Erstes Blatt.
amner U Ameraer
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Gedruckt und verlegt in der Buchdruckern des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.
Gennal-Anzkiger.
ANtliches Agsn fnt Stadt- and Landkreis Kann«.
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Derantwortl. Redakteur: G. Schrecker in Hanau.
Nr. 256
Fernsvrelbanschlnß Nr. 605.
Samstag den 1. November
Fernsprechanschluß Nr. 605»
1902
Amtliches.
Wiesenverpachtung.
Montag den 3. November d. Js., vormittags 10 Uhr, soll die fürstlich Jsenburg Birstein'sche Wiese, genannt die Ruhlwiese, unterhalb des Pachthofes zu Langen- selbold gelegen, groß ca. 82 Morgen, parzellenweise, öffentlich meistbietend, an Ort und Stelle auf zwölf Jahre verpachtet werden.
Zwammenkunft auf der Wiese.
Offenbach a. M. den 28. Oktober 1902.
Fürstlich Jsenburgische Domänen-Verwaltung. __Otterpohl. 18853
Gcfmldeiie und verlorene Gegenstände rc.
Gefunden: im Laden Hammerstraße 1 6 Heringe liegen geblieben; Empfangnahme da'elbst.
Verloren: 1 weißes ausgebogtes Taschentuch gez. A. Z., 1 wasserdichte Wagendecke von einem Metzgerwagen.
Hanau den 1. November 1902.
Hue Stadt und £and*
Hanau, 1. November.
* Liturgischer Gottesdienst. Zur Feier des Neformationsfestes findet morgen Nachmittag in der Marienkirche unter Mitwirkung des Kirchengesangvereins liturgischer Gottesdienst statt.
* Missionsversammlung. Am Sonntag Abend um 8 Uhr findet eine Mlssionsversammlupg. im evangelischen Vereinshause statt. Ansprachen halten Herr Pfarrer G ö b e l s und Herr Missionar Eisfelder. Letzterer war 20 Jahre als Basier Missionar in Indien thätig und wird demnächst wieder auf sein dortiges Arbeitsfeld zurückkehren. Alle Freunde des großen Missionswerkes werden darum gern an dieser Versammlung theilnehmen.
* Der Evangelische Bund, der kürzlich seine 15. General-Versammlung in Hagen unter großer Betheiligung gefeiert hat, zählt zur Zeit' 160000 Mitglieder. Seine Aufgabe besteht darin, die deutsch-protestantischen Interessen zu wahren, das evangelische Gemeindeleben auf- und auszubauen, schlafende Geister aufzurütteln, protestantisches Ehrgefühl zu wecken und dem evangelischen Volke zum lebendigen Bewußtsein zu bringen, welche Güter es der Reformation zu verdanken hat. Durch Vorträge und andere Veröffentlichungen hat er treu an diesen Aufgaben gearbeitet und sich, wie es jetzt auch in Westfalen zum Ausdruck kam, in stets wachsen
Feuilleton
Zur Aufführung vou Hündel's „Messias" durch den Oratorienvercin.
