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1900
Der Neun-Uhr-LadenschlKtz
Am 1. Oktober tritt die Novelle zur Gewerbe-Ordnung in Kraft, in deren § 139 e u. a. bestimmt wird, daß Verkaufsstellen von 9 Uhr abends bis 5 Uhr morgens für den geschäftlichen Verkehr zu schließen sind. In einigen Blättern ist über diese vom Reichstage mit erheblicher Mehrheit angenommene Bestimmung neuerdings wieder ein bewegliches Klagen angestimmt. Es wird dem Publikum in grellen Farben ausgemalt, wie vom 1. Oktober ab der Handels-Verkehr ganz enorm geschädigt werden würde, wie weite Volkskreise von diesem Termin abends zum Hungern und Dürsten verdammt oder doch zum Gasthausbesuch gezwungen und wie namentlich unsere Großstädte, in erster Reihe Berlin, durch den Neun-Uhr-Ladenschluß zu Kleinstädten herabgedrückt werden würden.
Diese Klagen und Befürchtungen erinnern in ihrer krassen Uebertreibung an ein Beispiel, das ein freisinniges Blatt gegen den Neun-Uhr-Ladenschluß ins Feld führte, als er im Reichstage zur Berathung stand. ES wies damals auf die üble Lage hin, in der sich nach dem Inkrafttreten der Bestimmungen ein Mann befinden würde, dem um 9 ober nach 9 Uhr abends der Hut in die Spree fiele und der nun genöthigt wäre, ohne Kopfbedeckung nach Hause zu gehen und so Gefahr liefe, sich den Schnupfen zu holen. Dasselbe Maß von Beachtung verdient jener Ballbesucher, den dieser Tag ein anderes Blatt als Opfer des neuen § 139 e vorführte, dem es unmöglich sein wird, sich nach 9 Uhr noch einen Ballstrauß zu kaufen. Derartige Beispiele beweisen schlagend, wie sehr die Gegner der neuen Verordnung um Gegen gründe verlegen sind.
Eine gewisse Unbequemlichkeit für einen beschränkten Kreis von Personen wird die Neuregelung allerdings mit sich bringen; das ist bei keiner neuen Gesetzes-Vorschrift, die das öffentliche Leben näher berührt, zu vermeiden. Ausschlaggebend für den Gesetzgeber ist dabei die Ueberzeugung, daß die neue Gesetzes- Vorschrift einen größern Theil der Bevölkerung erheblichen Nutzen bringt. Das ist bei dem Neun-Uhr-Ladcnschlnß unstreitig der Fall. Es ist unstatthaft, das Interesse Einzelner, die sich zufällig nach 9 Uhr eine Zigarre kaufen, oder bei der Heimkehr aus dem Theater oder Konzert noch ihr Abend- brod einholen wollen, gegen die Interessen der zahllosen Angestellten auszuspielen, die lediglich um der Bequemlichkeit Weniger, die es versäumt haben, sich rechtzeitig mit dem Nothwendigen zu versehen, über 9 Uhr hinaus in den Läden festgehalten werden sollen. Eine Zwangslage erst nach 9 Uhr Zigarren oder Lebensmittel zum Abendessen einzukaufen, dürfte nur in ganz seltenen Ausnahmefällen bestehen. Die Befriedigung anderer Bedürfnisse kommt kaum in Frage, da biej große Mehrzahl der andern Geschäfte schon bisher vor 9 Uhr'
Feuilleton.
Bilder aus Texas.
Von Otto Leonhardt.
(Nachdruck verboten.)
