5
Erstes Blatt
Hanauer
Merger
Bezugspreis:
Zierteljährlich 1,80 Mk., monatlich 60 Pfg., für auswärtige Abonnenten mit dem betreffenden Postaufschlag.
Die einzelne Nummer kostet 10 Pfg.
General-Anzeiger
Gedruckt und verlegt in der Buchdruckerei des verein. ev. Waisenhauses in Hanau.
AMichtS Organ für Stadt- und Landkreis Kanan
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Einrückungsgebnhr:
Für Stadt- und Landkreis Hanau 10 Pfg. die fünf» gespaltene Petitzeile oder deren Raum, für Auswärts 15 Pfg., im Reklamentheil die Zeile 25 Pfg., für Auswärts 35 Pfg.
Verantwort!. Redakteur: G. Schrecker in Hanau.
lr. 287.
Bezirks-Fcrnsprechanschluß Nr. 98.
Montag den 9. Dezember.
Amtliches
Candhreis hanau.
Bekanntmachungen des Königl. Landrathsamtcs.
Nach Mittheilung des Kgl. Polizei-Präsidiums in , Frankfurt a./M. ist in Kriftel eine der Geflügelcholera ähnliche, leicht übertragbare Darmsettche ausgebrochen. Außerdem wurde in dem Gehöft des Gartenbau-Direktors Siesmayer in Bockenheim die Geflügelcholera festgestellt und Gehöftssperre angeordnet.
Hanau den 7. Dezember 1901.
Der Königliche Landrath.
V 13135 v. Schenck.
Gefundene nnd verlorene Gegenstände re.
Gefunden: 1 schwarze Federboa. 1 schwarzes längliches Portemonnaie mit 6 Mk. Inhalt. 1 dunkelgrünes Knabenrädchen. 1 schwarzer Damen-Filzhut. 1 schwarzes Portemonnaie mit 84 Pfg. Inhalt.
Verloren: 1 gelbe wollene Pferdedecke mit blauen Streifen. 1 weißes Batist-Taschentuch mit dem Namen Julia.
Vom Wafenmeister am 7. d. Mts. eingefangen: 1 weißer Bernhardinerhund mit rothen Abzeichen und 1 rother Bastard mit schwarzer Maske, beide m. Geschl.
Hanau den 9. Dezember 1901.
Hue J^ab und fern.
Hanau, 9. Dezbr.
* Amtseinführung. In dem gestrigen Vormittagsgottesdienste der Johanniskirche fand die feierliche Einführung des zum 3. Pfarrer an der Johanniskirchengemeinde ernannten Seelsorgers Herrn Bär statt. Die Eingangsandacht hielt Herr Pfarrer Lamm, worauf Herr Superintendent Sopp unter Assistenz der Herren Pfarrer Lamm und Lambert die Einführung des neuen Pfarrers unter Anlehnung an Worte der hl. Schrift und Hinweis auf die hehren Pflichten des Seelsorgeramtes vornahm. In der darauf folgenden Antrittspredigt hatten die Gemeindeglieder Gelegenheit, ihren neuen Pfarrer, der Vielen schon bisher kein Unbekannter gewesen sein dürfte, als begabten, trefflichen Kanzelrcdner kennen und schätzen zu lernen. Die erhebende Feier wurde verschönt durch einige wirkungsvolle Vorträge des Kirchenchors unter der bewährten Leitung des Herrn Lehrer Breidenbach.
* Missionsstunde. Heute Abend findet Missionsstunde in der Kapelle statt.
* Oberstaatsanwalt. Der Erste Staatsanwalt Geh. Justizrath Viebig in Köln wurde zum Ober-Staatsanwalt in Cassel ernannt.
F. Verlobung. Der ehemalige Erbprinz Leopold zu Isenburg-Birstein hat sich mit der einzigen Tochter des verstorbenen, durch sein Interesse für den Pferdesport in weiteren Kreisen bekannten Prinzen Hermann von Sachsen- Weimar-Eisenach, Prinzessin Olga, in Heidelberg verlobt. Prinz Leopold leistete nach dem Tode seines Vaters, des Fürsten Karl, Verzicht auf die Succession in die fürstlichen Stamm- güter, worauf der Zweitälteste Sohn des Fürsten Karl, der jetzige Fürst Franz Joseph succedirte.
