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Nr. 167 Bezirks Fernsprechanschluß Nr. 98.
Samstag den 20. Juli
Bezirks-Fernsprechanschlnß Nr. 98. 1901
politische Rundschau,
Die Heimkehr enden Helden der Pekinger Jliade. Der englische General Gaselee hat Peking verlassen, um demnächst die Heimreise anzutreten. General Chaffee, der Oberkommandant der amerikanischen Struppen in China, welcher gleich dem Grafen Waldersee auf der Rückreise begriffen ist, präsidirte, wie aus Manila berichtet wird, in dieser Stadt dem ersten Jahresbankett der amerikanischen Offiziere auf den Philippinen und warf dabei einen Rückblick auf (die chinesische Expedition. Den Oberkommandanten der verschiedenen Nationalitäten, vor-.n dem Grafen Waldersee, zollte er dabei hohes Lob. öon den Truppenkörpern selber hob er besonders die Deutschen hervor, deren musterhafte Disziplin und soldatischen Stolz er rübmte. Ein Wort der Klage aber, fügte er lächelnd hinzu, müsse er bezüglich der nachlässigen Kleidung der amerikanischen Truppen sprechen. „Ich beschwöre Sie, meine Herren Offiziere (rief der General), bestellen Sie doch Ihre Uniformen nur bei den besten Schneidern, damit sich die Mannschaft an Jbnen ein Beispiel nehmen kann!"
Erhebungen über den Anbau. Der „Neichsan- zeiger" veröffentlicht eine vom kaiserlichen statistischen Amte zu- sammengkstellte Uebersicht über die Ergebnisse der Erhebung im Anbau im Jahre 1900 im deutschen Reiche. Danach waren von insgesammt 54,064,733,6 Hektar (gegen 1893 mehr 16,129,1) landwirthschaftlich benutzte Fläche 35,055,434,5 Hektar (gegen 1893 weniger 108,862,3), unter letzterer Ackerland 25,774,904,4 (mehr 4311,1), Gartenland 482,792,1 (mehr 10,171,8), Wiesen 5,956,117,5 (mehr 40,348,4), reiche Weiden 795,136,5 (mehr 46,428,3), geringere Weiden und Hütungen 1,911,574 (weniger 212,754,4), Weinberge und Weingärten 135,210 (mehr 2632,5), außerdem Forsten und Holzungen 13,995,513,4 (mehr 38,686,1), Haus- und Hof- räume 521,775,6 (mehr 37,448,7), Oed- und Unland 2,102,522,1 (mehr 41,965,9), Wegeland, Friedhöfe, öffentliche Parkanlagen, Gewässer u. s. w. 2,389,208 (mehr 6890,7) Hektar. Die Abnahme der landwirthschaftlich benutzten Fläche um etwa 109,000 Hektar dürfte theils auf Verwendung des früheren Areals von geringen Weiden und Hütungen zu Forst- land, Haus- und Hofräumen, theils auf der veränderten Zurechnung zu Oed- und Unland won Flächen, die früher zu geringen Weiden und Hütungen gezählt waren, beruhen.
Krisis im Riihrkohlerrgebiet. Privatmeldungen aus dem Ruhrkohlengebiet zufolge eröffnen sich den Bergleuten traurige Aussichten. Außer zahlreichen Feierschichten folgen nunmehr Lohnherabsetzungen sowie Arbeiterentlassungen. Auf der Zeche „Präsident" in Bochum wird durch Anschlag eine Lohnkürzung von 20 Pf. auf den Schichtlohn ab 1. August bekannt gemacht. Ferner 97 Arbeitern gekündigt, während 180
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Nemes Feuilleton.