Die Nachricht von der furchtbaren Katastrophe, die die blühende texanische Hafenstadt Galveston belroffen hat, wird Manchem die Schilderungen älterer Reiscschriftsteller über den Staat Texas ins Gedächtniß gerufen haben. Wir wissen nicht, ob die Jugend von heute sich noch an Gerstäcker und Sealsfield ergötzt, die Aelteren jedenfalls haben es gethan und mit wahren Wonneschauern von diesem Eldorado der Abenteuer gelesen. Das war noch ein Land! Da gab es noch Kämpfe gegen Indianer, gegen verwegene mexikanische Pferdediebe und gegen die mexikanischen Soldaten. Da regierte noch Mr. Lynch und seine südliche Verwandte, die Vendetta. Da herrschten das Bowiemesser und der Revolver; da war der Mann auf sich allein angewiesen, und ein höchst interessantes und malerisches, aber ebenso gefährliches internationales Gesindel, die sogenannten BZrder-Ruffians oder Grenzräuber, gab eine sehr pittoreske Staffage dieses anziehenden romantischen Bildes ab. Da war das Texas des Sealsfield und Gerstäcker, und in Wahrheit das Texas der 30er Jahre.
Tempi passati! Die Romantik mußte vor der Eisenbahn zurückweichen. Noch vor wenigen Jahrzehnten war wenigstens der ganze Westen des Staates leer und unbevölkert; heut blühen auch hier zahlreiche Ortschaften empor und das Dampfroß hat den Rio del Norte erreicht. Texas ist in einer ungeheuren Entwickelung begriffen; 1806 wurde das Land von 7000, 1870 von 212 000 Menschen bewohnt; heut zählt man gegen 3 Millionen Einwohner.
die Läden schloß. Dem erhöhtem Kaufbcdürfniß zu gewissen Festzeiten ist zudem durch die Bestimmung weitgehend Rechnung getragen, daß die Orts-Polizeibehörde an 40 Tagen daS Offenhalten der Verkaufsstellen bis 10 Uhr abends gestatten kann.
Da es sich notorisch nur um eine kleine Zahl von Ee- legenhcitèkäufcn handelt, deren Bequemlichkeit unter der neuen Vorschrift Jeibet, ist es auch ungerechtfertigt, von einer erheblichen Schädigung des Handels durch diese zu sprechen. Abgesehen davon, daß zahlreiche Geschäfte bisher ihre Verkaufsstellen nur deshalb über 9 Uhr abends offen halten, weil die Konkurrenz es thut, und daß die erhöhten Ausgaben allein an Beleuchtung das längere Offenhalten nur in wenigen Fällen rentabel machten, liegen die Verhältnisse hier ähnlich wie bei der Sonntagsruhe. Wie laut waren die Klagen über angeblich bevorstehende Geschäftsschädigungen, als sie cingeführt wurde! Heute sind diese Klagen so gut wie verstummt. Der Bedarf an Leben«- und sonstigen Verbrauch? mitteln wird eben nach wie vor gedeckt werden, weil er gedeckt werden muß. Das Publikum gewöhnt sich schnell an die neuen Verhältnisse, und dem Vortheil au# der Neuregelung, den die Angestellten ziehen, wird kein nennenswerther Verlust der Geschäftsinhaber entgegenstehen.
Politischer Wochenbericht.
Die Einweihung des D e n k m a l s der KöniginLuisc zu Tilsit hat während der verflossenen Woche den Blick zurückgelenkt auf jene schweren Zeiten, da die eiserne Faust eines fremden Gewalthabers auf Deutschland lastete. Sie hat uns aber zugleich auch erinnert, daß alles Heil am letzten Ende nächst Gottes Fürsorge aus den Tiefen der Seele quillt und daß es auch in äußerer Noth keine stärkern Stützen gibt als die Kräfte bei Innern, als herzinniges Gottvertraucn, als selbstverleugncnden Muth, als opferwillige, felsenfeste KönigS- und Vaterlands-Liebe. Möchten diese Kräfte Deutschlands Volke allezeit erhalten bleiben und möchte es immerdar deutsche Frauen geben, die sie gleich jener hochherzigen Dulderin auf dem preußischen Königsthrone in unermüdlicher Treue zu hüten und hegen wissen. Das sind die Wünsche, welche die Tilsiter Feier nahegelegt und welchen Kaiser Wilhelm, wie immer so auch diesmals der berufene Dolmetsch der Volks- - Empfindungen, in seiner Weihe-Rede köstlichen Ausdruck geliehen hat.
