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16 Juni

Paris, 16. Juni. Die verschiedenen Ressorts minister beschlossen nach einer längeren Konferenz, daß die französische Regierung bei den chinesischen Wirren thatkräftiger eingreifen müsse. Sie gaben sofort die nöthigen Befehle zu einer größeren Truppendemonstration. Der Marineminister ver­ständigte seine Kollegen über die Stärke der Infanterie- und Artillerietruppen Frankreichs in den ostasiatischen Gewässern.

Madrid, 16. Juni. Der Ministerrath beschloß, ener­gisch gegen die Steuerverweigerer vorzugehen.

Madrid, 16. Juni. Der Minister des Auswärtigen erklärte, er habe Nachrichten aus Marokko erhalten, welche die Lage in der Hauptstadt Tanger als eine ernste hinstellen. Der Kriegsminister hat ein Telegramm aus Alge­siras erhalten, in welchem berichtet wird, daß drei junge Spanier den Gouverneur von Gibraltar, während decselbe auf spanischem Boden in der Nähe der Stadt spazieren ging, mit Steinen beworfen haben. Man befürchtet infolgedessen einen diplomatischen Konflikt.

London, 16. Juni. Oberst Baden-Powell, der heldenhafte Vertheidiger von Mafeking, ist zum General-Leut­nant befördert worden.

Die Wirren in China.

Der Aufstand in China wird in russischen Re- gierungs- und politischen Kreisen aufmerksam und genau verfolgt. Man steht keinen Moment an, die Lage als äußerst ernst zu betrachten, ja die Frage dürfte nach der in hiesigen maßgebenden Kreisen verbreiteten Ansicht auf ein Jahr hin die ganze zivilisirte Welt beschäftigen. Man glaubt durchaus nicht, daß die Wirren in nächster Zeit beendet sein werden. Rußland als nächster und am stärksten betheiligter Nachbar dürfte das hervorragendste Interesse an den Tag legen, obgleich es nicht allein aktiv eingreifen, sondern, wie von hervorragender Seite versichert wird, besonders mit Deutschland engste Fühlung darin behalten will. Wie ver­lautet, soll demnächst eine wichtige politische russische Persön­lichkeit sich ins Ausland begeben, um für eventuelle Fälle persönlich in Berlin Berathung zu pflegen. Eine sehr her­vorragende politische Persönlichkeit, um ihre Meinung über das zweckmäßigste Vorgehen Rußlands zur Lösung der gegenwärtigen Wirren befragt, äußerte sich dahin : Rußland dürfe sich, wenn eine internationale Aktion gegen China un­vermeidlich werden sollte, keinesfalls in einer Weise in den Vordergrund schieben lassen, die ihm nach Beseitigung der schwebenden Gefahr den ganz besonderen Haß Chinas zuziehen müßte. Rußland müsse darauf bedacht sein, auch bei Ein­mischung in die gegenwärtigen Händel seine Beziehungen zum Reiche der Mitte nicht unheilbar zu verderben. Denn davon könnten in der Zukunft höchstens Dritte prositiren.

Die neusten Telegramme lauten:

Berlin, 16 Juni. Nach einer Depesche desKleinen Journals" aus Brüssel herrscht dort große Besorgniß über die Sicherheit des belgischen Gesandten in

Peking, welcher zusammen mit dem Personal der fran­zösischen Gesandtschaft geflüchtet ist. Seit Montag hat die Regierung keine Depesche ihres Gesandien erhalten. Auch über das Schicksal von 50 belgischen Bahnbeamten, welche sich auf der Flucht nach Tientsin befinden, ist man in größter Besorgniß. Wie dasselbe Blatt aus Petersburg meldet, erhielten die russischen Truppen in der Mandschurei Befehl, sich kampfbereit zu halten.

London, 16. Juni.Central News" erhielt folgendes undatirte Telegramm aus Peking: Der britische G e - sandte hält die gejammte Wache vor der Gesandtschaft. Die europäischen Gesandtschaften, das Zollhaus, die ameri­kanische methodistische Kapelle sind verbarrikadirt. Die Missionen und Kirchen sind der Regierung anvertraut. Von den Ver­stärkungen hört man noch nichts. Die Stadt ist jetzt ver- hältnißmäßig sicher.

Berlin, 16. Juni. Nach einem Telegramm desLokal- Anzeiger" aus London wird aus Tientsin gemeldet: Die Generale Tung und Ma konzentriren ihre Truppen bei Fengtaf. Die Boxer drillen öffentlich in Tientsin. Die aus­ländischen Truppen sammeln sich hier an. Die Russen haben vier große Kanonen mitgebracht sowie viele Wagen mit Vor- räthen an Lebensmitteln. Die französischen Seeleute haben ein Belagerungsgeschütz.

London, 16. Juni. Eine Shanghaier Mel­dung berichtet, daß die Mitglieder sämmtlicher fremder Legationen thatsächlich in Peking ge­fangen seien. Die chinesischen Soldaten zögerten nur noch, dieselben anzugreifen wegen der daselbst aufgestellten Wachen. Jedes Verkehrsmittel zwischen den fremden Ver­tretern und ihren Hilfskolonnen fehlt. Die Mauern von Peking werden von Tausenden von Chinesen vertheidigt und zahlreiche Geschütze seien an den Thoren aufgestellt. General Tung, welcher seine Befehle direkt von der Kaiserin-Mutter erhält, erklärte, kein fremder Soldat werde Peking betreten. Die fremden Vertreter stellten am vergangenen Montag dem Tsung li Damen ein Ulti m a- tum, in welchem sie die sofortige Oeffnung der Thore Pekings forderten. Dasselbe wurde vom Tsung li Damen trotz der darin enthaltenen Drohung, Gewalt anzuwenden, unberücksichtigt gelassen, ebenso ein zweites Ultimatum, welches in ähnlichem Sinne gehalten war. Die Haltung der chinesischen Soldaten wird jeden Augenblick drohender. Die allgemeine Lage ist äu ße rst er n st.

London, 16. Juni.Daily Mail" meldet aus Tientsin, daß die größte Unordnung in dieser Stadt herrscht und daß die englischen Truppen, welche die Eisenbahn benutzen wollten, erst in einigen Tagen in Peking eintreffen können. Rußland sei bereit, größere Truppenmassen nach Peking abzusenden. Ein weiteres Telegramm be­richtetet, ba§ bie internationalen Truppen den Versuch machen werden, die Befestigung vonTaku diese Nacht zu st ü r m e n. General Nieh mit 2500 Mann ist auf dem Wege nach Lou-Kai-Kung, welches in der Mitte

zwischen Tientsin und Peking liegt. Die Truppen des Ge­nerals Tung begeben sich nach Peking.

London, 16. Juni. Die heutigen Blätter halten die Lage in China für sehr ernst und glauben, Admiral Seymour sei genöthigt, in Lang-Fang Truppenverstärkungen abzuwarten. Die Blätter äußern sich günstig über die Bei­legung des franko-englischen Zwischenfalles in Tientsin. Daily Telegraph" erklärt, es liege im Interesse aller Groß­mächte, daß dieselben gemeinsam vorgehen.Daily Mail" kommentirt die Ankunft eines russischen Kriegsschiffes an der Mündung des Dang-Tse-Kiang und erklärt, die> Gründe, welche Rußland zur Rechtfertigung hierfür angegeben habe, seien nicht genügend. England könne Rußland niemals er­lauben, eine führende Rolle in dem Thale des Dang-Tse-Kiang zu spielen. Der englische Einfluß müsse nicht nur nominell, sondern effektiv sein.

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