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Zweites Blatt.

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Amtliches Grgsn für Stadt- und Landkreis SW«

Waisenhauses in Hanau.

Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.

Nr. 171

Bezirks Fernsprechanschluß Nr. 98.

Donnerstag den 25. Juli

Einrückungsgebi'lhr:

Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf- gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Reklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.

Verantwortl. Redakteur: G. Schrecker in Hanau.

Bezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98.

1901

potititoe Rundschau.

Die Borbereitrtttgerr für den Empfang des Kaisers und des Grafen Waldersee in Hamburg sind bereits in Angriff genommen morden. Die Baudeputation hat das ganze obere Stockwerk des Viehschuppens am dortigen Jonas für die Jngenieurabtheilung zur Verfügung gestellt, die dort Bureauräume errichten wird. Es handelt sich hierbei um eine großartige Ausschmückung des Hafens und um Er­richtung eines Prunkzeltes sowie zahlreicher ZuschauertriLüuen. Inzwischen wurden auch die Tiefenverhältnisse der Elbe bei den St. Pauli-Laudungsbrücken durch Beamte der Deputation sür Handel und Schifffahrt sorgfältig revidirt, um Gewißheit zu haben, daß die KaiserpachtHohenzollern", welche den Kaiser mit dem Grafen Waldersee dort landen wird, nicht festgerathen kann. .

Lebhafte Begrüßung Waldersees durch fran­zösische Truppen. Auf der Fahrt durch den Duezkanal wurde, wie aus Port Said depeschirt wird, dieGera" von einem begegnenden französischen Truppentransportschiff mit Hurrahs und Fanfaren begrüßt, die von Bord derGera" lebhaft erwidert würben. Dienstag Abend fand in Port Said ein Diner zu Ehren des italienischen Oberstleutnants Chaurand und des italienischen Hauptmanns Ferigo statt, welche dem Oberkommando zugetheilt waren und von Port Said direkt nach Rom reisen. Generalfeldmarschall Graf Waldersee brachte in einem Trinkspruch das Wohl Beider aus, und die Scheiden­den gedachten dankbar der Ehre, dem Oberkommando angehört zu haben. DampferGera" traf um Mitternacht in Port Said ein und nimmt im Laufe des Mittwoch Kohlen. Ter Dampfer wird voraussichtlich Malta anlaufen.

Zolltarif. Wie dieKrenzzeitung" hört, ging nunmehr der Zolltarifeutwurf dem Bundesrathe zu.

Reichstagsersatzwahl. DemMemeler Dampfboot" zufolge wurde in der Versammlung der liberalen Vertrauensmänner beschlossen, sich bei der am Samstag stattsindenden Reichtags- Stichwahl im Memeler Kreise der Wahl zu enthalten, jedoch wird dabei ausdrücklich betont, daß die Nichtbetheiligung an der Wahl nicht als Prinzipienfrage aufzufassen ist, sondern daß es jedem Parteigenossen überlassen bleibe, zu thun, was ihm beliebt.

Verlängerung der Giltigkeit der Rückfahr­karten in Girgland. Nach derZig. der Ver. deutsch. Eis.-Verw." hat auch die Great Eastern Railway in London sofort nach der Bekanntmachung der preußischen Staatsbahn- oerwaltung die nöthigen Anträge an die betheiligten festlän­dischen Verwaltungen gestellt betreffs entsprechender Verlängerung der Giltigkeitsdauer der Rückfahrkarten zwischen London und den festländischen Eisenbahnverwaltungen über Hoek van Holland Harwich und AntwerpenHarwich.

Feuilleton.

Bilder ans dem marokkanischen Volksleben.

Von Otto Leonhardt.

(Nachdruck verboten.)

