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General-Anzeiger.
Amtliches Organ fiir Stadt- und FnndKrcis Kanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- imb Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur; <8. Schrecker in Hanau,
Nr. 151
Fernsprechanschlnß Nr. 605
Mittwoch den 2. Juli.
Fernsprechanschlnß Nr. 605.
1902
Amtliches.
Landkreis Danau.
Bekanntmachungen des Königlichen Landrathsamtes.
Die am Eicherwege, sog. Holzwege, in der Nähe von Windecken über die Eisenbahn führende Brücke bleibt bis auf Weiteres noch für den Verkehr gesperrt, weil die Jnstandsetzungsarbeiten an derselben noch nicht beendigt sind.
Hanau den 1. Juli 1902.
Der Königliche Landrath.
V. 6352 I. V.: V a l e n t i n e r, Reg.-Assessor.___________
Gesundenc mid verlorene Gegenständeu.
Gefunden: 1 Peitsche, 1 Paar schwarze Herren- Gla^ehandschuhe, 1 kleines rothes Täschchen mit einem Taschentuch, 1 schwarzer Mützenüberzug, verschiedene Papiere für den Knecht Friedrich Grittke.
Verloren: am Sonntag Abend in Wilhelmsbad oder nächster Umgebung (wahrscheinlich auf dem Wege von Wilhelmsbad nach dem Bahnhof) 1 kleine schwarze Damenuhr mit goldener Kette, 1 Kontobuch.
Hanau den 2. Juli 1902.
Dicnstnnchrichten aus dem Kreise.
Peter Schmehl in Rückingen ist zum Nachtwächter der Gemeinde Rückingen bestellt und verpflichtet worden.
Hanau den 27. Juni 1902. V 6191
Mus Stadt und Cand
Hanau, 2. Juli.
Die Abschaffung des Nachmittagsunterrichtes in der höheren Mädchenschule.
Die Abschaffung des Nachmittagsunterrichtes, aus einer großen Reihe schwerwiegender Gründe von Lehrern und Aerzten immer von Neuem und immer nachdrücklicher gefordert, bleibt für die höheren Knabenschulen unerreichbar, so lange für die Klassen eine so hohe Stundenzahl angesetzt wird, wie dies leider auch von den neuesten Lehrplänen geschieht. Denn bereits in Quarta haben die Schüler wöchentlich 33, von Tertia an 35 Stunden Unterricht, zu denen noch 4 Stunden geometrisches Zeichen treten.
Anders liegen die Verhältnisse an den höheren Mädchenschulen. An diesen Anstalten werden in keiner Klasse wöchentlich mehr als 30 Stunden ertheilt, so daß der Einführung des ungeteilten Vormittagsunterrichtes nach dieser Richtung hin keinerlei Schwierigkeiten erwachsen.
Wenn wir heute zu dieser Frage das Wort ergreifen, so folgen wir im Wesentlichen dabei den Ausführungen des Direktors der höheren Mädchenschule zu Quedlinburg, Dr. Löhr, der in seiner Abhandlung: „Der ungetheilte Vormittagsunterricht in der höheren Mädchenschule", in erschöpfender und überzeugender Weise die Gründe für die Abschaffung des Nachmittagsunterrichtes in den höheren Mädchenschulen zu- sammenstellt.
Danach haben in Preußen von 100 in Betracht kommenden Anstalten 77 den Nachmittagsunterricht bereits abgeschafft und zwar fast allgemein in Nord- und Mitteldeutschland, selbst in kleinen und sehr kleinen Städten wie Tilsit, Gumbinnen, Jnsterburg, Memel, Allenstein, Eberswalde, Küstrin, Perleberg, Prenzlau, Guben, Demmin, Kolberg, Greifswald, Stolp, Swinemünde, Glogau, Schweidnitz, Hirschberg, Walden- burg u. a.
Fragen wir nach den Gründen, welche für die Abschaffung des Nachmittagsunterrichtes sprechen, so kommen vor allen Dingen gesundheitliche Gründe in Betracht:
Bei größeren Entfernungen ist ein Schulweg mit bepacktem Ranzen besonders für zartere Kinder entschieden zu anstrengend; ja selbst bei geringeren Entfernungen von etwa 15 Minuten, wie sie auch in unserer Stadt sehr häufig sind, kommt schon eine tägliche Wanderung von 1 Stunde heraus, die, weil Schulwege niemals Erholung bringen, besser auf die Hälfte beschränkt würde.