H. Erlebnisse eines hessischen Arztes im iü^ afrikanischen Kriege. Dr. med. Kranz, bisher Arzt in Dewetsdorp in Südafrika, weilt, nachdem er durch den Krieg Vermögen, Praxis und Gesundheit verloren, jetzt schwer krank in Bad Nauheim, von wo er kürzlich nach Heidelberg reiste, um die ihm liebe Stadt und alte Freunde wiederzusehen. Im Stuhl heraufgetragen in den Garten des Wingolfhauses, wurde er oben mit dem Burenmarsch empfangen, die Thränen liefen dem armen Manne in den Bart. Von seinen Erlebnissen in Transvaal, die er nun erzählte, sei hier folgendes wiedergegeben. Als er krankheitshalber Südafrika ver- laffen mußte, gestatteten ihm die Engländer die Abreise nicht eher, als bis sie ihm sämmtliche Tagebücher und Notizen über Len Krieg abgenommen und verbrannt hatten, damit möglichst wenig Wahrheit in die Welt hinausdringen möchte über diese Schande in Südafrika. Doch hatte sich seinem Gedächtniß genug Schreckliches eingeprâgt. Im vorigen Herbst, als ihm gerade sein zweites Töchterchen geboren werden sollte, haben ihm die englischen Räuber sein Haus über dem Kopf angesteckt und das Kindchen mußte in der Scheune das Licht der Welt und den Feuerschein seines Elternhauses gleichzeitig erblicken. Einige Tage darauf ist Dewet mit ein paar Leuten durch den Ort geritten. Dr. K. hat ihn schnell zum Pathen gebeten und nun heißt das Mädelchen Christiane. — Die hier berichteten Dinge dienen auch zur Illustration der frechen Behauptung der englischen Machthaber: noch nie sei ein Krieg so human geführt, wie der in Südafrika. Aber freilich — von Seiten der Buren wird er mit größester Humanität geführt. Zu vorstehender Mittheilung des „Reichsboten" bemerken wir, daß Herr Dr. med. Kranz ein Sohn des früher iu Marburg a. d. L. praktizirenden Arztes Dr. Kranz ist. Vater und Sohn waren in Südafrika.
freiwillig gehen. Desgleichen sind auf den Zechen des Sieeler Reviers Lohnherabsetzungen angekündigt; in einzelnen Werkstätten des Bochumer Vereins wurden Arbeiterentlassungen vorgenommen. Als auf der Grube „Oranien-Nasfau" bei Heerlen einer Anzahl von Arbeitern gekündigt worden war, zog ein großer Trupp anderer Arbeiter mit zwei Fahnen zur Grube und verlangte den rückständigen Lohn nebst Arbeitsschein. Beides wurde bewilligt.
24» deutscher Fleischer-Verbandstag. Der Verbandstag hatte vorgestern noch Huldigungstelegramms an den Kaiser und den Großherzog von Mecklenburg abgesandt. Von Letztereur ist ein Dank für die Begrüßung eingelaufen. Der Vorsitzende Eitel-Düsseldorf brachte nach Verlesung des Telegramms ein Hoch auf den Großherzog aus. In seiner gestrigen zweiten und letzten Sitzung beschäftigte sich der Verbandstag mit den Vorschlägen der gewählten Kommission, welche Obermeister Jean Falk-Mainz vortrug. Die Kommission macht eine Reihe Vorschläge, welche den Vorstand in die Lage setzen sollen, bei auftauchenden wirthschaftlichen Fragen eine energischere Thätigkeit zu entfalten. Dem Vorstande wird ein Dispositionsfonds von 10000 Mark dafür zur Verfügung gestellt, ebenso werden die Reprüsentationsgelder des Vorsitzenden von 2000 auf 3000 Mk. erhöht und 1500 Mk. für Bureau- auslagen bewilligt. Alsdann wurde ein Antrag des Bezirksvereins Bayern angenommen, an maßgebender Stelle die Ergänzung der Gewährsfehler (Hauptmängel) zu beantragen. Außerdem soll der Vorstand an maßgebender Stelle vorstellig werden, daß die nach Verordnung vom 27. März 1899 geltende Gewährsfrist von drei Tagen auf Rothlauf bei Zuchtschweinen auch auf Schlachtschweine ausgedehnt werde. Zur Verhandlung gelangte sodann folgender Antrag der Innungen von Berlin, Hessen-Nassau und Bayern: „Stellungnahme gegen die Bestrebungen der Landwirthschaft, den Viehhandel nach Lebendgewicht durch gesetzliche Bestimmungen zwangsweise einzuführen, sowie den Viehhandel auf den Schlachthöfen durch unhaltbare Verordnungen zu erschweren". Nach längerer Debatte wurde der Antrag, gegen den Handel nach Lebendgewicht zu protestiren, einstimmig angenommen. — Der nächste Berathungsgegenstand betrifft folgenden Antrag der Innungen Berlin, Hannover und Oldenburg: „Durch den Deutschen Fleischeroerband ist eine Bewegung in ganz Deutschland cinzuleiten, um die Wiedereröffnung der Grenzen behufs Einführung von Schlachtvieh nach allen Schlachthöfen mit direkter Bahnverbindung durchzusttzen." Auch dieser Antrag wird einstimmig angenommen. Zur Frage der Handelsverträge und gegenüber der beantragten Erhöhung der Zölle auf Schlachtvieh wurde ein von Würtz-München begründeter längerer Antrag angenommen, welcher cs für die Pflicht des Vorstandes erklärte, bei dem Abschluß von Handels-
