Erstes Blatt.
General-Anzeiger
Verantwort!. Redakteur: G. Schrecker in Hanau,
Bezugspreis: vierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für auswärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag. Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei des verein. ev.
Waisenhauses in Hanau. . ,
Einrückungsgebühr:
Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf- ■ gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Neklamentheil die Zeile 25 Pfg., • für Auswärts 35 Pfg.
erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Nr. 266 Bezirks -Fernsprechanschluß Nr. 98.
— „ II.in mmnni
Mittwoch den 13. November
Bezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98. 1901
Gksinidcnc und verlorene Gegenstände re.
Gefunden: 1 Sack mit Band rc. mit der Bezeichnung S. K. Hochschild, Frankfurt a. M. 4 bunte Shlawer, davon 3 mit dem Namen Friedrich und 1 bunter Kindershawl. 1 Brillenglas. 1 weißes Taschentuch mit dem Buchstaben C. 1 schwarzer seidener Damengürtel mit zwei weißen Schnallen. 1 Mitglieds- und Quittungsbuch der nationalen Krankenkasse der Gold- und Silberarbeiter für Karl Ries.
Verloren: 1 Atlasbeutel, enthaltend ein Portemonnaie mit 20 Mk. auf dem Wege Franz. Allee nach dem Ostbahnhof. 1 Offiziersdegen.
Zugelaufen: 1 schwarzer schottischer Schäferhund mit weißer Halskrause, m. Geschl.
Hanau den 13. November 1901.
Hue Stadt und £and.
Hanau, 13. November.
W. Kirchliches. Nächsten Sonntag, 17. November, wird nach dem Vormittagsgottesdienst in der Johanniskirche eine Sitzung des großen Presbyteriums abgehalten, in welcher die Neuwahl von a ch t gesetzmäßig ausscheidenden Gemeinde- velordneten stattfinden soll, deren Wiederwahl jedoch zulässig ist. In derselben Sitzung sind auch zwei Kirchenälteste für die vakanten Stellen zu wählen.
W. Cinführunst. Herr Pfarrer Bär, welcher seither in Hüttengesäß als Seelsorger wirkte und, wie bereits erwähnt, zum 3. Pfarrer an hiesiger Johanniskirche bestellt wurde, wirb demnächst (am 2. Adventsonntag) feierlich in sein neues Amt eingeführt.
* Eine Zählung der Reisenden in den Eisenbahnzügen findet am 16., 17. und 18. November, am 11., 12. und 13. Dezember d. Js. und am 12., 13. und 14. Febr. n. Js. statt.
* Rennen aus dem Exerzierplätze. Das Offizierkorps des Thür. Ulanen-Negiments Nr. 6 veranstaltet morgen Donnerstag, nachmittags 3 Uhr beginnend, auf dem Exerzierplätze ein Rennen, einqeiheilt in Chargenpferd-Rennen, Jagd- Rennen I und II. Für jedes Rennen sind 3 Ehrenpreise ausgesetzt. Das Chargenpferd-Rennen ist offen für derzeitige Chargenpferde des Ulanen-Regiments, das Jagd-Rennen I für Pferde im Besitz und geritten von Offizieren der Garnison Hanau, das Jagd-Rennen II wie vorstehend.
* Verletzt. Ein Metzger von hier glitt beim Ausschneiden einer Kalbszunge mit dem Messer ab, stach sich durch den Stiefel und verletzte sich ziemlich bedeutend am linken Fuß, zwischen den Zehen, so daß er sich in ärztliche Behandlung begeben mußte.