Bei großer Hitze oder Kälte, bei Wind, Staub und Nässe ist das Zurücklegen des Schulweges mit um so größeren Gefahren für die Gesundheit verknüpft, je öfter es geschieht. Man wende nicht ein, daß es doch sehr wünschenswerth sei, wenn die Kinder sich bei Zeilen an alle Witterungsverhältnisse gewöhnen und dagegen abhärten. Wohl ist dies gut, aber es ist nicht gut, wenn die Kinder mit durchnäßten Kleidern und Strümpfen noch stundenlang in der Schulstube sitzen, oder wenn sie nach Zurücklegung eines heißen, schattenlosen und
staubigen Schulweges noch 2 Stunden in heißen Schulstuben sitzen, anstatt etwa nach mühsamer Wanderung von kühlem Waldesschatten umfangen zu werden.
Vor allen Dingen ist aber die Mittagspause von 12 bis 2 Uhr viel zu kurz, um eine wirkliche Erholung zu sein und auf neue geistige Arbeit richtig vorzubereiten. Wie uns von sachkundiger Seite mitgeteilt wird, essen 5% der Schülerinnen der hiesigen höheren Mädchenschule nach 1 Uhr, 44% um 1 Uhr, 44°/o zwischen ^l und 1 Uhr und nur 7°/o früher. In den meisten Fällen sind also die um 12 Uhr aus der Schule entlassenen Kinder etwa um 1 bezw. ^*2 Uhr mit dem Essen fertig und haben dann nicht viel mehr als V» Std. vor sich, bis sie den Schulweg wieder antreten müssen. In vielen Fällen wird diese halbe Stunde aber dazu benützt, um noch Schularbeiten für den Nachmittagsunterricht anzufertigen oder zu wiederholen, ist also keine Erholung, sondern „schädigt, Tag um Tag und Jahr um Jahr getrieben, die gesundesten Kinder." So haben Griesbach (Energetik und Hygiene des Nervensystems in der Schule) und Friedrich (Untersuchungen über die Einflüsse der Arbeitsdauer und Arbeitspausen auf die geistige Leistungsfähigkeit der Schulkinder) den Nachweis geführt, daß die Nachmittagspause in der Regel nicht aus- reicht, um die Ermüdung auszugleichen. Mit Nachdruck fordert daher Griesbach Beseitigung aller wissenschaftlichen Nachmittagsstunden.
Die Mittagspause von 12 bis 2 Uhr ist aber auch deshalb zu kurz, weil kein Schüler und keine Schülerin, mögen sie noch so schnell nach Hause gehen, und mag die Mutter noch so pünMch mit dem Mittagessen sein, bis zum Wiederbeginn des Unterrichtes die eingenommene Mahlzeit auch nur annähernd verdaut haben kann. Von der Einfuhr der Nahrung bis zu ihr«: vollen Verwerthung im Körper vergeht eine Zeit von mehreren Stunden. Während dieser Zeit ist namentlich nach kräftigen Mahlzeiten (wie dem Mittagessen) die geistige Leistungsfähigkeit entschieden herabgesetzt. Gerade in diese Zeit, nämlich von 2 bis 4 Uhr, fällt aber der Nachmittagsunterricht. Späterhin bessert sich die geistige Leistungsfähigkeit wieder, und die durchs das sogenannte Derdauungsfieber eintretende Ermüdbarkeit nimmt ab. Nächst den Morgenstunden ist die Zeit 3—4 Stunden nach der Hauptmahlzeit, also etwa zwischen 4 und 6, diejenige, welche für die geistige Arbeit die günstigsten Verhältnisse darbietet. Von da an könnten die Kinder also wieder arbeiten, und sie pflegen ja dann auch gewöhnlich ihre ^Hausarbeiten anzufertigen; nur schade, daß ihre Leistungsfähigkeit erheblich herabgesetzt worden ist dadurch, daß sie mit vollem Magm zur Schule gehen und dort 2—3 Stunden mit dem Kopfe weiter arbeiten müssen zu einer Zeit, wo der Magen arbeiten sollte. Daß aber 2 Organe von dieser Blutsülle und Wichtigkeit im Haushalten des Körpers nicht zugleich, mit vollem Erfolg arbeiten können, ist ein so selbstverständliches Ding, daß man sich wundert, wie die Schule so offenbarer Wahrheit so lange ins Gesicht schlagen durste und es noch thut.
