Zweites Blatt.
Bezugspreis:
Vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für auswärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag.
Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
Einrückuttgsgebühr:
Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Neklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.
Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei des verein, ev. Waisenhauses in Hanau.
General-Anzeiger.
Amtliches Organ für Stadt- «nd FandKreis Hanau.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur: G. S ch r e ck e r in Hanau.
Nr. 170
Bezirks Fernsprechanschluß Nr. 98.
Mittwoch den 24. Juli
Bezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98.
1901
politische Rundschau.
Marinenachrichten. Die Brandenburg-Division ist auf der Heimfahrt von Ostasien Dienstag früh in Port Said eingetroffen. Von der heimkehrenden Division werden vor der Theilnahme an den Herbstmanövern „Kurfürst Friedrich Wilhem" und „Wörth" in Kiel, „Weißenburg" und „Brandenburg", sowie der kleine Kreuzer „Hela" in Wilhelmshaven docken, um den mit Anwuchs besetzten Schiffsboden reinigen und neu malen zu lassen. — Von den Schulschiffen ist auch „Moltke" nach Kiel zurückgekehrt, um sich dort für die am 1. August beginnende Auslandsreise, die das Schiff nach Südamerika und Westindien führen wird, vorzubereiten.
Generalfeldmarschall Graf von Waldersee ist an Bord der „Gera" Dienstag früh nach angenehmer Fahrt durch das Rothe Meer, wo ein kühlender Nordwind wehte, in Suez eingetroffen. Zur Begrüßung des Grafen waren der Vertreter des kaiserlichen Generalkonsuls Legationssekretär Freiherr von dem Bussche und der deutsche Kommissar bei der Kasse der Staatsschuld Geheimer Legationsrath von Mohl von Kairo nach Suez gekommen. An Bord Alles wohl.
Reichstagsersatzwahl. Das amtlich festgestellte Resultat der Memeler Reichstagsersatzwahl ist folgendes: Mattschull (kons.-lit.) 7016, Braun (Soz.) 4941, Schaak (freis. Volksp.) 2925 Stimmen. Die Stichwahl zwischen Mattschull und Braun ist auf den 27. Juli festgesetzt.
Artch ein „Hunnenbrief". Im Anschluß an die Enthüllungen über die Fabrikation von sogenannten Hunnenbriefen dürften einige Zeilen aus dem Feldpostbriefe eines bayerischen Pioniers aus Hanku von Interesse sein, aus denen ein gewisser Theil der Presse wohl eine Belehrung ziehen könnte. In dem Briefe, der den „Münch. R. R." im Original vorliegt, heißt es u. A.: „Wenn wir Zeit haben, müssen wir waschen, daß uns die Läuse nicht gar zu überhand nehmen. Ich bin seit dem 6. März in Hanku, da hat uns der Eisgang viel zu schaffen gemacht, er hat uns die Brücke sortge- rissen, die wir im Januar geschlagen hatten, wir hatten Tag und Nacht keine Ruhe. Ich wünschte, Sie könnten einmal das Bild sehen, das sich hier am Mittag darbietet, wenn die beiden Züge aus Peking und Shanhaikwan einlaufen. Da muß Alles übergesetzt werden, denn die Eisenbahnbrücke liegt im Wasser, und Alles rudert um die Wette, Deutsche, Franzosen, Russen, Engländer, Amerikaner und Japaner, aber die Deutschen stehen stets an der Spitze. Denn, daß Deutschland mit seiner militärischen Ausbildung einzig dasteht, davon können wir deutschen Soldaten uns hier selbst überzeugen, da wir in China mit Soldaten aus aller Herren Ländern verkehren. Wenn die anderen Truppen auf der faulen Haut liegen, dann muß der Deutsche 'ran und bei Sturm, Regen
Feuilleton.
Um SmkHkk
in Sunil niiii lebe«
Bon Cyriak Fischer.
(Nachdruck verboten.)
