Zweites Blatt.
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Amtliches Organ für StaSt- unö LanöKrels Hansu.
Erscheint täglich mit Ausnahme der Sonn- und Feiertage, mit belletristischer Beilage.
Ät. 54.
Samstag den 5. März
1898
Weltpoltt» und Flottenfrag«.
Zum Wohlbefinden eines Kulrurvolkes gehört nicht bloß augenblicklicher Wohlstand, sondern auch Machtgefühl und vor allem die Aussicht auf eine gesicherte staatliche Zukunft und die Nachkommen der gegenwärtigen Generation. Diese Fürsorge für die Nachkommen besteht bei den am Weltverkehr und Welthandel stark beteiligten Staaten in der Sicherung von Absatzgebieten für die Erzeugnisse des Heimischen Gewe> befleißes und in der Sicherung von neuen Wodnplötzen, da der heimische Boden in Zukunft noch dichter bevölkert sein wird. England liefert das beste Beispiel für solche Fürsorge, und erst vor einigen Wochen begründete der englische Kolonialminister Chamberlain Englands Streben noch Landerwerb mit der Nothwendigkeit, den Nachkommen Absatzgebiete für ihre Industrie zu sichern und zugleich Wohnsitze für sie ab- zustecken. Der Gedanke an die Nachkommen zwingt den Staat mit unwiderstehlicher Gewalt zu einer weitausschauen- den auswärtigen Politik. Auch wir müssen aus Pflichtgefühl gegen unser eng wohnendes Volk und seine Nachkommen solche Politik treiben.
Deutschland hat mit seinen 53 Vs Millionen Einwohnern die Bevölkerur gszahl überschritten, für welche ber Boden in seiner jetzigen Verwendung als Ackerfläche den Lebensunterhalt zu liefern vermag. Wir führen bereits etwa ein Fünftel bis ein Viertel unseres jährlichen Lebensmittelbedarfs ein. Zugleich ist aber unsere Landwirthschaft mit einigen Produkten, und nach Verarbeitung eines Theiles derselben durch die Industrie mit etwa ein Sechstel an der Gesammtaussuhr über See betheiligt.
Durch die Zunahme der Bevölkerung, durch die Nothwendigkeit, den Haupttheil derselben mittelst Beschäftigung in der Industrie zu unterhalten, dmch den Aufschwung unserer Industrie, durch den wachsenden Wohlstand und die gesteigerte Kaufkraft des Volkes sind wir von selbst zur Vergrößerung unseres Handels gekommen. Deutschland ist jetzt Die zweite Handelsmacht der Welt geworden, und seine Handelsflotte nimmt denselben Rang ein. In unserer Handelsflotte und unsern Handelsbeziehungen besitzen wir große Werthe, um die wir beneidet werden, und die geschützt und vertheidigt werden müssen.
Eine Schädigung und zeitweise Hemmung unseres Seehandels im Kriege, sei es durch Wegnahme und Zerstörung unserer Handclsscbiffe oder durch Blockirung unserer Küsten, kann bei dem scharfen Wettbewerbe aller bedeutendem Nationen im Weltverkehr unS für immer aus der Reihe der Großmächte verdrängen. Die Hoffnung, daß die durch die mangelnde Seegeltung verlorenen Handelsbeziehungen nach einem glücklichen Landkriege wieder ohne weiteres erneuert werden könnten, ist äußerst gering und selbst dann unsicher,
wenn Deutschland nach dem Kriege seine Seemacht mit ungeheuern Kosten stark vergrößern würde.
Aus alledem folgt: wir müssen uns mehr Geltung zur See verschaffen. Das politische Streben Deutschlands muß darauf gerichtet sein, sich als Seemacht bündnißfähig und als Bundesgenossen begehrenswerth zu machen. Sind wir zur See beachtenswerth, so haben wir die nöthige Grundlage zum Mitwirken an den Geschicken des Erdballs und zur Durchführung einer den eigenen Wohlstand fördernden Handelspolitik.