Auch die Gegenwart verlangt große Eigenschaften von unserm Volke. Auf Chinas Boden erstrahlen die soldatischen Tugenden deutscher Truppen in hellstem Lichte. Eine wichtige Kriegsthat der Verbündeten war neuerdings vor Allem die ! Einnahme der P e i t a n g - F o r t s. Dadurch ist die Sicherung ' der Schiffs-Landestellen an der Peiho-Mündung bei Taku wie der iammMHn—Mn ll^ll^l^lll■^i^■la■^■ng■■a^gn^wlnw,^B»l .......... .
Freilich ist noch immer Raum für viele Millionen da; denn der Texas ist um 62000 Quadratmeilen größer als unser deutsches Vaterland. Schon hat sich auch der Fabrikschornstcin, das unvermeidliche Symbol des modernen Kulturprozesses, eingestellt; Maschinen werden in Texas gebaut, Eisen wird gegossen, Manufakturen werden angefertigt.
So sind die Tage alter Romantik gezählt. Immerhin findet, wer Texas bereist, noch genug des Interessanten, was er in alten Kulturländern nicht findet. Hier ist Jungland, und überall zeigt sich die frische Entwickelung der Jugend, aber auch die gewissen kleine« Dummheiten der Flegeljahre. Noch ist der Nordwesten das uneingeschränkte Herrschaftsgebiet der Viehzucht. Dort dehnen sich unermeßliche Hochebenen aus, in denen die Trockenheit des Klimas bisher eine ausgedehnte Bebauung des Bodens nicht erlaubt. Hier weidet das Vieh in Heerden von vielen Zehn- tausenden. Der „eingefenäte" Kuhrauch umfaßt noch häufig bis zu 100000 Acres; innerhalb des Zaunes läuft das Vieh frei umher und sucht sich sein Futter auf der Weide. Zur Tränkung dienen Brunnen, deren Wasser durch kleine Windmühlen gehoben wird.
Man erzählt von einem der großen Viehkönige — er hieß Richard King und besaß in dem San Gertruden-Rancho 100 000 Stück Rindvieh, 10 000 Pferde, 7000 Schafe und 8000 Ziegen —, daß er seinem Schwiegersohn am Hochzeitsmorgen ein Geschenk von 10 000 Rindern und Pferden machte. Die brüllenden Vierfüßler, in gewaltigen Schaaren neben den übrigen, mehr oder minder zierlichen Hochzeitsgaben erscheinend — ein echt texanisches groteskes Bild! Von diesen großen Weiden werden dann die Hcerden nach dem Norden getrieben oder verladen, wo die unersättlichen Schlachthäuser von Chicago, Cincinnatti u. s. w. das Vieh von Texas in ungeheuren Mengen verarbeiten.
Eisenbahn - Verbindungs - Linie Tongku—Tientsin 'vollzogen. In Zukunft aber wird sich der Kreis der nothwendigen militärischen Unternehmungen ohne Frage noch wesentlich erweitern, und mit der nunmehr glücklich erfolgten Ankunft bei Oberst- kommandircndcn der verbündeten Truppen, des General- FeldmarschallS Grafen von Wald ersce, dürfte die eigentliche KriegSpcriodc erst recht beginnen.
WaS die neben den kriegerischen Ereignissen einherlaufendc diplomatische Thätigkeit betrifft, so hat der Vorschlag der deutschen Cirkular - Notc, vor Eintritt in Friedens-Verhandlungen die Auslieferung der Rädelsführer des Aufstandes zu verlangen, bei allen Mächten außer bei den Vereinigten Staaten von Amerika grundsätzlich Zustimmung ge- funden. Nordamerika ist auf dem Wege, selbständige Verhandlungen einzuleiten. Daß eine solche Sonderpolitik nur geeignet ist, dem Widerstande der Chinesen neue Kraft zuzuführeu, liegt auf der Hand. AlS ihre erste Folge ist es wohl zu betrachten, daß Prinz Tu an, das Haupt der fremdenfeindlichen Bewegung, von der Kaiserin in das erste Staatsamt berufen wurde. Die Chinesen täuschen sich aber in ihrer Berechnung auf die Uneinigkeit der Mächte. Das Werk der Vergeltung wird durch das Beiseitcstchen Amerikas in keiner Weise gehemmt werden.
