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Seile 6_______________

Hoffnung, Serbien werde Alles vermeiden, was der Pflege guter Beziehungen zu der Monarchie Abbruch thun und eine Erkaltung des Wohlwollens für den serbischen Nachbarstaat herbeiführen könnte. Die befriedigende Regelung der griechisch­türkischen Handels- und Konsularkonvention dürfte die freund­schaftlichen Beziehungen zwischen der Türkei und Griechenland wesentlich befestigen und kann somit als ein Beruhigungs­moment gewürdigt werden.

Bezüglich der allgemeinen Richtung der auswärtigen Politik des Reiches stellt der Minister neuerdings fest, daß sie sich in sicheren Bahnen des engen Anschlusses an die Verbündeten fortbewegt, nebst der parallel laufenden Pflege vertrauensvoller Beziehungen zu den übrigen Mächten, vor Allem dem Nachbar­staate Rußland. Diese im Laufe der Jahre für die allge­meinen Friedensinteressen wohlbewährte Basis zu erhalten, ist unser beständiges Bestreben, und wir dürfen uns wohl zu der ganz begründeten Hoffnung bekennen, daß an ihr auch künftig nichts geändert werde. Die Tendenz der verschiedenen Gerüchte zur Erschütterung des Glaubens an die Solidarität des Drei­bundes ist zu durchsichtig, um nicht gleich erkannt zu werden. Derlei Ausstreuungen würden kaum eine besondere Erwähnung verdienen, wenn nicht zu der bisherigen Arbeit gewisser wohl­bekannter Elemente Bestrebungen anderer Kreise hinzutreten, die die Frage des politischen Allianzverhältnisses in direkten Konnex mit dem Abschluß der einstigen Handelsverträge bringen möchten. Heute, wo die wirthschaftlichen Fragen täglich an Bedeu­tung gewinnen, ist die These kaum noch zu verfechten, daß ein förm­licher wirtschaftlicher Kampf ganz gut sich mit diesen politischen Beziehungen vertrage. Der Minister ist überzeugt, daß es bei den Handelsvertragsverhandlungen mit Deutschland und Italien gelinge, zu einer billigen, beruhigenden Schlichtung etwaiger Differenzen zu gelangen. Natürlich könne man die höhere Ziele verfolgenden politischen Bündnisse mcht von der unbe­dingt befriedigenden Gestaltung der handelspolitischen Fragen geradezu abhängig machen. Die Vortheile,, die die Dreibund- konstellation jedem der Betheiligten biete, seid zu evident, um preisgegeben zu werden. Gegen die systematische Verhetzung und Verführung der breiten Volksschichten könne nicht ent­schieden genug durch eine sachgemäße Aufklärung der öffent­lichen Meinung reagirt werden, damit die Erkenntniß geweckt werde, daß, so sehr kommerzielle Angelegenheiten eine Berück­sichtigung der Regierung erfordern, doch ein politisches Bünd- niß kein Gegenstand ist, der ohne Gefährdung schwerwiegender Interessen als einfaches Kompensationsobsâ ausgespielt werden kann, und wie es verfehlt wäre, derartige Kombinationen lediglich wegen handelspolitischer Vortheile einzugehen. Es wäre ebenso unverantwortlich, sie zu verwerfen, weil sie eine nicht angestrebte unbedingte Befriedigung gewähren. So fest die Allianzverhältnisse stehen, so freundschaftlich ist her Verkehr mit allen übrigen Kabineten, womit sich die Monarchie in dem ernsten, aufrichtigen Streben nach Erhaltung des Friedens zusammenfindet. Diesem Bestreben ist es auch zu verdanken, daß die anfänglich befürchteten Rückschläge der chinesischen Angelegenheiten auf die kooperirenden Mächte vermieden wurden. Somit ist die Hoffnung nicht unberechtigt, daß das jetzt er­probte System rechtzeitiger Aussprache und Berücksicbtigung gegenseitiger Interessen sich auch bei der Lösung anderer Fragen als wirksam erweise. Der Minister schloß mit einem Hinweis auf die Wiederanknüpfung der diplomatischen Beziehungen zu Mexiko.

Revolte in den Eisenwerken von Aleeandrowsky.

