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Auswärts 30 4.
Nr 143.
Freitag den 22. Juni
1900
Amtliches.
Die Ortskrankenkasse befindet sich von heute ab Französische Allee Nr. 181.
Hanau, 21. Juni 1900.
. Der Vorstand der Hanauer Ortskrankeukasse.
Müller, Vorsitzender. 9908
Tagesschau.
Der Bundesrath
ertheilte nachstehenden Gesetzentwürfen in der vom Reichstage beschlossenen Fassung seine Zustimmung: Abänderung der Unfallversicherungsgesetze, Unfallfürsorge für Gefangene, Handelsbeziehungen zum britischen Reiche, Bekämpfung gemeingefährlicher Krankheiten, Abänderung des Krankenversicherungsgesetzes («or- gelegt vom Abg. Frhrn. Heyl zu Hernsheim und Gen.), Abänderung der Gewerbeordnung. Die Resolutionen des Reichstages zu den Gesetzentwürfen betr. die deutsche Flotte, betr. Abänderung des Zolltarifgesetzes wurden dem Reichskanzler überwiesen. Der Antrag auf Abänderung der Anlage b. zur Eisenbahn - Verkehrsordnung und der Entwurf einer Prüfungsordnung für Patentanwälte wurden den zuständigen Ausschüssen überwiesen. Dem Entwurf, Vorschriften für den Fall der Cholera- und Pestgefahr hinsichtlich der Einfuhr- und Durchfuhr von Waaren und Gebrauchsgegenständen aus dem Auslande in Vollzug zu setzen, wurde zugestimmt. Ferner wurden die Ausschußanträge betr. den Zollverwaltungskosten-Etat für das Großherzogthum Oldenburg, der Entwurf der kaiserlichen Verordnung betr. die Inkraftsetzung der in Paragraph 154 Absatz 3 der Gewerbeordnung getroffenen Bestimmungen, sowie der Entwurf von Bestimmungen des Bundesraths betreffend die Beschäftigung von jugendlichen Arbeitern und Arbeiterinnen in Werkstätten, in welchen durch elementare Kraft bewegte Triebwerke nicht bloß vorübergehend in Anwendung kommen, nach den Ausschußanträgen genehmigt. Dem Abkommen mit Belgien über den sogen. grcnzüber- springenden Fabrikvcrkehr wurde zugestimmt, ferner dem Entwürfe der Verordnung wegen der Abänderung des Statuts der Reichsbank vom 24. Mai 1875 und den Ausschußanträgen über die Vorlage vom 16. Juni 1900 betreffend die Ausführungsbestimmungen zu dem Gesetze wegen Abänderung des Reichsstcmpelgesetzes vom 27. April 1894, sowie über die Vorlage vom 15. Juni 1900 betreffend Abänderungs- und Ausführungèbestimmungcn zum Wechselstempelsteuergesetz.
Graf Murawjew ,t*
Unerwartet wie sein Vorgänger im Amt, Fürst Lobauow- Rostowskij, starb gestern der russische Minister des Aeußern, Graf Michael Nikolajewitsch Murawjew. Der Enkel des „Diktators von Wilna" war am 19. (7.) April 1845 geboren, ist also 55 Jahre alt geworden. Nach dem Besuche des Gouvernementsgymnasiums in Poltawa eignete er sich in Heidelberg deutsche Universitätsbildung an. Seine diplomatische Laufbahn begann 1864 mit seinem Eintritt in das Ministerium des Aeußern. Nachdem er als Attache und Legationssekretär bei den Gesandtschaften in Berlin, Karlsruhe, Paris, Stockholm und im Haag thätig gewesen war, wurde Murawjew 1880 erster Gesandtschaftssekretär in Paris, 1885 Gesandtschaftsrath in Berlin und, nachdem er so die europäischen Höfe kennen gelernt hatte, auf der hohen Schule der russischen Diplomatie 1893 Gesandter am Hofe der „Schwiegermutter Europas" in Kopenhagen. Nach dem plötzlichen Tode Lobanows