Die beiden Grundvesten, auf welchen die großartige Entwickelung der modernen Vokal- und Instrumentalmusik gegründet ist, sind Bach und Händel. Wie die Plastik und die Malerei sowohl jenseits als diesseits der Alpen sich zuerst im Dienste der Kirche entwickelt haben, um später als selbständige Künste ihre höchsten Triumphe zu feiern, so ist auch die jüngste der Künste, die Musik, aus den engen Banden, welche ihre freie Entwickelung hemmten, so lange sie noch ausschließlich im Dienste der Kirche stand, herausgewachsen und hat in unglaublich kurzer Zeit ihre dominirende Stellung unter den anderen Künsten errungen. Johann Sebastian Bach heißt der Riesengeist, welcher diese unerhörte Entwickelung der Musik heroor- gerufen und beschleunigt hat. Obwohl er selbst noch für die Kirche und zwar aus streng gläubigem Herzen seine grandiosen Offenbarungen schrieb, so ist er in seinem Kunstschaffen weit über die Grenzen der rituellen Kirchenmusik hinausgegangen und hat sich unbewußt wie jedes wirkliche Genie, mit seinen grandiosen Schöpfungen emporgeschwungen in jene erhabenen Höhen, wo der Künstlergeist sich seine Welt nach seinem eigenen Bilde schafft. Er hat die Schranken seiner Zeit weit überschritten; seine Zeitgenossen waren noch nicht fähig, den großzügigen Charakter seiner Kunst zu fassen und konnten nicht eindringen in ihre geheimnißvollen Tiefen, deren Grund wir in unserer jetzigen Zeit noch kaum vollständig zu
erblicken vermögen. o _ ,
Das aus den Bedürfnissen des Gottesdienstes hervorgegangene Kunstwerk führte JohannSebastian.Bach zu eigenem selbständigen Leben. Sein Zeitgenosse, Georg Friedrich Handel, umgab die neu entstandene Kunstgattung, das „bibluwe Epos
dem Maße die Anerkennung und Liebe der lebendigen evangelischen Kreise erworben. Herr Pfarrer Lic. Bräunlich, ein Förderer dieses Bundes, wird demnächst auch in unserer Stadt über die Bedeutung und die Arbeiten dieses Bundes sprechen.
* Oratorienverein. Wir möchten an dieser Stelle nochmals auf das am nächsten Dienstag, den 4. November, stattfindende I. Abonnementsconcert des Oratorienvereins empfehlend Hinweisen. — Ueber das Werk selbst, das zur Aufführung gelangt, „Der Messias", Oratorium für Solo, Chor und Orchester von Haendel, finden die Concertbesucher aus berufener Feder einige orientirende Bemerkungen im heutigen Feuilleton, auf die wir ausdrücklich Hinweisen. — Es ist das erste Mal, daß sich ein für unsere Verhältnisse so stattlicher Tonkörper, wie ihn der Oratorienverein mit Chor und Orchester darstellt, circa 130 Mitwirkende, in dem neuen und schönen Saale der Turngemeinde versucht, und durfte dieser Umstand neben der Wirkung, die ein solch gewuchtiges Werk wie der „Messias" an sich schon hervorruft, das Interesse des musik- liebenden Publikums erregen. Was die Preise der Plätze betrifft, so sind dieselben so gehalten, daß Billete in allen Preislagen zu haben sind; auch die Akustik soll auf allen Plätzen eine gleich gute sein. Der Billetverkauf findet in bethen Hofbuchhandlungen bis Dienstag den 4. N o v e m b e r, abends 6 U h r, und abends an der Kasse statt, wir rathen indeß, sich rechtzeitig in den Besitz einer Eintrittskarte zu setzen. Was den Concert-Abend betrifft, so sei daraus aufmerksam gemacht, daß derselbe um 71/2 Uhr (nicht 7 Uhr, wie früher bekannt gegeben) stattfindet; der Saal wird Stunde vor Beginn der Aufführung geöffnet. Bekannt gegeben sei noch, daß nach dem 2. Theile eine Pause von 10 Minuten stattfindet. Nach dem Concert werden sich die aktiven und passiven Vereinsmitglieder mit ihren' Airgehörigen im oberen, gemüthlichen Saale der Turngemeinde in zwangloser Weise zusammenfinden, wozu auch Freunde und Gönner des Vereins herzlich willkommen sind.
* Einem gesunden bodenreformerischen Gedanken scheint man sich in Berliner Stadtverordnetenkreisen zuzuneigen. In einem Vorträge über die finanzielle Lage der Stadt Berlin ließ ein Stadtverordneter durchblicken, daß man sich zur Schaffung neuer Einnahmen mit dem Gedanken trage, die Bauplätze nicht wie bisher nach dem Nutzungswerth, sondern nach dem gemeinen Werth zu besteuern. „Sollte dies geschehen, so würden neue Einnahmequellen geschaffen, welche die schwächeren Schultern nicht belasten. Diese Besteuerung nach dem gemeinen Werth, die durch ein Rundschreiben der Minister der Finanzen und des Innern vom 2. Oktober 1899 lebhaft empfohlen wird, bewerthet einen Bauplatz nach seinem Verkaufswerth. Es kann Jemand ein Gelände in oder dicht
mit einem Glänze und einer Pracht, welche sich nicht mehr mit den Rücksichten auf den Kultus vereinigen ließen. Während Bach in seinem kleinen Berufe als Cantor an der Thomaskirche in Leipzig lebte und starb, war Händel eine weltmännische Erscheinung: er lebte in der Weltstadt London, hatte Beziehungen mit der großen Welt und dem Hofe, und war der berühmteste Opernkomponist seiner Zeit. Anton Rubin- stein bezeichnete Beide treffend: „Bach ein Dom, Händel ein Königsschloß."
