, ganze drei Pfennige. Wenn also 1897 das Pfund Schweinefleisch mit allerhöchst 65 Pfennigen verkauft wurde, so wäre unter den gegenwärtigen Verhältnissen ein Preis von 7® Pfennigen noch ein solcher, der reichlich den gegebenen Umständen Rechnung trüge. Während aber damals für ein Pfund Schweinefleisch, wenn es sehr hoch kam, 65 Pfennige bezahlt wurden, verlangt man jetzt 80 Pfennige und mehr dafür. Noch auffallender ist der Abstand zwischen Vieh- und Fleischpreisen, wenn man auf die Verhältnisse vor zehn Jahren zurückgreift, wo die Viehpreise genau die gleichen waren, wie jetzt, die Fleischpreise aber wesentlich niedriger standen."
Das ist allerdings ein Rechenexempel, an dem Fleischer und Händler wenig Freude haben dürften; aber es stimmt, und wenn man- es öfter veranstalten würde, würde man überall zu ähnlichem Ergebnisse gelangen.
Förster Sch. den Angeklagten wegen Jagdvergehens angezeigt und dieser war daraufhin verurtheilt worden. Aus Rache hierfür hat Menge später in dem auf fiskalischem Boden befindlichen Gemüsegarten des Försters 14 zum Theil tragfähige Bäume abgesägt und vernichtet. — Die Revision des Angeklagten, der u. a. die Giltigkeit des Strafantrages bemängelte, wurde vom Reichsgerichte als unbegründet verworfen.
* Eisenbahn - Personalien. Lokomotivheizer A. Wolfs wurde zum Lokomotivführer ernannt.
* Geschäftsjubilänm. Heute begeht der Graveur und Modelleur Herr Ferdinand Killmer, Inhaber der Firma „Baumgardt & Killmer, Chr. Lautenschläger's Nachfolger", sein 25jähriges Geschäftsjubiläum.
* Silberne Hochzeit feiern heute Schuhmachermeister Hermann H ü b n e r und Frau.
* Verbrauchsabgaben. Im Laufe des Monats August 1902 wurden im hiesigen Schlachthause geschlachtet:
91 Ochsen, weniger gegen den Monat August 1901 3
116 Kühe, 57 Rinder,
783
347
142
1
Schweine, Kälber,
ii
II
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II
Hämmel, mehr
Lamm, weniger
Ziege, „
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186
76
45
1
Stück
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II
♦1
Die Accis-Einnahme hiervon beträgt . Mk.
5 An eingeführten Fleischwaaren rc. wurden versteuert: 21 979 Kilogramm,weniger gegen den Monat August 1901: 1587 Kilogramm.
Hiervon die Accis-Einnahme mit . . Mk.
3787.20
714.79
Summa Mk. 4501.99
Hue Stadt und £and.
Harrart, 10. September.
♦> Vom Reichsgericht. Wegen Sachbeschädigung ist am 26. März vom Landgericht Hanau der Weißbinder Nikolaus Menge zu 6 Monaten Gefängniß verur- theilt worden, welche Strafe in eine Zusatzstrafe von 3 Monaten zu einer noch zu verbüßenden Zuchthausstrafe von einem Jahre umgewandelt wurde. Vor einigen Jahren hatte der
Gesammt - Accis - Einnahme im Monat
August 1901......Mk. 5089.12
Mithin weniger gegen den Monat August
1901.......M. 587.13.
Accis - Einnahme vom 1. April 1902 bis 31.
August 1902 . . . . . Mk. 25 176.73
Accis - Einnahme vom 1. April 1901 bis 31.
August 1901..... 26 189.74
Mithin weniger gegen die gleiche Zeit des
Vorjahres ...... Mk. 1013.01.
* Ein Todessturz. Kurz vor dem Einlaufen eines Güterzuges auf dem Ostbahnhof stürzte sich gestern eine Kuh, die wild geworden war, aus dem Waggon und brach das Genick. Der Kadaver wurde nach der Sammelwasenmeisterci gebracht. ,
* Verletzt. Ein Landwirth aus Hüttengesäß, der in hiesiger Stadt an geistigen Getränken des Guten zu viel ge-
Feuilleton.
Virchow's Stellung in der Geschichte der Medizin.
Von Dr. Gurt Rudolf Kreuschner.
(Nachdruck verboten.)
Auf fast allen Gebieten des menschlichen Wissens und Könnens vollzieht sich der Fortschritt nicht mit jener andauernden Gleichmäßigkeit, mit der ein Uhrzeiger seinem Ziele entgegenstrebt, sondern in deutlich erkennbaren, scharf begrenzten Sprüngen, auf welche eine Zeit der Sammlung folgt. Ebenso wie in den Schlachten" und Belagerungen des Mittelalters nach scheinbarem Stillstand, unter dem sich die Thätigkeit sorgfältiger Vorbereitung verbarg, ein kühner Heerführer im geeigneten Augenblicke seine Schaaren vorauseilte^ um, an weithin erkennbarer Stelle sein Banner als Ziel für die Anderen aufzupflanzen, ebenso gibt es Heerführer im Reiche des Geistes, die dem wissenschaftlichen Streben neue und überraschende Bahnen anweisen, auf denen ihnen alsbald jubelnd die große Masse der gelehrten Forscher und Praktiker folgt, um in mühsamer und fleißiger Einzelarbeit die Fundamente auszubauen, von denen ein weiteres Vorwärtsdringen möglich ist.
