Zweites Blatt.
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Berantwortl. Redakteur: G. Schrecker in Hanau.
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Kl. 98. Bczirw-Fciiisprcchanschluß Nr. 98. Samstag Öttl 27. Aplli BezirkS-Fmchrechmschlch Nr. 98. 1901
politische Rundschau.
Berliner Bürgermeisterwahl. Als Nachfolger des nach kurzer Amisthätigkeit verstorbenen Herrn Brinkmann ist, wie bereits gemeldet, Herr Stadtrath Kauffmann zum Bürgermeister von Berlin gewählt. Die Majorität — 67 gegen 59 Stimmen, welche aus Syndikus Dove entfielen, war eine geringe, aber immerhin größer als bei der letzten Wahl, wo Herr Brinkmann nur mit einer Stimme Mehrheit gegen Herrn Menbrink den Sieg davontrug, der besonders wegen seiner maßvoll vermittelnden Haltung in dem Konflikt wegen des Märzgefallenen-Kirchhofs das Mißfallen der radikaleren Elemente in der Stadtverordnetenversammlung erregt hatte. Auch jetzt haben Letztere die Oberhand behalten; das sozialdemokratische Zentralorgan schreibt mit berechtigtem Selbstbewußtsein: „Auch darin glich die diesjährige Wahl der vorjährigen, daß die sozialdemokratische Fraktion wieder in der Lage war, den Ausschlag geben zu können. Ohne die Unterstützung durch unsere Genossen wäre Kauffmann seinem Gegner unterlegen". Die Verkündigung des Wahlergebnisses wurde von Herrn Kauffmanns engeren Freunden mit freudigem Bravo, von seinen Gegnern mit Zischen ausgenommen. Die Majorität bestand aus den vollzählig erschienenen Fraktionen der „Neuen Linken" und den Sozialdemokraten, sowie aus 18 der freisinnigen Volkspartei angehörigen Mitgliedern der Alten Linken. Gustav Kauffmann ist geboren am 23. September 1854 zu Stolp in Pommern, er steht mithin im 47. Lebensjahre. 1875 wurde er zum Referendar, 1879 zum Gerichtsassessor ernannt; ein Jahr später ging er zur Rechtsanwaltschaft über; 1891 wurde er zum Notar im Bezirk des Kammergerichts ernannt. Im Jahre 1898 wurde er zum besoldeten Stadtrath gewählt. Kauffmann ist seit 1880 öffentlich als freisinniger Politiker aufgetreten. Eine Zeit lang war er Vorsitzender des Vereins Waldeck. Später zog er sich, wie von ihm freundlich gesinnter Seite betont wird, von der agitatorischen Thätigkeit zurück und beschränkte sich darauf, das ihm übertragene Reichstagsmandat auszuüben. Dem Reichstage gehörte er seit 1890 an; (er ist seit 1893 von dem Wahlkreise Liegnitz-Goldberg- Haynau gewählt worden und Mitglied der freisinnigen Volkspartei.
Das Befinden des Schahs von Persien soll sich sehr verschlechtert haben. Auch sonst scheinen die Zustände in Persien ziemlich trostlose zu sein. Der „K. Ztg." wird aus Petersburg vom 24. April berichtet: Das Befinden des Schahs von Persien hat sich neuerdings verschlechtert; sein Leber- und Nierenleiden sowie die Athmungsbeschwerden sind schlimmer geworden. Der Kampf zwischen dem Großvezier Asghar Chan und Kakimul Mulk, dem Günstling des Schahs, dauert fort. Die Regierung hat in letzter Zeit hohe Steuern auf die nothwendigsten Lebensmittel gelegt. Die Stimmung in der Bevölkerung von Teheran ist daher ziemlich erregt. Besonders empört ist dieselbe über die hohe Fleischsteuer, und sie schiebt die Schuld daran den fremden, belgischen Steuererhebern zu.
Das Griesheimer Explosions-Unglück.
