Einzelbild herunterladen
 

Säge zu Mr. 177 des Hanauer Än^t^er.

Hanau den 31. Juli 1897.

Politischer Wochenbericht.

Der preußische Landtag ist endlich geschlossen worden, nachdem das Abgeordnetenhaus den Vereinsgesetzentwurf in der Fassung des Herrenhauses mit 209 gegen 205 Stimmen verworfen hatte. Der Minister v. d. Recke hatte in über­zeugendster Weise die für den Erlaß des Gesetzes und für das selbständige Vorgehen Preußens sprechenden Gründe dar­gelegt. Nach ihm ergriff der Vizepräsident bei Staats­ministeriums, Dr. v. Miquel, das Wort, um den staats er­haltenden Parteien die Eintracht und Sammlung aller Kräfte sowie die Annahme des Gesetzes im vaterländischen Interesse zur Pflicht zu machen.

Unser Kaiser hatte im Laufe der Woche seine Nord­landsreise fortges'tzt, nachdem sein Unfall ohne störende Ein­flüsse auf den Organismus des Auges vorübergegangen war. Er machte wiederholte Ausflüge in die herrliche norwegische Gebirgswelt und ist nunmehr im Begriff, den vaterländischen Gest' dm wieder zuzustreben.

Die Friedensverhandlungen zwischen der Türkei und Griechenland sind um einen guten Schritt vorwärts ge­kommen, nachdem die Türkei dem Drängen der Botschafter der Großmächte nachgegeben und auf eine größere Gediels- entichädigung in Thessalien Verzicht geleistet hat. Zur Zeit bildet die griechische Kriegskostenzahlung den Hauptpunkt der Verhandlungen zwischen den Bevollmächtigten der Mächte. Von deutscher Seite wird in sehr dankenswerther Weise auf die Einführung einer europäischen Finanzkontrolle über die griechische Staatswirlhschaft gedrungen, damit die älteren Staatsglänbiger Griechenlands durch die neuen griechischen Kriegsentschädigungspflichten nicht ganz um ihr Geld geprellt werden, wozu in Griechenland stets große Neigung vor­handen ist. Der endgültige Friedensabschluß dürste aber kaum bald zu erwarten sein, da sich englische Intriguen zur Zeit wieder recht bemerkbar machen.

In einem viel bemerkten Artikel derHamb. Nachrichten" wurde schon vor wenigen Tagen auf die Bemühungen Eng­lands hingewiesen /Oesterreich für seine selbstsüchtigen Pläne zu gewinnen, nachdem es die Aussichten auf deutsche Aufopferungsdienste für englische Interessen für immer hat aufgeben müssen. Das Blatt machte auf verschiedene An­zeichen aufmerksam, die eine erfolgreiche, von London aus betriebene Aktion zur Annäherung Oesterreichs an Frank­reich und England erkennen ließen. Als letztes Ziel wurde eine kriegerische Auseinandersetzung zwischen Oesterreich und Rußland wegen der orientalischen Verhältnisse unter französisch-englischer Begünstigung hingestellt, welche zugleich Deutschland zur Parteinahme für einen Theil oder zur völ­ligen Isolirung, in jedem Fall aber in eine überaus kritische Lage bringen müßte. In diese Erwägungen hinein ist nun die vlötzliche Reise des österreichischen Staatsleiters, des Grafen Goluchowski, nach Paris gefallen.

Im englischen Parlament hat man sich inzwischen mit der Spezialdebatte über die Arbeiter-Unfallversicherung und mit dem Bericht über die Untersuchung gegen Rhodes beschäftigt, wobei von den Radikalen laut geradelt wurde, daß es in England zweierlei Recht gäbe und Leute wie Rhodes dort wegen ihres politischen Einflusses unbehelligt blieben, obwohl eine ungeheure Schuld sie belaste.

I Spanien hat nicht nur in Kuba neue Schwierigkeiten gehabt, sondern auch sehr unter den sozialrevolutionären Um­trieben zu leiden. In dem alten Auarchisteuherd zu Barcelona und Saragossa sind wiederum Ruhestörungen vorgekommen. Auch in der Nähe von Santander erfolgte ein Dynamitan­schlag gegen den Alkalden. Aus Nord-Spanien ist gemeldet worden:Während die Königin-Regentin, der König und die Prinzessinnen in einem Gehölze bei San Sebastian spazieren ginge», schoß ein junger Mensch in der Nähe auf Vögel. Einige Schrotkörner schlugen unweit der königlichen Familie ein." Das klingt sehr harmlos, ist aber jedenfalls nicht leicht zu nehmen, sondern ein Zeichen dafür, zu welcher Ge­fahr die Sozialdemokratie in ollen Ländern ausartet.

