Erstes Blatt.
Hanauer
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5?T< 7 6 Fernsprechanschluß Nr. 605.
Amtliches Organ für Stadt- md Landkreis Sanan.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Mittwoch den 2. April
im Reklamcnthcil die Zeile 25 Pfg., für Auswartß 35 Pfg.
Verantworte. Redakteur: <8. S ch r e ck e r in Hanau, '
Fernsprechanschlnß Nr. 605. 1902
Die Lage in Ostasien
hat in der letzten Zeit die Aufmerksamkeit wieder in stärkerm Maße auf sich gezogen, theils infolge der Nachrichten über Aufstände an der französisch-chinesischen Grenze, theils im Anschluß an die neue Gruppirung der Mächte Japan und England auf der einen und Rußland und Frankreich auf der andern Seite. Bei den Unruhen in der chinesischen Provinz Kwangsü wurde von manchen Seiten vermuthet, daß Frankreich die Hand dabei im Spiele habe, um sich einen Vorwand zur Erweiterung seiner Einflußsphäre zu schaffen. Nach zuverlässigen Nachrichten aus Peking ist jedoch diese Vermuthung unbegründet und die Bedeutung des Aufstandes sehr aufgebauscht worden. Es handelt sich um kleine Rebellionen entlassener chinesischer Soldaten, die wahrscheinlich von der chinesischen Obrigkeit bald unterdrückt werden. In den Küstenplätzen Shanghai, Kanton, Hongkong ist man, wie die Erfahrung lehrt, leicht geneigt, Vorgänge im Innern des chinesischen Reiches zu übertreiben, wobei zuweilen Börsen- Jnteressen mitsprechen. Der Reutersche Korrespondent in Hongkong ist zugleich Börsenmakler.
Der andre Theil der Beunruhigung, der sich in der europäischen Presse gezeigt hat, kommt auf Rechnung der beiden im Ziel der Aufrechterhaltung des status quo zwar einigen, aber doch getrennt marschirenden Zweibünde. Aber auch in dieser Beziehung glauben wir nicht an eine wirkliche Gefahr. Schon der Umstand, daß weder Deutschland noch die Vereinigten Staaten von Amerika in eines der beiden Bündnisse eingetreten sind, macht ein baldiges Aufeinander- prallen der dort politisch und territorial am meisten interesstrten Mächte nicht wahrscheinlich. Es mag nicht an Bemühungen gefehlt haben, jene beiden vorwiegend kommerziell interesstrten Mächte in eine oder die andere Gruppe hineinzuziehen oder eine Verpflichtung zur Neutralität von ihnen zu erlangen. Aber weder für Deutschland noch für die Vereinigten Staaten liegt ein Grund vor, eine solche förmliche Verpflichtung zu übernehmen, und in Berlin wie in Washington kann man sich darauf berufen, daß das Ziel beider Bündnisse, Erhaltung des Friedens, vollauf gebilligt und durch Verpflichtungen der neutralen Mächte für den Kriegsfall eher gefährdet, als gefördert werde.
Die deutsche Politik darf es einerseits mit den Seemächten, mit denen wir gleiche Interessen an der offenen Thür in China Haben, nicht ohne Noth verderben, andererseits muß sie es zu vermeiden suchen, daß die Lage in Ostasien ungünstig auf die traditionelle Freundschaft mit unserm russischen Nachbar m Europa zurückwirke. Daraus mögen sich Schwierigkeiten ergeben, aber wir zweifeln nicht, daß es der diplomatischen Kunst des Grafen Bülow gelingt, sie zu überwinden und womöglich garnicht aufkommen zu lassen. Die ganze asiatische Politik Rußlands ist beherrscht von dem Grundsätze allmählichen Vorrückens von Etappe zu Etappe; in Ostasien sucht sie ohne Zweifel keine Händel mit dem mehr kriegerisch gestimmten Japan, zumal, nachdem England an dessen Seite getreten ist, und es ist viel bequemer für sie, den Gegenstoß gegen den überraschenden Abschluß des englisch-japanischen Bündnisses nicht in Ostasien, sondern in Persien und Afghanistan zu führen, wo Deutschland erst recht politisch uninteressirt ist. Die Petersburger Blätter machen denn auch gar kein Hehl daraus, daß ihnen die Vorgänge in Centralasien jetzt mehr am Herzen liegen als die ostasiatischen.