Aus Rußland kommen fortgesetzt Nachrichten über blutige Arbeiterunruhen. Ein Telegramm meldet darüber: In der Obuchow'schen Stahlgießerei bei Schlüsselburg sind Arbeiter- unruhen ausgebrochen. Die Arbeiter stellten unausführbare Forderungen. Oberstleutnant Iwanow versuchte die Leute zu überreden, die niedergelegte Arbeit wieder aufzunehmen, indeß vergeblich. Die Arbeiter brachten gewaltsam die Maschinen

nicht antreten können, wären nicht am Ausgange des 18. | Jahrhunderts die Frauen selbst mit großer Entschiedenheit in das Rousseausche Lager übergegangen.

Und das ist zweifellos, daß die Frau im 19. Jahrhundert allerdings begonnen hat, sich eigene Gedanken über ihre Auf­gaben im Leben zu machen und sich ein Ideal von sich zu bilden. Allerdings wohl nur die Frau der germanischen Völkergruppen. An Frankreichs Kultur z. B. frißt wie ein Wurm die fortgesetzte Unterordnung der Frau unter das Männerideal, das sie nur unter dem Gesichtspunkte des Ver­gnügens und der sinnlichen Liebe betrachtet. Anders bei den Germanen. Zwei Völker haben in dem verflossenen Jahr­hundert ein neues Wort über die Frau gesprochen: die Skan- dinaven und die Amerikaner. In der verhällnißmäßig primitiven und armen Kultur der Skandinaven in erster Linie der Norweger erwuchs das Bedürfniß, die Kraft der Frau in erhöhtem Maße bei der Kulturarbeit zu verwerthen; man gab ihr zu diesem Zwecke sozial und sittlich einen freieren Spiel­raum und gelangte so zu dem Ideale einer reich entwickelten, thätigen und charaktervollen Frau, das in wuchtigen, dichterischen Gestalten eine wuchtige, überzeugende und die ganze gesittete Welt tief bewegende Form erhalten hat. Die altgermanische Vorstellung von der Heiligkeit der Frau findet hier einen neuen fruchtbaren Ausdruck. Der letzte Sinn des skan­dinavischen Ideals aber ist zweifellos, durch die höhere Ent­wickelung der Frau eine Vereinigung von Weib und Mann im tieferen Sinne anzustreben, eine innigere Verschmelzung und Durchdringung ihrer gesammten geistigen und seelischen Kräfte. In Amerika aber, dem neuen Lande, dem Lande ohne Traditionen, bildete nicht eine erneute Regelung, eine Ver­tiefung der Beziehungen zwischen den Geschlechtern den Aus­gangspunkt der neuen Entwickelung, sondern das Freiheits­bedürfniß, oder, wenn man will: das Machtverlangen der Frau, wie es sich hier unter dem zügellos freien Wettbewerbe aller Kräfte natürlich entfaltete. So verlangte und erlangte die Frau hier durchaus die Stellung des Mannes, eroberte seine Rechte für sich, übernahm seine Aufgaben. In dem amerikanischen Frauenideale spielt das, was wirdas Weib-

