Erstes Blatt.
Hanauer M Anzeiger
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General-Anzeiger.
Amtliches Organ für Stadt- und Fandüms Kann«.
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Waisenhauses in Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Berantwortl. Redakteur: G. Schrecker in Hanau.
Nr. 8 2 Fernsprechanschluß Nr. 605. Mittwoch bett 9. April Fernsprechanschlaß Nr. 605. 19 02
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Hue Stadt und Cand,
Hanait den 9. April.
* Musterung. Donnerstag den 10. April: Musterung der Militärpflichtigen der Gemeinden Wachenbuchen, Windecken, Wolfgang, Wilhelmsbad sowie derjenigen Militärpflichtigen der Stadt Hanau, welche im Jahre 1882 geboren sind und deren Familiennamen mit den Buchstaben A bis einschließlich J beginnt.
* Neuuuiformirung der Landgendarmeu. Nachdem das weiße Lederzeug der Gendarmen durch das praktischere gelbe ersetzt worden ist, scheint man nunmehr auch einen bequemeren Waffenrock einführen zu wollen. Derselbe, hinten rockartig mit Schönen versehen, ähnelt vorn mehr der bekannten Litewka ohne Metallknöpfe. Zwei Brust- und zwei untere Taschen mit Klappe geben dem neuen Uniformstück ein kleidsames Aussehen, die Aermelaufschläge fallen gänzlich weg und der umgelegte Kragen mit befestigter Binde hat im Gegensatz zu der bisher üblichen Auszeichnung die Chargentressen unten angebracht; die Gendarmerielitzen befinden sich darüber. Der ganze Rock besteht ohne andersfarbigem Kragen aus graugrünem, modefarbigem Tuch.
* Jmpfordnung. In der der heutigen Ausgabe unseres Blattes beigefügten „Amtlichen Beilage" ist die Jmpford- nung für die im Jahre 1902 im Landkreise Hanau auszu- führenden Impfungen enthalten.
* Hanauer Geschichtsverein. Im Saale der Zen- tralhalle hielt gestern Abend der Hanauer Geschichtsverein seine Jahresversammlung ab. Zunächst erstattete nach erfolgtet Eröffnung der Versammlung durch den Vorsitzenden Herr Prof. Dr. Suchier der Schriftführer Herr Pfarrer Netzler den Jahresbericht, der in erschöpfender Weise die Vorgänge innerhalb des Vereinslebens während des verflossenen Jahres be- I handelte und die zur Erledigung gekommenen mannigfaltigen und umfangreichen Arbeiten in trefflicher Weise veranschaulichte. Drei Ereignisse waren es besonders, die das Interesse der Vereinsthätigkeit in Anspruch nahmen: Die Zusammenstellung der Jupitersäule, der Umzug in das neue Heim und die Ausgrabungen bei Eichen. An der Neukatalogisirung des Museums arbeitete Herr Dr. K ü st e r mit Hilfe des Herrn Dr. Quilling- Frankfurt a. M. Am 3. Oktober v. I. konnte die erste Vorstandssitzung in dem neubezogenen Heim abgehalten werden, am 13. Oktober besuchten die Mitglieder der beiden städtischen Körperschaften das neue Heim des Vereins und nahmen mit sichtlicher Genugthuung von den geschaffenen Einrichtungen Kenntniß. Bei der Volksthümlichkeit des Vereins und dem allseitigen Interesse, das den Bestrebungen desselben,entgegen» gebracht wird, war der Vorstand der Meinung, daß es nur einer Anregung bedürfe, die Mitgliederzahl des Vereins entsprechend zu erhöhen. Er hat sich in seiner Erwartung nicht getäuscht, denn bis jetzt liegen auf ergangene Aufforderungen 137 Neuanmeldungen vor, sodaß sich die Mitgliederzahl mit den schon vorher neu eingetretenen 7 Mitgliedern um 144 erhöht. Der Jahresbericht drückte zum Schlüsse den Wnnsch aus, daß sich unter den neuen Mitgliedern recht viele befinden mögen, die die wissenschaftlichen Zwecke des Vereins nach Möglichkeit unterstützen. Freude und Leid mischen sich auch ins Vereinsleben und so hat der Verein den Austritt von 6 Mitgliedern zu verzeichnen. Durch den Tod verlor er 5 Mitglieder. Das Andenken der Verstorbenen wurde durch Erheben von den Sitzen geehrt. Sodann erstattete Herr Dr. Küster einen eingehenden Spezialbericht über Funde und Ausgrabungen und gab auch eine Uebersicht über die, für das Museum erworbenen Gegenstände. Der Bericht berührte die prähistorischen Funde bei Mittelbuchen, weiterhin die ^Ausgrabungen bei Windecken, Oberdorfelden und Kilianstädten. Zwischen letztgenannten