* Ausscheiden der domänensiskalischen Gebäude aus der hessischen Vrandversicherungs- anstalt. Der Herr Landwirthschaftsminister hat im Frühjahr d. I. den Anschluß sämmtlicher domänenfiskalischer Gebäude an den in den altpreußischen Provinzen bestehenden Domänen-Feuerschäden-Fonds verfügt und die Regierung hat demgemäß ihr Verhältniß zu der hessischen Brandversicherungsanstalt zum 1. Januar n. I. gekündigt. Gegen diese Maßnahmen richtete sich eine Eingabe, welche zu der kürzlichen Sitzung des Vorstandes der hessischen Landwirthschaftskammer im Entwürfe vorgelegt und gebilligt wurde. In der Eingabe wirb ausgeführt, daß die getroffenen Maßnahmen die zu Recht bestehenden Privilegien der Brandversicherungsanstalt verletzten und landwirthschaftliche Interessen verschiedener Art erheblich schädigen würde, weshalb Zurücknahme der einschlägigen Verfügung dringend erbeten wird.
* Gitte Polizeiverordnung vom 13. November d. J. über den Verkchr mit Kraftfahrzeugen (Kraftwagen und Kraft- fahrräder) tritt für die Provinz Hessen-Nassau am 1. Januar 1902 in Kraft.
ip Statistisches. Im Monat November 1901 wurden in unserer Stadt lebend geboren 70 Kinder, 40 Knaben und 30 Mädchen. — Gestorben sind, mit Ausschluß von 2 Todtgeborenen, 46 Personen, 32 männlichen und 14 weiblichen Geschlechts, darunter 13 Ortsfremde. Für die Stadt selbst bleiben 33 und auf 1000 Einwohner und aufs Jahr- berechnet kommen 13,5 Todesfälle.
Bon den Gestorbenen
waren
•
7
Kinder
im
Alter
von
0—1
Jahr
9
ft
„
tf
tf
1-5
Jahren
2
tf
tf
tf
5—10
tf
2
Personen
if
tf
tf
10—20
tf
3
if
tf
tf
20—30
tf
5
tf
tf
tf
30—40
tf
1
Person
tf
tf
tf
40—50
tf
5
Personen
tf
tf
tf
50—60
tf
5
//
tf
tf
tf
60—70
tf
6
V
tf
tf
tf.
70—80
tf
1
Person
tf
tf
tf
80—90
tf
An Diphtheritis starben 4 Kinder,
2 von Auswärts und 2
aus der Stadt (eins aus der Langstraße und eins vom Wall-
weg), 2' an Kinderzehrung, je eins an Hirnhautentzündung, Herzlähmung, Krämpfen, Rhachitis, akuter Miliartuberkulose
und an Lungenschwindsucht und 5 an akuter Entzündung der Respirationsorgane. 3 Personen starben an Lungenentzündung, 2 an chronischer nicht tuberkulöser Erkrankung der Luftwege und 5 an Lungenschwindsucht. Die Todesursache war in 4 Fällen Schlaganfall, in 3 Aderverkalkung, in 2 Herzleiden und in je einem Fall Bauchfellentzündung, Zuckerruhr, Gelenkrheumatismus, Blinddarmentzündung, Beckentuberkulose und Nierenleiden. Nicht durch Krankheit bedingt war der Tod in 4 Fällen: ein kleines Kind starb an Lebensschwäche, ein Mann an Altersschwäche, ein Bahnarbeiter infolge von Verunglückung und ein 51 jähriger Mann beendete sein Leben durch Selbstmord. Dr. Zeh.
□ Stadttheater in Hanau. Die Gestalten aus Anzengrubers prächtigem Volksstück „Der Pfarrer von Kirchfeld" sind dem eifrigen Theaterbesucher längst liebe Bekannte, sie sind ihm vertraut geworden durch eine lange Reihe von Aufführungen, die das Stück hier gefunden hat. Aber die, welche uns diese Gestalten lebendig verkörpern und die belehrenden Worte dieses echten Volksdichters von der Bühne herab verkünden, sie "wechseln fast alle mit jeder neuen Darstellung des Werkes. Auch die gestrige Aufführung brachte mit einer einzigen Ausnahme nur neue Vertreter. Der Gast unserer Bühne, Herr Rodins, gab diesmal den Helden des Stückes in seinem schweren Herzenskampf zwischen Liebe und Pflicht. Herr i)iobtu§ gab den Pfarrer etwas gereifter und überlegener auch in seinem Empfindungsgehalt, als wir ihn seither z» sehen gewohnt waren. Seine Aussprache mit dem Grafen Finsterberg gewann dadurch mehr an bezwingender Ueberzeugung, andererseits aber vermißten wir hier nur ungern das jugendliche Feuer der Begeisterung, mit dem der Pfarrer- seine Wahrheiten diesem Wiversacher entgegenschleuderte. In den weiteren Szenen, besonders mit Anna und dem Wurzelsepp, hatte Herr Rodins unseren vollen Beifall durch sein einfaches warmes Spiel, das zu Herzen ging und dessen Wirkung sich besonders in der großen Szene mit Sepp im Zuschauerraum bemerkbar machte. Den Wurzelsepp, dessen seelisch zerrissenes Leben die Strenge der Kirche verursacht hatte, gab Herr Lindenlaub mit kräftiger Charakteristik, besonders die große Szene des dritten Aktes fand den Darsteller auf der Höhe seiner Aufgabe, wo er drirch echte Leidenschaft erschütternd wirkte. Frl. Haas als Anna Birkmeier war ganz das resolute Dirnd'l, wie es dec Dichter in so schöner Weise gezeichnet hat. Mit frischer Natürlichkeit gestaltete Herr Schwarz seinen Michel Berndorfer und Herr Monato als Schulmeister widerstand herzhaft der Verführung, mehr zu thun, als die charakteristische Gestaltung seiner Par- thie erforderte. Den wunschlos gewordenen alten Pfarrer aus der Einöde gab Herr Gehrmann recht gut, wie auch alle weiteren Rollen lobeus- werthe Vertretung fanden.