Anläßlich des 25jâhrigen Bestehens der Bayreuther Festspiele ist die geschichtliche Entwickelung des großen Unternehmens gebührend in Erinnerung gebracht und gewürdigt worden. Wir würden aber wenig im Sinne Richard Wagners handeln, wollten wir uns mit dieser Rückschau zufrieden geben. Vielmehr sollten wir den Eintritt dieser bedeutsamen Epoche insofern uns zu Nutze machen, als wir den Wirkungen der Festspiele in ihren mannigfachen Ausstrahlungen nachgehen, so den Werth des Unternehmens für die mannigfachen Kreise und Arbeitsgebiete unseres Volkes, ja geradezu für Jeden von uns erkennen und daraus auch wieder einen neuen Antrieb ziehen, unsere eigenen unmittelbaren Interessen an den Bayreuther Spielen und unsere Pflichten gegen sie schärfer ins Auge zu fassen. Wir müssen uns also das, was man den „Bayreuther Gedanken" zu nennen pflegt, in seinem einfachen Kerne vergegenwärtigen und untersuchen, ob und in welchem Sinne er auf das Denken, Leben und Wirken des deutschen Volkes Einfluß gehabt hat.
Richard Wagners Grundgedanken bei der Begründung der Festspiele können wir am besten durch zwei Sätze von ihm selbst kennzeichnen. Er sagt (Werke 9, 315): „Der einzig ersprießliche Weg, unserem Theater selbst mit der Zeit nützlich zu werden, scheint mir dieser zu sein, daß Werke, welche schon ihrer Originalität wegen die höchste Korrektheit ihrer Aufführung erfordern, um auf das Publikum den richtigen Eindruck zu machen, zunächst diesem Theater nicht übergeben werden dürfen, weil es die in ihnen liegende Tendenz sich nicht anders,
und Kälte arbeiten. Aber das macht alles nichts, einmal wird es schon wieder anders, und gesund bin ich ja, Gott sei Dank, trotz der Strapazen geblieben." — Der Brief dieses schlichten Soldaten liefert einen erfreulichen Beweis von dem Pflichtgefühl und dem nationalen Stolz unserer Landsleute auch in der Fremde.
Polnische Agitation. Das Thema von dem disziplinlosen und unmoralischen Verhalten der deutschen Soldaten in China macht sich neuerdings auch die polnische Hetzpresse zu eigen und reiht sich damit der Sozialdemokratie und ihren staatsfeindlichen Bestrebungen würdig an. Die „Gazeta Ludowa" erzählt, wie Diplomaten, hohe Offiziere und Gemeine in gleicher Weise sich unrechtmäßiger Weise bereichert hätten und sogar zur Befriedigung ihrer Habsucht vor Rohheit und brutaler Gewaltthätigkeit nicht zurückgescheut wären. Die Ausführungen des Blattes sind um so leichtfertiger, als sie einer französischen Zeitschrift entlehnt sind, die durch ihren Pekinger Korrespondenten „an Ort und Stelle Nachrichten über das, was die Zivilisation dort begangen haben, gesammelt hat und einige Szenen von europäischem Raub und Gewalt auf photographischer Platte hat verewigen lassen." Jeder, der diese Mittheilungen, die an mehr als einer Stelle besonders Angehörige des deutschen Expeditionskorps des Diebstahls bezichtigen, auch nur einer flüchtigen Durchsicht unterwirft, muß zu der Ueberzeugung gelangen, daß in ihnen mit Absicht das Verhalten der deutschen Truppen in der niedrigsten Weise verdächtigt und mit wohlberechneter Entstellung und Uebertreibung alles herangezogen wird, um gegen die zivilisatorischen Bestrebungen der vereinigten Mächte zu agitiren und zugleich auf Kosten des überrheinischen Nachbarn dem französischen Soldaten ein neues Nuhmeszeugniß auszustellen. Wenn also die polnische Hetzpresse solche Ausführungen abdruckt und obendrein mit dem Zusatz begleitet, daß „wohl kaum eine der tartarischen Horden solch Rauben ausführen konnte, wie europäische Heere", so ist dies nur ein Beweis dafür, daß der berufsmäßig betriebenen Agitation jedes, selbst das verwerflichste und niedrigste Mittel recht ist, wenn es gilt, für die deutsch- und staatsfeindlichen Absichten der allpolnischen Bewegung Stimmung zu machen.