beiden Orten ist ein römisches Grab aufgedeckt worden. Die Ausgrabungen bei Eichen haben erwiesen, daß auch jenseits der Nidder römische Ansiedelungen gestanden l-aben, was für die Forscher jedenfalls von Interesse ist. Weiterhin wurden noch die dem Museum zugeflossenen Geschenke bekannt gegeben. Der Rechnungsabschluß ergab, daß infolge der außergewöhnlichen Anforderungen, die das verflossene Vereinsjahr stellte (Umzug, Neueinrichtung des Museums rc.) auf das Vereinsvermögen zurückgegriffen werden mußte. Trotzdem wird es nicht erforderlich sein, den Vereinsbeitrag zu erhöhen. Dem Kassirer Herrn Bückmann wurde Entlastung ertheilt, der Vereinsbeitrag für das kommende Vereinsjahr mit 4 Mk. belassen und der bisherige Vorstand in seiner Gesammtheit wiedergewählt. Nach Erledigung der geschäftlichen Angelegenheiten ertheilte . der Vorsitzende dem Direktorial-Assistenten am Alterthums-Museum zu Frankfurt a. M. Herrn Dr. F. Quilling das Wort zu seinem Dortrage: „Die römischen Todtenfelder bei Rückmgen und Praunheim". Durch eine höchst anschauliche Schilderung einer vor 1800 Jahren zu Rückingen stattgehabten Begräbniß-
feierlichkeit, die der Vortragende nach dem Befund, der sich aus dem Studium der Rückinger und Praunheimer Todtenfelder ergibt und mit Hilfe von schriftlichen Nachrichten über Be- stattungsgebräuche — die wir aus dem römischen Alterthum besitzen — meisterhaft entworfen hatte, wurden die Zuhörer in eine ernste weihevolle Stimmung versetzt, welche durch die ruhige, dem religiösen Inhalt angemessene Vortragsweise noch wesentlich erhöht wurde. Hinweisend auf die vortreffliche Publikation von Professor Dr. Suchier sah Redner von einem Berichte über die Ausbeute und Bedeutung des Rückinger Gräberfeldes ab und bezog nun seine weiteren Mittheilungen auf den kürzlich entdeckten, gleichzeitig mit letzterem angelegten Friedhof zu Praunheim bei Frankfurt, wo einst eine große Römerstadt gestanden hat, und stellte einen Vergleich zwischen beiderseitigen Ergebnissen auf. Ueber die Lage und Ausdehnung des neu entdeckten Gräberfeldes, über die Anlage und den Inhalt einzelner Grabstätten — von denen bis jetzt 300, vorwiegend Brandgräber, bloßgelegt sind — vermochte Redner ein klares Bild aus eigener Anschauung zu entwerfen; ist es doch in erster Linie seine Aufgabe, diese bedeutsame Stätte römischer Kultur einer genauen wissenschaftlichen Beobachtung und Durchforschung zu unterziehen. Der Vortragende betonte, daß die in den Gräbern vorgefundenen Beigaben der Urnen, als Krüglein, Fläschchen, Schmuckgegenstände, Lämpchen, Nägel und Münzen, mit religiösen Anschauungen in keiner Beziehung gestanden haben, wohl aber als ein Brauch anzusehen seien, der sich aus der Leichenbeerdigung erhalten hat und von dieser auf die Leichenverbrennung — oft in sinnloser Weise — übergegangen ist. Nachdem Redner auch nähere Auskunft über den Bau zweier Arten von Brandgräbern — von solchen, über denen die Leiche verbrannt wurde und solchen, welche keine Brand- oder Afchespuren zeigten, sondern nur die Ascheurne enthielten — Auskunft gegeben hatte, verbreitete er sich auch über die Beschaffenheil der zu letzterem gehörenden ustrinae, deren Vorhandensein freilich noch nicht völlig klargestellt ist. Schließlich gab er Zeugniß von der Durchforschung der vielfach gefundenen Skelettgräber, die zum Theil eine recht räthselhafte Lage und Beschaffenheit der Skeletttheile aufweisen. Mit den Worten: „Was diese uns sagen, ist bei den archäologischen Fortschritten des letzten Jahrzehnts recht Vieles, mit ihnen und den irdischen Ueber- resten der längst Verstorbenen entnehmen wir dem Schooße der Erde ein wichtiges Stück Kulturgeschichte ehrwürdiger Zeit, einer Zeit, von der auch wir Modernen noch viel lernen können" und sollen als die Modernsten uns glauben machen möchten" beendete er seine Darlegungen, die er durch von Künsterhand geschaffene Zeichnungen und durch der Erde entnommene und dem Todtenkultus angehörende Gegenstände illustrirt hatte. Den schuldigen Dank zollte die Zuhörerschaft dem Redner für seine hochinteressanten Ausführungen.
