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Waisenhauses in Hanau.
Geneml-Auzeiger.
AMches OlM fit Stnit= und FaudÄns Krmss.
Erscheint täglich mit AusMchM»tzrr Go««- und tzveciagL, mit belletristischer Beilage.
Verantwort!. Redakteur: G. Schrecker in Hanau.
Nr. 30.___________________________
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Gefundene und verlorene Gegenstände etc.
Verloren: 1 Sparkassenbuch Nr. 9242. 1 Mundstück. 1 schwarzes Lederportemonnaie mit 100 M. in Goldstücken. 1 goldene Damenuhr nebst goldener Kette, auf der Rückseite der Uhr befindet sich ein Krug; gegen Belohnung abzugeben. Hanau den 5. Februar 1901.
I politische Rundschau.
In der österreichischen Thronrede, mit der gestern Mittag der Reichsrath feierlich eröffnet wurde, lautete der die auswärtigen Beziehungen behandelnde Passus nach einem Telegramm aus Wien wie folgt: „Unsere Beziehungen zu allen auswärtigen Staaten finb fortdauernd die freundschaftlichsten, sie tragen wesentlich zur Erhöhung der allgemeinen Friedensgarantien bei. Mit schmerzlicher Trauer gedenke ich hier des Hinganges meines theuren Bundesgenossen, des Königs von Italien, der einem fluchwürdigen Verbrechen zum Opfer gefallen ist, sowie der Königin von England, welche ein leuchtendes Vorbild aller Regententugenden war und die mir durch Gefühle wahrer Freundschaft verbunden war. Unverändert ist die Herzlichkeit, welche das engere Verhältniß zu den uns verbündeten Mächten kennzeichnet, find freudig erinnere ich mich Der Beweise von Sympathie, welche gelegentlich meines Besuches bei Kaiser Wilhelm auch seitens der Bevölkerung der Hauptstadt des deutschen Reiches so rührend zum Ausdruck gelangten. Die aufregenden bedrohlichen Ereignisse in China nöthigten die Mächte, zum Schutze des Lebens und der Freiheit ihrer Ver- creter und Angehörigen, zur Vertheidigung der Kulturinteressen gegen fauatisirte Schaaren einzuschreiteu. Unsere Stellung als Großmacht sowie unsere, wenn auch nicht ausgedehnten Interessen ließen eine entsprechende Theilnahme an der Aktion geboten erscheinen, bei der das kleine Kontingent unserer tapferen Marine sich rühmlichst hervorthat. Die Bemühungen der Mächte sind auf die Wiederherstellung geordneter Zustände und die Erhaltung der Integrität Chinas gerichtet, wodurch ein Rückschlag der dortigen Ereignisse aus den europäischen Frieden glücklicher Weise nicht zu befürchten ist."
Im italienischen Senat brachte der Justizminister Gianturco ein Gesetz über die anarchistischen Verbrechen ein, für welches er, wie aus Rom telegraphirt wird, die Dringlichkeit verlangte. Er bemerkte dazu, daß der Gesetzentwurf keineswegs reaktionär sei, sondern der Vertheidigung der Gesellschaft diene und die Bestimmungen der Strafgesetze über die Vereinigung von Verbrechern zu ergänzen bestimmt sei. — Der römischen „Patria" zufolge soll die Regierung zu der Einbringung des Gesetzentwurfs gegen die anarchistischen Verbrechen
Feuilleton*
ii. Brief aus China.
Streitbare Christen in des Wortes verwegenster Bedeutung sind in der That die Christen der chinesischen Gemeinde in .Paotingfu, die unter ihrem im felsenfestem Gottvertrauen heldenmüthigen Oberhirten, dem französischen Missionar „Vater du Mont" in der schweren Zeit vor dem Eintreffen der Verbündeten sich selbst und ihren Glauben als wehrhafte Streiter Christi mit den Waffen in der Hand Monate hindurch vertheidigt haben. Schon einmal, vor zwei Jahren, war die französische Mission in Paotingfu in ihrem Oberhaupte stark bedrängt worden, indem man den genannten Missionar du Mont an seinem Zopf, durch die Straßen der Stadt gezogen hat. Es ist bekannt, daß viele Missionare, auch die von Sikawai z. B., bei Shanghai, die chinesische Tracht angenommen haben, um ihren Gemeinden näher zu kommen.
