Beilage zu Nr. 253 des Hanauer Anzeiger
Freisinnige Politik.
Die Abhaltung von Provinzial-Parteitagen wird von den Freisinnigen fortgesetzt: am letzten Sonntag fand ein solcher Parteitag für Rheinland und Westfalen in Hagen statt, der Stätte, welche ihren Freisinn bisher zur Genüge durch die Wahl Eugen Richters bekundet hat, der denn auch diesmal erschien und die Hauptrede hielt, um seine Gesinnungsgenossen von Neuem anzufeuern und zu begeistern. Die Mittel, deren er sich hierbei bediente, verdienen etwas näher in's Auge gefaßt zu werden, weil daraus hervorgeht, wie er die freisinnige Partei nach dem großen Krach, den sie am 21. Februar erlebte, wieder flott machen zu können glaubt.
Zunächst beginnt er mit einer Verhöhnung des Wahlresultats vom 21. Februar und der Gesinnungen, welche das deutsche Volk an diesem Tage zu seiner Ehre und zu seinem Ruhme vor aller Welt bekundete. Das „Angstprodukt", welches bei Herrn Richter förmlich zur fixen Idee geworden ist, wird selbst in einem Augenblick, wo über Boulangers krie- geri'che Absichten während des vergangenen Frühjahrs nachträglich unumstößliche Beweise zum Vorschein kommen, aufrecht erhalten, und daraus, daß Boulanger „im Arrest sitzt", die „Baracken faul geworden" sind u. s. w. geschlossen, daß die Kriegsbesürchtungen nur Wahlmanöver waren und nur ausgestreut wurden, um einen Reichstag zu erhalten, der neue Steuern bewilligt. Herr Richter stempelt damit das deutsche Volk zu Marionetten und die Regierung zum Regisseur eines Puppentheaters. Diese jeden sittlichen Ernstes und nationalen Sinnes baare Auffassung ist für uns nur dadurch interessant, daß sie beweist, welche Grundsätze Herr Rickter selbst in der Politik für zulässig und anwendbar hält. In der That glaubt er dem deutschen Volke Alles, gleichviel was, vormachen und auf diese Keise endlich der Regierung und den nationalen Parteien den Rang ablaufen zu können.
So wird der Sieg der Freisinnigen bei der Reichstagswahl in Sagan Sprottau in alle Welt hinausposaunt als ein Zeichen der Umkehr des deutschen Volks, während doch eben noch die Landtagswahl in Sagan- Sprottau, wie die Wahlen in Sachsen und Baden den Beweis geliefert haben, daß das deutsche Volk den Geist zu pflegen und zu erhalten bereit ist, welcher den Widersachern der nationalen Politik im Februar ein so gründliches Fiasco bereitete. Aber Herr Richter läßt sich dadurch nicht beirren; ihm kommt es nicht auf Thatsachen, sondern nur darauf an, dem Volke etwas so lange vorzureden, bis es geglaubt wird. In derselben Weise wird jetzt die „Vertheuerung der nothwendigen Lebensmittel" als Agitationsmittel gebraucht. Wenn — so denkt er — immer und immer wieder dem armen Manne vorgeredet wird, daß die „Agrarier" ihm das Brod wegnehmen, dann muß es endlich geglaubt werden. Auf die Thatsache, daß die Kornzölle das Brod nicht im geringsten vertheuert haben und daß die Lebensmittel jetzt so billig sind wie seit langem nicht, wird keine Rücksicht genommen: für Herrn Richter und Genossen gibt es nur ein Ziel, das Volk gegen die nationalen Parteien aufzuhetzen, sich zu diesem Ziele gleichviel welcher Mittel zu bedienen und ihm die Freisinnigen als die besten Freunde vorzustellen.
Daß viele Tropfen den Stein höhlen und daß hier und da die I
fortwährenden Anklagen auch einmal auf fruchtbaren Booen fallen, ist nur zu natürlich und soll auch nicht bestritten, kann auch nicht verhindert werden. Aber Herr Richter irrt sich, wenn er meint, daß die Politik in der Kunst bestehe, dem Volke alles Mögliche, gleichviel was, vorzureden, und daß derjenige siegt, welcher dies am besten versteht. Ginge es danach, dann wären die Freisinnigen schon längst am Ruder. Aber nein, eine Politik, welche nicht an die Vernunft und die edleren Regungen des menschlichen Herzens appellirt, eine Politik, welche das Volk nur als Versuchsfeld für politische Theorien mißbraucht, die kaun nicht zum Ziele gelangen, so sehr sie sich auch aller möglichen Taschenspielerkunststücke bedient. Uns ist daher auch nicht bange vor den krampfhaften Anstrengungen des Freisinns, so lange das Herz des Volkes auf dem rechten Fleck steht und so lange seine wahren Freunde es nicht daran fehlen lassen, diesen Anstrengungen unverdrossen entgegen zu treten.
Börsen nachrichten.
N—r. Hanau, 28. Oktober 1887.
Seit langer Zeit hat man die politische Lage nicht mit so großer Beruhigung betrachtet als gegenwärtig und die Verhältnisse des Geldmarktes sind normale. Dennoch will das Börsengeschäft sich nicht beleben, die Coursschwankungen sind geringfügig und verlaufen meist derart, daß in der einen Woche die Werthe eine Kleinigkeit gewinnen, um sie in der darauffolgenden wieder zu verlieren und so fort. Die Theilnahme des Publikums ist gering und die Enga ements im Allgemeinen nicht sehr beträchtlich.
Dabei werden alle Neuemissionen angeblich bereitwillig ausgenommen und wenn alle die Berichte Wahrheit melden, so verschwinden Millionen und Millionen an den verschiedensten Unternehmungen, namentlich aber Brauereien, im Privatpublikum. So lange die Verhältnisse günstige wie bis jetzt bleiben, so ist dabei keine Gefahr, sollte sich aber die Conjunk- tur einmal weniger günstig gestalten, so werden üble Folgen nicht ausbleiben.
Unsere Vergleichstabelle zeigt nur geringe Differenzen. Eine Ausnahme bilden Gotthard, für welche die vor acht Tagen schon berührten günstigen Umstände fortdauernd einwirken, andererseits österreichische Staatsbahnaktien, für welche die in Aussicht genommenen größeren Einnahmen für Fruchttransporte bis jetzt ausgeblieben sind.
mnkfurter Course am
20. Oktober.
am 27. Oktober.
4°/o Preuß. Consols
106.75
106.85
S1/»0/» „
100.70
100.70
Oesterr. Goldrente
91.20
91.25
„ Creditactien
228
2281/<
„ Staatsbahnactien
184
18P/8
Ungar. Goldrente
81.05
80.95
4% Russen von 1880
80.—
80.15
4°/o Egypter
75.60
75.70
Gotthardbahnactien
114.80
116.50
Hessische Ludwigsbahnactien
97.30
97.50
Disconto Comm.-Anth.
196.50
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