Das Feuer begann mit leisem Knattern in dem Gebäude, wo Binitrophenol und Trinitrophenol hergestellt wurden. Der Brand sing etwa um 3 Uhr 20 Minuten an und ergriff zunächst das Dach des Gebäudes. Sofort wurde die Löschmannschaft alarmirt und Generaldirektor Prof. Dr. Lepsius übernahm die Leitung der Löscharbeiten, an welchen auch einige Chemiker der Fabrik theilnahmen, unter Anderen der Betriebsleiter Dr. Jacobi. Inzwischen begann die Vesperpause, die in zwei Schichten in der Fabrik stattfindet, nämlich um halb 3 Uhr und um halb 4 Uhr. Es leerten sich also größten- theils auch die Fabrikräume, aus welchen die Arbeiter noch nicht zu den Löscharbeiten herangekommen waren. Fast ein Jeder der gewaltigen Arbeiterschaar ist nämlich verpflichtet, sofort bei einem Feuer rettend mitzuhelfen. Mancher aber, der wissend genug war, floh schon, als er die Flammen am Dache des unheimlichen Gebäudes flackern sah. So erzählte ein Arbeiter, daß er so schnell wie möglich von der gefährlichen Stelle hinweg nach dem etwa tausend Schritte entfernten Thor eilte. Kurz zuvor kam der furchtbare Knall, der ihn zu Boden riß, und ohne zu wissen, was er weiter that, raffte er sich auf und raste dem Thore zu.
Auch Herr Professor Lepsius erkannte die Gefahr, und als er sah, mit welch rapider Schnelligkeit das Feuer trotz der geschleuderten Wassermengen um sich griff, befahl er sofort, Alles solle sich so schnell als möglich entfernen. Das geschah selbstverständlich, und in überstürzender Hast flohen die Löschmannschaft und Arbeiter nach allen Seiten hin.
Eine Parthie von 10 bis 15 Feuerwehrleuten — ihre Zahl konnte bis jetzt noch uicht sestgeftellt werden — stand mit ihrem Schlauch hinter dem gefährdeten Trinitrophenol-
Gebäude. Sie flüchteten augenscheinlich in den Reduktions-, Neubau, der in gerader Linie hinter dem Brandhause steht — da flog das Trinitrophenol-Gebäude in die Luft, der ReduktionsNeubau stürzte ein und begrub die Unglücklichen, die wohl schon vorher durch die Gewalt des Luftdrucks und die umhergespritzten Säuredämpfe einen schnellen Tod erlitten hatten. Wenn es einen Trost gibt bei einer solchen Tragödie, so kann es der sein, daß die Aermsten das Verhängniß traf, ohne daß sie sich dessen bewußt wurden, daß sie so plötzlich aus dem Leben gerissen wurden, daß ihnen nicht einmal die wenigen Momente von der Katastrophe bis zum Tode bewußt werden konnten.
Schon vorgestern Abend um sechs Uhr war mit den Bergungsarbeiten begonnen worden und bis die Dunkelheit der Arbeit ein Ziel setzte, hatten Militär und Arbeiter elf Todte aufgefunden. Sie lagen theils auf den blutbespritzten Steinen oder zu mehreren unter Balken und Trümmern, die nur mühsam auseinander geschlagen werden konnten. Gestern früh fuhr man fort, nach den Todten zu suchen. Auch der Betriebsleiter Dr. Jakobi wurde vermißt. Vorsichtig hob man die Steine auseinander und man fand ihn gegen halb zehn Uhr. Er war weniger wie die Anderen verbrannt. Ein blutiger Fleck an der Stirne des verrußten Gesichtes, Brandflecken am Arm, die Kleider zerrissen, so bot sich das jammervolle Bild des Todten. Kurz vorher hatte man unter einem Wagen, über welchen Eisenfässer hinweggestürzt waren, einen anderen Leichnam entdeckt, der nur mit Mühe hervorgezogen werden konnte. Der Aermste war hierhin geflüchtet und wähnte sich nun einigermaßen geborgen. Ihn erstickte ebenfalls der Luftdruck und der eigenthümliche gelbe Ruß, der alle Leichen förmlich bepudert hatte.
Sie liegen nun in der Feuerwache der Fabrik auf Stroh gebettet, Manche unter ihnen ganz entblößt. Entweder hat ihnen der Luftdruck die Kleider vom Leibe gerissen oder die Flammen haben sie hinweggebrannt. Zum Theil sind Beine und Arme schwarz gebrannt. Neun liegen in einer Stube, drei weitere in einem anderen Raum. Auf einem Feldbett ruht der Leichnam des Chemikers Dr. Jakobi, eines Mannes von etwa dreißig Jahren. Bei einem Leichnam, der bis zur Unkenntlichkeit verbrannt ist, fehlen Arme und Beine. An fast Alle sind kleine Zettel geheftet, die die Namen tragen, soweit sie bis jetzt erkannt sind.