Halten wir an dem Vergleiche des Königsschlosses mit Händel fest, so müssen wir sein bedeutendstes Werk, den „Messias", als die Haupt- und Mittelfacade dieses imposanten Baues bezeichnen. Mit dem „Messias" erklomm Händel den Gipfelpunkt seines .Schaffens. Das zu Riesendimenstonen ausgedehnte „Amen", das berühmte „Halleluja", sind Chöre, welche in der gesammten Chorlitteratur an Klangwirkung nicht überboten worden sind.
Mit Recht wird der „Messias" als das populärste der Händel'schen Oratorien bezeichnet. Zum großen Theil ist diese Popularität in der geschickten Zusammenstellung des Textbuches mitbegründet. Händel hat den Text selbst nach den Worten der heiligen Schrift zusammengestellt und bei der Auswahl alles Dogmatische und alles Konfessionelle vermieden. Er setzte alles Persönliche und Thatsächliche als bekannt voraus und bewältigte den Riesenstoff dadurch, daß er die Geschichte Christi weder erzählte noch darstellte, sondern die Hauptepisoden von Christi Geburt, Leiden und Tod in musikalische Bilder faßte, wie sie sich im Geiste eines frommen Hörers spiegeln.
Die Eintheilung des Oratoriums in drei Theile ergab sich von selbst; sie enthalten die Quintessenz der Lehren aller christlichen Konfessionen: Advent, Passion und Auferstehung. Der erste Theil beginnt mit dem Zustande der Welt vor der Geburt des Erlösers, mit der Verkündigung seiner Ankunft
zu der im Dunkeln wandelnden Menschheit und mit dem lieblichen Idyll von Christi Geburt. Ein kleines orchestrales Intermezzo unter dem unserer heutigen Zeit etwas zu voll-
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Die heutige Nummer umfaßt außer dem ttuterhaltungsblatt 14 Seiten
bei der Großstadt besitzen und mit Kartoffeln bepflanzen; er zahlt dann vielleicht einige Mark Steuern nach dem Nutzungswerth. Nach dem Verkaufswerth dagegen ist das Grundstück vielleicht 200 000 Mark werth und der Eigenthümer müßte diese Summe nach dem gemeinen Werth versteuern. JnBres- lau mußten bei Einführung dieser Besteuerung am 1. April 1900 die Bodenspekulanten, Aktiengesellschaften u. s. w. jährlich 305 000 Mark mehr zahlen; in Dortmund wurde bei Einführung der Steuer nach dem gemeinen Werth ein Spekulant, der vorher 3 Mark zahlte, mit 1000 Mark Steuer herangezogen. In Köln waren vorher bei 21292 Veranlagungen 2703 Reklamationen erhoben worden. Nach der Einführung der Steuer nach dem gemeinen Werth wurden bei 30 000 Veranlagungen nur 174 Einsprüche erhoben. In Aachen, Düsseldorf, Elberfeld, Charlottenburg, Kiel, Wiesbaden und vielen anderen Städten besteht diese Besteuerung seit einiger Zeit, die Reichshauptstadt aber ist in dieser Hinsicht rückständig. Nun wird sie durch die Noth der Zeit vielleicht doch zu dem in sozialer Hinsicht wichtigen Schritt getrieben werden."