Die Dotation für Lord Roberts wird binnen Kurzem Gegenstand der Berathung im englischen Parlament sein. Es verlautet, daß die Schenkung der englischen Nation an Earl Roberts für seine Verdienste in Südafrika und um ihm zu ermöglichen, seinem neuen Range entsprechend zu leben, die Summe von hunderttausend Pfund betragen wird. Lord Roberts erhielt bereits nach dem Feldzuge in Afghanistan 12 500 Pfund und eine Pension von 100 Pfund, Lord Wolseley erhielt nach dem Ashanti-Feldzug 25 000 und nach dem egyptischen Krieg 30 000 Pfund. Die gleiche Summe erhielt Kitchener nach der endlichen Besiegung des Khalifen.
als durch Verstümmelung und gänzliche Unkenntlichmachung derselben assimiliren kann"' Und ferner (ebendas. 31.6): „Sie (die geplante Institution) soll zunächst nichts Anderes bieten, als den örtlich fixirten periodischen Vereinigungspunkt der besten theatralischen Kräfte Deutschlands zu Uebungen und Ausführungen in einem höheren deutschen Originalstile ihrer Kunst, welche ihnen im gewöhnlichen Laufe ihrer Beschäftigung nicht ermöglicht werden kann."
Die in diesen Worten ausgedrückte Absicht Wagners, dem Theater nützlich zu werden, nöthigt uns, zunächst die Wirkungen des Bayreuther Gedankens auf die Bühne ins Auge zu fassen. Da bemerken wir denn sogleich, daß eine Anzahl von Einrichtungen, die Wagner für Bayreuth geschaffen hat und die zuerst lebhafte Anfeindung, ja Spott erfuhren, jetzt dem deutschen Theater allgemein nutzbar gemacht worden sind. Das verdeckte Orchester, die Verdunkelung des Hauses, der in der Mitte auseinandergehende Vorhang sind zum Theil ganz allgemein, zum Theil von einer großen Reihe deutscher Bühnen acceptirt. Hingegen hat der geniale Gedanke, ein Bühnenhaus zu schaffen, dessen Zuschauerraum einheitlicher, , weihevoller, wenn man will: demokratischer gestaltet ist, als dies die Ror- malform unserer Theater erlaubt — ein Gedanke übrigens, dessen Lösung im Anschlusse an die antike Bühne bereits Palladio im Teatro Olimpico zu Vicenza in sehr interessanter Weise versucht hat — dieser Gedanke hat meines Wissens bisher keine weitere Nachfolge gefunden. Wohl aber hat das Bayreuther Vorbild auf die Darstellung der Wagnerschen Werke auf den Theatern Deutschlands den tiefsten inneren Einfluß ausgeübt. Was vor 25 Jahren keine deutsche Bühne gewagt hätte: ein Publikum fünf Stunden und langer vor ein ernstes Kunstwerk zu bannen, — heute ist es insofern erreicht, als die Meistersinger, Tristan unb ^otbe, der Nibelungenring jetzt fast überall ungekürzt in ihrer ^riginal- fassung vorgeführt werden. Das Bewußtsein, stets an der Leistung Bayreuths gemessen zu werden, hat die itjeaierleiter im ganzen deutschen Sprachbereiche genotyigt, den Werken
Die Masse der Liberalen wird für die Schenkung stimmen. Dagegen sind die irischen Nationalisten und eine kleine Anzahl der extremen Radikalen.
