24 Dezember
H-mauer Anzeiger
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richtigen. Der Äiann bebrütete mir, daß in dieser Nacht baian nicht mehr zu denken sei. Sobald der Morgen dämmere, wolle er mich selbst nach Fairplax geleiten, falls ei überhaupt möglich sei, durch den Schnee und die Wlldniß die zehn Meilen, die sein Blockhau« von der Stadt entfernt sei, zu durchdringen. Obwohl ick mit Entsetzen der Todesangst Annies gedachte, deren Pein mich um den Verstand zu bringen drohte, mußte ich mich doch in das Unabänderliche fügen. Die Frau kam jetzt auch herein und setzte dampfenden Thee und frischen Weihnachtsstollen auf ein Tischchen vor mein Bett. Ich fiel wie ein Verhungerter darüber her. Nach dem ich mich gelabt, erfuhr ich endlich die Art meiner wunderbaren Rettung.
Er sei ein Deutscher — erzählte mir der Mann — und seit Jahren hier ansässig. Auch seine Frau sei deutsch, und nach alter, deutscher Sitte feiere er alljährlich das Weihnacht» fest, zu dem er auch diesmal seinen Baum angezündet und seinen Kindern aufgebaut habe. Nun hätten vorhin die Kinder gerade das Weihnachtslied angestimmt, als plötzlich die Hunde einen gewaltigen Lärm erhoben. Er habe die Büchse von der Wand genommen und sei Hinausgegangern Als er mit angelegter Waffe sich umgeschaut, sei ich über einen Baumstamm weg, ihm kopfüber zu Füßen gestürzt.. Er habe mich aufgehoben, ins Haus getragen und aufs Bett gelegt. Ich dankte ihm herzlich und erzählte ihm meine Abenteuer. Danach, als mich der Schüttelfrost etwas verlassen, rief ich die Kinder, die mittlerweile mit ihren Weihnachtssachen gespielt, zu mir heran, streichelte ihre Locken und plauderte mit ihnen.
Später verfiel ich in tiefen Schlaf, der mich von aller Pein und Ungeduld, meiner armen Frau wegen, erlöste. Als ich wieder erwachte, war der Morgen schon angebrochen. Schnell schüttelte ich die Decken von mir und sprang auf. Man hatte mich gehört und führte mich in die Küche, wo die Familie schon am Kaffeetisch saß. Man zwang mir den warmen Trunk hinunter, man nöthigte mich zum Essen. Aber ich wollte nur fort, heim, dahin, wo ein paar liebe Augen mich schon als einen Verlorenen, einen Todten beweinten. So verabschiedeten wir uni denn, wobei ich versprach, zu gelegener Zeit wiederzukommen und meine Frau mitzubringen. Der Mann begleitete, führte mich. Der Weg war äußerst schwierig, aber ei glückte uns, nach mehrstündigem, angestrengtem Marsche auf die Straße von Fairplax zu gelangen. Wir waren noch nicht weit darauf fortgeschritten, als wir berittene Leute bemerkten, die uns entgegenkamen. Allen voraus und hoch zu Rosse, mit aufgelösten Haaren, ein Weib — es war Annie, die ausgezogen, die Leiche ihres Mannes aufzusuchen. Als sie uns erspäht hatte, spornte sie wild ihr P erd ; sie erkannte mich, sie stieß einen gellenden Schrei aus und sprengte auf mich zu. Mit dem Rufe: „Mein Mann! Mein lieber Mann!" sprang sie von dem galoppirenden Pferde herab unb stürzte sich, aller Sinne beraubt, an meinen Hals. Unter den Reitern, die jetzt herbcieiltcn, waren meine Genossen von gestern, die, glücklicher als ich, wenn auch auf den Tod erschöpft, die Stadt spät in der Nacht erreicht hatten. Sic erzähsien mir auch, daß sic erst, als sie zu Hause angc- kommen, mich vermißt hätten, und daß man meine Frau habe kinsperren und bewachen müssen, da sie blindlings in die Nacht und den Schnecsturm sich habe Hinausstürzen wollen, um mich zu retten oder mit mir das. eisige Grab zu theilen.
Wir hoben die Acrmste auf ihr Pferd und traten den Heimweg an. Meinen Weihnachtsbaum habe ich doch noch am selben Abend angezündet, mein Haus aber ist erst im Sommer unter Dach gekommen.