Damals drohte du Mont mit einer Klage in Peking, als man in einem Augenblick der Schwäche — Feigheit — kam, ihm Abbitte zu thun. Wenn er den Uebelthätern selbst auch als Priester vergab, so durfte er doch seine Mission nicht auf Gnade und Ungnade den Feinden des christlichen Glaubens preisgeben. Er erreichte denn auch, daß die Stadt eine namhafte Summe zahlte, ihm das Recht zur Anlage einer Missionsstation innerhalb der Mauern von Paoting gewährte, und eine Kirche daselbst gebaut wurde. Es war gerade zur Zeit der Besitz-Ergreifung Kiautschous durch Deutschland, welche doch auch erfolgte zur Sühne eines an deutschen Missionaren begangenen Mordes. Mit Recht fürchtete wohl der Fantai von ' Paoting eine ähnliche Strafe, und es sollte Alles vermieden werden, die Chinesen nicht durch weitere Gebiets-Abtretungen gegen die Regierung zu empören. So erlangte also die französische Mission auf friedlichem Wege, d. h. unter dem
Dienstag den 5. Februar
durch neuerdings erfolgte Verhaftungen veranlaßt worden sein. Es soll ein Anarchist verhaftet worden sein, der mit der Ermordung des Herzogs der Abruzzen beauftragt war, und zwei andere in Genua, die einen Mordanschlag gegen den Präsidenten eines Gerichtshofes ausführen sollten, der einen ihrer Genossen verurtheilt hatte.
Deutscher Reichstag.
Sitzung vom 4. Februar.
Justiz-Etat.
Abg. Bassermann (nat.-lib.) bringt Beschwerden vor über die Verschleppung der Prozesse in der bayrischen Pfalz, die dadurch herbeigeführt werde, daß man statt der mündlichen Verhandlung entgegen den gesetzlichen Bestimmungen die Einreichung von Schriftsätzen fordere. Redner fragt alsdann, wieweit die internationale Anerkennung des Schiffspfandrechtes gediehen sei. Man möge die Erklärung Hollands über dessen Bereitwilligkeit zur Anerkennung veröffentlichen. Redner bespricht alsdann die Frage der kaufmännischen Schieds- und Sondergerichte. Die Verschleppung könnte durch positive Vorschriften entgegengewirkt werden. In diesem Sinne sprachen sich auch, die Mehrzahl der kaufmännischen Verbände aus, welche wünschen, daß neben den Prinzipalen auch Angestellte an den Nichterstellen bctheiligt sind. Schließlich fragt Bassermann an, wieweit die gesetzliche Regelung der Sicherung der Bauhandwerker gediehen sei.
Staatssekretär Nieberding bedauert, über die Rechtszustände in der Pfalz sachlich sich nicht äußern zu können. Wenn ihm Material zugestellt würde, wolle er es prüfen. Was den Schiffspfanddienst anlange, haben wir, nachdem die Bundesregierungen erklärten, daß ein Bedürfniß in der Frage vorliege, uns mit der niederländischen Regierung zu einer vertragsmäßigen Vereinbarung auf diesem Wege entschlossen. Dieselbe erklärte sich bereit, daß die niederländischen Gerichte unsere Entscheidung anerkennen. Mit Belgien ist eine derartige Vereinbarung nicht abgeschlossen. Ueber die Sicherung der Bauhand werter schloß die betreffende Kommission die Berathungen ab, wurde aber nicht einig. Es sind zwei Gesetzentwürfe aufgestellt. Derzeit liegt es bei Preußen, welchem der beiden Gesetzentwürfe er beitreten will.
Abg. B e ck h - Koburg (fr. Vpt.) hält die Zustände in der Pfalz für nicht so schlimm; er wünsche größere Einfachheit in der Gerichtsperiode und Aenderungen in der derzeitigen Gerichtsvollzieherordnung und fragt, wieweit die gesetzliche Regelung der Entschädigung unschuldig Verhafteter gediehen sei. Eine bezügliche Resolution werde er bei der dritten Lesung einbringen.
