Beilage M Nr. 115 des Hanauer Anzeiger.
HanM den 18. Mai 1898.
'WW»MWWI8«S»W8a»»MMBSW«awWMMWW^^
Politische und unpolitische Nachrichten.
(Depeschen-Bureau „Herold".)
Berlin, 17. Mai. Die Verleihung des Rothen Adler- ordens 2. Klasse mit dem Stern an den Präsidenten des Reichstages Freiherr» von Buol wird heute im „Reichanz." publizirt.
Berlin, 17. Mai. Die drei Inhaber der hiesigen Pro- duktenstrma Julius Reißner, welche, wie gestern gemeldet, flüchtig geworden waren, haben sich der hiesigen Staatsan- walti^aft freiwillig gestellt.
Berlin, 17. Mai. Gegen den Oberfaktor Grünenthal hat der „Post" zufolge die Reichsbank durch ihren Prozeßbevoll- mächtigten eine Civilklage auf Ersetzung des durch die betrügerischen Manipulationen Grünemhals verursachten Schaden anstrengen lassen. Der Werth des Streitgegenstandes ist auf 196 000 Mk. angegeben worden, woraus zu schließen ist, daß von den von Grünenthal gefälschten Scheinen bisher 196 Stück in Zahl gegeben und zur Kenntniß der Behörde gekommen sind.
Frankfurt a. M., 17. Mai. Zu dem Wiener Dementi ihrer Mittheilung von dem geheimen Staatsvertrage zwischen Oesterreich-Ungarn und Rußland schreibt heute die „Frankfurter Zeitung" : Es war ja zu erwarten, daß man an dieser oder jener Stelle den Versuch machen würde, die auf zuverlässigen Informationen beruhenden Mittheilungen der Frankfurter Zeitung zu dementiren, allein es braucht sich niemand hierdurch irre machen zu lassen, da papierne» Dementis gegenüber harten Thatsachen kein Werth beizulegen ist. Nicht mit Worten sondern nur durch Thatsachen könnten unsere Mittheilungen widerlegt werden, was Vber nicht geschehen wird — das werden auch bald diejenigen ein sehen, welche die Wiener Dementirmaschine in Bewegung gesetzt haben.
Köln, 17. Mai. Der „Köln. Ztg." wird aus Berlin telegraphirt, die Veröffentlichung der „Frsnkf. Ztg. findet in hiesigen diplomatischen Kreisen keinen Glauben. Es galt allerdings längst für sicher, daß zwischen Rußland und Oesterreich-Ungarn bei Gelegenheit des vorigjährigen Besuches Kaiser Franz Josephs in Petersburg eine allgemeine Verständigung über thunlichste Vermeidung von gegenseitigen Konflikten auf der Balkanhalbinsel erzielt worden ist, jedoch wird in hiesigen Regierungskreisen mit aller Ueberzeugung daran festzekalten, daß Oesterreich-Ungarn unter der Leitung des Grafen Goluchowski keinerlei Verpflichtung eingegangen ist, die ein Verlassen des durch den Berliner Vertrag vom Jahre 1878 geschaffenen Bodens in sich schließen würden. Deshalb betrachtet man die Veröffentlichung gerade in den Hauptpunkten als Erfindung. Ein weitergehendes Urtheil muß aufgeschoben werden, bis seitens des Wiener Kabinetts eine zuverlässige Erklärung zu dieser wider die österreichisch-ungarische Regierung Gerichtete Veröffentlichung abgegeben sein wird.
Stvatzburg, 17. Mai. Der Kaiser begab sich heute Vormittag 10 Uhr in Begleitung des Fürsten zu Hohenlohe nach dem Paravefelde und nahm die Parade über die Straß- bürger Garnison ab. Auch die Kaiserin war mit der Fürstin zu Hohenlohe erschienen. Der Kaiser, der die Uniform des Kürassier-Regiments „Königin" trug, ritt zunächst die Front ob. Bei dem Pionierbataillon Nr. 19 ließ der Kaiser die Osfiziere und Mannschaften vertreten, die bei einem hier kürzlich vorgekommenen Unfall beim Brückenschlägen, wo eine s* ^A^^niLW i»
FeNLAsts«.
Portorico.
Von Karl Theodor Machert.
(Nachdruck verdaten.)
