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Berlin, 21. Juli. Se. Majestät der Kaiser und König arbei­teten, wie derR. u. St.-A." aus Bad Gastein meldet, gestern nach der Spazierfahrt noch einige Stunden. Zu dem Diner um 4 Uhr, im Bade- schlosse, war der Statthalter Graf Thun geladen. Nachmittags hatten Se. Majestät der Gräfin Lehndorff in der Solitude einen Besuch abge­stattet und machten gegen Abend abermals eine Spazierfahrt mit dem Grafen Lehndorff in das Kötschachthal. Heute Morgen 8 Uhr nahmen Se. Majestät wiederum ein Bad und machten um 10 Uhr eine Spazier, fahrt.

Berlin, 20. Juli. Der am 30. ds. Mts. das seltene Fest des sechzigjährigen Militärdienst Jubelfestes feiernde kommandirende General des 4 Armeekorps, General der Infanterie Graf v. Blumenthal, der erste des neugeschaffenen Grafengeschlechts, ist am 30. Juli 1810 in Schwedt a. d. Oder geboren und im Cadettenhause erzogen worden. Graf Blu­menthal ist etwas früher als am 30. Juli 1827 in das Heer getreten, doch wird die Dienstzeit erst mit dem vollendeten siebzehnten Lebensjahr bei Jubelfesten gerechnet.

Berlin, 20. Juli. Londoner Privatnachrichten zufolge macht die Kräftigung der Stimme des deutschen Kronprinzen solche erfreuliche Fort­schritte, daß derselbe nicht länger mehr nöthig hat, in unmittelbarer Nähe des Arztes zu bleiben. Er hat demgemäß Schloß Windsor, wo er als Gast der Königin die letzten Wochen in stiller Zurückgezogenheit gelebt hat, verlassen und wird morgen, Donnerstag, auf der Insel Wight ein­treffen, wo er mit seiner Familie in Norris Castle voraussichtlich bis zum 15. August verweilen wird.

Berlin, 21. Juli. DiePolit. Nachrichten" bringen wiederum einen Artikel, welcher die wirthschaftliche Befehdung des Deutschthums in Rußland durch den Ukas über das Grundeigenthum bespricht. Ein solcher Rechtsbruch treibe zu weiteren, nicht von dem deutschen Kapital Halt machenden Rechtsbrüchen. Die Gerüchte über diplomatische Interventionen und Zusammenkünfte seien nur für den Tag erfunden. (Fr. N.)

Fürst v. Bismarck wird, wie verlautet, gegen Ende Juli von Varzin in Berlin ein treffen und sich zu Anfang August zum Kurgebrauche nach Kissingen begeben. Der Chef der Reichskanzlei, Geheimer Oberregie­rungsrath Dr. Rottenburg, welcher sich gegenwärtig mit Urlaub in Eng­land befindet, kehrt Ende Juli, nach Beendigung des Urlaubs, nach Ber­lin zurück und dürfte wie im vorigen Jahre, den Fürsten nach Kiffingen begleiten.

Wilhelmshaven, 20. Juli. Briefsendungen für S. M. Schul­schiff Ariadne sind von heute bis zum 7. August nach Lissabon, vom 8. bis 27. August nach Cadix (Spanien), vom 28. August bis 21. Sep­tember Bormittags nach Madeira, vom 21. September Mittags bis 8. November nach Bahia (Brasilien) zu richten. (K. Z.)