Augenblicklich steht das deutsche Reich vor der wichtigen Entscheidung über die vom politiscten und fachmännischen Standpunkte aus für Deutschland als nöthig erkannte Seemacht. Die Annahme der Marin evorlage „om Parteistand- punkte abhängig machen zu wollen, bedeutet ein Verkennen der Wichtigkeit dieser für die Zukunft der ganzen Nation entscheidenden Lebensfrage.
Politischer Wochenbericht.
Aus Anlaß der Rekruten Vereidigung in Wilhelmshaven hieltSeineMajestät derKaiser eine Rede, in welcher in sinnvoller Anknüpfung an die Farben der deutschen Flagge der Gedanke Ausführung fand, daß Kriegsmacht und militärische Wehrkraft ersoroerlich feien, um der Nation den Frieden und der stillen Arbeit des Bürgers ihr Gedeihen zu sichern.
Im Reichstage hat die Berathung des Etats des Reichseisenbohnamtes stattgefunden. Da dem Reiche nach Artikel 43 der Reichsveifassung die Sorge für die Sicherheit der einzelstaatlichen Bahnen und ihre dem Verkehrsbedürfnisse entsprechende Ausstattung mit Betriebs Material anvertraut ist, so gaben die Etats-Verhandlungen zu weitgehenden Erörterungen Anlaß. Der Präsident des Reichs-Eisenbahnamts war in der Lage, über Maßnahmen, die neuerdings zur Verhütung weiterer Unfälle getroffen sind, Angaben zu machen, welche sicherlich nicht verfehlen werden, nachhaltige Beruhigung zu stiften.
Das Hauptinteresse des Tages gehört nach wie vor der gegenwärtig in der Budget-Kommission des Reichstages zur Berathung stehenden Flotten- Vorlage. Ueber das endgilt'ge Schicksal des Gesetzes läßt sich, obwohl der bisherige Gang der Verhandlungen zu den besten Hoffnungen berechtigt, ein sichere- Urtheil zur Zeit noch nicht abgeben.
Die innern Verhältnisse Oesterreichs sind seit dem Austritt der Deulschen aus dem Präger Landtage so zerfahren, daß es fraglich erscheint, ob Ministerpräsident Gamsch bis zum Zusammentritt des Reichsraths wieder Herr der Lage werden wird. Der Ministerpräsident verfügt nicht mehr über die Mehrheitsparteien, die sich überdies gegenseitig mit
Mißtrauen betrachten; anderseits aber hat er auch die deutsch Minderheit noch nicht völlig sür sich gewonnen. Die czech scheu Blätter künden schon jetzt heftige Gegnerschaft gegen Gautsch an, der sich daher zweifellos bemühen wird, mit den Deutschen weitere Fühlung zu suchen.
Im ungarischen Abgeordnetenhaus- ist ein Gesitzmtwurf eingebracht worden, durch welchen der 1L April als Tag, an welchem König Ferdinand V. die epochemachenden 1848er Gesetze bestätigte, für alle Zeiten zum Nationalfeiertage erklärt wird. Die Wahl des Tages wird allenthalben als eine glückliche bezeichnet, da durch dieselbe rer Krone die Möglichkeit geboten wird, das Wiegenfest der konstitutionellen Verfassung des ungarischen Volkes mit bieiem vereint zu begehen, und so der innigen Harmonie zwischen KönigshauS und Nation auf alle Zeiten hinaus eine neue Festigung erwächst.
Der P r »z e ß Z o l a hat in der französischen Kammer sein Nachspiel gefunden. Der Ministerpräsident Möline suchte bei der Erörterung der auf jenen Prozeß bezüglichen Anträge die Besorgniß vor etwaigen Anschlägen der Offiziere auf die Republik zu zerstreuen und gebrauchte dabei die Wendung: „Unsere Offiziere werden von ganz andern Tr ä amen angestachelt." Damit war, wie auch der nachfolgende lebhafte Beifall deutlich zeigte, der Revanche-Gedanke gemeint. Dits-r Appell an die nationale Leidenschaft seitens deS verantwortlichen Leiters der französischen R-publik beweist, daß sich die Machthaber einer bedenklichen innern Gefahr bewußt sind und die Aufmerksamkeit von den zu Tage getretenen Mißständen abzulenken suchen.