Japan hat sehr energisch den amerikanischen Polüikern die Zähne gewiesen. Es hat Protest gegen die Einverleibung Hawaiis erhoben und ziemlich deutlich durchblicken lassen, daß es zum Aeußersttn entschlossen ist, wenn die Amerikaner nicht nackgeben.

In Ostindien ist England noch immer nicht Herr des Ausstandes geworden. Verschiedene Uebersälle der Inder auf englische Truppen sind erfolgreich gewesen.r.

Politisch« und unpolitisch« Nachricht«,,.

(Depefchen-BureauHerold.")

Berlin, 30. Juli. Anläßlich des 87. Geburtstages und des 70jährigen Dienstjubiläums des Generalfeldmarschalls Grafen von Blumenthal sind demselben zahlreiche Glück- wunschbepeschen, darunter auch vom Kaiser und deutschen Fürsten zugegangen.

Berlin, 30. Juli. Reichskanzler Fürst Hohenlohe wird derNordd.Agem.Ztg." zufolge am Sonntag aus Alt-Ausfee zurückerwartet. Demselben Blatt zufolge ist der Botschafter Freiherr v. Thielmann heute hier eingetroffen.

Berlin, 30. Juli. DerReichsanzeiger" sagt zu der Blättermeldung, daß der Kaiser-Wilhelm-Kanal noch durchaus nicht für den Kriegsschiff-Verkehr genüge, weil er nicht tief

genug sei, und es sei an der Zeit, ihn zu vertiefen, diese Nachricht beruhe auf einem Irrthum und auf einer Unkennt- niß der Verhältnisse. Die Wassertiefe und die Passage der Krümmungen des Kanals genüge in jeder Weise für die größten deutschen Panzerschiffe. Derartige Nachrichten sollten unterbleiben. Sie seien geeigi et, Beunruhigung hervor­zurufen.

Berlin, 30. Juli. Wie dasBerl. Tagebl." erfährt, ist der Chef des Milnärkabinets, General von Hahnke, in sehr ernster Weise erkrankt.

Berlin, 30. Juli. Der Vizepräsident des Staats­ministeriums Herr v. Miquel, sowie der Minister des Innern Freiherr v. d. Recke haben sich heute Nachmittag l1/* Uhr nach Kiel begeben. Wie dieStaatb. Ztg." meldet, ist das kaiserliche Telegramm, welches die Minister nach Kiel berief, bereits gestern Morgen hier eingetroffen. Infolgedessen war die für heute Mittag 12 Uhr anberaumte Sitzung des Staalsministkriums abbestellt worden. Noch gestern Nach­mittag sind die hier anwesenden Minister zu einer kurzen Be­rathung zusammengetreten. Der Chef des Zivilkabimts von Lucanus, der heute Abend vom Urlaub aus Gastein hierher zurückkehrt, wird voraussichtlich in den nächsten Tagen nach Kiel abreisen.

Berlin, 30. Juli. Fortwährend laufen Nachrichten ein über Ueberschwemmungen in der Lausitz, in Schlesien und Oesterreich. So wird aus Zittau gemeldet, daß das Hoch­wasser, welches alle früheren Ueberschwemmungen übertrifft, ganze Getreide-Borken und viele Möbel mit sich führt. Häuser und Brücken sind gefährdet; der Eisenbahn Verkehr nach Reichenau-Oybin und Reichenberg ist unterbrochen. Das Wasser ist noch im Steigen. Der untere Theil der Stadt Zittau ist völlig unter Wasser. Bei Eiber ist ein Eisenbahn­zug entgleist. Die Spreebrücke bei Ebersbach ist fortgerissen. Ein Arbeiter ist dabei ertrunken. Am Bahnhof zu Alt- und Neu-Gersdorf ist ein großer Fabrik-Neubau eingestürzt. Auch aus der Eörlitzer Gegend werden bedeutende Ueberschwem- mungen gemeldet. Sämmtliche Fabriken in Seidenberg mußten den Betrieb einstellen. In Dresden eingelausene Telegramme bringen gleiche Hiobsposten aus der Umgegend von Pirna. Aus Warmbrunn wird gemeldet, daß auch dort mehrere Wolkenbrüche niedergegangen sind, welche großen Schaden ver­ursachten. In Glatz richtete das Hochwasser nicht minder großen Schaden an. Glatz selbst steht zur Hälfte unter Wasser. Auch Reichenberg ist zum Theil überschwemmt. Mehrere Menschen sind ertrunken und Häuser eingestürzt. In Laibach ging ein schweres Gewitter nieder, später trat Schneefall ein. Die Berge Ober-Kärnthens sind mit frischem Schnee bedeckt. Die Aussee ist ausgeufert und überschwemmt weite Strecken Landes. Auch aus Ungarn laufen Ueber- schwemmuugsnachrichten ein. Ueber Berlin und dessen Um­gebung sind heute Vormittag ebenfalls große Regenmassen niedergegangen. Aus Trautenau wird gemeldet, vaß auch dort das Unwetter schweren Schaden angerichtet hat. In Marsdiendorf sind viele Häuser eingestürzt, darunter auch das Bezirksgerichtsgebäude.