berief ihn der Zar im Jahre 1897 an dessen Stelle. Gleich seinem Vorgänger galt er als hervorragender Staatsmann, Lobanows Politik der umfassenden Ausbreitung des russischen Einflusses, namentlich in Ostasien, setzte er m gleicher Weise zielbewußt fort. In seine Amtszcrt fiel auch die vom Zaren betriebene Einberufung der Friedenskonferenz nach dem Haag. Murawjew führte Vorverhandlungen und führte den Strauß mit dem Vatikan, der mit der Niederlage der bei diesem Anlaß gegen Italien gerichteten päpstlichen Politik endigte. Sein Tod fällt wie der seines ^organgers in eine Zeit, wo Rußland in schwierige auswariige Verhältnisse verwickelt ist. Der Aufruhr in China gibt dem Auswärtigen Amte in Petersburg gerade in diesen ^agen a e Hände voll zu thun und erfordert Männer, die ganz genau wissen, was sie wollen. In London ist der Argwohn gegen Rußland jetzt ganz besonders rege, obwohl sich Großbritannien über die bekannte familienpolitische Haltung der Nutzen während des Transvaalkrieges doch sicher nicht beklagen kann. Wer in Rußland der eigentliche spiritus rektor ist, laßt sich schwer ermessen, doch läßt sich mit ziemlicher Sicherheit voraussagen, daß der Wechsel im Auswärtigen Amt eine Aenderung in der Gesammthaltung der russischen Politik nicht zur F g Haien wird.
Die Leutenoth der englischen Sandwirthschaft nimmt jetzt, wo die Heuernte vor der Thüre steht und die Getreidearbeit nicht mehr lange auf sich warten lassen wird, einen besonders akuten Charakter an. Es fehlt dermaßen au Arbeitskräften, daß die Farmer nicht wissen, wie sie den Erntesegen unter Dach bekommen sollen. Wenn schon im vergangenen Jahre der Aufschwung des Kohlenbergbaues und der sonstigen Industriezweige für die Landwirthschaft einen sehr schwächenden Aderlaß an Arbeitskräften, die der Arbeit in Kohlengruben und Fabriken den Vorzug geben, bedeutete, so ist inzwischen noch der massenhafte Eintritt junger, kräftiger Landarbeiter in die Armee hinzugekommen, um die vorjährige Knappheit an „Händen" zu einer direkten Kalamität zu steigern. Die einzige Hoffnung der englischen Landwirthe beruht noch auf der gesteigerten Heranziehung irischer Landarbeiter, und bereits ist eine einflußreiche Organisation im Werke, um eine irische „Englandgängerei" in außergewöhnlich großem Umfange zu bewirken. Aber auch hier steigern sich die Schwierigkeiten zusehends. Der irische Landarbeiter geht gewöhnlich schon aus freien Stücken über den St. Georgskanal, da ihn die höheren englischen Löhne anlockcu. Doch hat in den letzten Jahren die irische Landwirthschaft selber so bedeutende Fortschritte gemacht, daß die dortige Bevölkerung den Antrieb zur 'Englaudgängcrei nicht mehr in dem Maße wie früher empfindet. Diese Verschiebung der Konjuktur durch eine weitere Lohnsteigcrung auszuglcichcn, ist aber die englische Landwirthschaft bei den stetig sinkenden Preisen für ihre Erzeugnisse nicht mehr in der Lage, wenn sie überhaupt noch einen, wenn auch noch so bescheidenen, Nutzen erzielen will. Die Ersetzung der menschlichen durch maschinelle Arbeitskraft ist schon bis an die Grenze des Möglichen getrieben. Unter diesen Umständen blickt der englische Landwirth mit schwerer Sorge auf die nahende Erntekampagne.
