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General-Anzeiger.
Amtliches Organ für Stadt- und Landkreis Kanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur: G. Schrecker in Hanau.
Ar. 5
Bezirks-FernspreKanschlnß Nr. 98.
Dienstag den 7. Januar
Bezirks-Fernsprechanschlnß Nr. 98.
1902
Bus Stadt und Cand.
Hanau, 7. Januar.
* Neue Dienstanweisungen für Bahnwärter und Weichensteller sowie für Lokomotivführer und Heizer sollen und zwar die ersteren am 1. April, die letzteren am 1. Mai 1902 zur Einführung gelangen. Die neuen Dienstanweisungen beschränken sich auf eine systematische Zusammenstellung der Betriebsvorschriften. Unberührt bleiben daher Anweisungen, die sich auf die Unterhaltung und Bedienung technischer Anlagen, z. B. Stellwerke, Blockwerke, Bremsen usw. beziehen. Aus diesen sind nur solche Bestimmungen übernommen, die sich auf die Handhabung des Betriebsdienstes beziehen. Die Dienststellenvorsteher sind angewiesen, die Dienstanweisungen mit den Bediensteten gründlich durchzusprechen, damit die Betheiligten bis zu den Jnkraftiretunqstermincn sich damit vertraut gemacht haben. Da die Herausgabe der für örtliche Einrichtungen, z. B. Tunnels, Brücken u. a., erforderlichen Vorschriften den Eisenbahndirektionen wie bisher freisteht, so soll dafür gesorgt werden, daß die Bediensteten mit den darauf bezüglichen Anweisungen, die neben den neuen selbstverständlich weiter gelten, ausgerüstet bleiben. Der Minister der öffentlichen Arbeiten hat weiter bestimmt, daß bei der Eisenbahndircktion in Altona ein Ausschuß gier Kurrenthaltung und Fortentwickelung der Dienstanweisungen, bestehend aus einem administrativen, einem betriebstechnischen und einem maschinentechnischen Betriebsdezernenten einzusetzen ist. Der Ausschuß hat dafür zu sorgen, daß, soweit geboten, alle Aenderungen und Ergänzungen derjenigen Vorschriften, die als Quellenmaterial gedient haben, in Form von Deckblättern alsbald in den Text der neuen Dienstanweisungen für Bahnwärter und Weichensteller sowie für Lokomotivführer und Heizer eingefügt werden. Nach Ablauf eines Jahres vom Inkrafttreten der neuen Dienstanweisungen ab ist dem Minister über die gemachten Erfahrungen Bericht zu erstatten.
* Versetzt wurde Kreisbauinspektor Michael von Nakel nach G e l n h a u s e n.
* Kreistag und Mainhafen. Der K r e i s ta g des Landkreises Hanau hatte sich in seiner gestrigen Sitzung auch mit der von den Herren Oberbürgermeister Dr. Gebeschns und Handelskammerpräsident Canthal gemachten Eingabe, für Herstellung des hier in Hinsicht auf die projektirte Mainkanalisation erforderlichen Sicherheitshafens aus Mitteln desKreises einen Vsilrag von 250,000 Mark gewähren zu wollen, zu befassen. Der Kreistag lehnte den Antrag mangels wesentlichen Interesses des Landkreises an den Hafen- einrichtungen einst immig ab. — Auch die chemische Fabrik Cassella & Co. in Mainkur hat eine Eingabe der Stadt Hanau um Leistung eines Beitrages zu dem geplanten Sicherheitshafen abschlägig beschützen mit der Motivi- rung, daß die Waaren, für die die Wasserversrachtung in Frage kommt, vom Rhein mainauswärts gehen und durch die S ch l e u s e bei Offenbach für Fechenheim die Schiffbarkeit des Mains in dieser Richtung bereits hergestellt, also für Fechen- Heim auch keinerlei Interesse au der Weiterführung der Mainkanalisation und dem Sicherheitshafen in Hanau vorhanden sei. Die Gemeindevertretung Fechenheims hat bekanntlich vor nicht langer Zeit aus denselben Gründen die Leistung eines Beitrags abgelehnt.
• Landwege - Unterhaltung. In der gestrigen Sitzung des' Kreistages wurde der Kostenvoranschlag für Unterhaltung der Landwege mit 81000 M. festgelegt.