Kiel, 30. Juli. Der Kaiser ist heute Vormittag 10'/, Uhr auf derHohcuzollern" hier eingetroffen. Am Dienstag erfolgt die Weiterreise nach Kronstadt mit dem ersten Geschwader.

Hirschberg i. Schl., 30. Juli. Das Hirschberger Thal ist seit gestern Abend von einer sehr schweren Hoch­wasser-Katastrophe heimgesucht, welche unübersehbaren Schaden anrichtet. Mehrere Personen ertranken. Viele Straßen der Stadt zum Theil auch die Häuser stehen unter Wasser. Rettungsversuche für die Ertrinkenden waren oft unmöglich, weil es an Kähnen mangelte. Ein Jäger-Bataillon ist zur Hilfeleistung bei den Rettungsai beiten herangezogen. Die Eisenbahnzüge sind ausgeblieben.

Wien, 30. Juli. Das noch immer anhaltende Regen­wetter nimmt den Charakter einer Katastrophe an. Von allen Seiten laufen Hiobsposten ein. Die Hei er gelegenen Stadt­theile stehen unter Wasser. Viele Bewohner mußten aus- quartieeen. Die Zufuhr von Lebensmitteln stockt. Alle Preise sind rapid gestiegen. An der Schworzenbergbrücke ist ein Gerüst einpestürzt, wobei fünf Arbeiter in den Fluchen der hoch angeschwollenen Wien ertranken, die übrigen konnten sich retten. Der Södbahn-Viadukt bei Baden hat sich ge­senkt. In Reichenberg und Jägerndorf sind viele Häuser ein gestürzt. Ischl ist überschwemmt, ebenso der Badeort Eich­wald bei Teplitz. Nachrichten aus Steiermark, Galizien und Ober-Oesterreich lauten ebenso besorgnißerregend. Der Tele­graphen- und Telephonverkehr ist größtentheils gestört.

Witterungsbericht.

Voraussichtliche Witterung: Meist heiteres Wetter; im Süden zeitweise Niederschläge.

Volkswirthschaftücher Theil.

Nr. Hanau, 30. Juli. (Börs en-Wochenbe- richt.) Die Ernteberichte haben diese Woche für die Börsen eine ausschlaggebende Wirkung geübt. Alle österreichisch- ungarischen Werthe waren mehr oder weniger gedrückt, weil die Wiener«se den ungünstigen Meldungen über die heu­rige Ernte keinen rechten Widerstand leisten kann, zumal

taneben die innere Politik des Kaiserreichs zu mancherlei Bedenken Anlaß gibt. Dagegen waren dir guten Nachrichten aus den Vereinigten Staaten eine große Stütze für die amerikanischen Werthe, im Besonderen aber auch für die Stimmung im Allgemeinen.

Die Friedensverhandlungen ziehen sich schleppend hin. Der augenblicklich in Rede stehende Punkt ist vielleicht für das deutsche Publikum der wichtigste. Es handelt sich näm­lich um die KriegSkostenentschädigung und deren Sicherung unter Wahrung der Interessen der seitherigen Gläubiger Griechenlands. Man hat daraufhin die griechischen Werthe erheblich gesteigert, was uns nicht sehr gut begründet zu sein scheint.

Auf dem Gebiete der Bankpapiere und der Werthe der Montanindustrie sind weitere Besserungen zu konstatiren, auf günstige Derkehrsmeldungen und leichten Verlauf der Abrech- nnng für den zu Ende gehenden Monat.