Der Besuch der marokkanischen Gesandtschaft in Deutsch­land hat es wieder in allgemeine Erinnerung gebracht, daß in der nächsten Nachbarschaft, man möchte sagen: vor den Thoren Europas, sich ein zum großen Theile noch unbekanntes Land befindet, bewohnt von jenem merkwürdigen barbarischen Volke, dessen Vorfahren einst die Gothenherrschaft in Spanien gestürzt und den Islam siegreich nach Westeuropa geführt haben._ Al­gier, Tunis sind heule gewöhnliche Reiseziele des wanderlustigen Europäers, aber Marokko ist ihm, wenn sich ihm nicht gerade eine ungewöhnliche Gelegenheit, etwa die Theilnahme an der Reise einer Gesandtschaft, darbietet, verschlossen. Nur Tanger, den Staat im Staate, die Residenz der europäischen Gesandten und Geschäftsleute, kann er besuchen, und dorthin hat die europäische Kultur bereits ihre Fühler ausgestreckt. Und doch genügt schon ein Besuch in Tanger, um uns einen Blick in das seltsame, an wunderliche Phänomenen reiche Leben des Marokkaners thun zu lassen. Wer einen Gang durch die Straßen macht, mag da einen plötzlichen Tumult erblicken. Dichte Menschenmengen sammeln sich um einen zerlumpten, aussätzigen, bis zum Skelett abgemagerten Menschen, aus dessen eingefallenem Gesichte ein Paar drohende, wilde Augen blitzen. Eine weiße Fahne weht über ihm und die umstehenden Männer berühren ehrfürchtig diese Fahne oder küssen gar die schmutzigen Lumpen des Monstrums. Das ist ein Santon, ein Heiliger, und jeder Giaur, jede Frau weicht ihm in weitem Bogen aus. Diese Heiligen, die es in Marokko haufenweise gibt, sind eine wahre Plage für das Land. Unter der Maske der Frömmig-

Ne^r Aufstand auf den Philippinen ? Ein Telegramm aus NeimAork meldet, daß die letzten Nachrichten aus Manila nicht gerade sehr erfreulich lauten. General Aguinaldo, der sich in der letzten Zeit seinen Wächtern gegen­über schon sehr störrisch gezeigt haben soll, hat sich geweigert, bi£ Filipinos, die den Guerillakrieg unter General Malvar fortsetzten, anzuweisen, die Waffen niederzulegen. Er behauptet jetzt, daß er den Treueid nicht freiwillig, sondern unter Zwang und gegen seinen freien Willen geleistet habe. Man glaubt guten Grund zu der Annahme zu haben, daß General Agui­naldo in der letzten Zeit mit den Generälen, die im Innern den Krieg noch fortsetzen, in Verbindung gestanden habe und daß er auf diesem Wege einen allgemeinen Aufstand der Filipinos der Bezirke, die schon ziemlich beruhigt waren, ver­ursacht habe.

Der Tubcrkilkosc-Koilgrcß.

London, 24. Juli. Heute veranstaltete die medizinische und pathologische Sektion des Tuberkulose-Kongresses eine ge­meinsame Sitzung, worin über Tuberkulin verhandelt wurde. Dr. Beron eröffnete die Sitzung mit einem Vortrage, indem er sür den therapeutischen, diagnostischen Werth des Tuberkulin entschieden eintrat und versicherte, daß die hauptsächlichen Ein­wendungen, welche gegen die Anwendung des Tuberkulin als Heilmittel erhoben werden, aus Vernachlässigung der von seinem Entdecker gegebenen Vorschriften entspringen seien. Zur sicheren Diagnose der Krankheit kommt Tuberkulin kein anderes Mittel gleich. Dr. Beron schloß mit einer warmen Anerken­nung der Verdienste Kochs.

Professor Koch, der, als er sich zur Erwiderung erhob, mit lebhaften Beifallskundgebungen begrüßt wurde, setzte die große Bedeutung des Tuberkulin für die Feststellung der Schwindsucht in frühen Stadien auseinander und machte An­gaben über zweckmäßige Verfahren bei der Anwendung. Prof. Fränkel-Berlin erklärte Tuberkulin, wenn bei Anwendung- mit Geduld und größter Vorsicht vorgegangen werde, für ein wichtiges therapeuthisches Mittel