* Wetterhäuschen. Das vom Berschönerungsverein beschaffte, im Schloßpark dahier zur Aufstellung gekommene schmucke Wetterhäuschen ist auf desfallstge Eingabe des Vereins laut Beschluß des Magistrats an den Hauptverkehrsweg des Schloßparks (Hainstraße-Marienstraße) versetzt worden.
* Monatsoper in Hanan. Wegen plötzlich einge- tretener Unpäßlichkeit des Herrn Hunold mußte gestern „Don Cesar" ausfallen und findet die Abonnementsvorstellung Sonntag den 13. April statt und zwar geht „W aldmeister" zum ersten Mal für Hanau in Szene. — Heute Mittwoch Abend: „Der Bettelstudent". — Freitag den 11.: Millöcker's glänzendes Werk „Das verwunschene Schloß". Mit beiden Werken hat Millöcker seine größten Erfolge erzielt.
* Entwichen. Aus dem Landkrankenhause hierselbst ist gestern Nacht gegen 1 Uhr der Geisteskranke B l o ch entwichen. Es ist dies derselbe, der, wie bere ts gemeldet, vor einigen Wochen im Langenselbolder Walde von einem Förster in hilflosem Zustande aufgefunden wurde. Bloch, welcher auf dem rechten Bein lahm geht, trägt Anstaltskleidung und ist wahrscheinlich ohne Kopfbedeckung.
* In Polizeigewahrsam genommen wurde gestern Abend gegen 9 Uhr ein hiesiger Taglöhner K., weil er sich in stark angetrunkenem Zustande am Kanalplatz herumgetrieben und durch fortgesetztes Skandaliren ruhestörenden Lärm verursachte.
* Viehmarkt. Auf dem heutigen Viehmarkt waren 2 Ochsen, 179 Kühe, 41 Rinder und 40 Kälber aufgetrieben. Das Geschäft war sehr lebhaft.
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W. Grotz-Auheiut, 8. April. (Schulanfang.) In die hiesige evangelilche Schule wurden beim gestrigen Beginn des neuen Schuljahres 28 Kinder neu ausgenommen. Die Gesammtzahl der evangelischen Schulkinder beträgt jetzt 135, davon besuchen die Oberstufe 36, die Mittel- und Unterstufe 99. Es ist dies bis jetzt die höchst erreichte Schülerzahl.
& Fechenheim, 8. April. (Versetzt.) Durch Verfügung Königl. Regierung zu Cassel ist der hiesige Lehrer Herr Wilh. Gerth in gleicher Eigenschaft nach Rothenditmold bei Cassel vom 15. April ab versetzt und zum gleichen Termine Herr Lehrer K. Rühl von Roßberg, Kreis Marburg, an die hiesige evangel. Schule.
Aus dem Gerichtssaal.
Sitzung des Hanauer Schöffengerichts vom 8. April.