Unter dem Zeichen der Wahlbe«eg»ng stehen gegenwärtig in Europa zwei Länder, nämlich Oesterreich und England. Aus der österreichischen Wahlbewegung dürfte als wichtigste Thatsache zu verzeichnen sein, daß die katholische Volkspartei das Band mit den Czechen zerschnitten hat. In England bildet naturgemäß die südafrikanische Frage den Mittelpunkt der Wettkämpfe. Lord Salisbury und Chamberlain suchen für ihre Politik in Südafrika eine parlamentarische Mehrheit zu gewinnen, und cs dürfte ihnen dies auch unschwer gelingen.
Noch es ist freilich verfrüht, in Bezug auf die Buren mit Lord Roberts von „marobirenben Landen" zu sprechen, noch dauert vielmehr der Kriegszustand fort, aber der Widerstand der südafrikanischen Republiken ist doch dem Erlöschen nahe, und über kurz oder lang wird ihre Annexion eine vollendete Thatsache sein. Präsident Krüger schickt sich an, auf einem holländischen Kriegsschiffe die Reise nach Europa anzutreten. Die Sympathien des gefammten europäischen Festlandes sind ihm sicher, aber Sympathien vermögen an der Macht der Thatsachen nicht zu rütteln.
In Frankreich endlich hat sich das große Festmahl d e r B ü rger meister zu einem Triumphe des republikanischen Gedankens gestaltet. Präsident Loubet feierte in längerer Rede die Republik, deren Grundsätze die Ehre und der Ruhm Frankreichs seien. Begeisterte Kundgebungen folgten dieser Rede. Die Niederlage der Klerikalen und Nationalisten ist
Ein weiterer texanischer Charakterzug ist die bunte Mischung der Bevölkerung. Der eingeborene'Texaner ist eine entschiedene sympathische Persönlichkeit. Er ist stolz, aber auch freundlich, zuvorkommend, gastfrei; die Frauen sind unabhängig, intelligent und oft von großer Schönheit: nordische Rasse mit südlicher Grazie. Ein ganz anderes Bild bietet der trockene und rücksichtslose Dankcc auS den Reu-England- Staaten. Die übrigens langsam abnehmende mexikanische Bevölkerung bringt einen spanischen Zug in die Bevölkerung, wie denn auch noch viele texanische Städte mit ihren feierlichen Kirchen im Jesuiten style, ihren engen malerischen Reifen, ihren Klosterruinen ein ganz spanisches Gepräge tragen. Die Farbigen stellen etwa eine halbe Million zur Gesammtbcsölke- rung. Texas war einer der eifrigsten Sklavenstaaten und ist bis zum heutigen Tage streng demokratisch. H-ut ist der Neger allerdings emanzipirt, aber der Haß gegen ihn hat sich in TeraS noch nicht im Geringsten gelegt; mit Negern in der Eisenbahn zusammenzurcisen wäre ganz unter der Würde des weißen Texaners, und Samstag«, wenn die Schwarzen massenhaft vom Lande in di- Stadt kommen, sucht sich die weisse Bevölkerung nach Kräften zu ifoliren. Zu diesem Völkergemisch tritt nun endlich die bunte Masse der Einwanderer aus aller Herren Länder, unter denen, wie wir mit Stolz sagen dürfen, die Deutschen die ehrenvollste Rolle spielen. Die Geschichte der deutschen Einwanderung in Texas hat bereits zwei Menschenalter hinter sich und hat manchen Fehlschlag, ja selbst Katastrophen aufzuweisen. Das End- ergebniß aber ist doch ein erfreuliche-. An die 50 000 Deutschen wohnen im Lande, die ihrem Volksthume treu an- Hängen und sich alljährlich zu einem „Deutschen Tage" zu- sammenthun. Wo das Land besonders sorgfältig angebaut ist, wo die Häuser freundlicher und schmuckvoller sind, da wohnen Deutsche. Neu-Braunfels ist eine schöne, reinliche, deutsche Stadt; in Friedrichsburg und San Antonio, der