* Kohlensäure-Werk. Der Mitteldeutsche Gastwirtheverband plant in Verbindung mit dem Hannov. Wirthe- verbande die Gründung eines eigenen Kohlensäurewerkes auf genossenschaftlicher Grundlage. Das Zustandekommen ist bereits gesichert, da in einer allgemeinen Wirtheversammlung in Hannover, welcher auch vom Casseler Vereine mehrere Vorstandsmitglieder beiwohnten, die größte Hälfte der erforderlichen Sumnie gezeichnet worden ist. Das geplante Unternehmen soll bei Hannover errichtet werden und sind dessen Kosten auf ca. 250 000 M. veranschlagt. Es bietet sich hier Gelegenheit für alle Wirthe und sonstigen Interessenten, sich ihren Bedarf an Kohlensäure dauernd billig zu beschaffen und damit den stetig steigenden Preisen, welche vom Kohlensäure- ring festgesetzt werden, Einhalt zu thun.
* Wegen Lotterievergehens ist am 10. Juni vom Landgerichte Hanau der Lotteriekollekteur Max Bruch in Neustrelitz zu 100 Mark Geldstrafe verurtheilt worden. Seine Revision wurde vom Reichsgericht als unbegründet verworfen.
Sprechsaal.
Für die unter dieser Rubrik eingesandten Notizen übernimmt die Redaktion dem Publikum gegenüber keinerlei Verantwortung.
Eine große Zierde und Annehmlichkeit unserer Stadt sind die nach allen Seiten hinlaufenden, meist mit schönen Bäumen versehenen Alleen, die dem Spaziergänger im Sommer den erwünschten Schatten spenden und auch im Winter häufig einen hübschen Anblick gewähren. Es ist nur zu bedauern, daß in denselben z. B. in der Frankfurter- und der Bruchköblerlandstraße (warum nannte man diese nicht einfacher Bruchköblerstraße?) häufig ein, ja zwei oder drei Bäume fehlen, für deren Ersatz rechtzeitig Sorge getragen werden müßte, da es lange dauert, ehe ein Baum zu ansehnlicher Größe gelangt. Zwei historisch merkwürdige Alleen aber die „Kasianien- Allee" (frühere Frankfurt-Leipziger Heerstraße an der krummen Kinzig) und die von dieser abzweigende, gleichfalls mit Kastanienbäumen besetzt gewesenen und zum Theil noch besetzte „Bürgermeister-Allee", welche letztere durch die Fasanerie nach Wilhelmsbad führte und auf welcher Napoleon I. am 31. Oktober 1813 an Hanau während der Schlacht vorbeiritt, erscheinen geradezu vernachlässigt; nur wenige schöne Kasianienbäume stehen dort noch, und wo nachgepflanzt wurde, geschah es mit kümmerlich aussehenden Stämmen der verschiedensten Arten; die Alleen bieten einen traurigen Anblick. Möchten doch die zuständigen Behörden mit Rücksicht auf die historische Bedeutung der Alleen und um auch dem Nordende einen schönen, schattigen Spaziergang um die Slavt zu bieten, der Verbesserung und Wiederherstellung der ersteren als Kaftanien-Alleen ihre Aufmerksamkeit zuwenden!
Telegraphischer Wetterbericht der deutschen Seewarte.
Telegramm aus Hamburg vom 13. November,
9 Uhr 35 Min.
Höchster. Luftdruck über 760 mm lagert über Südeuropa, eine Depression unter 760 mm über England und der südlichen Nordsee. In Deutschland ist das Wetter im Süden theilwesie heiter und kalt, im Nordosten herrscht Frost, sonst ist es meist mild und regnerisch.
Prognose für den 14. November: Vorwiegend mildes Wetter mit Niederschlägen wahrscheinlich.
mittags 12 Uhr
Sehr trocken Beständig
Schön Veränderlich
Regen (Wind)
Viel Regen
Sturm
Barometerstand
am 12./11.
13./11.
770'
760'
750
740'
730.
720
710.
,770
760
750
740
730
,720
.710
Aanauer Uereiusnachrichterr für Mittwoch den 13 Nov ember. Stadttheater in Hanau- „Jugendfreunde", Lustspiel in 4 Aufzügen von Ludwig Fulda; Anfang 7 Uhr.
Kirchenchor der Marienkirche: Abends 8 Uhr: Probe in der höheren Mädchenschule.