Druck der deutschen Forderungen wesentliche Vortheile in Paoling.
Daß sie kämpfen müßten um ihre Existenz in Paoting, war aber von diesem Tage ab allen und besonders dem Oberhaupte der chinesischen Christen in Paoting klar. Letzterer traf denn auch neben der Förderung des Kirchenbaues alle Maßregeln zur Vertheidigung für einen über kurz oder lang zu bestehenden Kampf. Als dann die Zeichen oes letzten Aufruhrs, der sich nicht nur gegen die Fremden, sondern auch gegen die chinesischen Christen wandte, in der Zerstörung der 40 m langen Missionskirche eine deutliche Sprache redeten, bezog du Mont sein befestigtes Lager in einem Dorfe, 30 km südlich der Stadt. Wie ein Soldat hatte er dies Dorf zur Vertheidigung eingerichtet mit großer Sachkenntniß, selbst der Wirkung der neuesten Feuerwaffen gegenüber.
Er hatte selbst sich die besten Waffen zu verschaffen gewußt, und ein fertiges Arsenal bot ihm beim Ausbruch der Feindseligkeiten genügende Vertheidigungsmittel — genügend natürlich nur gegenüber einem so feigen Angreifer, wie die Truppen des Fantais von Paoting darstellten. An die 2000 Artillerie-Beschösse sind während der Belagerung in das Christendorf gefallen, sie haben keinen wesentlichen Schaden angerichtet. Aber 3000 Belagerer sind von den Vertheidigern bei den wiederholten Angriffen — die muthige Besatzung machte auch Ausfälle — getödtet worden. Der Fantai hatte es natürlich nicht für möglich gehalten, daß ihm die Mission einen solchen Widerstand entgegensetzen wurde. Während der Belagerung ließ er die Kirche abrâumen und an ihrer Stelle einen chinesischen Pamen aufführen, welcher einen Gerichtshof aufnehmen sollte; die sonstigen Gebäude der Mission boten den Mandarinen sehr willkommene Wohnungen.
Aber der Fantai, der damit eine vollendete Thatsache vor der Welt Herstellen und das Vorhandensein einer Kirche in Paoting leugnen wollte — er rechnete damit, daß kein Christenmund je darüber befragt werden könnte — er verrechnete sich sehr. Vater du Mont und seine tapfere Schaar hielt allen
1901
Staatssekretär Nie b erd ing verwahrt sich dagegen, daß er in die Selbständigkeit der Gerichte eingreifen wolle. Weiter glaube er nicht, daß die einzelnen Regierungen geneigt seien, die Bestimmungen über die Gerichtsvollzieher zu ändern. Betreffs der Frage der Entschädigung unschuldig Verhafteter beschloß der Bundesraths, der letzten Resolution des Reichstages in dieser Frage nicht zuzustimmen, das heißt natürlich nur, daß dem Kundesrath derzeit d'e Vorarbeiten nicht genügen, um sich mit der Sache zu befassen.
Abg. Stadthagen (Soz.) tritt lebhaft für die Entschädigung unschuldig Verhafteter ein. Der Bundesrath habe bei der Ablehnung der Resolution des Reichstages keine Gründe angegeben, wahrscheinlich wären finanzielle Gründe maßgebend. Eine"Statistik über die Verhaftung Unschuldiger sei erwünscht. Aehnlich gehe es mit dem Wunsche des Reichstages bezüglich eines einheitlichen Bergrechtes, Jagdrechtes und Wasserrechtes. Ein Reich Sstrafoollzugsrecht hätten wir leider noch immer nicht. Das preußische Gefängnißreglemeut stehe vielfach im Widerspruch mit dem Reichsgesetz. Im Prozesse Sternberg sei ein sehr bedenklicher Mangel bezüglich des Vorverfahrens in der Voruntersuchung vorgekommen. Es sei unerhört, daß ein Schutzmann ohne Zeugen Verhöre vornehmen konnte, worauf sich dann die Anklage aufbaute. Redner beklagt endlich die immer mehr anwachsende Ueberlastnng der Richter, zumal in Preußen und ganz besonders in Berlin.