** Schttmt'gevicht. Zu den am nächsten Montag beginnenden Verhandlungen des Schwurgerichts stehen bis jetzt folgende Strafsachen auf der Terminsrolle: Montag den 3. November: Lazarus Lump, Handelsmann von Schmalnau, versuchter betrügerischer Bankerott; Dienstag den 4.: Johann Marburg er, Taglöhner von Oberkalbach, gefährliche Körperverletzung und Straßenraub; Mittwoch den 5.: Georg Schadt, Arbeiter von Hanau, Sittlichkeitsverbrechen; Donnerstag den 6.: Emil S tuckmann, Gerichtssekretär von Bergen, Vergehen und Verbrechen im Amt; Freitag den 7.: Gustav Hall, Metzger von Miltenberg und Johann Heinrich Klemm, Arbeiter von Mühlöeim, Straßenraub; Samstag den 8.: Friedrich Ba ier, Taglöhner von Altenfeld, Meineid; Montag den 10.: Ehefrau des Webers Heinrich Gottlieb A b e, geb. Dietzel von Frankenhain, Widerstand gegen einen Forstbeamten; Mittwoch den 12.: Konrad Eckhard, Bauer von Schwarzenfels, vorsätzliche Brandstiftung.
- F. Eine Affaire im Biwack. Der Musketier Friedrich Schmidt von der 8. Komp. 81. Jnfanterie-Regts. (Frankfurt a. M.) wollte am Abend des 12. September im Biwack bei Langendiebach einen Freund bei den 166ern besuchen. Ein Unteroffizier dieses Regiments sagte dem Schmidt vor dem Lager, er möge nur wieder umkehren, da die 166er noch zu thun hätten. „Sie Spinner, Sie Schneeschipper und allerlei sonstige unfläthige Redensarten flogen dafür dem Unteroffizier an den Kopf. Auf die Aufforderung, seinen Namen zu nennen, meinte Schmidt: „Das habe ich nicht nöthig, ich bin Reservist!" und ging weiter. Als ihn hierauf der Unteroffizier festnehmen wollte, riß er sich gewaltsam los. Das
tönenden Titel „Sinfonia Pastorale", schildert in der volks- ^ümli^en Art der römischen Pfifferari die liebliche Hirtenscene bei der Geburt Christi. Das oft gesungene Sopranrecitativ „Es waren Hirten beisammen auf dem Felde" leitet über zu dem glänzenden Chöre „Ehre sei Gott in der Höbe", welchem sich die fröhliche Arie: „Erwache zu Liedern der Wonne" an- schließt. Der Schluß des ersten Theiles beschäftigt sich mit den Haupteigenschaften des Erlösers, seiner Milde und Sanft
Der ziveiie Theil beginnt mit dein Chöre: „Sieh, das ist Gottes Lamin, das der Welt Sünde trägt!" und führt uns in einer Reihe ergreifender Chöre und Sologesänge durch das Wirken imb Leiden Christi, welches natürlich im Er- lösungstode gipfelt. Jedoch der gläubige Christ verzweifelt auch in der größten Trübsal nicht an der Allmacht Gottes; seine Größe wird besungen in dem Schlußchore des zweiten Theiles, dem zu großer Berühmtheit und Popularität gelangten majestätischen „Halleluja!" Ms bei der ersten Ilufführung des „Messias" im Jahre 1793 in London die Stelle im „Halleluja" erklang: „Denn Gott der Herr regieret allmächtig", da erhob sich, hingerissen von der Wucht dieser Töns, wie ein Mann das ganze Publikum, der König nicht ausgeschlossen, und seit dieser Zeit hat sich in England bis auf den heutigen Tag der Brauch erhalten, das „Halleluja" aus dem Messias stehend anzuhören.
Der dritte Theil, welcher mit der in gläubiger Zuversicht getragenen Arie „Ich weiß, daß mein Erlöser lebt", beginnt, schildert die Auferstehung und den Triumph Christi und der christlichen Kirche. Den Sieg über Tod und Grab verkündet eine mächtige Baßarie; der Ruhm und Preis des Höchsten erschallt in einem majestätischen Chöre, und ein grandioses „Amen" beschließt das Oratorium, welches die Hauptpunkte der christlichen Erlösungslehre zusammenfaßt in ein einheitliches grandioses Kunstwerk von unvergänglichem Werthe.
Heutzutage ist Händel's „Messias" überall dort, wo man sich mit der Aufführung großer Chorwerke befaßt, das