Beilage zu Nr. 192 des Hanauer Anzeiger.
t Die Hetze auf die Grundbesitzer.
Seit Jahren und so auch jetzt wieder aus Anlaß des Zucker- und des Branntweinsteuergesetzes suchen die Freisinnigen die Bauern, die Arbeiter und die städtische Bevölkerung auf die Großgrundbesitzer zu hetzen. Als die Getreidezölle im Reichstage erörtert wurden, hieß es, man wolle den Armen das Geld aus der Tasche nehmen und in die Tasche der Reichen stecken. Als es sich um die Reform der Zucker- und Branntweinsteuer handelte, wurde den Zuckerfabrikanten und „Spiritusbaronen" „vorgerechnet", wie viel Mark sie in Zukunft mehr verdienen würden, und gegen diejenigen Abgeordneten, welche selbst Grundbesitzer sind und im Reichstage für das Zustandekommen der Steuerreform eintraten, wird wie damals, so auch heute noch der Verdacht ausgesprochen, daß sie dabei nur ihren eigenen Nutzen im Auge hätten. Jetzt wird nun wieder der Bauer, der Arbeiter, der Städter bearbeitet und ihnen vorgeredet, daß sie zur Bereicherung der Großgrundbesitzer den Branntwein werden theurer bezahlen müssen wie bisher.
Es gibt gewiß eine Masse Leute, welche einen solchen Unsinn glauben, wenn er ihnen fortwährend, sogar noch mit ziffermäßigen Belegen, vorgeschwatzt wird. Aber selbst der einfachste Wann, welcher ein bischen zu überlegen und nachzudenken versteht, muß sich doch sagen, daß die Freisinnigen mit solchen Vorwürsen nur auf seine Leichtgläubigkeit und Dummheit spekuliren wollen. Ist es denn denkbar, daß unser Kaiser, welcher die Fürsorge für die arbeitenden und armen Klaffen sich zur Aufgabe gemacht hat, Gesetze unterschreiben würde, welche die Ausbeutung der arbeitenden und armen Klassen durch die Großgrundbesitzer zum Zweck oder zur Folge haben könnten?
Schon dieser Gedanke sollte Jeden, welcher die freisinnigen Märchen zu lesen oder zu hören bekommt, stutzig machen. In Wahrheit verhalten sich die Dinge in der Welt ganz anders, als sie sich die freisinnigen Blätter und Männer ausmalen. Wie steht es z. B. mit dem Gelde, welches mit Errichtung und Erhöhung der Getreidezölle angeblich den Armen aus der Tasche geholt und den Reichen in die Tasche gesteckt werden sollte? Die Getreidepreise sind billiger geworden, der Landwirth hat weniger verdient, die Arbeiter haben keinen Pfennig mehr zahlen müssen, sie befinden sich bei der gegenwärtigen Billigkeit aller Lebensrnittel in einer anerkanntermaßen besseren Lage wie vorher. Aber gesetzt, eine Erhöhung des Zolles würde die Getreidepreise und Lebensmittel steigern, und zugegeben, daß Zucker und Branntwein über die Steuer hinaus im Preise steigen werden: kommen dann etwa die höheren Preise allein dem Großgrundbesitzer zu Gute? Sie machen ihn nur zahlungsfähiger: das Geld, was er erwirbt, kann er nicht allein verzehren, es fließt in hundert und tausend Canäle des Landes; je zahlungsfähiger er ist, desto mehr wird sich seine Wirthschaft aufschwingen, desto besser wird er seine Arbeiter bezahlen können, desto mehr wird der Kaufmann und der Handwerker verdienen und desto mehr werden auch die Gewerbe der großen Städte davon befruchtet werden. Ein Geschäft, eine Fabrik, welche nichts verdient und nur immer zusetzt, muß eingehen: dadurch werden Hunderte von Arbeitern mit ihren Familien, alle kleinen und großen Kaufleute der Umgegend, aus's Empfindlichste geschädigt. So ist es auch mit einer großen Gutswirthschaft: um nicht nur sie, sondern Hunderte und Tausende anderer Existenzen zu retten, ist es nöthig, daß sie leistungsfähig bleibe. Die günstigen Folgen hiervon können nicht ausbleiben, ja selbst diejenigen, welche nicht unmittelbar von ihr abhängig sind, die Bauerwirthschaften der Umgegend, verspüren den Segen, welcher sich von ihr ausbreitet, in verschiedenen Richtungen an sich selbst: sie profitiren von der Hebung der landwirthschaftlichen Preise, sie finden bei dem großen Besitzer für ihre Produkte — beispielsweise für ihre Kartoffeln zur Brennerei — besseren Absatz. Kann er aber nicht zahlen, hat er keine Mittel, die Wirthschaft weiter zu betreiben, dann verstecht Alles rings herum, dann werden Schaaren von ländlichen Existenzen, die dort kein Brod mehr finden, in die Städte laufen und durch die vermehrte Concurrenz den industriellen Arbeitern die Löhne herabdrücken.
Die Bauern, die Arbeiter, die Städter auf die großen Grundbesitzer zu hetzen, ist nicht nur ein Hetzmanöver niedrigster Sorte, sondern ein Zeichen bodenloser Dummheit und Kurzsichtigkeit und vergleichbar mit dem Verhalten jener Bäuerin, welche ihre Henne schlachtete, weil sie keine goldenen Eier legte.