I Bewegungen genaue Auskunft erhalten, während wir über die ihrigen nur soviel wissen, wie unsere Späher mit beträchtlichen Gefahren ausfindig machen können. Wir glauben indessen nicht, daß wir lange auf die Nachricht von einem entscheidenden Schritte von Seiten Rundcls werden warten müssen. Von Kimberley kommt die Meldung, daß ein Kommando von 800 Buren Bedingungen zur llebergabe nachsucht und die Antwort erhalten habe, daß keine Bedingungen gewährt werden können, sondern daß bedingungslose llebergabe stattfindeu müßte. Das ist ein gutes Zeichen dafür, daß an der westlichen Grenze der Frieden wieder hergestellt wird, und wir glauben annehmen zu können, daß die meisten Buren in jenem Distrikt bald nach Hause zurückkehren ober die Waffen niebertegen werden. Buller beschleunigt scheinbar seine Vorbereitungen zum Marsch auf Standerton und Heidelberg. Der Tunnel bei Laings Nek ist jetzt wieder vom Schutt gesäubert, und die Züge gehen wieder bis Volksrust, wo große Mengen von Lebensmitteln angesammelt werden. Bullers Tnippen sind ebenfalls aufgeschlossen, und wir werden bald hören, daß der Vormarsch begonnen hat."
Die chinesischen Wirren.
Nachdem seit dem 12. ober 13. Juni alle telegraphischen Verbindungen mit Peking, Tientsin und Taku abgerissen sind, war man auf höchst unsichere Nachrichten über die dortigen Ereignisse angewiesen und sind namentlich von Shanghai aus wilde Gerüchte über Ermordung der Gesandten in Peking, Umkehr der Entsatztruppen unter Admiral Seymour, Einäscherung der Millionenstadt Tientsin rc. verbreitet worden. Zum Glück scheint die Lage nach den neuesten Berichten nicht so schlimm zu sein; sicher war die Nachricht von dem Umkehr der Entsatztruppen falsch, vielmehr scheinen diese bis nach Peking vorgedrungen zu sein und die Gesandtschaften dort sich mit den ihnen von den vereinigten Geschwadern vorher zugc- sandten Schutzwachen gegen den chinesischen Pöbel und die Soldateska der Kaiserin-Regentin gehalten zu haben.
Wenn sich aber auch der Gesandten-Mord nicht bestätigt, so bleiben doch die chinesischen Wirren noch gefährlich genug. Durch die heimtückische Beschießung der fremden Kanonenboote durch die Forts von Taku und durch die darauf folgende Erstürmung der Forts ist ein förmlicher Kriegszustand zwischen den zivilisirten Mächten mit Einschluß Japans und dem Reiche der Mitte geschaffen. Die chinesische Regierung hat sich nicht nur ohnmächtig zur Bekämpfung der Boxer erwiesen, sondern diese direkt begünstigt und ihre eigenen Truppen zum Angriff auf die vereinigten Geschwader vor Taku und auf die Landungstruppen übergehen laffen. Nicht nur in Petschili, wo viele christliche Gotteshäuser niedergebrannt wurden, sondern auch in der südlichen, den französischen Besitzungen benachbarten Provinz Aünnan macht die fremdenfeindliche Bewegung Fortschritte.
Die Mächte sehen sich daher vor die Aufgabe gestellt, einen exemplarischen Krieg der Zivilisation gegen die Barbarei zu führen und zwar vor allem zu Lande. Unter den jetzt in Petschili operirenden fremden Truppen sind die Russen am stärksten vertreten, etwa mit 10,000 Mann, und es heißt, daß noch weitere 20,000 Mann in Bereitschaft gesetzt werden sollen; es folgen dann die Engländer, Deutsche, Japaner, Franzosen rc. England bereitet die Entsendung von Ein- geborcnen-Regimentern aus Indien vor, die Japaner ziehen aus Tokio, die Amerikaner aus Manila Verstärkungen heran. Mit dem Dampfer „Köln" sind am 18. Juni 1200 deutsche, ursprünglich zur Ablösung nach Kiautschou bestimmte Mannschaften eingetroffen. Unser Kaiser hat sofort nach dem Einlaufen der ersten Nachrichten über die Bedrohung des Kaiserlichen Gesandten in Peking und über den Kampf bei Taku, wo deutsches Blut geflossen ist, Befehl zur Mobilmachung der beiden Seebataillone in Kiel und Wilhemshaven und zum Auslaufen neuer Kriegsschiffe nach Ostasien gegeben.