Bezüglich bei englisch französischen Jntereffenstreits im NigerdogenWeftafrikas liegt neuerdings eine Aeußerung des französischen Ministers des Auswärtig n Harotaux vor, worin derselbe erklärt, die wichtigen Verhandlungen, die augenblicklich mit England stattfänden, legten ihm besondere Zurückhaltung auf, doch berechtigte alles zu der Hoffnung auf Verständigung.
Die Nachforschungen aus Anlaß des auf den König von Griechenland verübten Mordanschlags haben bereits zur Entdeckung der beiden Schuldigen geführt. Man vermuthet, daß ein förmliches Komplott oder eine weitverzweigte Verschwörung zur Ermordung des Königs Georg bestanden habe. Wahrscheinlich sind anarchistische Bestrebungen die Triebfeder gewesen. Allenthalbrn gibt sich herzliche Theilnahme kund. Adressen kommen zu Hunderten im Palais an.
Aus O st a s i c n verlautet, Rußland dringe fortgesetzt auf Entlassung der im chinesischen Dienste stehenden britischen Eisenbahn-Ingenieure. Zugleich wird gemeldet, der Kreuzer „St. Petersburg" sei mit über 1000 Mann und Garnifons- vorrath nach Wladiwostok abgegangen.
Feuilletsir.
In der Hölle des Glücks.
Monte-Carlo, 2. März.
In langer Reihe stehen sie da, sie drängen und stoßen sich, sie können den Augenblick nicht erwarten, da die Spielsäle sich öffnen und sie durch die Pforten schreiten, hinter denen das Glück zu finden sein soll.
Selten wild Jemandem verwehrt, hier sein Glück zu suchen, aber dennoch ist der Eintritt in den Spielsaal mit anscheinender Umständlichkeit verknüpft, durch welche eine ge- «isse Form gewahrt werden soll.
Der offizielle Titel der Spielgesellicha't lautet; „Societe des Bains de Mer et Cercle des Etrangers“, und dieser so vertrauensvoll ktingmde Titel, der soviel Gesundheit und Anregung verspricht, muß äußerlich durch bestimmte Aufnahme- Formalitäten gewahrt werden. Auf Grund einer höchst amtlichen Legitimation, uämlich einer Bitten karte, erhält man ein nur für einen Tag giltiges Eintrittsbillet, das man in Gegenwart eines Beamten unterzeichnen muß; beansprucht man eine Dauerkarte, so wird eine Art Legitimation gefordert, mit der man es natürlich leider ebenfalls sehr ernst nimmt. Sie werden fast alle Gäste oder Mitglieder der Soziö s mit dem verheißenden Titel und Punkt zwölf Uhr, wenn die Thüren sich öffnen, dann stürmen sie herein, dann laufen sie in wilder Hast zu den grünen Tischen, um noch einen Sitz zu erlangen.
Das Geld wird den Croupiers zugezählt, die Geldrollen mit den Louis und den PloqueS genau gewogen. Die Ploques sind goldene 100-Francsstücke, mit dem Bildniß bei Fürsten von Monaco, sie werden in Frankreich geprägt, haben einen effektiven Werth von 92 Francs und nur hier den
36. „ Hättest Du ehrlich auf Dein Alter gesetzt, darn würdest Du gewonnen baben", bemerkt ungalant ihr Gatte.