Aus Stadt und Cand.
Hanau den 2. April.
Lokal-historische Notizen.
2. April 1848. Großes Turnfest zu Hanau unter Leitung des alten Iahn.
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* Organisten- und Kantoramt. Nach einer Ent- lcheidung des Kultusministers sind die Bewerber, welche ihre Befähigung für das Organisten- und Kantoramt nachweisen wollen, der hierauf bezüglichen Prüfung bei der zweiten Prüfung der Volksschullehrer zu unterziehen.
* Preußische Klaffenlotterie. Die Erneuerungs- soose sowie die Freiloose zur 4. Klasse 206. Königlich preuße- lcher Klassenlotterie sind nach den §§ 5, 6 und 13 des Lotterieplans, unter Vorlegung der bezüglichen Loose aus der 3. Klasse, bis zum 8. April d. I., abends 8 Uhr, bei Verlust des Anrechts einzulösen. Die Ziehung der 4. Klasse dieser Lotterie wird am 12. April d. J. ihren Anfang nehmen.
* Betreffend den Verkauf von Platzkarten in den V-Zügen hat der Minister der öffentlichen Arbeiten im Anschlüsse an die Erlasse vom 28. Mai 1900 und vom
1 8. April 1901 nunmehr bestimmt, daß die Platzkarten, soweit es noch nicht geschehen sein sollte, ausschließlich durch einen Beamten zu verkaufen sind, der bei Verkauf und Prüfung der Platzkarte gleichzeitig die Fahrkarte zu prüfen hat. In der Regel ist hiermit der Zugführer allein zu betrauen. Soweit dies wegen starken Verkehrs oder zu dichter Stationsfolge nicht angängig ist oder die ordnungsmäßige Verausgabung der Platzkarten und die Fahrkartenkontrole sonst erschwert sein sollte, könnm ein oder mehrere Schaffner, die das nöthige Verständniß und die erforderliche Gewandtheit besitzen, in einzelnen Wagen diese Geschäfte erledigen. Die Ab«1 rechnung über den Platzkartenverkauf mit den zuständigen Fahrkartenausgabestellen verbleibt in den Händen des Zugführers, an den die mitbetheiligten Schaffner die vereinnahmten Geldbeträge und die Platzkartenbestände nach Beendigung der Fahrt abzuliefern haben.
* Landwirthschastskammer. In der leiert Vorstandssitzung des Vereinsausschusses der Landwirthschaftskammer für den Regierungsbezirk Cassel lag ein Schreiben des Herrn Regierungs-Präsidenten zur gutachtlichen Aeußerung vor, dahingehend, ob es wünschenswerth sei, die aus § 38, Absatz 4 der Gewerbe-Ordnung entspringende Befugniß-Vorschriften zu erlassen, welche eine polizeiliche Kontrolle über den Umfang und die Art des Gewerbebetriebes bei Vieheinstellung (Viehpacht), beim Viehhandel und beim Handel mit ländlichen Grundstücken bezwecke. Die Fragen wurden bejaht, namentlich hinsichtlich der Vieheinstellung; wenn man auch allgemein der Ansicht war, daß Dank der Raiffeisen-Vereine das offene Vieheinstellen sehr abgenommen habe, so war man doch auf der anderen Seite davon überzeugt, daß es doch noch ziemlich häufig, aber in verschleierter Form, vorkomme. Bei dem weiteren Punkte betreffend Viehhandel, wurde anerkannt, daß die beiden hierauf bezüglichen Polizei-Verordnungen ihren Zweck vollkommen erfüllten, allein, da dieselben vorwiegend nur in veterinärpolizeilichem Interesse erlassen sind, wurde gefürchtet, daß mit dem Verschwinden der Seuchen am Ende auch diese Verordnungen zurückgezogen werden müßten, und dann wäre eine solche nur auf anderen Grundlagen beruhende und doch denselben Zweck erreichende Polizei-Verordnung ganz am Platze. Auch hinsichtlich der Landverkäufe herrschte die Ansicht, daß die eigentliche Güterschlächterei, ebenfalls Dank der Raiffeisen-Vereine, sehr abgenommen hätte, daß aber eine diesen Handel betreffende Polizei-Verordnung gewiß nur von Nutzen sein könnte.