Der Tod, wie die Verletzungen trafen fast Alle im Freien Uebereinstimmend lautet die Beschreibung dahin, daß sie der Knall zu Boden gestürzt oder in die Luft gehoben und daß sich in der Nähe der Explosion durch die gelben Rußwolken die Luft total verfinstert habe. Die Meisten suchten also zunächst, im Dunkeln tappend, den Weg. Die erste Explosion schoß eine gewaltige Feuerkugel kirchthurmhoch in die Luft. Der zweite, gefährlichere Schlag füllte die Luft mit abgerissenen Eisentheilen, die niederfallend die Dächer durchschlugen und Menschen schwer verletzten. Bretter und Balken flogen nach den Worten mehrerer Betheiligten „wie Papierfetzen" in der Luft umher. Daher die große Anzahl der Verletzten. Denn mit ungeheurer Wucht wurden die Theile fortgeschleudert. Eine schwere, glühende Eisenschiene von mehreren Metern Länge flog auf die etwa 300 Meter entfernte Fabrik „Mainthal," durchschlug das Dach und blieb liegen. Ueberhaupt ergossen sich weithin ringsum die Eisentheile. Im Felde wurde ein Kesselstück von etwa 150 Zentnern Gewicht gefunden. Bis auf die Mainzer Landstraße flogen glühende schwere Eisenbrocken. Ueber den Main nach Schwanheim ergoß sich ebenfalls eine Menge Eisenbänder u. s. w. Wunderbar ist es, wie sich Mancher in nächster Nähe der Explosion retten konnte. Ein kaufmännischer Angestellter wurde unter einen Wagen geworfen, der wenige Schritte von einem zerstörten Hause stand und ließ hier die zweite Explosion und ihre Folgen an sich vorübergehen. Ein Anderer siel in gleicher Nähe in einen Schacht und kam auf diese Weise mit dem Leben davon. Noch bis tief in die Nacht hinein erfolgten kleine Explosionen, so eine heftigere um halb zwölf Uhr. Es waren namentlich Behälter mit Leuchtöl, Benzol - und anderen Körpern, die in die Luft flogen. Etwa hundert solcher geplatzter Eisenfässer liegen zwischen den zerstörten Bauten und der neuen Fabrik „Elektron." Dort wurde noch tief in der Nacht ein an die Mauer geklammerter, wimmernder Mann entdeckt und gerettet. Er kam bald wieder zu sich und hatte merkwürdiger Weise keine bedeutenden Verletzungen.
Desto schlimmer waren die Verwundungen, die manch' Anderer erlitt. Arbeiter wälzten sich buchstäblich sinnlos vor Schmerz auf der Erde, einige rannten wie sinnverwirrt in den Main, um in den Fluchen ihrer brennenden Wunden zu kühlen.
Um elf Uhr gestern früh langte der Oberpräsident Gras Zedlitz-Trützschler mit dem Regierungspräsidenten Dr. Wentzel an und durchwanderte unter der Führung von Professor Lepsius und anderen Chemikern die Stätte des Unheils.
Es ergab sich, daß im Ganzen fünf Gebäude vollkommen zerstört sind, die alle in der am stärksten mitgenommenen, sogenannten Anilinfabrik standen, wo auch die Fabrikation rauchlosen Pulvers vor sich ging und die Explosion erfolgte.
Unier den Todten — es sind ihrer bis gestern Abend vierzehn — befindet sich ein junger Bursche, Trautmann, der am nächsten Sonntag Hochzeit machen wollte. Beständig liefen gestern bis zur späten Nachtstunde auf der Bürgermeisterei und dem schnell wieder eingerichteten Lohnbureau der Firma Telegramme ein, die sich nach dem Ergehen von einzelnen Arbeitern oder Beamten erkundigten. Doch die Eruirung ist sehr schwer. Die Lohnlisten sind zwar vollkommen wieder gefunden worden, aber die Arbeiter selbst sind theilweise so schnell als möglich in ihre benachbarten Heimathsorte geflüchtet, und man weiß thatsächlich nicht, wer vermißt wird oder nicht. Heute Nachmittag werden alle Arbeiter, einerlei aus welcher Schicht oder welchem Werk, ausgelohnt werden und da dürste denn eher eine genauere Feststellung möglich sein.