Vermischte Nachrichten
Dcr verhaftete Direktor Sanden von der Preuß. Hypolhekenaktienbank war, wie die „D. Bolkâw. Korr." erinnert, noch in diesem Sommer bei dem in Stettin gegen den Grafen Arnim-Schlagenthin und Genossen wegen ihrer Geschäftsführung bei der National-Hypoiheken-Kredit-Geseü- schaft verhandelten Strafprozesse gcrichllicher Sachverständiger und sachkundiger Vertrauensmann, den der Staatsanwalt und Untersuchungsrichter herbeigerufen hatten, um über die geschäftliche Praxis des reellen Hypochekcnbaukbetricbes Aufschluß zu geben. — Der ebenfalls verhaftete Direktor Berthold Warsinski, ein Verwandter Sande«, hatte vor einiger Zeit in seiner Potsdamer Villa sämmtliche deutsche Dienstboten entlassen und sich lauter stockpo rusches Personal angeschafft, das nur ständig polnisch reden mußte und dem Ginster wie seiner Frau die Hände küßte. So wollte es Warsinski haben, weil er mit einer gewissen Absicht ein Pole sein wollte, trotzdem er kein Wort polnisch sprach und sich erst, um diese Sprache zu erlernen, einen polnischen Sprachlehrer engagirle. Anscheinend glaubte Warsinski auf seinem in der Provinz Posen erst vor einiger Zeit erworbenen Rittergut als polnischer Netionalpatriot besser geachtet zu sein. Nach diesem Gut find auch seine kostbaren Pferde geschickt worden, als Warsinski auS „Gcsundheiisrücksichten" von Potsdam nach Meran reiste.
Der verkannte Mâdchenhändler. War einem Amerikaner, der eine junge, hübsche Frau sein eigen nennt, auf einer Steife in Deutschland passiren kann, darüber wird der Kaufmann S. aus New Fork bei seiner dkmnichstigen Heimkehr Bericht erstatten können. Vor etwa Jahresfrist lernte E., der selbst nach amerikanischen Ansprüchen als reich gelten darf, auf einer Geschäftsreise eine unmuthige Tochter Elb'AthenS kennen und lieben und führte sie Anfang dieses Jahres zum Altar. Der Wunsch der jungen Frau, ihre Eltern in Dresden zu besuchen, war dem S. Befehl, und im « 11,8 Ehepaar seine Reise über das große Jaffer s ri%e *?• Nach längerem Aufenthalt in der Hci««th ^’ ^"l eS »or einigen Tagen an» Abschiednchmcu.
9 ^"Mweren Antlitzes betrat Frau S. am Arm ihres
Konstantiuopel, 24. Dezbr. Die griechische Gesandtschaft überreizte der Pforte eine Note, in der sie die Aufmerksamkeit der Pforte auf die Lage in Maz-dowen lenkt und ihr die jüngsten Morde in der Provinz vorhält. Die griechische Regierung fordert Maßregeln zur Verhütung künftiger ähnlicher Vorgänge und eine Geldentschädigung für bie Familie des Dr. Caccelarion, welcher jüngst im Distrikte Salönicki ermorde! wurde.
Gatten den Pcrion des Dresdner Ecntralbahnhofes, nachdem sie sich in der Bahnhofshalle von ihren Eltern verabschiedet, hatte, um die Rückreise über Berlin anzutreten. Vergebens versuchte der Amerikaner während der Fahrt auf seine schier untröstliche Frau einzureden; sie schluchzie so laut, daß es bald einem Mitreisenden anffiel. Ihm fam das Verhältniß zwischen dem geschäftsmäßig ruhiaen Amerikaner unb der jammernden Frau verdächtig vor. Wie, wenn der Amerikaner in gar keinem legitimen Verhältniß zu der Dame stehen sollte! Ter Mirreisende hatte viel von Mädchenhändlern gelesen, die junge Damen nach Amerika verschleppen, und dieser l'meri- kanec, dessen Wiege im Ungarlanbe gestanden, hatte für den Mitreisenden ein wenig Vertrauen erweckende« Aursehen. Deu Gedanken, hier da« vpfer eines schamlosen Handels rct.en^^ aICia* 99 07 ,n An cp:. .
zu können, fitzte er auf der nächsten Haltestelle zur Thal um.Weitze. ..°-che rothe: gsl-tcheZ
Auf dem Telegraphenamt signalisirte er der Berliner Polizei s . oe ' '"'
die Ankunft des vermeintlichen Mädchenhändwrs mit feiner Begleiterin. Prompt war die Sicherheitsbehörde auf dem Anhalter Bahnhof zur Stelle, um das Paar im Koupee in Empfang zu nehmen. Alles Sträuben, alle Betheurungen der erschrockenen Eheleute vermochten nicht den Gang der hochnochpeinlichcn Untersuchung aufzuhalten. Erst nach zweistündigem, unfreiwilligen Aufenthalt konnte das Paar, als die das legitime Verhältniß b-weifenden Papiere aus den Koffcrn herbeigeschaffl waren, unter den Ausdrücken lebhaftesten Bedauerns entlassen werden und die Weiterreise nach diesem
Intermezzo antreien.