In der heutigen öffentlichen Sitzung des Kongresses hielt Prof. Brouardel den Hauptvortrag, in dem er u. A. dar­legte, daß er sich der Anschauung Kochs, wonach die Schwind­sucht durch Milch und Fleisch tuberkulöser Rinder nicht auf Menschen übertragen werden könne keineswegs anschließe. Brouardel fordert strenge Beaufsichtigung der Molkereierzeug­nisse, wie sie in Schweden und Norwegen eingesührt sei. Auch dieser Gelehrte erklärte für zweifellos, daß die Tuberkulose heilbar sei. Auch er forderte zum Kreuzzug wider diese Volks­krankheit auf. Besonders solle die Kenntniß über ihr Wesen unter die Bevölkerung in jeder Gemeinde, jeder Provinz und

keit begehen sie die größten Scheußlichkeiten, ohne daß Jemand sie anzutasten wagt. Nichts ist schrecklicher, als der Anblick einer Vorstellung jenes Alssauah-Ordens, dessen Jüngern der Stifter der Gesellschaft die Fähigkeit, Gift zu ertragen, ver­liehen baben soll. Taumelnd, wankend naht sich die Schaar dieser Heiligen, von einem Oberen angeführt, den in athem- loser Ehrfurcht harrenden Gläubigen. Sie murmeln, jauchzen, werfen die Köpfe empor. Immer erregter werden sie. Das Murmeln wird zum Heulen, sie springen aus den Reihen, werfen die Arme empor. Furchtbare Megären nehmen an diesem entsetzlichen Tanze Theil, und es dauert nicht lange, daß man unter der Schaar der Zuschauer junge Leute bemerkt, die im Begriffe sind, sich dem wilden Zuge der Heiligen an­zuschließen, die in ihrer Ekstase sich mit den Nägeln oder mit Messern selbst den Leib zerfleischen, sich im Unrath walzen, lebende Thiere mit den Zähnen zerreißen, giftiges Gewürm fressen u. s. w.

Bei der Ehrfurcht, die diese grauenvollen Heiligen genießen, muß man glauben, daß im Mauren noch heute jener religiöse Fanatismus lebt, der ihn einst über's Mittelmeer führte. Und fürwahr! Oft genug besucht er die Moschee und den Namen Gottes mischt er selbst in die gleichgiltigste oder un­passendste Unterhaltung hinein. In Wahrheit aber ist er durch und durch ein Scheinheiliger. Auf sein Leben hat die Religion nicht den mindesten Einfluß. Es ist schwer, sagt ein genauer Kenner dieses Volkes, sich von seinem Egoismus eine Vorstellung zu machen; was Dankbarkeit ist, wissen sie nicht. Wenn man aus diesen in hohem Grade schweigsamen Menschen überhaupt einmal eine Auskunft heraus- schlägt, so kann es nur zweifelhaft sein, ob sie das ganze Gegentheil der Wahrheit sagen oder nur halb lugen bte Wahrheit sagen sie nie. Allerdings muß man zur Erklärung dieser Eigenschaften sich des verlogenen, grausamen, rücksichts­losen Despotismus erinnern, unter dem sie seit Jahrtausenden leben. So habgierig sie sind, so erscheint es ihnen doch alâ das größte Unglück, das sie treffen kann, wenn sie für reich

jedem Staate verbreitet werden, auf daß sich Alle zusammen­thun, um diese Geißel der Menschheit auszurotten.

Sceränbcrci und ihre Bestrafung in Tschisu.