Karlsruhe, 20. Juli. Ein Krankheitsfall von großer Seltenheit zeigte sich kürzlich in hiesiger Stadt und ist interessant genug, um auch der Oeffentlichkeit mitgetheilt zu werden. Ein Geschäftsmann aus Phila­delphia, der sich sonst gesund und munter fühlte, konnte seit 7, sage sieben Jahre, keinen Schritt mehr vorwärts gehen, während er sich mit Leichtig­keit rückwärts bewegen konnte. Alle Anstrengungen des unglücklichen Kranken waren vergeblich und viele betrogenen Aerzte in Amerika waren rathlos und hatten kein Mittel, um dem Unglücklichen das Gehvermögen wieder herzustellen. Auf Anrathen eines in Karlsruhe wohnenden Ver­wandten entschloß sich der Leidende, von Philadelphia hierher zu reisen, um deutsche Aerzte über die Krankheit zu berathen. Hier in Karlsruhe angekommen, wurde derselbe von zwei Aerzten in Behandlung genommen, und nach einer 3 - ckwöchentlichen Kur ist es den beiden Aerzten gelungen, den Kranken derart zu kuriren, daß derselbe wieder wie jeder andere Mensch gehen kann. Man wird sich die unaussprechliche Freude dieses Mannes und seiner Familie denken können und nicht wenig werden bei der Rückkunft des Wiedergenesenen diejenigen amerikanischen Aerzte erstaunt sein, die 7 Jahre langunter Anwendung allerlei Mittel" vergeblich an­gestrebt, was ihren beiden Karlsruher Kollegen in so kurzer und überaus glänzenver Weise zu ihrer Ehre sei es hier gesagt geglückt ist. (M.T.)

Hof Gastein, 21. Juli. (K. Z.) Im Gasteiner Thale ist heute Nachmittag ein furchtbares Gewitter niedergegangen. Die Hoch- fluth hat Brücken eingerissen und die Verbindung nach Bad Gastein augenblicklich gesperrt, bis eine Nothbrücke hergestellt sein wird, was bei dem Wasserandrang äußerst schwierig ist.

Lauterbrnnnen, 21. Juli Die Leichen der bei Besteigung der Jungfrau verünglückten sechs Touristen sind heute auf dem Aletschgletscher aufgesunden worden.

Brüssel, 20. Juli. Zur Feier des Jahrestags der Thronbestei­gung König Leopold's I. fand heute hier eine Truppenrevue statt. Bei derselben hielt der General-Lieutenant van der Smissen an die Truppen eine Ansprache, in welcher er sein Bedauern darüber ausdrückte, daß die Repräsentantenkammer das Prinzip der persönlichen Militärpflicht abge­lehnt habe. Der General ermähnte die Truppen, sich nicht entmuthigen zu laffen. Das Land werde nicht säumen, die Nothwendigkeit, die Rekru- lirung der Armee auf anderen Grundlagen erfolgen zu laffen, anzuer- kennen.

Pakis, 21. Juli. (K. Z.) Der Kaiser und die Kaiserin von

Brasilien sind heute Nacht hier eingetroffen. Der Agence Havas wird aus Athen gemeldet, zwischen Creta und der Pforte sei ein Einvernehmen zu Stande gekommen, nach welchem die Pforte ernstliche Zugeständnisse zu Gunsten der Finanzen und der administrativen Selbstständigkeit Kretas bewilligt habe.

Paris, 21. Juli. (K. Z.) Die Regierung beschloß, das Parla­ment um die Ermiütigung anzusuchen, Nickelmünzen zu 20, 10 und 5 Cnümes an Stelle der Kupfermünzen schlagen zu lassen.

Paris, 21. Juli. Der Senat nahm die Mobisirungsvorlage, wofür die Generale Ferron und Campenon eintraten, mit 172 gegen 82 Stimmen an.

London, 21. Juli. Dem Bureau Reuter wird aus Sankt Thomas vom 20. d. M. gemeldet, die dortige Telegraphenstation der Westafrikanischen Gesellschaft habe die Nachricht erhalten, Stanley sei in einem mit den Eingeborenen um die Lebensmittel entbrannten Kample getödtet worden; die Nachricht komme von einem Missionar in Matadi. Ein direkter Bote der Stanley'schen Expedition hatte bis zum 6. Juli die Küste nicht erreicht. (Fr. N.)

Petersburg, 21. Juli. Die Nowosty meldet ebenfalls, daß die englisch-russische Commission zur Erledigung der afghanischen Grenzfrage ihre Arbeiten gestern beendet habe. Nach den Beschlüssen der Commission gelange Chodska Saleh an Afghanistan, Rußland erhalte bei Pendschdeh ein Stück Landes zugetheilt, das früher den Saryk-Turkmenen gehört habe.

Aus Stadt, Provinz und Umgegend.