Ungetheilt ist das warme Mitgefühl, das man dem verunglückten Dr. Jacobi widmet. Er war überall beliebt. Wie ein Kriegsheld, erzählte man wörtlich, ging er an der Spitze einer Rotte von Feuerwehrleuten auf das Feuer los, den Arm hoch gehoben. Er that mit voller Kaltblütigkeit seine Pflicht, bis ihn und die anderen Opfermuthigen der Tod ereilte.'
Ueber die Explosion selbst
erzählt ein Betheiligter, der etwa hinter dem Gebäude c, also in unmittelbarer Nähe, stand: „Ich schaute den Feuerwehrleuten zu, wie sie pumpten. Nun schoß eine große Flamme auf, züngelte über den Boden hinweg, Ruß und Staub wälzte sich in dichten Massen über uns her, und ich wurde von den Anderen etwa zehn Meter weggeschleudert. Es war in dem Ruß thatsächlich stockfinstere Nacht. Als ich mich etwas erholte, kam schon der Knall, der mir aber nur wie ein Wasserfall in den Ohren tönte. Und nun hüllte sich Alles in einen entsetzlich beißenden und erstickenden gelben Rußdampf ein, der mir den Alhem raubte. In der Todesangst raffte ich mich auf, tappte mich in den undurchdringlichen Wolkenmassen weiter und kam bis vor die Bureauräume, von denen Steine herabfielen, wie denn auch aus der Lust allerhand Stücke niederregneten. Mit beiden Händen auf dem K^f — ich dachte nämlich, wenn mich was trifft, so ist es besser, die Hände werden zerschmettert als der Kopf — raste ich zum Thor hinaus und direkt in den Main. Viele Andere konnten sich gerade so wenig aufhalten wie ich und liefen auch in den Fluß. Hier spülte ich mir den Mund aus, der voll von Ruß und Schmutz gestopft war. Verletzt war ich Gott sei Dank nicht, aber noch jetzt fährt's mir durch die Glieder, wenn es draußen pfeift oder eine Thür zufällt."
Auch der Direktor, Herr Professor Lepsius, der sich an äußerst exponirter Stelle befand, kam wie durch ein Wunder unversehrt davon. Mitten auf der Flucht ergriff er einen taumelnden Arbeiter, schleifte ihn weiter und rettete ihn vor dem sicheren Tod. Fast Niemand weiß genau, wie er verletzt wurde oder wie er sich rettete. Wunderbar genug bleibt es, daß bei dem Eisenregen so Viele mit kleinen Wunden davonkamen. Auch die Schornsteine recken sich noch kerzengerade und scheinbar felsenfest in die Lüfte, nur einer hat einen Sprung von oben bis unten. Gar manche Mauer ist im Wanken. Die Fabrik ist für Alle streng abgesperrt. Je 80 Mann Infanterie wechselten stündlich mit einander die Nacht ab und sperren alle Zugänge. Vorgestern waren es zwei Kompagnien, die an den Räumungsarbeiten Theil hatten und das anstürmende Publikum fernhielten. Heute wird mit dem Anrücken der Pioniere die Räumungsarbeit noch energischer ausgenommen werden können, wobei sich wohl noch der eine oder iandere Tovte finden dürfte. Ein Verletzter Namens Simon st im Krankenhaus zu Höchst bereits gestorben.
Hinzugefügt sei noch Folgendes: Zwischen dem neuen Werk Elektron und der Fabrik von Marx & Müller liegt der Friedhof. Dorthin sind auch viele Eisenstücke geschleudert worden, manches Kreuz wurde umgerissen und Gras und Sträucher sind schwarz versengt. — Wie wir schon gestern mittheilten, ist auch Herr Direktor Lang verletzt. Er hat einen Bruch des Unterarms davongetragerr. (Fr.
Ans Schwanheim
wird dem „Jnt.-Bl." geschrieben: Vom Mainufer aus bietet die gegenüberliegende Chemische Fabrik ein Bild der Zerstörung. Große mächtige Bauten, die noch nicht sehr lange stehen, liegen mit zerrissenen Mauern da. Die Fenster sind hinausqeflogen und wo das Feuer gewüthet hat, gähnen schwarze Oeffnungen. Auf dem diesseitigen Mainuser sind angekohlte Holztheile, starke Bretter und Balken verstreut, die bei der Explosion mit starken Eisentheilen zusammen hinüber- geschleudert wurden. Tief in die Erde hinein find die Eisenstücke geschleudert; die offen zu Tage lagen, verbogen und