* Konzert. Wer es gestern Abend riskirte, sein schützendes Obdach zu verlassen, sich durch Sturmesnoth und Regenschauer hindurcharbeitete, wobei Hut und Schirm die größte Neigung zeigten, allein ihren Weg zu gehen, und sich glücklich bis zum „Deutschen Hause" durchgekämpft hatte, um dem Konzert der Ulanenkapelle beizuwohnen, der fand seine Mühe reichlich belohnt. Und das Waaniß hatten Viele unternommen, der Saal war dicht besetzt. Herr Musikdirigent Urbach gab mit der Ulanenkapelle ein prächtiges Streichkonzert, dessen einzelne Nummern von den Anwesenden lebhaft applaudirt, von der Kapelle durch manche Zugabe verstärkt wurden. Die seelenvollen Melodien, die von der Kapelle zu Gehör gebracht wurden, verscheuchten gar bald den Unmuts über das böse Wetter und garantirten einen angenehmen Abend. Möchten die gediegenen Leistungen unserer Militärkapellen immer so gewürdigt werden.
* Krause-Soir«e. Wir wollen nicht versäumen, nochmals auf die morgen (Dienstag) Abend im „Deutschen Haus" stattfindende Experimental-Vorstellung des Suggestors Herrn Albert Krause hinzuweisen, in welcher es sich um wirkliche physio-p ychologiiche Erscheinungen, um schwierige Probleme handelt, die Jedermann gesehen haben sollte. Wir machen ausdrücklich darauf aufmerksam, daß Herr Krause durch sein früheres Auftreten hier im besten Andenken steht und glauben, daß Mancher sich freuen wird, ihn wieder zu sehen. Er war längere Zeit im Auslande, wo er namentlich in Ainerika manch neues Experiment entdeckte. Wer daher die seltsamen, wahrscheinlich nie wiederkehrenden Erscheinungen der „reinen" Suggestion kennen lernen will, der darf diese Vorstellung nicht versäumen.
* Bariè^ zur „Stadt Bremen." Da das für die dieswöchentlichen Vorstellungen eugagirte und inj seiner Zusammensetzung sehr verschiedenartige Personal durchweg mit
Bezirks-Fernsprechanschluß Nr. 98. 1901
gutem Geschick arbeitet und Jeder in seinem speziellen Fache Vorzügliches leistet, so wirkte das Ganze recht unterhaltend und die Stimmung war in allen Vorstellungen bald eine äußerst animirte. Die Vertreterinnen der sorglos-heiteren Muse berührten in ihren Vorträgen diesmal besonders angenehmdurchgute Stimmmittel und hübsch angepaßte richtige Mimik. Besonders zeichnete sich hierbei Frl. Lotti C o m l i t t a durch eine unmuthige Frische in allen Bewegungen aus und machte sich bald zum erklärten Liebling aller Anwesenden. Stürmischen Beifall und viele Hervorrufe erwarb sich auch Herr C l o ß - mann als Gesangshumorist gleichermaßen durch die Originalität und HumorMe seiner Darbietungen wie die prächtige Vortragsweise. Außerdem scheint er, der Abwechselung seiner Vorträge in den verschiedenen Vorstellungen nach zu urtheilen, über ein recht umfangreiches und meist eigenes Repertoir zu verfügen. Miß Dora Marchetti tritt als Equilebristin auf und man muß ihr für ihre vorzüglichen Leistungen, die eine ebenso große Muskelkraft als körperliche Geschicklichkeit verriethen, volle Anerkennung zollen. Wenn wir zum Schluß noch den Liederiänger Herrn Olden erwähnen, der über ein durchaus volltönendes, aber auch weiches und schmiegsames Organ verfügt, so dürfte die Vorzüglichkeit des Programms genügend dargethan sein und sich ein Besuch der heutigen Vorstellung von selbst empfehlen.