Staatssekretär Nieberding führt aus: Die Beurtheilung der im Prozesse sich abspielenden Vorgänge gehöre nicht zu den Aufgaben der Reichsjustizverwaltung, deren Pflicht es sei, sich aller Einwirkungen zu enthalten. Redner kennt die ganz außergewöhnliche Arbeitslast der Richter in Berlin an, es werde auch jährlich für die Vermehrung der Richterstellen gesorgt. Von einer Ueberlastnng der Richter beim Reichsgericht könne nicht die Rede sein.
Abg. Czarlinski (Pole) beschwert sich über die Ungesetzlichkeiten bei Beurkundung des Personenstandes in den polnischen Landesthei'en.
Abg. Müller-Meiningen (fr. Bp.) fragt an, wieweit die regierungsgesetzliche Regelung des Prioatversicherungs- wesens, der Behandlung jugendlicher Verbrecher und der bedingten Verurteilung gediehen ist. In letzterem Punkte möge doch die Reichsjustizverwaltung dem Vorbilde des Auslandes solgen. Aus dem Sternbergprozeß sei die merkwürdige Zwitterstellung der Polizei zwischen dem Ministerium des Innern und der Staatsanwaltschaft klar geworden.
Staatssekretär Nieberding führt aus, die Arbeiten zum Privatoersicherungsgesetz seien im Gange, es müßten aber noch Sachverständige gehört werden. Die Vorarbeiten über eine gesetzliche Regelung der Behandlung jugendlicher Verbrecher gestaltet sich sehr s chwierig. In der Frage der bedingten Ver-
Angriffen gegenüber stand, bis die Verbündeten schon Peking genommen hatten und eine Unternehmung gegen Paoting geplant oder doch von den Chinese» schon gefürchtet wurde. Nun lenkte der Fantai ein, er sandte den Belagerten Lebensmittel als Geschenk und bat den Vater du Mont doch zurückzukommen nach Paoting, es sollte Alles vergessen sein. — Dieser antwortete, nein, er käme nur an der Spitze einer siegreichen europäischen Truppe zurück. Auch er glaubte den Zeitpunkt, daß diese erscheinen würde, wohl näher, als er war. Es waren noch bange Wochen, die üdec den Streit der Diplomaten wegen der Zweckmäßigkeit einer Unternehmung über Peking hinaus nach dem Süden der Provinz vorgingen. Endlich wurde sie ins Werk gesetzt, und wir wissen ja bereits, zu welchem Ende sie geführt wurde.
Die Franzosen holten ihren tapferen Landsmann und seine glaubensstarke Christentruppe im Triumph ein, und der Fantai, der damals noch nicht festgesetzt war, hatte die Dreistigkeit, dem von ihm verfolgten Missionar eine Sänfte entgegenzuschicken, um den Machthabern seine unwandelbare Freundschaft für die christliche Mission vor Augen zu führen. Nun es half ihm Alles nichts, die Beweise seiner Schuld häuften sich eben durch die Aussagen des Vaters du Mont derart, daß man ihn in Untersuchung brachte. Die Gerichtskommission fand denn auch einen Brief von ihm an die Regierung, worin er um Truppen-Verstärkungen bat, um die Christen vernichten zu können — das waren du Monts tapfere Brüder, deren er nicht Herr werden konnte. Dieses Schriftstück überlieferte ihn dem Scharfrichter, und in seinem Tode sind insonderheit also auch die an der Mission in Paoting verübten Greuel geahnt. Jetzt haben unsere streitbaren Christen ihr Heim in dertadt wieder bezogen und die Missionare gehen unter dem Schutze her französischen und deutschen Polizei wieder lyrem Beru, nach; eine provisorische Kirche ist auch schon errichtet, in der die Katholiken der europäischen Besatzung gleichfalls ihren Gottesdienst halten, und die Kirche selbst wird natürlich auch wieder gebaut werden. M.