Hess. Gcfchichtsverein. Am 18., 19. und 20. Juli wurde in Schlächtern die Jahresversammlung des Vereins für Hessische Geschichte und Landeskunde in programmmäßiger Weise abgehalten und gestaltete sich bei dem herrlichen Sommerwetter zu einem wunderschönen Feste, dessen sich die zahlreichen Theilnehmer aus Nah und Fern noch lange mit Be­friedigung erinnern werden. Am 18. Abends fand die Sitzung des Vor- stanves statt, in welcher die inneren Angelegenheiten des Vereins betref­fende Beschlüsse gefaßt wurden und an welche sich die Begrüßung der Gäste in den Räumen der Bierhalle anschloß. Am anderen Tage, dem eigentlichen Jahrestag, fand zunächst Morgens 9 Uhr die Hauptversamm­lung in der Aula des Königlichen Lehrerseminars statt. Herr Dr. Wolfs von Hanau hielt in derselben vor zahlreichen Zuhörern, unter denen auch die Damen Schlüchterns zahlreich vertreten waren, einen äußerst interessanten und auch dem Laien verständlichen Vortrag über den Aufenthalt der Römer in unserer Gegend auf Grund der vom Hanauer Geschichtsverein ange­stellten Forschungen. Der Redner zeigte an von ihm entworfenen Plan- zeichnungen den Zug und die Beschaffenheit des römischen Grenzwalls von Großkrotzenburg bis an die Grenze des Preußischen Gebiets bei Marköbel, beschrieb die bei Großkrotzenburg, Rückingen und Marköbel aufgedeckten Kastelle und schloß mit der Schilderung der neuerdings von ihm festge- stellten Römerwege, welche die Kastelle zu Seligenstadt und Kesselstadt mit der nach dem Binneulande beziehungsweise der Römerstadt bei Heddernheim führenden Hochstraße verbanden. Hierbei wurde auch der bei den Bagge- rungen des Jahres 1885 neu entdeckten Brücke gedacht, welche dem Main­kanal gegenüber über den Main führte und die Verbindung mit dem linken Mainufer herstellte. Nach beendetem Vortrag wurden die Räume des Klosters besichtigt, welches jetzt dem Lehrerseminar als Wohnstätte dient. Der Nachmittag vereinigte die Mitglieder des Vereins mit vielen Einwohnern Schlüchterns und der Umgegend zu einem Mahle im Gasthaus zum Stern, wobei manches schöne Wort gesprochen wurde. Den Schluß des Tages machte ein Spaziergang nach dem klassischen Acisbrunnen, der an den größten Sohn Schlüchterns, den Dichter Lotichius II., erinnert. Die Krone der Festtage bildete jedoch der am folgenden Tage, den 20., unternommene Ausflug nach der Ruine der Steckelburg, der Geburtsstätte Ulrichs von Hütten. Köstlich war die Fahrt durch das grüne Wiesenthal der Kinzig, noch köstlicher der Aufstieg durch den duftigen Wald nach der alten Burg, die der jetzige Besitzer Herr Rittmeister Stumm jetzt gerade unter Leitung eines kundigen Baumeisters ausbessern läßt, um dem gänz­lichen Verfall der historisch denkwürdigen Ruine zu steuern. Hier ange­kommen entrollte der Vorsitzende des Vereins Herr Major von Stam- ford von Cassel vor den Festgästen ein treffliches Bild von dem Leben, dem Wirken und dem traurigen Ende des deutschen Ritters. Ein Originalbild desselben, welches von der Steckelburg stammt, war schon Tags zuvor in der Aula des Seminars ausgestellt gewesen. Auf dem Rückweg von der Burg hatte der Schloßherr freundlichst die Besichtigung seines neu angelegten ausgedehnten Parks gestattet und in der unmittelbaren Nähe des in reichem Renaissancestyl wiederhergestellten Schlößchens eine kleine Sammlung von den bei den Ausgrabungen auf der Burg gefundenen Gegenständen zur Besichtigung aufgestellt. Nach einem in kühlem Waldes­schatten genommenen Imbiß erfolgte die Rückkehr nach Schlächtern, von wo sich die Festgäste wieder nach allen Richtungen zerstreuten, gewiß ins­gesammt im höchsten Grade befriedigt und voll dankbarer Anerkennung der Gastfreundschaft, die sie von Seiten der Einwohner Schlüchterns ge- | nießen dursten.