— Erfreulich! Für die Frauen und Kinder der Buren, die in den „Flüchtlingslagern" von den Herren Engländern nur „geschützt" werden, in Wirklichkeit aber als Gefangene schwer zu leiden haben, sind wiederholte Sammlungen durch deutsche Zeitungen veranstaltet worden. Es freut uns, berichten zu können, daß zu diesem löblichen Zwecke allein bei dem „Reichsboten" bis heute eingegangen sind 34 541 Mark. Da die Engländer wiederholt Gaben für die Hilfsbedürftigen, aller Habe beraubten Frauen und Kinder zurückgewiesen, werden die dnrch die obige Zeitung gesammelten Beträge durch die Berliner Missionare ganz sicher an Ort und Stelle befördert.
Behufs Messungen der Meereswärme tritt gegenwärtig im Auftrage der Regierung der Assistent am Königlichen geodätischen Institut zu Potsdam, Dr. Hecker, eine größere Reise über den Ozean an. Dr. Hecker wird _ sich in Hamburg auf einem Dampfer der Hamburg-Amerikanischen Packetfahrt-Aktiengesellschaft einschiffen und sich nach Lissabon und dann nach Rio de Janeiro begeben. Auf dem Schiff wird dem Gelehrten, der erst vor einiger Zeit durch seine wissenschaftlichen Untersuchungen bei militärischen Sprengübungen sich hervorgethan hat, ein besonderer, umfangreicher Raum zur Aufstellung seiner zahlreichen und äußerst subtilen Instrumente zur Verfügung stehen. Eines dieser Instrumente wurde kurz vor der Abreise des Gelehrten durch die Unachtsamkeit des Ueberbringers derartig beschädigt, daß es durch ein neues ergänzt werden mußte, wodurch die Abreise Dr. Heckers eine unliebsame Verzögerung erlitt, da das beschädigte Instrument zu den unentbehrlichsten seiner Ausrüstung gehörte.
Steigt das Adriatische Meer oder sinkt die Adriatische Küste? Auf diese Frage bezieht sich der Inhalt einer Broschüre, die Dr. v. Bizzarro veröffentlicht hat. Der Verfasser geht von einer Reihe von Thatsachen aus, die beweisen, daß seit mehr als einem Jahrtausend der Spiegel des Adriatischen Meeres im Vergleiche zur Küste sich wesentlich gehoben hat. So befindet sich der steinerne Steg, der einst längs der Hinterseite des Dogenpalastes in Venedig den
vertrügen für lange laufende Handelsverträge möglichste Vermeidung von Zollerhöhungen und für Beibehaltung des bisherigen Stückzolles zu wirken. Eine Zollerhöhung auf Vieh würde mit Naturnothwendigkeit eine Erhöhung der Fleischpreise im Gefolge haben. Deshalb seien die Fleischer verpflichtet, das fleischkonsumirende Publikum zur Unterstützung in dem, Kampfe gegen eine Viehzollerhöhung anzurufen. Weiter wurde ein Antrag der Innung Solingen angenommen: „Der Verbandstag möge die nöthigen Schritte beim Bundesrath unternehmen, um zu erreichen, daß bei der Erneuerung der Handelsverträge der Zoll auf ausländische Speisefette derart festgesetzt werde, daß der Werth derselben dem Preise der inländischen Waare gleichkommt." In der Nachmittagssitzung wurden noch folgende Beschlüsse gefaßt: 1. Bekämpfung des Unfugs der Ausschlachtung des Viehes seitens der Züchter, 2. dahin zu wirken, daß auch das „deutsche Büchsenfleisch" einer Untersuchung unterworfen werde, 3. an zuständiger Stelle dahin zu wirken, daß bei den zu erwartenden Ausführungsbestimmungen zum Fleischschaugesetz einheitliche Bekanntmachungen über die Ergebnisse der Fleischschau festgesetzt werden." In einer Resolution sprach sich der deutsche Fleischertag für die Abschaffung der in verschiedenen Landestheilen geltenden kommunalen Verbrauchsabgabe auf Fleisch (Fleischsteuer) aus. Der nächstjährige Verbandstag soll in Mainz stattfinden.