* Singspielhalle „Brauerei Dörr". Lachende Gesichter, eifrig sich regende Hände und immer sich wiederholende laute Bravorufe, das ist die kurze, aber genaue Charakteristik des Verlaufs der vorgestrigen und gestrigen Vorstellungen, und wir müssen offen gestehen, ein so animirtes, beifallsfreudiges Publikum haben wir lange nicht gesehen. Es kommt aber auch ein Programm zur Durchführung, dessen unterhaltender und erheiternder Wirkung sich selbst der griesgrämigste Philister nicht entziehen könnte. Außer dem schon an sich hervorragend gediegenen unerläßlichen Bestandtheil eines Varietè- ensembles sind unter dem Personal einige wirklich als Acqui- sitionen zu bezeichnende Kräfte, wovon wir den Jongleur und Equilibristen Herrn Estreller an erster Stelle erwähnen möchten. Dessen Leistungen sind als auf diesem Gebiete geradezu sensationell zu bezeichnen und es war der ihm gespendete stürmische Beifall ein wohlverdienter. Auch Mr. Santes bot als Schlangenmensch Beachtenswerthes und durchaus nicht Alltägliches. Von den Soubretten verdient die meiste Anerkennung Frl. Wegner, deren originelle und äußerst humorvolle Darbietungen wahre Lachsalven hervorriefen und ihr wiederholten lauten Beifall auf offener Szene einbrachten. Doch auch die beiden anderen auf diesem Gebiete thätigen Damen entsprachen stimmlich wie mimisch allen Anforderungen und wurden lebhaft ausgezeichnet. Frl. Martha Rosen spieß besonders in der Rolle einer „lex Heinze"-Chansonnette. Wenn wir den Charakterkomiker Herrn Heß erst an letzter Stelle nennen, so soll sich diese Hintansetzung aber qualitativ nicht auf seine Darbietungen beziehen, die an Eigenartigkeit und Gediegenheit des Inhalts nichts zu wünschen übrig ließen und mitunter wahrhaft zwerchfellerschütternd wirkten. Wie gesagt, das Programm ist ein durchweg vorzügliches und veranlaßt uns, einen Besuch der heutigen Vorstellung aufs Wärmste zu. empfehlen.
FC. Kriegsgericht. Aus Frankfurt a. M. wird uns berichtet: Der Ulan N. von der 3. Eskadron des 6. Thür. Ulanenregiments in Hanau kam kürzlich in die Stube seines Sergeanten. Sein Blick siel auf einen Schlüsselbund, der am Spind des Vorgesetzten hing. N. konnte der Versuchung nicht widerstehen. Er suchte sich die Schlüssel zur Tischschublade des Sergeanten heraus, öffnete die Schublade und entwendete daraus ein Zwanzigmarkstück. Von dem Geld kaufte er sich ein Paar Stiesel, den Rest versteckte er. Das Kriegsgericht verurteilte ihn vorgestern zu 6 Wochen Mittelarrest und zum Verlust der Kokarde. — Der Schuhmacher Gustav Kl. in Hanau war im Jahre 1899 als Oekonomiehandwerker eingestellt, aber nach 14 Tagen wegen eines Herzfehlers wieder entlassen worden. Er hatte sich nun beim Bezirksfeldwebel an- und abzumelden, sowie die Kontrolnersammlungen zu besuchen. Einmal versäumte er eine Kontrolversammlung und aus Furcht vor Strafe unterließ er auch die An- und Abmeldungen. Frei ist der Bursche, dachte er und ging auf die Walze. Im September 1900 wurde er in contumaciam zu 160 Mark Geldstrafe verurtheilt. Im November d. J. kehrte er nach Hanau zurück und nun stand der ehemalige Oekonomiehand- werker vor dem Kriegsgericht, das ihn zu'der geringsten zulässigen Strafe von 43 Tagen Gefängniß verurtheilte. Die erlittene Untersuchungshaft wird angerechnet.
F. Eine romantisch klingende Räubergeschichte wird von einer Frankfurter Korrespondenz wie folgt verbreitet: In der vorletzten Nacht wurde auf dem Wege von Gelnhausen nach Hanan im Walde von Langenselbold das mit Fleisch beladene Fuhrwerk des Metzgers Ernst Schäfer von Geln-