Ein Bettler erhält 3 Wochen Haft und wird der Landespolizeibehörde überwiesen. — Der Sattler A. zu Großauheim unterhält ein Liebesverhältniß mit der Tochter des Landwirths B. daselbst. Die Eltern des Mädchens wollen die Bekanntschaft aus konfessionellen Gründen nicht dulden und als am 1. Januar das Liebespaar bei einer Tanzmusik anwesend war, machte der Bruder des Mädchens seinem Groll gegen den verhaßten Liebhaber seiner Schwester in allerlei Ungehörigkeiten Luft. Er stieß beim Tanzen in einem fort mit dem Ellbogen seiner Schwester in den Rücken, dann belegte er sie mit einem gemeinen Schimpfnamen. Als die Rempeleien des B. gar nicht aufhören wollten, sah sich der Sattler endlich genöthigt, einzuschreiten, was dadurch geschah, daß er dem B. ein paar gewaltige Ohrfeigen applizirte. B. hat Strafantrag gegen den Sattler gestellt, aber das Gericht faßt dessen That als eine Nothwehrhandlung auf und spricht ihn frei, dem Anzeiger aber werden die Kosten des Verfahrens einschließlich der dem Angeklagten erwachsenen Auslagen auferlegt. — Eine kleine Amazonenschlacht fand am 8. Februar in der Salzstraße statt. Die Fabrikarbeiterinnen R. und G. standen an dem Abend gegen 6 Uhr in der Salzstraße und erwarteten den „Feind". „Jetzt hawe ma se endlich emal", riefen Beide, als die 15jährige Verkäuferin Z. ums Eck kam, packten sie beim Schöpf und verabfolgten ihr eine gepfefferte Lektion, weil sie die Ursache ist, daß der R. ihr Bräutigam untreu wurde. Die Angeklagten bestreiten, daß sie die Thäterinnen waren, bitten aber zum Schluß „um eine milde Strafe." Das Gericht spricht sie frei, weil es der Meinung ist, daß die Verletzte bei der Darstellung des Sachverhalts übertrieben hat und ein anderer einwandsfreier Zeuge nicht vorhanden ist. — Der Silberarbeiter S. verbot einem ihm unterstellten Lehrling das „Pfuschen", d. h. einen Ring für sich anzufertigen. Am nächsten Tage schrieb der Vater des Jungen einen Brief mit etlichen sehr massiven Grobheiten gegen den S., worüber dieser sich so ärgerte, daß er dem Briefschreiber mittags aufpaßte und ihm ein paar gehörige Ohrfeigen verabfolgte. Dafür hat er 3 M. Geldstrafe zu zahlen. — Am 7. Dezember war in der Gemarkung Kesselstadt Treibjagen der landgräflichen Jagdgesellschaft. Als die Jäger nach Rumpenheim übergefahren waren, veranstaltete der Wagnermeister M. von Wachenbuchen noch ein nachträgliches kleines Jagen, indem er mit einer langen Stange das Treibgebiet absuchte, um eventl. einem angeschossenen oder abgehetzten Lampe den Garaus zu machen und ihn zu annektiren. Hinter einem Baum saß aber der landgräfliche Jagdaufseher und machte dem Jagen im gegebenen Augenblick ein Ende. Da es ein erster Versuch ist, kommt M. mit 15 M. Geldstrafe davon, der Glasermeister K. von Dörnigheim, der mit bei der Parthie gewesen sein soll, wird mangels genügender Beweise freigesprochen. — Der Metzgermeister B. und der Kaufmann B. waren wegen ungenügender Straßenreinigung in Geldstrafen von je 2 Mark genommen worden. Beide Beschuldigte lassen die Straßen durch das StraßenreiniMngsinstitut von Welsch reinigen und seitens des Letzteren wirtz bewiesen, daß die Straßen gründlich gereinigt, aber durch Fuhrwerke und andere Ursachen wieder beschmutzt worden waren. Die Angeklagten werden freigesprochen. — Der Taglöhner N. ist verschiedener Vergehen, (Beleidigung, Bedrohung, Hausfriedensbruch) angeklagt. Ferner ist er dem Trunk und Müßiggang ergeben und überläßt die Unterhaltung seiner Familie der öffentlichen Armenpflege. Die eine Beleidigung und die Bedrohung richtete sich gegen seine Ehefrau, da diese aber die Aussage verweigert, so erfolgt in diesen Punkten Freisprechung. Die andere Beleidigung richtete sich gegen eine Hausnachbarin und deshalb erhält er 14 Tage Gefängniß, ferner wegen des Müßiggangs eine Woche Haft und weiter wird auf Ueberweisung an die Landes- Polizeibehörde erkannt. — Der Arbeiter R. soll einem Metzgermeister einen angeschnittenen Schwartenmagen entwendet haben. Der Metzgermeister nimmt seinen Strafantrag zurück und das Verfahren gegen den Beschuldigten wird eingestellt. Eine in derselben Sache schwebende Privatklage wird durch Vergleich beendet.