* Marienkirchenchor. Heute Abend 8 Uhr Probe des Damenckors.
* Hanauer Thierfchutzverein. Während die mit der Prämiirung von Fahrburschen verbundene letzte Vorstanes- sitzung des Jahres gleichsam das Weihnacktsfest des Thierschutzvereins bildet, wird die erste Vorstandssitzung des Jahres als Neujahrsfeier betrachtet, die ebenfalls in ihrer schlichten Form den Theilnehmeru stets einen anregenden Abend gewährt. So war es, wie alljährlich, auch bei der gestrigen im Vereinszimmer des Restaurants Mohr abgehaltenen Sitzung, der ein gemeinsames. einfaches Abendessen voraufging und wobei der Herr Vorsitzende, Prof. Dr. S ch e e r, Veranlassung nahm, interessante Vergleiche anzustellen zwischen den Formen des früher und jetzt geübten Thierschutzes, wie auch seiner Genugthuung Ausdruck zu geben über die Fortschritte, die die hehre Idee des Thierschutzes allerseits und nicht zum mindesten in unserer Vaterstadt genommen hat. Vor Allem sei es freudig zu begrüßen, daß die Lehrerschaft sich der Sache angenommen und die Jugend
für den Thierschutz zu erwärmen suche. — In der Vorstandssitzung wurde sodann beschlossen, die diesjährige Frühjahrszusammenkunft der Thierschutzvereine Frankfurt a. M., Offenbach, Hanau und Aschaffenburg, die hier in Hanau statt- zufinden hat, am 19. März abzuhalten. Das Programm hierfür wird in der nächsten Vorstandssitzung definitiv zur Feststellung kommen. — Ferner wurde dem Wunsche Ausdruck gegeben, daß ähnlich wie in verschiedenen Gegenden Westdeutschlands auch hierin Hanau die Bauunternehmer zur Erleichterung für ihre Zugpferde an den Zufuhrwegen zu den Baustellen Schienen auflegen möchten, was bei aufgeweichtem Boden manche Thierquälerei von vornherein verhindern würde.
D Im Kunstindustrie-Verein sprach gestern Abend Herr Dr. C l a a s aus Rom über: „Eine Fahrt durch die Romagna." Alljährlich strömen eine große Anzahl von Fremden nach Italien, doch die überaus größte Anzahl der Besucher passirt nur die breite Verkehrsstraße, die ja auch dein Neuling nach vielen Richtungen des Interessanten in Fülle bietet. Die seitwärts gelegenen Gebiete, zu denen auch die Romagna gehört, werden nur wenig besucht, und doch bieten auch diese Landestheile dem Besucher manches Reizvolle. Drei Straßen führen in die Romagna hinein, die in ihrer Gesammtheit kein erfreuliches Bild zeigt. Das Land steht wirthschaft- lich nicht sonderlich hoch, die Industrie ist nicht in Blüthe, die Landwirthschaft liegt darnieder und die ehemals so vielversprechende Entwickelung des Handels konnte sich nicht vollziehen. Letzteres ist darin begründet, daß das Meer von Jahr zu Jahr zurücktritt und die Häfen versandet hat. Ravenna, das einst in unmittelbarer Nähe des Meeres lag, liegt jetzt weit ab vom Strande. Diese historische Stadt macht einen öden Eindruck, allein in kunsthistorischer Beziehung ist sie bedeutungsvoll. Dante fand hier gastliche Aufnahme und auch hier seine letzte Ruhestätte; die Mosaikkünste wurden hier eifrig gepflegt und zahlreiche Gebilde dieser Kunstart sind hier zu finden; auch die Baukunst war einst hier in hoher Blüthe. In unmittelbarer Nähe der Stadt liegt das Grab des größten Gothenkönigs Theoderich. Eine Reihe weiterer kleiner Orte bietet jeder in seiner Art Eigenthümliches. Die Bewohner der Romagna zeichnen sich aus durch hohes Selbstgefühl, Unter- thänigkeit ist ihnen ein unsympathischer Begriff. Noch bis in die neueste Zeit hinein war die Zahl der Morde, der politischen und der Morde aus Rachsucht, sehr groß. Bietet dieses Land bei seiner Betrachtung des Erfreulichen nicht sonderlich viel, so ist es doch ganz verkehrt, aus den Verhältnissen dieses Gebietes heraus ein Urtheil für ganz Italien zu fällen. Italien ist nicht ein geschlossener Staat mit einheitlichem Charakter, sondern es zeigt vielmehr in seinen verschiedenen Gebietstheilen ganz verschiedene Bilder. Die Darbietungen waren äußerst anregend und zeugten von scharfer Beobachtung und liebevollem Studium der Verhältnisse in unmittelbarer Nähe.