Das meiste hängt jetzt von einem einigen Vorgehen der Mächte ab. In der europäischen Presse ist mannigfach von Verhandlungen unter den Kabinetten die Rede, die die Absetzung der alten Kaiserin von China, die zukünftige Regierungsform oder gar die Auftheilung Chinas betreffen sollen. Solche Meldungen können nur von Thoren oder von Störenfrieden ausgehen; denn es liegt auf der Hand, daß vor allem die christliche und frembe Bevölkerung in China geschützt, Genugthuung für die verübten Greuelthaten geleistet und die Ordnung wieder hergestellt werden muß und daß Erörterungen über die zukünftige Gestaltung der Dinge die nothwendige Einigkeit der Mächte gefährden und ihre Eifersucht reizen würden. Das entschlossene Vorgehen unseres Kaisers bürgt uns dafür, daß der auf Deutschland fallende Antheil der Sühne
Der Krieg in Süd-Afrika.
London, 20. Juni. In ihrem militärischen Leitartikel schreibt die „Westminster Gazette" über die Lage auf dem Kriegsschauplatz:
„Die interessanteste Nachricht aus Südafrika, die heute eingelaufen ist, ist nach unserer Meinung der Bericht, daß eine Eisenbahnbrücke an der Delagoa-Bai-Linie zerstört ist und daß infolge dcsfen die Verbindung zwischen Middelburg und Lourcnzo Marqucz unterbrochen ist. Unter den gegenwärtigen Umständen muß diese Unterbrechung auf jeden Fall für einige Tage eine ernste Verzögerung für den Transport schwerer Gegenstände von Osten nach Westen verursachen und könnte wichtige Folgen haben, wenn wir in der Lage wären, von Pretoria aus längs der Eisenbahnlinie nach Osten vor- zurücken. Man kann indessen nicht leicht erwarten, daß Lord Roberts seine Vorbereitungen für die Beendigung des Krieges vor einigen Tagen treffen kann, und diese Zeit dürfte genügen, um die Brücke zu repariren. Es würde interessant sein, zu erfahren, mit welchen Gefühlen Präsident Krüger und seine Vertrauten die Nachricht von der wachsenden Krisis in China aufnehmen. Wir fürchten, daß er geneigt sein wird, sie als eine direkte Intervention der Vorsehung anzusehen, und daß er dadurch beeinflußt werden mag, den Krieg fortzusetzen in der Hoffnung, daß wir uns in einen großen Kampf mit einer europäischen Macht oder gar mit vereinigten Mächten verwickelt finden werden und dadurch gezwungen sein würden, den Haupttheil unserer Armee aus Südafrika fortzunehmen. Wir fürchten, daß er in dieser Ansicht noch dadurch bestärkt werden wird, daß Lord Roberts Botha Bedingungen angeboten haben soll, unter denen er sich bis zum 20. d. Mts. ergeben solle. Er mag dies für ein Zeichen an- fehcn, daß wir den Krieg so bald wie möglich beschließen möchten, weil wir vielleicht unsere Truppen wo anders nöthig haben könnten. Wir können nicht umhin, unsere Meinung dahin auszusprechen, daß die Krisis in China sicherlich nicht dazu angethan sein wird, unsere Schwierigkeiten in Südafrika zu vermindern. Ueber den Verzug von Seiten Rundles und Brabants, den Buren im östlichen Theil der Orange-Fluß- Kolonie ein Gefecht zu liefern, ist viel geschrieben worden. Die Kommentare sind nur zu natürlich und entschuldbar, wenn man sich erinnert, daß diese beiden Generale mehr Truppen zur Verfügung haben als die Buren. Die Ungeduld würde vielleicht weniger groß sc-n, wenn man auf die ungeheuren Schwierigkeiten Rücksicht nehmen würde, die sich unserm Vormarsch in dem Lande bieten, uud wenn man bedenken würde, daß es beinahe unmöglich ist, zu verhindern, daß die wichtigsten Nachrichten über unsere Truppenbewegungen und Pläne dem Feinde sogleich bekannt werden. Die Buren haben den enormen Vortheil vor uns, daß sie über alle unsere