HMauer Anzeiger

zum Stillstand. 3600 Mann streikten sofort. Darauf wurden zwei Schwadronen Gendarmerie und ein Zug berittener Schutz­leute requirirt. Die Thorwächter wurden von Arbeitern durch Messerstiche verwundet, ebenso der Revieraufseher Steinwart im Gesicht schwer verletzt. Der Tramwayverkehr ist eingestellt. Der Polizeimeister Oberst Palibin, der das Kommando über die Polizeimannschaften führte, forderte die Menge auf, aus­einander zu gehen, indeß erfolglos. Als das Kommando vor­rückte, wurde es von einem Steinhagel empfangen, da erscholl das Kommando:Gebt Feuer!" Das Militär gab drei Salven ab, wobei ein Arbeiter getödtet und acht verwundet wurden. Bald darauf traf das Omsker Infanterie-Regiment ein, welches die benachbarten Höfe gewaltsam räumte, die voll von Arbeitern waren. 120 Mann wurden verhaftet. Oberst Palibin ist durch Steinwürfe an Kopf und Fuß verletzt, sieben Polizisten sind ernst, vier leicht verwundet. Einer der ver­wundeten Arbeiter ist gestern gestorben, Ein weiteres Telegramm giebt noch folgende nähere Nachrichten über die Revolte: Das Amtsblatt der Präfektur in Petersburg meldet: In den Obuchow'schen Eisenwerken in dem auf dem Wege nach Schlüsselburg gelegenen Dorfe Alexandrowsky weigerten sich am 20. ds. Mts. nach der Mittagspause etwa 200 Arbeiter verschiedener Abtheilungen der Werke, die Arbeit wieder aufzunehmen. Von dem Gehilfen des Direktors, dem Oberstleutnant Iwanow, nach dem Grunde ihres Verhaltens befragt, trugen die Arbeiter ihm ihre Beschwerden vor. Die Versuche des Oberstleutnants, die Arbeiter zur Wiederaufnahme der Arbeit zu bewegen, schlugen fehl und die Arbeiter, die sich in die verschiedenen Abtheilungen der Werke zerstreut und mit der Sirene das Zeichen zur Einstellung der Arbeit gegeben hatten, begannen mit Gewalt die Maschinen zum Stillstand zu bringen. Oberstleutnant Iwanow, der nur über 40 Mann verfügte, suchte die Unterstützung der Polizei nach; es wurden alsbald zwei Eskadrons Gendarmen, eine Abtheilung berittener Polizisten und 200 Schutzleute an Ort und Stelle entsandt. In der Zwischenzeit hatten die Arbeiter, in der Zahl von etwa 3600, die Arbeit eingestellt und begannen unter Pfeifen und Lärmen das Werk zu verlassen. Ein Wächter, der am Thorweg stand, wurde von einem Arbeiter durch einen Messer­stich verwundet; der Arbeiter wurde verhaftet. Ein Polizei- Unteroffizier wurde durch einen aus der Menge geschleuderten Stein im Gesicht getroffen. Die Arbeiter hatten sich auf dem Wege nach Schlüsselburg und in den benachbarten Häusern angesammelt; der Verkehr der Straßenbahn wurde unter­brochen. Der Polizermeister Oberst Palibin, der die Polizei befehligte, gab, in Befürchtung weiterer Verwickelungen, den Befehl, die Menge zu zerstreuen. Aufforderungen blieben erfolglos, worauf die Gendarmerie und berittene Polizisten gegen die Menge vorgingen, welche mit Steinwürfen antwortete. Individuen, die sich hinter Einfriedigungen und in dir Häuser geflüchtet hatten, schleuderten ebenfalls Steine gegen die Polizei, die sich in die Obuchowschen Werke zurückziehen mußte. Oberst Palibin zog hierauf eine Abtheilung Soldaten vor, die auf dem Hofe der Werkstatt in Bereitschaft gestanden hatten; diese griffen mit den Polizisten von Neuem die Arbeiter an, wurden aber wiederum mit Steinwürfen empfangen; auch einige Schüsse fielen aus der Menge. Nunmehr ließ Oberst Palibin drei Salven abgeben, nach welchen die Menge nach ver­schiedene Richtungen auseinanderstob.. Ein Arbeiter wurde getödtet, acht wurde verwundet. In diesem Augenblicke trafen mehrere Kompagnien Infanterie ein, mit deren Hilfe der Oberst die benachbarten Häuser räumen ließ, aus denen immer noch Steine geworfen wurden. 120 Personen wurde ver­haftet. Beim Zusammenstoß war Oberst Palibin am Kopf und am Bein von Steine getroffen worden. Ein Polizei- Unteroffizier und elf Polizisten wurden verletzt, davon sieben mehr oder weniger schwer. Einer der verwundeten Arbeiter ist gestern gestorben; die übrigen wurden in Krankenhäuser gebracht.

MMMBMMMWI^mMnMMBM ^^^EMi^M liche" nennen, eine untergeordnete Rolle, ja, in mehr als einem Falle sieht die Amerikanerin darin etwas Hinderliches und Peinliches. Die skandinavische Vorstellung geht nicht von dem Weiblichen aus, läßt ihm aber theoretisch wenigstens einen genügenden Spielraum.