* In den April geschickt. Während nach einer althergebrachten Sitte die Zeitungen sich am 1. April erlauben, ihre Leser in den April zu schicken, konnte man gestern bemerken, daß verschiedene Tagesblätter selbst in den April geschickt wurden. Ein Gelnhäuser Blatt brächte am Samstag den Aprilscherz, daß am 1. April, mittags 12 Uhr, mit einem größeren Festakte vor dem Kasino daselbst die Straßenbahn Gelnhausen- Hanau eröffnet werde. Die neue Automobil-Gesellschaft „Stultitia" habe die Konzession erworben, regelmäßige Automobilfahrten zwischen Gelnhausen und Hanau einzurichten. Die erste Fahrt würden als Ehrengäste die Spitzen der Behörden mitmachen. Die weiteren Fahrten während des Tages seien gratis, um das Unternehmen populär zu machen. Ein Korrespondenz-Bureau bemächtigte sich der Sache und schickte die Notiz an verschiedene Zeitungen, sodaß man gestern den offenbaren Aprilscherz als Thatsache lesen konnte. Hoffentlich wird aus dem Scherze mit der Zeit wirklicher Ernst 1
* Königl. Zeichenakademie. Der Lehrer Hugo S ch i m k e ist zum etatsmäßigen Lehrer an der Zeichenakademie in Hanau ernannt worden.
* Eisenbahn-Personalnachrichten. Die Prüfung zum Lokomotivführer haben bestanden die Loksmotivheizer: Frank, Loos, Dietzel, Christ, Kunze und Spicker zu Hanau.*
* Musterung. Donnerstag den 3. April: Musterung der Militärpflichtigen der Gemeinden Bergen, Bischofsheim, Bruchköbel, Baiersröderhof und Butterstadt.
* Städtische Badeanstalt. Im Monat März 1902 wurden an Bädern abgegeben: Kl. I.: 96, Kl. II.: 194, Kl. in.: 881, Douchebäder: 49, Römisch-Irische Bäder: 34. Zusammen: 1254 Bäder. Die größte Zahl der abgegebenen Bäder betrug 157 am 29. März; die fiemfte Zahl der abgegebenen Bäder betrug 9 am 11. März. — Verbadet wurden im Etatsjahre 1901/02: Kl. I: 1157 (im Vorjahre: 1195 — 38), Kl. II: 2250 (2037 + 213), Kl. III: 9036 (8833 + 203), Douchebäder: 498 (447 + 51), Römisch-Irische: 355 (360 — 5). Zusammen: 13 296 (12 872 + 424). '
* Protest-Versammlung gegen die Erhebung von Fleisch- und Schlachtsteuern. Unter dem Präsidium des Vorsitzenden des Deutschen Fleischer-Verbandes, Carl Mar- I
Frankfurt, findet am Mittwoch den 9. April im weißen Saale des Orangerieschlosses zu Fulda eine Delegirten-Versammlung des Deutschen Fleischer-Verbandes statt, ausschließlich zu dem Zweck, den Fortfall der kommunalen Besteuerung des Fleisches anzustreben.
* Hergelaufene Achse. Am letzten Wagen oes v - Z u g e s, der vormittags die hiesige Station berührt, hatte sich vorgestern eine Achse heißgelaufen. Der Wagen wurde in Gelnhausen abgehängt und die Passagiere im Gepäckwagen bis Elm weiterbefördert.