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Berti»», 24. Dezbr. Gestern hat in Gegenwart der kaiserlichen Familie die feierliche Wiedereröffnung der erneuerten Garnisonkirche stattgefunden.
Berlin, 24. Dezbr. Zum Tode des Polizeidirektors von Meerscheidt-Hülleseni geht der „Welt" aus best unterrichteter Quelle die 9?a^ridjt zu, daß sich die Verwandten entschlossen haben, die Leiche obduciren zu lassen, um den böswilligen Gerüchten, welche sich an das plötzliche Hinscheiden des Todten knüpfen, wirksam entgegen zu treten. Nach erfolgter Obduktion soll die Beerdigung der Leiche am ersten Weihnachtsseiertage erfolgen.
Berlin, 24. Dezbr. Nach einer Depesche des „Berliner Sägeblatt" aus Rom ist der Bischof von Peking. Frvier, daselbst eingetroffen, um mit dem Vatikan über die Angelegenheit deS Protektorat über die Christen in Ostasien zu verhandeln, daS Frankreich nach wie vor beansprucht.
Berlin, 24. Dezbr. Wie dem „Berliner Tageblatt" aus beftuwerridjteter Quelle mitgeiheilt wird, ist bte Regierung der Vereinigten Staaten von Nordamerika entschlossen, trotz der hestigen Sprache der englischen Presse wegen der Abstimmung des Senats über den Nicaragua- Kanal bei der Ansicht zu beharren, daß der Kanal allen Mächten gleichmäßig frei bleiben soll zur ungehinderien Schiffahrt u. s. w. Nur für den Fall, daß die Vereinigten Staaten mit einer oder mehreren Mächten sich im Kriegszu stände befinden sollten, sollen Maaßnahmen getroffen werden, die Alles verhindern können, was den Vereinigten Staaten zum Nachihcil gereichen könnte.
Berli»», 24. Dezbr. Das „Berliner Sageblatt" meldet aus Madrid: Die überlebenden Offiziere deS Schulschiffes „Gneisenau" spendeten 1000 Mk. für dir Hinterbliebenen der Besatzung des gleichzeilig mit der „Gneisenau" ur.terge- gangenen Fischerbootes „Carmen". Die Madrider deuische Kolonie sammelte 5000 Pcsctas zwecks Belohnung ber spanischen Seeleute, die sich bei den Retiungsarbeiten hervorgethan haben. Auch andere Sammlungen sind im Gange. Verschiedene deutsche Kolonien in Spanien sandten Kränze für die Gi aber der Ertrunkenen. Ein Theil deS Offizier-Korps der „Gneisenau" bleibt vorläufig in Malaga. Die meisten Verwundeten bifinden sich auf dem Wege der Besserung.
Berlin, 24. Dezbr. Wie die Morgcnblätier melden, stattete der Kaiser gestern Nachmittag dem kurz vorher von seiner Reise an die deutschen Höfe zurückgekchricn Reichskanzler Grafen oen Bülow einen Besuch ab und überreichte ihm persönlich den Schwarzen Aolcrorden.
Brrlin, 24. Dezbr. Das „Kleine Journal" ist er- mächligi, angesichls der Zeiiungs-llkachrichten und Gerückte, welche die Person und die Stellung des Oberhofmeisters der Kaiserin, Freiherrn von Mirbach,' betreffen, auf das Bestimmteste zu erklären, daß diese Ausstreuungen absolut erfunden sind und jeder thaiiächlichen Begründung entbehren.
Paris, 24. Dezbr. Ein Sekretär des Zaren ist in, Mentone ein,e>roffcn, um die nöihigeu Vorkehrungen für die dkmnäckstize Ankunft des Zaren zu treffen. Er wird mit Bestimmtheit mitgetheilt, daß der Zar in Cap Dianin Wohnung nehmen wird.
Paris, 24. Dezbr. Rochefort, der Leiter des „In- transigeant", hat an sämmtliche Zciiungs Direkioren in Frankreich und dem Auslande Briefe gesandt, worin er den im „Jntransigeant" gemachten Vorschlag befürwortet, eine Konferenz in Europa einzubcrufen zur Organisation einer internationalen Subskription, bereit Ergebniß dazu dienen soll, den Buren eine materielle und moralische Hilfe Zlikommen zu lassen.
Madrid, 24. Dezbr. Die Bureau« des Senats und der Kammer überreizten gestern ber Königin-Regentin die Antwort beider Käufer auf ihre Botschaft, betreffend die Heirath ber Herzogin von Asturien.
Belgrad, 24. Dezbr. Eine türkische Militär-Kommission beinontirt im Auftrag der Pforte alle Grenzbefestigungen längs der serbischen Grenze. Dietere hundert otti Bosnien und, der Herzegowina auswandernde Familien passirlen die Grenze j nach der Türkei.
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