Wie ganz anders, wenn der Nachmittagsunterricht aus- sällt. Dann kann das Mittagessen mit Ruhe eingenommen werden; es ist bekömmlicher, denn die Sorgen der Schule sind vorüber und es tritt nicht schon wieder geistige Arbeit während der Verdauung ein. Im Sommer ist denn treffliche Gelegenheit zu Ausflügen und Pflege der Jugendspiele und auch im Winter täglich zu Spaziergängen und zum Schlittschuhlaufen noch bei Tageslicht. So wird der für die körperliche und geistige Entwickelung unentbehrliche Genuß der frischen Luft zu allen Jahreszeiten in ganz anderem Maße^ ermöglicht, als wenn die Kinder von 2 bis 4 Uhr in der Schule sitzen und sich dann nach dem Genuß des Vesperbrodes sofort wieder an die Arbeit setzen; „denn von der Erledigung, der Schularbeiten erst nach dem Abendessen wird hoffentlich Niemand reden wollen, da es allgemein bekannt sein dürfte, wie schwer geistige Arbeit zwischen Abendbrod und Nachtruhe die Werkzeuge des Geistes angreift." Abendarbeit jugendlicher Personen ist wegen der größeren Ermüdbarkeit gegen Tagesschluß geringwerthig. Sie schädigt die Schlaftiefe und erhöht dadurch das Schlafbedürfnis dessen rückhaltlose Befriedigung dem Kinde durch den unabänderlichen Beginn der neuen Tages- orduung unmöglich gemacht wird. Auf diese Weise entwickelt sich nothwendig dauernde Ermüdung und Herabsetzung der geistigen Arbeitskraft. Es ist aber klar, daß durchs Verlängerung der Unterrichtszeit am Morgen um eine Stunde die der geistigen Arbeit so günstige Zeit von 4—7 Uhr frei gemacht, jedenfalls bei einiger Wachsamkeit der Eltern die Abendarbeit überflüssig, ja unmöglich gemacht wird.
Aber außer diesen sanitären sprechen auch eine ganze Reihe von pädagogischen Gründen für die Abschaffung des Nachmittagsunterrichtes. Vor allen Dingen ist derselbe besonders in der ersten Stunde von 2—3 Uhr wenig wirksam und '
der ungetheilte Vormittagsunterricht daher bedeutend erfolgreicher als der getheilte Vor- und Nachmittagsunterricht, wie dies durch die in vielen Städten gemachten Erfahrungen bestätigt wird. — Allgemein wird anerkannt, daß die fünfte Morgenstunde bei Weitem nicht so anstrengend und immer noch ergiebiger ist als jede Stunde des Nachmittags. — Noch ein anderes Moment kommt dazu, wodurch der kindliche Geist in der fünften Stunde manchmal wirklich auffällig frisch erscheint. Es ist das Bewußtsein, mit dieser Stunde die Tages- arbeit im Wesentlichen vollbracht zu haben, die Aussicht auf den freien Nachmittag mit allen seinen Annehmlichkeiten, die wir doch auch noch aus unserer Schulzeit, freilich nur von 2 Tagen in der Woche her, kennen. Kräpelin sagt darüber in seinem Buche „Geistige Arbeit" (S. 22): „Gegen den Schluß mehrstündiger Versuchsarbeit trat das Bewußtsein, den Abschluß bald erreicht zu haben, deutlich hervor. Es fand seinen Ausdruck in einer gewissen Steigerung der Arbeitsleistung, die wir als Schlußantrieb bezeichnen können."