Evang. Männer- und Jünglingsverein: Posaunenblasen (Evang. Vereinshaus).
Kaufmännischer Verein Hanau: Vereinsabend im Restaurant Mohr.
Gesellschaft „Treu beim Alten": Zusammenkunft in der »Brauerei
Orschler".
Gesangverein .Tonblüthe": Singstunde im Vereinslokale.
Hanauer Kriegerveretn: Monatsversammlung im „Löwengärtchen".
Turn- u. Fechtklub: Fechten und Turnen der Männerabtheilung.
Arends'scher Stenographenverein „Avollobund" (Gasthaus „z. Grafen Philipp Ludwig"): Vereinsabend.
Thaler-Klub: Zusammenkunft in den ,3 Hasen".
Verein der Bayern : Vereinsabend im Gasthaus „zu den o Schwanen".
Hanauer Schützenverein : Vereinsabend im „Restaurant Mohr." Handwerker^VerirkSverein - Zusammenkunft in der „Allemania".
Feuilleton
I. Abonncmcnts-Konzcrt des Oratorien- Vereius.
— Hanau, 13. Novbr.
Als Joseph Haydn schon im hohen Alter das große Chorwerk mit Orchester „Die Schöpfung" (1798) — und später die „Jahreszeiten" (1801) — der Oeffentlichkeit übergab, erregte es mit Recht großes Aufsehen. Ein Sturm der Begeisterung ging damals durch die Lande und Haydns Popularität stieg immer höher. War es doch jener kindlich-heitere Zug, der aus seinem Herzen grüßte und ihm die Herzen höher schlagen ließ. Namentlich war es die überreiche Fülle in Naturmalerei, die besonders der Text erforderte, wozu Haydn die Mittel hatte wie kein anderer. Die Poesie in Feld und Flur, den herrlichen Zauber der Naturereignisse betrachtete er als seine eigenste Mfision, dem er sich in seinem Werke „Die Schöpfung" ganz und gar hingeben konnte.
Ist nun heute, nach mehr als 100 Jahren seit der Erstaufführung, das Interesse für dieses Kunstwerk erlahmt? Mit einem entschiedenen „Nein" müssen wir diese Frage beantworten. Noch heute steht es im Mittelpunkt der konzertlichen Darbietungen unserer größeren gemischten Chöre, noch heute ist es die herzinnige Naivetät, seine Volksthümlichkeit, die durch prächtige Arien und Rezitative, durch groß angelegte an Händel gemahnende tzhorsâtze, durch eine großartige In- strumentirungskunst zum Ausdruck kommt. Diese Empfindung hatten wir wiederum bei der Aufführung von Haydn's „Schöpfung^ ! eilens des hiesigen Oratorienvereins in seinem im „Deutschen Haufc gestern stattgefundenen 1. Abonnements-
Auf den musikalischen Inhalt dieses Kunstwerkes brauchen wir nicht naher emzugehen, da es für Hanau ja keine
Novität ist, für Interessenten jedoch verweisen wir auf die orientirende Besprechung in unserem Blatte vom 5. ds. Monats.
Wir beschränken uns daher auch nur auf die Wiedergabe seitens des Oratorienvereins. Zunächst ist hervorzuheben, daß seit dem letzten Konzert ein Dirigentenwechsel bei dem konzertgebenden Verein stattgefunden hat. Nach dem Rücktritt des um den Verein hochverdienten Leiters, Herrn Dr. F. Limbert, der bekanntlich mit großer Sachkenntniß und hingebender Pflichttreue jahrelang das Dirigentenamt im Oratorienoerein ausübte, ist Herr Lorenzo M a t o s s i aus Frankfurt a. M. mit diesem Posten betraut worden. Nach der gelungenen Aufführung der „Schöpfung" im gestrigen Konzert zu urtheilen, scheint der Oratorienverein in Herrn L. Malossi den Mann gefunden zu haben, der die Leistungen, falls für die Folge Dirigent und Chor zu gemeinsamem Wirken verbunden bleiben, auf der Höhe zu erhalten weiß eventuell den Verein zu schönen, bedeutsamen Zielen führen wird.