Viel erfahrene Spieler sind der Meinung, daß die Kugel meistens in die Nähe der vorangegangenen Nummer hinrollt, und wenn z. B. 18 herausgekommen ist, bann besetz-n sie g'wödnlich die in der Umgebung dieser Zahl befindliche Fel- ■ der; sie bedienen sich hierzu bestimmter Tabellen, in denen die Eintheilung der Roulette genau angegeben ist; einzelne Spieler richten sich nach den Croupiers, von denen ihrer Ansicht nach einige ruhiger, andere erregter drehen, die Vorsichtigen sitzen gewöhnlich nur Rouge et Noir oder Fair und Impair, sie lessen ihren Gewinn zwei, drei, vier Mal stehen, um ihn dann bei aller Vorsicht mit der zierlichen Schaufel des * Croupiers wegscharren zu sehen, Andere w ederum spekuliren auf das sprichwörtliche Glück der Bank und setzen auf Z6ro; sie lernen das Glück der Bank kennen, denn Zero bleibt dann gewöhnlich aus. Widerlich ist das Treiben der Frauen, die Religion und Spies in Verbindung bringen, vor ihren Plätzen Amuletts, Heiligenbildchen und Rosenkränze liegen haben und wahrscheinlich außerdem noch während des Drehens der Kugel ein frommes Gebet zum Himmel senden. Beim Trente et quarante ist weder dem Aberglauben noch dem System ein weiter Spielraum gegönnt, denn hier gibt es im Gegensatz zum Roulette mit seinen zahlreichen Kombinationen eigentlich nur vier Charcen, rouge et noir, und couleur und Invers; couleur hat gesiegt, wenn die erste aufgeschlagene Karte z. B. roth ist und roth gewinnt, Invers, wenn die Farbe der ersten Karte z. B. schwarz ist und roth gewinnt. Die richtigen Trente-et-quarante-Spi.Ier nützen hier die Serien aus^ sie bleiben stets auf der soeben heraus- gekommenen Farbe, sie foteiren die Serie. Manchmal haben sie Glück, wie jener Italiener, der neun mal hintereinander Roth traf, seinen Gewinn stehen ließ und so mit feinem letzten 20-Francsstück über 10 000 binnen wenigen Minuten
vollen Münzwerth von 100 Francs. Die Croupiers haben bereits ih r Plätze eingenommen. Jeder Tisch hat sechs Croupiers und zwei auf erhöhten Sesseln plazirte Kon- troleure.
Zwei Minuten nach zwölf Uhr sind die Säle dicht gefüllt. Hinter denen, die glücklich einen Sitz errungen haben, stehen Hunderte, welche den Croupiers Satzweisungen geben oder sich über die Sitzenden hinüberbeugen; doch das stört nicht, die Spielleidenschaft ist bereits rege geworden, sie stumpft alle anderen Empfindungen ab.
„Faites votre jeu, messieurs", noch eine kleine Pause, dann „Rien ne va plus", die Kugel rollt, sie entscheidet hier manchmal Menschenschicksale.
Ein ernstes, beinahe düsteres Bild trotz seines Glanzes. Der fromme maurische Stil, in dem die Spielsäle gehalten sind, nimmt ihnen jeden freudigen Charakter, und das aus stumpfen Scheiben hernieder fall-nde Oberlicht verleiht diesen Räumen j n«s ungemüthliche Halbdunkel, das eine gewisse Beklommenheit hervorruft. Jede laute Unterhaltung ist verpönt, man hört nur die stereotypen Ausrufe der Croupiers; über all diesen Stätten und Menschen lagert jener der Hoffnung und der Angst entspringende schwüle Druck. Fast jeder hat sich sein System zurechtgelegt, nach welchem er spielen und gewinnen will. Der Eine setzt die Nummer seines Hotelzinmers, der Andere die des Coupees, das ihn nach dem vermeintlichen Glücksland geführt hat, der Dritte das Datum seines Geburtstages, der vierte seine Garderobennummer und der fünfte die Zahl, die er nach Einwurf eines Zehn-Centimes-Stückes aus dem Zahlautomaten zieht, der eigens für diesen Zweck in dem vom Bahnhof nach dem Kasino führenden List aufgestellt ist und natürlich sehr prosperirt.
Eine Dame sagt: „Ich werde es einmal mit meinem Alter versuchen!" Kokett setzt sie 27, die Kugel rollt auf