Bringt aber nicht trotzdem oder gerade wegen dieser letzten spontanen Anspannung der geistigen Kräfte der fünfstündige Vormittagsunterricht eine Ueberanstrengung und damit eine Gefahr für die Gesundheit der Kinder mit sich? Es ist dies bekanntlich der Haupteinwand, der von den Gegnern des un- getheilten Unterrichtes immer und immer wieder erhoben nurd. Folgendes ist darauf zu erwidern: Selbstverständlich ermüdet jede Arbeit und besonders die geistige; aber ein durchgehender Vormittagsunterricht von 3—4 wissenschaftlichen und 1—2 technischen Stunden (Zeichnen, Singen, Turnen, Schreiben, Handarbeit) mit 4 Pausen von abwechselnd 10 und 15 Minuten Dauer ermüdet weniger als die Fortsetzung des Unterrichtes bald nach dem Mittagessen und nach Zurücklegung schmutziger oder heißer Wege. Eine der ersten Autoritäten auf dem Gebiete der Gesundheitspflege und der Nervenkrankheiten, Prof. Dr. Eulenburg in Berlin, verlangt auf Grund physiologischer Untersuchungen, daß alle verbindlichen wissenschaftlichen Lehrstunden nur auf den Vormittag zu legen sind. In vielen Städten haben Aerzte und Aerztekammern sich für fünfstündigen Vormittagsunterricht anstatt des getheilten Vor- und Nachmittagsunterrichtes ausgesprochen, so in Bremen, Duisburg, Weimar, Cafsel, Aachen und Anderen und aus einer großen Anzahl von Städten wird ausdrücklich mitgetheilt, daß man von dem fünfstündigen Vormittagsunterricht keinerlei nachtheilige Folgen für die Gesundheit der Kinder verspürt habe, so aus Halle, Charlottenburg, Gießen, Leipzig, Danzig, Düsseldorf, Tilsit, Wolfenbüttel, Barmen, Aachen, Eberswalde, Celle, Gera, Braunschweig, Essen, Stendal, Potsdam, Hameln, Burg, Demmin, Rostock, Brandenburg u. A.
Wenn nun aber auch als erwiesen zu betrachten ist, daß der ungetheilte Vormittagsunterricht aus gesundheitlichen und pädagogischen Gründen dem getheilten Unterricht vorzuziehen ist, so gibt es doch Eltern, welche ihre Kinder des Nachmittags lieber in die Schule schicken, weil sie zu Hause mit ihnen nichts Rechtes anfangen können, ja weil sie sogar unter ihren Ungezogenheiten und dergleichen zu leiden haben. Wo aber Zucht und Ordnung im Hause herrscht, wo die Eltern sich auch der eigenen Erziehungspflichten gegen ihre Kinder bewußt sind, wo das Haus und nicht die Vergnügungsstätte die Welt der Familienmitglieder ist, muß es mit Freuden begrüßt werden, wenn den Mädchen, und besonders den größeren, der Nachmittag freigehalten wird. Gewinnen sie dadurch doch nicht nur Zeit zur Erholung und Bewegung in frischer Luft, sondern auch zu häuslicher Beschäftigung. Dann gehört die Tochter für den größeren Theil des Tages ganz der Familie; die besonders für größere Mädchen so nothwendige Gemeinschaft mit der Mutter wird in höherem Grade ermöglicht und dadurch das Familienleben, das doch wesentlich auf den Frauen beruht, gekräftigt und gefördert.
Vielfach besteht die Verlegung des gesammten Unterrichtes auf den Vormittag schon seit 20, 30 und 40 Jahren. Ueber- all hat sich diese Einrichtung aufs Beste bewährt. Ebenso wird fast überall hervorgehoben, daß die Stiern der Kinder mit dieser Einrichtung außerordentlich zufrieden seien. Dr. Löhr erwähnt z. B. in seiner Schrift, daß er ein Jahr nach der Einführung des ungetheilten Vormittagsunterrichtes in Quedlinburg an die Eltern seiner Schülerinnen die Anfrage gerichtet habe, wie sie damit zufrieden seien, von 459 Personen, die sich an der Abstimmung betheiligten, 438 für und nur 46 gegen den ungetheilten Vormittagsunterricht stimmten; 5 äußerten sich unentschieden.
Aus seinen eigenen Erfahrungen theilt er mit, daß die Kinder in der letzten Vormittagsstunde erheblich frischer und brauchbarer sind als sonst in den Nachmittagsstunden, besonders der ersten. Von einer Ueberanstrengung war bei gesundheitlich normalen Kindern absolut nichts zu spüren; die zarten und schwachen Kinder aber hatten früher unter dem Nachmittagsunterricht mehr gelitten als jetzt unter der 5. Stunde.