Nun ist die liebliche Bai von San Juan zur Wahlstatt geworden und mit dem Geschicke der Hauptstadt wird sich das Portorico's, der zweiten spanischen Antille, entscheiden. Die Spanier, die die Insel entdeckten, — der große Kolumbus selbst war es, der hier zuerst die Kreuzfalne auspflanzte, — tauften sie den „reichen Hafen", weil sie in dem Sande ihrer Bäche das Gold zu finden hofften, nach dem allein fie ja in der neuen Welt trachteten. Das Gold haben sie damals fo wenig gefunden, als neuere Versuche zur Goldgewinnung auf Portorico nennenswerthe Ergebnisse g-habt haben. Und doch verdient die Insel ihren vielversprechenden Namen im vollsten Maße. Denn eine üppige Fülle von Reichthum hat die Natur über sie ausgeschüttet, und auch die liebliche Gabe der Schönheit bat sie ihr nicht versagt. Eine Fahrt längs der Küste von Portorico eröffnet ein wechselndes Panorama anziehender, oft entzückender Bilder. Von der schmalen Küstenebene steigt das Land allmählich zu bedeutenden Bergen empor, deren reich bewaldete, schön geformte Höhen — der höchste Gipfel ist der Dungue im östlichen Theile der Insel, der über 1100 Meter mißt, — weithin sichtbar sind und mit ihren blauen Linien die Landschaft überall in unmuthiger Weise abschließen. Kaum irgendwo trifft daS Auge auf öde Strecken; dichte tropische Wälder wechseln mit Pflanzungen ab, die Ansiedelungen bilden längs der Küste einen fast ununterbrochenen Kranz, aus den Zuckerplantagen steigt der Rauch auf und verräth die rührige Arbeit menschlicher Hände, starke Bäche eilen der See zu, und in ihren lieblichen
Thälern weiten große Viehheerden, und auf der im ganzen recht gut gepflegten Fahrstraße längs der See sieht man auf Pferden von guter Zucht die Seuores und die Serorita's des Weges reiten. Die nutzbare Vegetation und die Wohnungen der Menschen reichen bis in die höchsten Lagen; an den Berghängen steht man weiße Häuser, Kaffee- und Tabaksplantagen. Der Reichthum der Bodenerzeugnisse ist erstaunlich. Die Erde birgt Steinkohlen und Salz, wenn auch freilich nicht in erheblichem Maße. Die ausgedehnten Wälder liefern Bau- und Farbhölzer, Harze, Faserstoffe und zahlreiche Früchte. Das Obst der gemäßigten Klimate, Aepfel und Pfirsich, gedeiht auf Portorico nicht; aber die Apfelsine von Portorico ist vielleicht die schönste der Welt, die Feige, die Granate, der Wein reifen willig und reichlich. Doch bilden neben der Baumwolle, der Kokospalme, der Banane, dem Mais und Reis Kaffee, Zucker und Tabak die Haupt- gegenstände des Anbaues. Der Kaffee-Export von Portorico hat in neuerer Zeit einen enormen Aufschwung genommen; der Tabak wird zu erheblichem Theile nach Kuba geschafft, mit dessen Erzengniß er sich freilich nicht messen kann, während er als Pfeifentabak sich schon lange den Markt erobert hat und bereits unseren Vätern und Größvätern den geliebten Knaster lieferte.
Mit dem Segen der Tropen muß Portorico nun freilich auch manche ihrer Nachtheile in Kauf nehmen. Des Klima vor allem, obwohl es das der meisten Antillen fibertrifft und in den höheren Bezirken des Landes die Akklimatisation der Europäer relativ leicht gestattet, ist doch im ganzen nicht ge= fund zu nennen. Während vom Juni bis zum August eine große Hitze und Trockenheit herrscht, setzt im September die böse Regenzeit ein. Schwere Güsse fallen dann hernieder, verwandeln Felder und Auen in Lagunen und erfüllen die Luft mit giftigen Dünste«, die das Fleisch und alle Lebensmittel schnell verderben und alles der Luft ausgesetzte Eisen
Anzahl Mannschaften ins Wasser gestürzt war, sich bei der Rettung ausgezeichnet hatten. Er reichte einem jeden von ihnen die Hand und übergab ihnen eigenhändig die Rettungsmedaille. Es folgte der zweimalige Vorbeimarsch der Truppen, erst in Kompagnie-, dann in Regimentskolounen. Um 12 Uhr beglb sich die Kaiserin in das Statthalterpalais und fuhr von dort nach dem Bahnhöfe, um die von Metz ein- treffenden Prinz Joachim und Prinzessin Luise zu empfangen. Gleichze tig hielt der Kaiser an der Spitze der Fahnen- koupogme seinen Einrug in die Stadt, überall mit jubelnden i Hechruten begrüßt. Nach der Ankunft der Kaiserin und der f kaisrrlchen Kinder begab sich der Kaiser in das Generalkommando, wo beim tomwandinnden General v. Falkenstein das Frühstück kinginommen wurde. Um 5 Uhr erfolgte die Abreise des Kaiserpaares, wiederum unter stürmischen Hochrufen der Bevölkerung. Statthalter fernst zu Hohenlohe begleitete das Kaiser paar nach dem Bahnhöfe.