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
Deutsche Landwirthschafts-Gesellschaft. Die Deutsche Landwirthschafts-Gesellschaft hat bekannt gemacht, daß sie in den Tagen vom 7. bis 11. Juni 1888 in Breslau eine allgemeine landwirthschaft- liche Ausstellung veranstalten wird. Die Gesellschaft wird also ihrem Programm, alljährlich eine solche Ausstellung abzuhalte», gemäß, auf die Frankfurter Ausstellung von 1887 eine Breslauer Ausstellung von 1888 folgen lasten. Die Erfolge, welche die Gesellschaft mit der Frankfurter Schau errungen hat, erleichtern derselben das Festhalten des Planes jährlicher Ausstellungen. Die junge Gesellschaft hat in Frankfurt nicht nur gezeigt, daß sie in der Lage ist, eine Schau zu organisiren, sondern .die landwirthschaftliche Bevölkerung hat auch das Unternehmen aufs freudigste begrüßt. Man hat erkannt, daß planmäßige Ausstellungen wohl ein Mittel sind, in dieser schweren Zeit das landwirthschaftliche Gewerbe zu heben und zu fördern. Für die süddeutsche Rindviehzucht war die Frankfurter Schau geradezu epochemachend, weniger bedeutsam war sie für die Pferde- und Merinoschaf-Zucht. In Breslau werden voraussichtlich alle Thierklassen gleichmäßig vertreten sein, namentlich wird es sich Schlesien, das Land des goldenen Vließes, nicht nehmen lassen, seinen Reichthum an gut gezüchteten Merinoheerden zu zeigen. Die Maschinenausstellung, welche in Frankfurt sehr reich beschickt war, wird in Breslau zu Gunsten des zu gleicher Zeit in dieser Stadt und zwar alljährlich stattfindenden Ma- schinenmarktes ausfallen.
Frankfurt a. M., 18. August. Von der projektirten Reise der Wöhlerschule zur Besichtigung der Sonnenfinsternis wurde, als die Schüler bereits auf dem Bahnhof versammelt waren, der ungünstigen Witterung halber, noch in letzter Stunde Abstand genommen. (G.-A.)
Die edlen Kastanien gedeihen dieses Jahr außerordentlich und versprechen eine reiche Ernte. Die Kastanienbäume in der Oberurseler und Cronberger Gemarkung sind so voller Früchte, wie es seit vielen Jahren nicht mehr der Fall gewesen ist. Sie geben so einigermaßen Ersatz für den Ausfall in der sonst stets bedeutenden Aepfelernte.
Biebrich, 17. August. In den herzoglichen Gärten, in welchen gegenwärtig die Untersuchungen wegen der Reblaus stattfinden, wurden von der Sachverständigenkommission ca. 80 Weinstöcke ermittelt, welche von der Reblaus befallen sein sollen.
Friedberg, 16. Aug. Die Friedberg-Hungener Bahn wird nun endlich zur Thatsache werden. Bei der gestrigen Versammlung wurde der mehrheitliche Beschluß gefaßt, daß die Bahn von Hungen (Briquetten- fabrit) nach Borstadt, von da nach Echzell und Göttenau, sowie Reichels- heim, dann bei Weckesheim (Kohlengrube) an Melvach und Dorheim vorüber nach Friedberg gehen und da nächst der Hanauer Bahn einmünden soll. Die Mittel zum Geländeankauf sind durch mehrere Frankfurter Häuser gedeckt; die hessische Regierung soll um Genehmigung ersucht werden.
Hachenbnrg, 17. Aug. Vorgestern explodirte auf der 112 Stunde von hier entfernten Pulverfabrik bei Mudenbach wahrscheinlich in Folge Funken gebender Reibung die Trockenkammer mit einem Donner gleichen, fast über den ganzen Oberwesterwald hörbaren Knall. Das Dach des nahestehenden, viel Pulver enthaltenden Lagerraumes hatte auch bereits Feuer gefangen, doch ist es, da Hilfe sehr rasch zur Stelle war, gelungen, die Flamr en des Daches zu löschen und dadurch ein weiteres großes Unglück zu verhüten. Bei der Explosion wurden 5 Arbeiter, worunter 4 Familienväter, gräßlich verstümmelt. In Folge des gewaltigen Luftdruckes sind in den umliegenden Dörfern viele Fensterscheiben zersprungen. Hier in Hachenburg sprangen durch den Luftdruck Fenster und Thüren auf.
(Rh. K.)
Heilbronn, 16. Aug. Einen eigenthümlichen Selbstmordversuch machte heute Vormittag bei der Pumpstation der Tagelöhner Klenk von Beilstein. Derselbe rollte ein Stück Wachstuch zusammen, umwand dasselbe mit einer Schnur und füllte diese Rolle mit Pulver. Die sonderbare Schußwaffe an der einen Oeffnung in den Mund nehmend, entzündete er an der anderen das Pulver und die Folge war, daß.er sich Mund und Gesicht jämmerlich verbrannte, wodurch seine Verbringung in das Spital nöthig wurde.
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