Am Morgen des 25. Mai wurde das KanonenbootShen Hai" auf einem Sireifzuge in der Nähe von Jang Kia Kau eine kleine Fischerdschunke gewahr, die Nothsignale ab. Auf Hörweite angekommen, bat der Führer derselben um Wasser und Lebensmittel, die ihm vor kaum einer halben Stunde von einer Piraten-Dschunke, in deren Nähe sich noch drei andere befanden, abgenommen worden sei. Er deutete hierbei aus eine Anzahl entfernt am Horizont sichtbare Fahrzeuge und gab an, daß die Piraten noch im Begriffe seien, auch andere Fischer­boote, vermuthlich in derselben Weise, wie ihn, auszurauben. Die angegebene Richtung verfolgend, gewahrte dieShen Hai" alsbald acht Dschunken, die sich in voller Fahrt befanden und hörte zeitweiliges Feuern, ein Beweis, daß man auf der richtigen Spur sei. Beim Näherkommen derShen Hai" bot der Kampfplatz alsbald auf der weiten Meeresfläche ein anderes Bild dar. Während die verfolgten vier Fischerboote ihren Kurs direkt aus das chinesische Kanonenboot zu nahmen, um hier Schutz zu suchen, waren die übrigen vier Piraten­fahrzeuge bestrebt, in verschiedenen Richtungen zu fliehen. Die sich nähernden angegriffenen vier Dschunken erhielten die Weisung, zu ankern, während dieShen Hai" die Verfolgung der Seeräuber ausnahm. Bei Einhaltung schnellster Fahr­geschwindigkeit gelang es ihr, drei der Dschunken nacheinander einzuholen und ohne einen Schuß zur Uebergabe zu zwingen. Schwieriger gestaltete sich die Überrumpelung der vierten, der größten und stärksten Dschunke. Dieselbe eröffnete und unterhielt ein ziemlich heftiges Feuer aus chinesischen Donner­büchsen und modernen Gewehren, ohne indeß derShen Hai" nennenswerthen Schaden zuzufügen. Die Nutzlosigkeit dieses Vorgehens, sowie die stetig zunehmende Verringerung der Entfernung zwischen dem Kanonenboote und seinem Fahrzeuge gewahr werdend, veranlaßte den Führer und Besitzer desselben, dem Piratenhäuptling den Nath zu geben, seine Leute in den unteren Schiffsraum zu verbergen, er selbst wolle versuchen, dem Führer derShen Hai" glauben zu machen, daß sie ehrliche Fischer seien. Inzwischen waren die Verfolger auf Hörweite herangedampft und forderten den Führer der Dschunke auf, sofort sein sämmtliches Schiffsvolk an Bord des Kanonen­bootes zu senden. Dieser Weisung wurde sofort Folge ge­leistet. Der Führer der Dschunke erklärte sodann, daß seine Mannschaft 13 Köpfe stark sei. Die Neuankömmlinge zählten indessen 14 Personen. Ueber diesen Unterschied befragt, folgte die Erklärung, daß der 14. ein Räuber, und gelten. Sie fürchten, daß dann die Beamten kommen werden, um ihnen ihr Geld abzupressen für den Sultan und vor allem für sich selbst. Ein hübsches Beispiel, wie erfinderisch diese Herren in der Erfindung von Mitteln, um Geld zu machen, sind: Einer von ihnen hatte Individuen augestellt, die den Frauen auf der Straße folgten und ihnen von dem landesüblichen Branntwein (mahia) auf die Kleider^ spritzten. Daun kam wie zufällig die Polizei herbei, heuchelte Entrüstung über d?.s liederliche, trunksüchtige Weib und brachten es ins Gefängniß. Am nächsten Morgen wurden die Ehemänner be­nachrichtigt, ihre Frauen seien nach Branntwein duftend auf der Straße angetroffen worden, und um den Skandal zu unterdrücken, und die Frauen auszulösen, zahlten sie bedeutende Summen. In solcher Schule muß dann freilich ein Volk heucheln und dem graffesten Egoismus fröhneu lernen.

Selten genug trifft man ja Frauen auf der Straße. Eigentlich gehen sie nur aus, um ihre Eltern zu besuchen, und des Feiertags, um den Gräbern eine Visite abzustatten, wobei sie denn auch erwünschte Gelegenheit zu einer kleinen Konversation finden. Tief verhüllt wandeln sie dann über die Straßen; und wenn sie in einer engen Gasse einem Mann, vielleicht gar einem Ungläubigen, begegnet, so wenden sie nicht allein ihr Gesicht, sondern auch ihren Körper ab und drücken sich scheu an die Mauern. Trostlos ist eigentlich ihr Dasein. Es sieht ja luftig genug aus, wenn bei Fackelschein und rasselnder Trommel in einem hohen, von einem Maul­thiere getragenen palmengeschmückten Kasten die Braut feier­lich dem Gatten, wie ein Juwel in einem Schreine, zugeführt wird. Ach, das Juwel wird bald vernachlässigt; langweilige Tage erlebt die Frau im Dümmer des Hauses, stundenlang bei ihrer Toilette verweilend. Ihre Erholungsstätten sind die Dächer, wo sie Luft schöpfen. Hier ist es den Männern nach einer allgemeinen Uebereinkunft verboten, sich zu zeigen, und so sind die Frauen unter sich. Da wenden sie denn manchmal halsbrecherische Künste an, um einander von Dach zu Dach zu besuchen und sich ihre Herzen auszuschütten. Die