Für die deutsche Frau galt es, zu den neuen Fragestellungen ihrerseits Stellung zu nehmen. Sie hat diese Aufgabe noch nicht endgiltig gelöst. Sie kämpft um ihre Lösung mit sich selbst. Weder das amerikanische noch das skandinavische Ideal konnte sie einfach übernehmen. Am Wenigsten das ameri­kanische, das nur in einem Lande mit größter Ellenbogenfrei­heit entstehen konnte und dem noch heute etwas von der Auf­fassung einer neu sich bildenden Gesellschaft, in der die Frauen rar sind, anhaftet. Das skandinavische Ideal aber hat un­streitig etwas Schroffes, eine gewisse Uebertreibung, die seinen zum guten Theile theoretischen Ursprung verräth, eine ver­standesmäßige Nüchternheit, eine Enge, die der Kleinheit der nordischen Verhältnisse entspricht. Das, was die deutsche Frau in erster Linie, wie die Deutschen überhaupt, heilig hält und sich bewahrt wissen will, sind gerade die der Frau eingeborenen Eigenschaften, sind jene herrlichen Züge echter Weiblichkeit, die Gretchen aufweist. Es ist ein großer Fehler der sogenannten Frauenbewegung in Deutschland gewesen, daß sie dies verkannt hat, daß sie nicht von dieser geschichtlich wie psychologisch gleich feststehenden Thatsache ausgegangen ist. Dadurch hat sie die heftigste Opposition gerade bei den Frauen erweckt, hat sie Tausende von Frauen, die in ihr etwas Fremdländisches und Unweibliches erblickten, verhindert, in die Bewegung einzu­greifen. Ja, gerade in der Opposition gegen die Frauenbe­wegung ist das Gretchenideal mit einer gewissen Geflissentlich- keit und Uebertreibung als das einzig wahre Symbol deutschen Frauenwesens festgehalten worden. Und doch ward dieses Ideal von der rauhen Wirklichkeit mit jedem Jahre mehr durchlöchert. Gretchen ist das arm' unwissend Kind, das in der Beschränkung auf Haus und Heim, in der Unterordnung unter den Mann sein Genügen findet. Aber die bittere Noth zwang die Frau, den Kreis des Hauses zu überschreiten; ;das Leben lehrte sie den Fluch der Unwissenheit verstehen, und mit der Unter-

> 3 Mai. 3

Die Revision Sternbergs verworfen!

In der Revision Sternberg erkannte das Reichsgericht ar Verwerfung der Revision und Bestätigung des Urtheils de ersten Instanz. Die erhobenen prozessualen und materieller Beschwerden wurden als unbegründet verworfen. Bankie August Sternberg hat, nachdem die von ihm eingelegte Revision wie mitgetheilt, vom Reichsgericht verworfen worden ist, nun mehr zwei Jahre Zuchthaus zu verbüßen. Sternberg, welche, seit dem 26. Januar 1900 in Untersuchungshaft saß, würd v bekanntlich am 21. Dezember vorigen Jahres zu 2^2 Jahrer Zuchthaus und 5 Jahren Ehrverlust verurtheilt. Sechs Monat wurden ihm auf die lange Untersuchungshaft angerechnet Ueber die Begründung der Revisionsverwerfung wird nod Folgendes gemeldet: Das Urtheil wurde nach zweistündiger Berathung des Senats verkündet. Die Verlesung der Urtheils Begründung nahm eine halbe Stunde in Anspruch. Der Präsident beschränkte sich auf die Verlesung der wichtigster Revisionsbeschwerden, welche sämmtlich vom Senat verworfen bezw. als unerheblich erachtet worden waren. Daß drei selbst ständige Handlungen vom Gerichtshof angenommen waren, wurde vom Amat als zu Recht erfolgt betrachtet. Das Resumö der Begründung gipfelt, wie schon mitgetheilt, in Folgendem: Sämmtliche materiellen und prozessualen Beschwer­den Sternbergs und der Wender gegen das Urtheil der Ber­liner Strafkammer werden verworfen und das Urtheil im ganzen Umfange bestätigt.

Hue pfab und fern.

Maevurg, 21. Mai. Eine höchst originelle Postkarte ist derHess. Landesztg." von einem lustigen Bruder Studis überreicht worden. Sie ist in der feuchtfröhlichen Korona eines hiesigen akademischen Vereins am 2. Dezember 1900 geschrieben worden und folgendermaßen adressirt:An Seine Königliche Hoheit den Prinzen Tuan in Peking, China." Frankirt ist sie mit einer in Marburg abgestempelten Zehn- ; pfennig-Marke. Auf der Rückseite steht u. a.:Lieber Tuan l In Anbetracht, daß wir soeben eines unserer Füchslein nach Dir getauft haben, kann ich mir nicht versagen, Dir meine Blume" zu kommen. Dazu rufe ich Dir zu: Joachimken, Joachimken, hüte Di! Wenn wir Dich kriegen, hangen wir Di! und: Freu Dich des Lebens, solang noch Dein Lämpchen glüht! Heil! Schreib mal Deinem .... (folgt Biername)." Ein anderer Konkneipant schreibt:Heil Dir, Boxer!" und wieder einer meint:Wirren in China, Witze bei uns!" Die Karte ist am 16. Januar in Peking ange­kommen und korrekt abgestempelt:Peking, Deutsche Post." Mit Blaustift ist über die Karte geschrieben: 16. 1. zurück. Unbestellbar." Und mit Tinte ist von dem deutschen Post­beamten in Peking folgende köstliche Notiz beigefügt worden: j Unbestellbar. Adressat verreist, ohne Adresse zu hinterlassen. Feldpost Peking." Die Karte ging demnach zurück und ist in Marburg am 26. Februar wieder eingetroffen und dement­sprechend abgestempelt. Der studentische Verein wird sicherlich die interessante Karte als Kuriosität ausbewahren.