Die Aufführung rechtfertigte bei objektiver Beurtheilung das Gefühl der Sicherheit, wohl ein Beweis der mit Sachkenntniß geführten Einstudierung und der Arbeitsfreude und Hingabe der Mitglieder.
Von einigen kleineren kaum bemerkbaren Unebenheiten abgesehen, waren die Chorleistungen gute und der Gesammt- eindruck höchst beachtenswerth. Namentlich zeichneten sich die Chöre aus durch Prägnanz, rhythmische Sicherheit und Schwungkraft. Nach dieser Seite sind insbesondere die wirkungsvollen Chöre: „Die Himmel erzählen die Ehre Gottes'" und der Schlußchor: „Singt dem Herrn alle Stimmen" hervorzuheben.
Als Solisten hatte sich der Oratorienverein gesichert Fraul. Johanna Dietz aus Frankfurt a. M., die Herren Nicola D o e r t e r (Mainz) und Franz W a ß m u t h, hier. Sie gaben dem Werke die würdige Fassung. Wir begegneten zunächst Fräul. J. D i e tz, die die Parthien des „Gabriel" und der Eva" sang, mit lebhaften Sympathien. Die Rezitative
und Arien zeugten von tiefem Erfassen ihrer nicht leichten Aufgabe. Mit Interesse folgten wir ihrem dramatisch belebten Vortrage, als dessen besondere Vorzüge die Ruhe und Sicherheit der Tongebung, die leichtflüssige Phrasenverbindung und deutliche Textaussprache hervorzuheben sind. Ihre Leistungen erreichten den Höhepunkt wohl in der Arie: „Aus starken Fittigen". Die kleinen Gesangverzierungen (Fiorituren) und ebenso die weiter sich auâdehnenden kolorirten Stellen brachte sie mit Deutlichkeit und viel Geschmack zu Gehör.
Die Tenorparthie (Uriel) sang Herr Nicola D o e r t e r. Die Leistungen dieses Sängers sind uns von früher her noch vortheilhaft bekannt. Auch diesmal trugen sie den Stempel echter Künstlerschaft und erweckten naturgemäß freudigste Anerkennung. In der äußerst ansprechenden Arie: „Mit Würd' und Hoheit angethan" konnte der Sänger seine gesanglichen Vorzüge so recht zur Entfaltung bringen. Herr Franz Waßmut h bethätigte als „Adam" und „Raphael" wiederum seine gesangliche Meisterschaft. Die männliche Kraft seines sonoren Stimmorgans erwies sich dem Charakter seiner Parthien völlig angepaßt, denen er zu eindrücklichster Wirkung verhalf. Die Arie des Raphael: „Nun scheint in vollem Glanze der Himmel" fand unsern ungetheilten Beifall.
Auch die Duette und Terzette gelangen aufs Vortrefflichste. Lobende Anerkennung verdient noch das Duett: „Holde Gattin! Dir zu Seite", in dem Fräul. Johanna Dietz und Herr W a ß m u t h sich zu tiefempfundener Wiedergabe vereinigten. Die farbenreiche Orchesterbegleitung, die von der hiesigen Jn- fanteriekapelle und hiesigen Künstlern und Kunstfreunden ausgeführt wurde, verdient volles Lob.
So wurden den Hörern in dem Konzert des Oratorienvereins einige Stunden stillen, reinen Genießens bereitet, so daß sie mit wahrer Befriedigung den Konzertsaal verlassen konnten. Bemerkenswerth ist vielleicht noch für die Mitglieder des Vereins, daß die letzte Aufführung der „Schöpfung" am 13. November 1894 unter Herrn Winkelmanns Leitung unter Mitwirkung namhafter Solisten in der Centralhalle stattfand.