Frankfurter Kurse am 22. Juli am 29. Juli

3'/,'/» Preuß. Konsolâ 104.15 104. 8°/» 98.10 98.15 Oesterr. Goldrente 104.95 104.85 Kreditaktien 3137/e 3127/» Staatsbahnaktien 2961/* 293'/, 4°/e Ungar. Goldrente 104.40 104.20 5/ Italiener Rente 94.30 94. 3'/, Portugieser 23.60 22.95 Diskonto-Comm.-Anth. 207.10 208. Berliner Handelsgesellschaft 170. 174.10 Laurahütte 161.45 165.90 Harpener Bergbau 185.05 190.30

* Berliner Getreibemarkt - Bericht. Die Witte- rungsverhältniffe, welche in letzter Zeit den Ernrearbeiten wenig güustig gewesen sind, haben der Auswärts bewegung für Brotgetreide neue Nahrung gegeben. Von den steigenden Märkten Frankreichs und Oesterreich Ungarns ausgehend, er­greift die Bewegung die leitenden Börsen Nordamerikas und übertrug sich »on dorther wiederum auf Europa. Ganz West Europa bil an die Nordküste des Kontinents war beim Eineenten vom Wetter begünstigt, Mittel- und Ostdeutsch­land litten unter anhaltender, nur von wenigen trockenen Tagen unterbrochener Nässe. In den letzten Tagen werden Niederschläge über ganz Deutschland gemeldet und lassen für die auf dem Felde liegende Rogzenernte. fürchten. Ohne Qualitâts Verschlechterung des Roggens dürfte es kaum ab- gehev. Am Berliner Markte war der Verlauf wie früher; vorhandene Waare fand Abgang, und die Mühleninstitute hatten lebhaftes Geschäft. Russischer Roggen aus frühern Verschlüssen wurde lebhaft gehandelt und Wei zen und Roggen vom Äu-lande erworben. Ganz zuletzt trat auf dem Welt­märkte uns am Berliner Platze eine Abschwâ chung ein. Hafer war in feinen inländischen Sorten knapp und höher, das geringe Angebot erschwerte das Geschäft. Auch Mais war reger begehrt, weil gute Boder waare knapp wird.

Marktberichte.

MagbeburH, 30. Juli. Kornzucker exkl. von 92 pCt... neue., Kornzucker exkl. 88 pCt. Rendement 9.259.45, neue ., Nachprodukte exkl. 75 pCt. Rendement 6.657.15. Ruhig. Brodraffinade I. 2350, Brodraffinade IL., Raffinade mit Faß 23.25, Gem. Melis I. mit Faß 22.50. Ruhig. Rohzucker L Produkt Transito f. a. B. Hamburg per Juli 8.20 Ä. 8.30 Br., per August 8.27V, G. 8.30 Br., per September 8.35 $ 8.40 Br., per Oktober - Dezember 8.47V, G. 8.52V, Br., per Januar- Mürz 8.70 K. 8.75 Br. Behauptet.

Wien, 30. Juli. Weizen Herbst 10.84, Weizen Frühjahr .. Roggen Mai - Juni., Roggen Herbst 8.60. Hafer Mai-Juni., Hafer Herbst 6.33. Mais Oktober 4.97, RepS neuer 13.35.

Patent-Ertheilungen.

Nr. 93 936. Verfahren zum Färben von Halbwolle im sauren Bade mit basischen Safraninazofarbstoffen. Farb­werke, vorm. Meister, Lucius u. Brüning in Höchst a. M., vom 12. Juni 1896 ab. Kl. 8.

Auszüge an8 dem Amtsblatt Königlicher Regierung zu Cassel.

Oberrodenbach. Im Wege der Zwangsvollstreckung sollen die im Grundbuche von Oberrodenbach aus den Namen des Schuhmachers Joses Börner (Adams Sohn) in Ober­rodenbach eingetragenen, in der Gemarkung von Oberroden­bach belegenen Grundstücke am 1. Oktober 1897, vormittags 9 Uhr, vor dem Königlichen Amtsgericht zu Hanau, Abth. II Marktplatz 18, Zimmer Nr. 14 versteigert werden.

Schiffsbericht.

Der DampferPersia" ist am 28. Juli, 4 Uhr nachmittags, wohlbehalten in New-Dork angeksmmen.

Bremen, 29. Juli. Der Dampfer des Norddeutschen LloydHavel" ist gestern in New-Aorl eingetroffen.

Erprobt seit 1880 u. belobt in tauf. Zuschrift, ist nur der Holl. Tabak, 10 Pfd. lose im Beutel fco. 8 Mk. bei B« Becker in Seesen am Harz. 3619