— Kammermusik Abend. Der 2. Kammermusik- Abend der Frankfurter Quartett-Vereinigung (Herren H. Hock, F. Dippel, A. Allekotte und Hch. Appunn) fand gestern Abend im Saale der „Centralhalle" statt. Leider war das Konzert weniger gut besucht. Es ist uns geradezu unbegreislich, wie das Hanauer musikliebende Publikum eine konzertliche Veranstaltung, die uns die edelsten Kunstgenüsse vermittelt, so wenig unterstützt. Wenn vielleicht der Ein- wand, daß die Kammermusik-Konzerte wenig Abwechselung bieten, für den einen oder andern zutreffen mag, so hatten die Konzertveranstalter auch nach dieser Seite dem Geschmack Rechnung getragen und ihren Darbietungen eine Abwechselung geboten durch die Vorträge einer Sängerin, deren Leistungen insbesondere im Koloraturgesang verblüffend wirkten. Miß G r a c e F o b e s aus Wiesbaden wußte durch ihre leicht bewegliche, hohe und ansprechende Sopranstimme das Publikum geradezu zu begeistern. Mühelos, in allen Lagen ansprechend und anmuthend kamen die Koloraturen zur Geltung, die ihren Höhepunkt erreichten in der Arie aus der Oper: „Traviata" von G. Verdi. Aber auch die Lieder von Rubinstein, Brahms, Löwe und Chopin enthielten wunderbar ausgearbeitete Parthien, wozu ihre glänzenden Stimmmittel und ihre echt künstlerische Vortragsweise sie befähigten. Anhaltender Applaus wurde der Sängerin zu Theil, die sich schließlich zu einer Zugabe verstehen mußte. Selbst beim Verlassen des Saales — die Sängerin verließ denselben noch vor Beendigung des Konzertes — begleiteten laute Beifallsspenden dieselbe. Die Begleitung der Lieder besorgte Frl. S t e i n b o r n ait8 Wiesbaden in anerkennenswerther Weise. — Von den Konzertveranstaltern wurde geboten Streichquartett op. 95 F-moll von L. von Beethoven, Serenade aus dem Streichquartett D-dur von Tschaikowsky, Menuetts aus dem Streichquartett B-dur von B. Godard und das Dvoraksche Streichquartett op. 105 As-dur. Die Frankfurter Quartett-Vereinigung verstand es wiederum in ihren Darbietungen das Interesse des
Publikums für die klassischen Kammermusikwerke in hohem Grade zu wecken und zu schärfen. Das gewohnte, ganz vortreffliche Ensemblespiel, in dem sich bestrickend schöne Töne, nie versagende Technik und tiefe Innerlichkeit des Vortrags die Hand reichten, hinterließ bei sämmtlichen Nummern den tiefsten Eindruck. Für die kunstvolle Wiedergabe der einzelnen Quartette ernteten die Vortragenden ungetheilten Beifall. Das nächste 3. Kammermusik-Konzert wird am Montag den 3. März abqehalteu.
b. Philipp Härtung f« Gestern verschied nach längerem Leiden der Fabrikant Herr Philipp Härtung, eine auch in hiesigen musikalischen Kreisen hochgeachtete Persönlichkeit. Mit einem großen praktischen Geschick auf dem Klavier verband er ein tiefes und eingehendes theoretisches Wissen aus musikalischem Gebiete. Es war Genuß, sich mit ihm zu unterhalten, da die Unterhaltung nicht selten einen tiefen Einblick gewähren ließ in den reichen Schatz seines Wissens. Auch als Komponist hat sich der Verstorbene verschiedenartig hervorgethan. Verschiedene Männerchöre und Siebet für gemachten Chor sind seinem schöpferischen Geiste entsprossen. Auch für Instrumentalmusik hatte er ein reges Interesse, das er durch verschiedene Kompositionen zu erkennen gegeben hat. Wenn nun auch sein bescheidener Sinn es nicht zuließ, seine vielseitigen Werke der großen Oeffentlichkeit zu übergeben, so legen sie doch beredtes Zeugniß ab von seinem genialen Geiste und seinen schöpferischen Ideen. Auch als Dirigent hat sich Herr Härtung verschiedentlich ausgezeichnet. Den Hanauer Sängern wird wohl noch in Erinnerung sein, wie er gelegentlich des Mittelrheinischen Turnfestes 1891. mit Umsicht und Geschick die gesanglichen Proben und Aufführungen leitete. — Ehre feinem Andenken!