Prag, 17. Mai. Mehrere tausend tschechisch-nationale Sozialisier: versuchten gestern Ncchmittag vor der Produktenbörse zu demonstriren, wurden aber von der Polizei auseinander getrieben. Eine Versammlung der Eezialdemokraten auf der Hrtzinsel wurde wegen einer aufreizenden Rede des ®nat giften Kinkel, sowie wegen Bedrohung des überwachenden Beamten aufgelöst.
Budapest, 17. Mai. Gegen den amtlichen Saaten- standsbericht lauten die Priratmeldungen außeiordentlich günstig. Falls die Witterungsverhältnisse andauernd wie gegenwärtige bleiben sollten, dürste auf eine glänzende Ernte zu rechnen sein.
Innsbruck, 17. Mai. Ein böhmischer Student stürzte beim Blumenpflücken vom Hottinger-Gebirg ab und wurde schw-r verletzt aufgefunden.
London. 17. Mai. Eine Petersburger Meldung des „Daily Graphic" besagt, Japan sei entschlossen, gegen eine etwaige Annexion der Philippinen seitens der Union thatkräftigen Einspruch zu erheben.
London, 17. Mai. Lord Salisbury bevef für heute einen Kabinetsrath, um die Antwort auf die Interpellation wegen Chamberlains Rede in Birmingham im Ober- und Unterhause festzustellen. Der „Standard" bleibt dabei, daß es die westafrikanischen Differenzen feien, welche sich in einem ernsten Stadium befinden.
Washington, 17. Mai. Die Rekrutirurg der 125,000 Mann Freiwilligen ist beendet. General Otio wird die für die Philippinen bestimmte Brigade befehligen, und mit seinen Truppen die ihm von Admiral Dewey bezeichneten Punkte besetzen.
Washington, 17. Mai. Die Unzufriedenheit über die letzten Mißerfolge ist in der Zunahme begriffen. Es mehren sich die Stimmen, wclche den Senat anklogen, das Land un- vorbereüet in den Krieg gestört zu haben. Man ist entrüstet über die planlose Kriegssührung und wirst dem Admiral Sampson Unfähigkeit im Flotten-Kommando vor. In offiziellen Kreisen schiebt man alle Schuld an den Mißerfolgen der Presse zu, welche durch Registriren jeder Schiffsbewegung den Spaniern die besten Kundschasterdienste geleistet habe. Mac Kinliy verfügte dieserhalb strengste Zensur gegenüber der Presse.
54^
Das italienische Heer in ernster Zeit.
Die Einzelheiten der aus Italien namentlich von Militärblättern eintreffenden Nachrichten lassen immer deutlicher erkennen, daß die Bekämpfung der Revolution besonders in Mailand sich als eine militärische Leistung darstellt, wie sie die Geschichte der Gegenwart seit der Niederwerfung der Kommune glücklicherweise nicht wieder gezeitigt hat. Der kriegsmäßige Vormarsch von Heersäulen aller tret Waffen von Altssandria und Piacenza aus die aufrührerische Stadt; die Taktik, die innere Stadt Mailand durch Vertheidigung ! der Thore gegen Ueberfluthung mit Insurgenten zu schützen, und das Centrum, den Dowplatz ganz frei zu halten; die vielfache Verwendung von Artillerie in den Straßen, die Organisation der Bekämpfung von Aufrührern auf den Dächern turch Entsendung von ausgesuchten Schützenabtheilurgen nach oben; die militärische Handhabung des gesummten Eisenbahnverkehrs, weil die Gefahr des Uebergangs der Eisenbahnbediensteten zu den Aufständischen nahelag; das Verbot der Bicycle-Benutzung seitens der Militärbehörde, weil die Insurgenten das Rad zur Nachrichtenübermittelung benutzten; die furchtbaren Wirkungen des neuen Jvfanteriegewehres, die Amxutatonen meist unausführbar oder nutzlos erscheinen lassen; das Eingreifen von Abtheilungen des Rothen Kreuzes; aus der anderen Seite die Aufrührer zum Theil mit Gewehren bewaffnet, die für das nationale Scheibenschießen ausgegeben waren: die Verwendung von Petroleum zu Brandlegungen; die Theilnahme von Frauen und Kindern an der Revolution: der Zuzug für die Insurgenten aus einem benachbarten Staat; solche