Bayerischer Eisenbahnrath. In der gestrigen Sitzung des bayerischen Eisenbahnrathes wurde ein Antrag angenommen, die Generaldirektion zu ersuchen, die Frage der Tarifgemeinschaft mit den anderen süddeutschen Eisenbahn- verwaltungen in Erwägung zu ziehen und die Frage der Einführung einer Personentarif-Reform möglichst bald zur Lösung zu bringen. Dagegen lehnte der Eisenbahnrath den Antrag auf Einführung einer 50prozentigen Fahrpreisermäßigung für Gesellschaftsreisen von 30 und mehr Personen mit großer Mehrheit ab.
Englisches Unterhaus. Das Haus berieth gestern über die Kredite für den diplomatischen und Konsulatsdienst. Gibson Bowles beklagte, daß die britischen Botschafter nicht genügenden Einfluß ausüben. Sofort nach dem Ausbruch des Burenkrieges habe Rußland 6000 Mann Truppen 45 Meilen weit von Herat gesandt. Persien sei jetzt Rußland ausgeliefert. Deutschland baue eine Bahn nach Bagdad. Die britischen Botschafter in Frankreich und Spanien seien nicht im Stande gewesen, England die volle Freundschaft der beiden Länder zu wahren. Cranborne erwidert, daß trotz des Burenkrieges England in allen Welttheilen dieselbe leitende Stellung wie früher eingenommen habe, ebenso auch bei den Verhandlungen mit China. Es sei keine Prahlerei, aber Thatsache, daß in den britischen Perioden die Vorschläge Englands von Europa) angenommen wurden. Dies müsse das Haus überzeugen, daß
Gondelführern den Zugang zu ihren Barken gestattete, gegenwärtig unter Wasser; einige Inseln in der venezianischen 2a* gune sind ganz verschwunden, ebenso ein Theil von Grado; die unter Maria Theresia erbauten Kanäle zur Trockenlegung der Sümpfe von Aquileja liegen heute zu tief, um ihren Zweck zu erfüllen; bei Hochfluth stehen die Hauptplätze in Venedig und Triest regelmäßig unter Wasser; der alte Mosaikboden im Dome von Ravenna liegt unter der Fluthlinie; an dem alten, im Jahre 1845 beseitigten Molo in Pola sah man die Bronzeringe zum Anbinden der Schiffe unter dem Wasserspiegel. Aehnliche Zeichen des alten Meeresniveaus findet man auch rings auf . der Adriatischen Küste an vielen Orten. Eustachis Manfredi berechnet die Hebung des Wasserspiegels im Verhältniß _ zur Küste mit 10 Zentimetern im Jahrhundert, und Professor Angelo Zendrini hat festgestellt, daß die erwähnte Veränderung in der Zeit von 1732 bis 1796 beiläufig 2 Zoll betrug. Steigt das Meer oder fällt die Küste? Alexander von, Humboldt und in neuerer Zeit Anton Morlot in Lausanne nehmen an, daß die Küste an der Adria sinke. ^Gegen dieses „gedankenlose Axiom" zieht Bizzarro scharf ins Feld. Er ist der Ansicht, daß das Meer steigt. Das Hauptargument des Verfassers ist folgendes: Rings an der Adriatischen Küste stehen antike Gebäude, deren Seehöhe bei ihrer Errichtung augenscheinlich eine andere war als heute, aber kein einziges hat seine horizontale Lage verloren. Also kann die Küste nicht gesunken sein. Mag nun aber das Wasser schwellen oder die Erde schwinden, die Wirkung auf die Küstenstädte ist die gleiche:> Venedig versinkt allmählich im Schlamm seiner Lagune, und ' auch Triest wird, wie der Autor bemerkt, schon in seiner Unter-' stabt, wo die Kanalisirung Schwierigkeiten bereitet, vom Meere - bedrängt.
Uebermuth und Sklavenstun, Die sind in einer Schachtel drin.
F. Th. Vischer.