* Monatsoper Hanau. Mittwoch den 2. Apri geht, wie bereits mitgetheilt, Offeubach's „Schöne Helena mit Frl. B r a n g c in der Titelparthie in Szene. In den übrigen Hauptrollen sind beschäftigt die Herren Hunold, Raven-Schwab, Below und Meyers. Donnerstag den 3. April findet auf vielseitiges Verlangen der allgemein beliebte „Vogelhändler" statt mit Frl. Reitinger als „Christel" und Herrn Below als „Adam". In Vorbereitung ist Suppä's „Boccaccio". Zu beiden Vorstellungei: sind Dutzendbillets giltiq. . 3
* Zirkus Walles. Ein Zirkus bietet immer des Abwechselungsreichen und Amüsanten viel. So ist es auch mit dem bei Kesselstadt ant Salisweg aufgeschlagenen Zirkus Walles. Die Pferdedressur, dargeboten durch die Frau Direktor, ist eure vorzügliche. Man sieht da Walzer und Galopp tanzend« Pferde. Ein kleiner Junge reitet als Jockey mit Vravour und wird jedenfalls einmal in diesem Fach bedeutend werden. Der dumme August fehlt natürlich auch nicht und füllt trefflich die Pansen aus. Mit seinem Esel macht er allerhand dummes Zeug. Zugleich verkündet der Stallmeister: Wer diesen Esel dreimal im Galopp in der Manege herumreitet ohne herlMter- zufallen, der bekommt 10 Mk. Gestern Abend fand sich leider Niemand zu diesem amüsanten Schauspiel. Wie uns versichert wird, haben sich für heute Abend Personen gemeldet. Schon aus diesem Grunde dürfte der Besuch des Zirkus Walles sehr zu empfehlen sein. Von den anderen Darbietungen seien noch die einer Dame auf dem Drahtseil als vortrefflich erwähnt. Eine Besichtigung des wirklich schönePferde enthaltenden Marstalles ist gerne in der Pause gestattet. Alles in allem genommen kann man den Besuch des Zirkus, der gut erleuchtet ist, nur empfehlen, denn man kann sich für wenig Geld köstlich amust-, ren und unterhalten.
* Als Leiche gelandet. Gestern Vormittag wurde bei Dörnigheim die Leiche einer weiblichen Person aus dem Main geländet. Ermittelungen ergaben, daß es die seit dem 18. Februar d. I. von hier verschwundene Poliseuse Elisa • beth V. war, die den Tod in den Fluthen den Mains gesucht und gefunden hat.
4< Dörnigheim, 1. April. (Verliehe n.) Dem in den Ruhestand getretenen Lehrer Herrn Wenz dahier wurde der Adler der Inhaber des Königl. Hausordens von Hohen- zollern verliehen.
Aus dem Grrichtssaal.
Sitzung des Schöffengerichts vom 1. April.
Ein mehrfach vorbestrafter Bettler erhält 3 Wochen Haft und wird der Landespolizeibehörde überwiesen. — Der Bi- jouteriefabrikant F. beschäftigte im Dezember v. I. eine Poli- seuse noch nach 81/» Uhr abends. Urtheil: 30 Mk. Geldstrafe. — Der Arbeiter R. von Großauheim hatte am 13. Februar hier im Gefängniß eine Strafe verbüßt, kaufte sich aus Freude darüber einen Rausch und trieb am Nürnberger Thor allerlei Unfug. Er verunreinigte die Straße, belästigte die Passanten, beleidigte die gegen ihn einschreitenden Schutzleute und leistete gegen seine Fortbringunq Widerstand. Das Urtheil lautet auf insgesammt 28 Mark Geldstrafe, wobei seine starke Trunkenheit und sein nachheriges bereuendes Verhalten mildernd in Betracht gezogen ist. — Der Taglöhner W. beleidigte einen Silberarbeiter, weil Letzterer seinen Freund zur Anzeige gebracht hatte. Zu einer dreimonatlichen, früher erkannten Strafe erhält W.' 3 Tage Zusatz. — Der Fuhrknecht M. hat am Kanalthor schlafend auf der städtischen Kehrmaschine gesessen, die Zögst der Pferde waren feiner Hand entfallen. Sein Einspruch gegen das Strafmandat von 2 Mk. wird verworfn:. — Der Taglöhner S. gerieth mit dem Verwalter B. Hier in Streit, weil Letzterer seiner Frau angeblich allerlei Zumuthungeu gestellt hat. S. drang mit einem landwirthschaftlichen Geräth auf den" B. ein und drohte ihm eine zu geben, „daß er gmug habe." S. erhält für die Bedrohung 3 Mark Geldstrafe. — Eine mecklenburgische Lotteriekollekteurin wird von der Anklage des Vertriebs von außerpreußischen Loosen in hiesiger Gegend sreigesprochen, weil sie wegen desselben Vergehens schon anderwärts bestraft ist. — Der Polizeisergeant B. sollte den Taglöhner L. dem statt. Armenamt vorführen. Als der Beamte