Der Tod Rudolf Virchows, der nach monatelangem Siechthum zur ewigen Ruhe hinüberschlummerte, be- deutet für die medizinische Wissenschaft den Verlust des größten Führers, den sie im ganzen Verlaufe des neunzehnten Jahrhunderts besessen hat. Vor der Treffsicherheit seines Genies beugten sich in neidloser, bewundernder Anerkennung die ersten medizinischen Kapazitäten aller Länder, und als vor kaum Jahresfrist der nun dahingeschredene greise Forscher das Alter erreichte, das der Psalmist als die Grenze des menschlichen Lebens bezeichnete, da gestaltete sich die Ge
burtstagsfeier des Achtzigjährigen zu einer Huldigung von einer Großartigkeit, wie sie kaum jemals einem die Herzen von Millionen begeisternden Dichter, geschweige denn einem im stillen Kreise der Wissenschaft wirkenden Gelehrten von der dankbaren Mitwelt bereitet worden ist.
War jene Jubelfeier der von selbst gegebene Zeitpunkt, um auf die noch in frischester Erinnerung stehenden Einzelheiten seines Lebens einzugehen, so regt Virchows Tod unwillkürlich zu Betrachtungen darüber an, was die medizinische Wissenschaft vor seiner Zeit war und was sie durch ihn geworden ist.
Als Virchow im Jahre 1874 bei seinem Eintritt in die Berliner Akademie der Wissenschaften die Rede hielt, in der nach altem Herkommen jeder neue Akademiker am ersten auf seine Berufung folgenden Leibniztage sich über seine wissenschaftliche Vergangenheit und die ihm vorschwebenden Zukunftsziele zu äußern hat, da wies er darauf hin, wie die Pathologie, die Wissenschaft von den krankhaften Zuständen des menschlichen Organismus, seit Jahrhunderten zu ihrem eigenen Verhängnis in den Banden einer den wirklichen Fortschritt hemmenden Tradition gelegen habe. Mit Recht konnte er betonen, daß die Aerzte in jenen Jahrhunderten, als die Menschheit sich in metaphysischen Spekulationen verlieren zu wollen schien, treue Bewohner und Förderer der Naturwissenschaften gewesen seien. Nicht weniger berechtigt war aber auch fein warnender Hinweis auf die Thatsache, daß das zähe Festhalten an der Ueberlieferung ein Hemmschuh für die Vertiefung der Erkenntniß gewesen sei.
Während nämlich oom 15. bis 16. Jahrhundert an alle anderen Naturwissenschaften, an der Spitze die Astronomie, dann aber auch Physik, Zoologie, Botanik, Mineralogie und sogar die von den abergläubischen Vorstellungen der Goldmacher und Adepten durchtränkte Chemie sich von den Fesseln haltloser philosophischer Spekulationen frei machten und auf den thatsächlichen Boden des Experiments und der Beobachtung stellten, schleppte sich die Wissenschaft von kranken Menschen
immer noch mit jenen veralteten Vorstellungen herum, wie sie zwei Jahrtausende vorher durch Aristoteles und Hippokrates, den Vater der Pathologie, in Aufnahme gekommen waren. Die in die berühmte Priesterschule von Kos wahrscheinlich aus dem fernen Orient eingedrungene Lehre, daß es im Körper, entsprechend den damals angenommenen vier Elementen, auch vier Kardinalsäfte, nämlich Blut, Schleim, gelbe Galle und die sogenannte schwarze Galle gebe, deren richtige Mischung oder Eukrasie die Ursache der Krankheiten sei, hatte bis weit in das neunzehnte Jahrhundert hinein nur wenige Veränderungen erfahren. Vereinzelte Forscher des 18. Jahrhunderts, wie der Italiener Morgagni und der Engländer Hunter, hatten zwar schon den Versuch unternommen, die experimentirende Methode auf die Pathologie anzuwenden. Da sie aber in althergebrachter Weise das Blut als den Träger des Lebens oder als belebt ansahen, führten ihre Arbeiten nur zu einer weiteren Verstärkung der Humoralpathologie. Hartnäckiger als je zuvor suchte man in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts alle krankhaften Lebensvorgänge auf die plastischen Eigenschaften des Blutes zurückzuführen und die pathologische Anatomie jener Zeit, wie sie von Paris ausging und in Wien unter Rokitansky ihre größte Triumphe feierte, gipfelte schließlich in der Aufstellung einer willkürlich aufgebauten Säftelehre, wonach eigenthümliche Mischungsverhältnisse des Blutes, die sogenannten Krasen, die Ursache der Krankheiten seien.
Im Gegensatze zu diesen einseitigen Anstauungen der Humoralpathologie, die übrigens noch heute die Ausdrücke der Volkssprache, soweit sie sich auf Krankheiten beziehen, beherrschen, vertheidigte eine andere, ebenso einseitige Richtung den Grundsatz, daß alle Krankheiten nur von einem falschen Fuuktio- niren des Nervensystems ausgingen, das ja ohne Zweifel den Verlauf der krankhaften Vorgänge sehr wesentlich beeinflußt. Beiden Theorien, die sich natürlich grimmig befehdeten, war der schwere Denkfehler gemeinsam, daß sie einzelne Theile des Körpers zu einer ungebührlichen Bedeutung emporschraubten, indem sie in ihnen eine Materialisirung einer unfaßbaren