und ähnliche Erscheinungen geben das militärische Bild der städtischen Revolution fin de si6cle. Das italienische Heer hat die Ausgabe ihrer Niederwerfung mit all ihren hochgespannten Anforderungen an militärische Zucht, Kaltblütigkeit und Ausdauer der Mannschaften, an Energie und Entschlußfähigkeit der Offiziere und obern Führung glänzend gelöst. Italien dankt es nur seinem Heer, dieser mit den Schlagworten des Antimilitarismus des allgemeinen Völkerfriedens auch oft von sogenannten staatserkaltenden Elementen bekrittelten und angegriffenen Einrichtung, wenn fein staatliches Gefüge nicht 50 Jahre, nachdem es errichtet wurde, in Trümmer gegangen ist. — Die Niederwerfung der Revolution mußte eine andere Probe der Disziplin vorangehen: Die Einberufung der Jahrgänge der Karabieneri, der Jahres- Üaffe 1872, 73, 74, der im Eisenbahndieuft Ausgebildeten ist überall in vollkommener Ordnung vor sich gegangen. Dieser Ausfall der ungewollten tiefernsten „Probemobil- mechung" ist um so höher zu schätzen, als die neuen Pelloux- j seien Mobilmachungsdestimmungen unter ungünstigsten Verhältnissen ihre erste Anwendung erfahren wußten, als dw j Umwandlung der Distrikte und Depots, der Träger der Mobil- I mochung, noch im Gange ist. — Neben der Aufgabe der weitem Aufrechterhaltung der öffentlichen Ruhe, der gericht- lichen Ahndung der Ausruhrthaten, der Handhabung des Eisenbahndienstes liegt auf den Schultern der Heeresverwaltung schon seit Wochen die Vertheilung von Getreide aus den militär-fiskalischen Speichern an nothleidende Gemeinden. Man ist überzeugt, an diese Vertheilung werden sich nicht häßliche Prozesse und Untersuchungen knüpfen, wie s. Zt. an die Vertheilung von Woblthätigkeitsgeldern an die durch Erd-
E V Wli MWlMMMMEmWIlfflWilM^ W^g^re^ - ^ '
avgreifev. Selbst Bronzekanonen körnen nur durch starken Firniß geschützt werden, und Todte müssen in dieser Jahreszeit sofort begraben werden. Doch seinen Höhepunkt erreicht das Toben der Elemente erst dann, wern sich die marea muerte, das todte Meer zeigt, wenn die See spiegelblank und still liegt, indeß an der Küste gefährliche Brandungen auf steigen. Das ist das sichere Zeichen eines furchtbaren Orkans, und wenn er dann mit Donner und Blitz, mit unermeßlichen Güssen und heftigen Windwirbeln, oft auch mit Erdbeben losbricht, dann kann es geschehen, daß die Wuth der entfesselten Naturkräfte in wenigen Minuten den ganzen Wohlstand der Insel vernichtet, wie es in unserem Jahrhundert z. B. 1819, 1825 und 1867 geschah. Hat sich dann der Orkan ansgetobt, so lacht bald wieder ein heiterer Himmel über der grauenvollen Verwüstung und eine besonders reiche Ernte pflegt auf ein derartiges Naturereigniß zu folgen.
Jahrhunderte lang hat Portorico feine Reichthümer kaum ausgenutzt. Es hat eine sehr langsame Entwickelung durchgemacht, da es von dem großen Strome des Weltverkehrs abseits lag und die Spanier, in ihren Hoffnungen auf Gold enttäuscht, sich lange nicht um die Insel bekümmerten. Um 1600 besaß sie nur zwei, ein Jahrhundert später drei Ortschaften oder Niederlassungen. Seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert ober hat Spanien viel für Portorico gethan, und besonders in der jüngsten Zeit haben der allmächtige Welthandel und das Kapital es aus seinem Dorn- röschenfchlafe aufgestört und überall neues Leben erweckt. Noch bis vor kurzem waren die Verbindungen mit dem Innern so mangelhaft, daß es billiger war, den Reis aus Asien und den Mais aus Nord-Amerika zu beziehen, obwohl beide aus Portorico selbst üppig gedeihen. Aber da z. B. der Transport einer Tonne Kaffee zur Küste 60 Francs kostete, so verfaulten die reichen Ernten und die Kraft des