Kirchhain, 21. Mai. Heute Morgen 8/4? Uhr gerieth, wie schon kurz berichtet, auf bisher unaufgeklärte Weise die Festhalle in Brand, die s. Z. zum Turnfest erbaut worden und stehen geblieben war, um auch andere Feste darin abzu­halten. Das aus Holz aufgeführte Gebäude brannte voll­ständig nieder. Wenn auch das Gebäude selbst mit einem den Baukosten entsprechenden Betrage bei der Hess. Brandver­sicherungsanstalt versichert ist, so erleidet die Stadt doch da­durch einen nicht unbedeutenden Verlust, daß die sämmtlichen Tische und Bänke der Fefthalle, sowie sonstige nicht versicherte Jnventarstücke, darunter ein großer Wagen, Turngeräthe rc., dem Brande zum Opfer gefallen sind.

Abterode, 20. Mai. An eine Fahrt auf Tod und Leben werden zwei Reisende aus Reichensachsen wohl noch lange Zeit denken. Von Wolfterode kommend, lief das Pferd

ordnung unter den Mann im alten Sinne war'â in dem Augenblicke vorbei, wo sie selbständig zu arbeiten begann. Ich wage die Behauptung, daß bereits in diesem Augenblicke bei der großen Mehrzahl der deutschen Frauen sich in der Gret- chengestalt nicht mehr ihr Frauenideal ausdrückt. Empfinden sie nicht selbst die einseitige Beschränkung auf die häusliche Arbeit oft im Innern als einen Zwang, den sie zu überwin­den streben ? Rüsten sie nicht ihre Töchter nach Kräften für den Kampf ums Leben aus? Bricht sich nicht täglich die Ueber­zeugung mehr Bahn, daß wie jeder Hohenzoller ein Hand­werk lernen muß so jedes Mädchen, gleichviel, ob Arbeiters­oder Militärstochter, sich in einem bestimmten Beruf ausbilden müsse, um an sich selbst den Werth, den Segen und die Ehre der Arbeit zu erfahren? Die Männer aber haben im Grunde längst mit dem Gretchenideale gebrochen. Es paßte für jene Zeit, da das deutsche Leben ein Stilleben war. Jetzt sind in unserem Hause alle Fenster und Thüren weit geöffnet, Sonne und Luft strömen ein, ungeheure erweiterte Interessen erfordern dringend eine erhöhte Mitarbeit der Frau, und das fühlt der Mann. Das fühlte Bismarck, als er sagte, er werde den Reichsgedanken dann als konsolidirt ansehen, nenn er i« Frauengemache feste Wurzel geschlagen habe.

So hat das 20. Jahrhundert die Aufgabe, uns ein neues Frauenideal zu formen, und diese Aufgabe gehört zu de» größten, die ihm obliegen. Prophezeien wäre da müßig, ja frivol. Aber wenn es der deutschen Frau gelingt, ihre weitere Entwickelung gerade auf den herrlichen Eigenschaften aufzu- bauen, die ihr als ihr Besonderes gegeben sind, wenn es ihr gelingt, diese Eigenschaften mit dem Geiste und der Bildung der neuen Zeit zu durchdringen und sie so zu einem inten­siveren Mitschaffen an unserer großen Kulturarbeit zu ver­werthen, wenn sie so Mann und Weib in Interessen, Empfin­dungen und Werken einander annähert und ein neues ver­tieftes Verhältniß zwischen ihnen anbahnt, dann wird daS neue deutsche Frauenideal vielleicht das reichste und höchste sein, das die Geschichte noch kennt, und wieder wird das Wort des von der Vogelweide Geltung haben:Deutsche Zucht geht über Alles".