ch. Nestbau der Kirche Keffelstadt. Kurz vor Schluß des vergangenen Jahres sind die Verhandlungen betr. den Neubau einer Kirche in unserer Gemeinde zum erfolgreichen Abschluß gebracht worden. Damit sind die Tage des alten, dem Verfalle nahe gekommenen Küchleins wohl gezählt und es wird in Kürze zur Ausführung eines stattlichen Neubaues den Platz räumen müssen. Die dahin zielenden Beschlüsse der beiden Gemeinde-Vertretungen, der politischen und der Kirchengemeinde, sind daher mit freudigem Danke ausgenommen worden. Die Entwürfe für den Neubau sind von dem Professor an der Hochschule zu Stuttgart, Herrn Architekten H. Jassoy, einem Sohne Hanaus, angefertigt, der die Aufführung des Baues auch leiten wird. Die Bausumme ist, wie wir hören, auf 114,000 Mark veranschlagt, die zu einem Theile von der politischen Gemeinde, zum größeren Theile aber von der Kirchengemeinde aufgebracht werden muß. Der Entwurf zum Neubau ist in spätgothischem Stile ausgeführt, seine Giebelfront mit unsymmetrischer Thurmanlage nach der Philippsruher Allee hin gerichtet. Der Thurm selbst ist in schlankem Aufbau zu 50 Meter Höhe in die Mainebene hinausragend geplant. Der Bauplatz wird durch das höchst anerkennenswerthe Entgegenkommen unserer verehrlichen Gemeindebehörde freigelegt und dadurch ein prächtiger, unserer Gemeinde zur Zierde gereichender freier Platz geschaffen werden. Möge das große Werk nach allen Seiten hin wohlgelingen und unserer Gemeinde in ihm ein würdiges Gotteshaus gegeben werben, das noch nach Jahrhunderten Zeugniß gibt von dem werkthätigen Opfersinn unseres heutigen Geschlechtes.
* Stadttheater. Am Mittwoch gelangt Carl Gutzkow's Trauerspiel: „Uriel Acosta", mit Herrn Dr. Jngo Krauß vom Hoftheater in Wiesbaden als Vertreter der Titelrolle, zur Aufführung. Der Gast Herr Dr. Kraus bewirbt sich um das für die kommende Saison vakant werdende Fach des 1. Helden und Liebhaber. In Gutzkow's berühmtem Werke ist dem Gaste Gelegenheit gegeben, seine künstlerischen Fähigkeiten zu zeigen. Das Stück ist sorgfältig neu einstudirt und dürfte ein interessanter Theater-Abend zu erwarten sein.
* Verworfene Revision. Vom Reichsgericht wurde die Revision des Kaufmanns L. von hier, der wegen Unterschlagung von 14 000 Mk. und Bücherfälschung von der hiesigen Strafkammer zu 5 Jahren Zuchthaus verurtheilt worden war, verworfen.
* Die Sühne einer rohen That., Messerhelden werden von den hiesigen Gerichten gewöhnlich scharf angefaßt und das passirt auch dem Schmied Peter H. von Kaiserslautern, der sich gestern vor der Strafkammer wegen gefährlicher Körperverletzung zu verantworten hatte. Es handelte sich um den Vorfall vom 5. Oktober v. Js., wobei dem Metzger K. von hier in der „Herberge zur Heimath" ein Messer bis zum Heft durch den linken Augenwinkel in das Gesicht gestoßen wurde. An dem betreffenden Abend saßen in der Gaststube eine Anzahl zugereister Handwerksburschen, von welchen verschiedene angetrunken waren. Als der Herbergsvater um 9 Uhr zum Schlafengehen aufforderte, weigerten sich mehrere, dem nachzukommen. Der Metzger K. unter-