Fruchtloser Angriff der Buren auf Aberdeen. Trotzdem die Reihen der Buren sich nach den Berichten Lord Kitcheners stark lichten müssen, kommt doch wieder eine Nachricht von einem Offenstvstoß in der Kapkolonie. Sie haben versucht, Aberdeen einzunehmen, indeß vergeblich. Ein Telegramm berichtet darüber: Wie-Laffan meldet, machten die in die Kapkolonie eingefallenen Buren einen entschlossenen Angriff auf Aberdeen. Der Angriff begann morgens 7 Uhr. Der Feind stand in vorzüglicher Deckung, aber sein Feuer auf die Stadt blieb wirkungslos. Die englische Besatzung machte, unterstützt von der Stadtwache, einen Ausfall und trieb die Buren unter heftigem Feuer zurück. Am folgenden Tage wurde der Angriff erneuert und die Buren beunruhigten die englische Besatzung den ganzen Tag, bis die australische Artillerie sie mit einem Fünfzehnpfünder zerstreute und zum Rückzug in die Berge zwang. De Wet und Stejn haben, wie „Daily News" meldet, die Bahn bei Heilbron Road auf dem Marsche nach Westen passirt und sind nun zwischen Vaal und Rhenoster mit einem Kommando. De Wet lagert niemals zusammen mit der ganzen Mannschaft, seine Leute trennen sich nachts, um sich am nächsten Tage wieder zu treffen. Eine allgemeine Bewegung der Buren gegen Süden ist bemerkbar. Ihre Wachsamkeit vereitelt meistens die Verfolgung, aber ihre Zahl ist gering im Verhältniß zu den in den Zufluchtslagern befindlichen. Ferner wird berichtet, Delar^y habe das Kommando bei Klerksdorf darüber aufgeklärt, es sei keine Hoffnung mehr auf eine europäische Intervention, die Buren müßten den Krieg allein zu Ende führen. — Der allgemeine Zug der Buren nach Süden, der sich schon seit Monaten bemerkbar macht, erklärt sich daraus, daß nur dort noch Aussicht auf Verpflegung für größere Trupps zu finden ist. De Wet und Stejn dagegen halten die Position im Nordosten des Oranje- Freistaats. Man darf gespannt sein, welche Wirkung es auf die noch im Felde stehenden Buren machen wird, wenn unter ihnen allgemein erkannt sein wird, daß eine Hoffnung auf Intervention einer europäischen Macht nicht mehr vorhanden ist.
Der Tnberkulosc-Kongreß.
London, 23. Juli. In der heutigen öffentlichen Sitzung des Tuberkulose-Kongresses hielt Geheimrath Professor Dr. Robert Koch-Berlin einen von der Versammlung mit lebhaftem Beifall aufgenommenen Vortrag über „Die Bekämpfung d er Tuberkulose im Lichte der Erfahrungen, die bei der erfolgreichen B ekämpfung anderer Infektionskrankheiten gewonnen w or- ^.MMm^iMwMPMiB.rowiagiMtmarea^
Wagners jene Sorgfalt der Jnszenirung und Einstudirung angedeihen zu lassen, deren Mangel Wagner in Deutschlands theatralischen Zuständen als eines der Hauptübel erkannt hatte. Endlich hat des Meisters Gedanke, zur Darstellung seiner Werke die vorzüglichsten Künstler aus Nord und Süd, aus Ost und West zusammenzuladen, die fruchtbarste Wirkung geübt. Denn jeder von diesen Künstlern trug den Bayreuther Gedanken mit sich heim, übertrug ihn nach Möglichkeit auf die Bühne, an der er ständig wirkte. So ist für Wagners Werke ein allgemein sicherer Stil geschaffen worden, — für sie allein. Sie bilden gleichsam eine Oase in der allgemeinen Stillosigkeit, der wir so gut Schillers und Goethes, wie Mozarts und Beethovens Bühnenwerke unter- - worfen sahen.
Hier erkennen wir nun auch deutlich die Grenzen, an denen der Einfluß des Bayreuther Gedankens auf das deutsche) Theaterwesen Halt machen mußte. Er vermochte die ganze Art des Bühnenbetriebs nicht umzngestalten. Nach wie vor ist dieser Betrieb ein handwerksmäßiger und nur ausnahmsweise ein künstlerischer. Nach wie vor sind unsere Theater in erster Linie Geschäftsinstitute und geschäftlichen Interessen dienstbar. Der Versuch, eine national-deutsche Stilbildung anzubahnen, ist, Wagners eigene Werke ausgenommen, nicht weiter gediehen. Es mag hier dahingestellt bleiben, inwieweit es in Wagners Absicht lag, in dieser Richtung eine allgemeine Bühnenreform durch sein Bayreuther Unternehmen herbeizuführen. Wichtig, ja entscheidend ist hingegen, daß der Bayreuther Gedanke weit über das engere Gebiet des Theaters hinaus Frucht getragen hat, daß er für unser Kuustleben überhaupt bahnbrechend geworden ist.
Schiller hat die Forderung aufgestellt, daß die Buhne der moralischen Erziehung diene; Wagner hat diese Forderung zur That gemacht, und zwar nicht für die Bühne allein, sondern für die Kunst überhaupt. Ja, in einem noch umfassenderen Sinne, als Schiller dachte. Wir wissen heut, daß die Kunst1 nicht allein unsere sittlichen Fähigkeiten zu erziehen berufen