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Beilage zu Nr. 207 des Hanauer Anzeiger.

t Getreidezölle.

Der große Rückgang der Gctreidepreise, wie er sich seit 1882 und selbst nach der im Jahre 1885 eingeführten Erhöhung der Kornzölle fort­während vollzieht und auch jetzt noch andauert, hat die freihändlerische Presie mit ihrer Theorie von der Vertheuerung des Getreides sowie an­derer Produkte durch den Zoll in Verlegenheit gebracht. Ganz im Gegen­satz zu ihren früheren Behauptungen konstruirt sie sich aus den bisherigen Erfahrungen ein neues freihändlerisches Naturgesetz:der Schutzzoll drückt die Preise herunter."

Folgerichtig müßten die Freihändler, welche möglichste Billigkeit aller , Lebensmittel als ihr Ziel verfolgen, eine Erhöhung der Zölle befürworten, da dieselbe eine in ihrem Sinne vortreffliche Wirkung haben würde. Aber die Freihändler verstehen sich auf das Kunststück mit dem doppelten Boden. Um nämlich der Verpflichtung zu entgehen, anzuerkennen, daß die Zölle die Lebensmittel nicht vertheuert haben, sucht die Freihandels- correspondenz einen Ausweg: vorerst und zunächst drücke, so meint I sie, der Zoll auf den Preis des Weltmarktes,auf die Dauer" aber werde sich unter dem Einfluß der Zölle ein solcher Preisstand auf dem Weltmarkt herausbilden, daß die Eingangszölle dem inländischen Con- sumenten zur Last fallen." Auf diese Weise bringt sie das Kunststück fertig, sich trotz der in ihrem Sinne günstigen, zunächst eingetretenen Herabdrückung der Preise durch die Zölle gegen die Zölle zu erklären, weil der inländische Consument immer noch mehr bezahlen werde als der Weltmarktpreis ausmacht. Immerhin wird der angeblich praktische Frei­händler sich damit trösten können, daß die Preise durch den Zoll auch für ihn niedriger geworden sind, selbst wenn der Weltmarktpreisauf die Dauer" noch niedriger steht: ohne den Zoll würde er nicht in die Lage gekommen sein, niedrigere Preise zu zahlen, er würde dann nur mit dem ausländischen Konsumenten in der Bezahlung höherer Preise völlig gleichgestellt sein.

Doch laffen wir deninländischen Consumenten". Die von den Freihändlern zu einem neuen Naturgesetz gestempelte preisdrückende Wir­kung der Zölle ist nichts als ein Trugschluß. Wenn die Getreidepreise seit 1882 niedriger geworden sind, so ist dies nicht in Folge der Zölle, sondern trotz derselben geschehen: der Preisrückgang ist auf andere Ur» sachen zurückzuführen, welche die Wirkung der Zölle zum Theil hinfällig machen mußten. Der Preisrückgang ist die Folge der Concurrenz. welche s sich Rußland, Indien und Amerika, und in letzterem wiener der Westen und der Osten der Vereinigten Staaten machen. Wie neuerdings wieder eine Abhandlung von Dr. A. Platzmannder Einfluß der auswärtigen Getreideproduktion auf den inländischen Getreidemarkt" ausführt, haben die enormen Produktionen dieser Länder, insbesondere der Raubbau der westlichen Staaten Amerika's in Verbindung mit einer enormen Herab­setzung der Transportkosten es bewirkt, daß sie das Getreide trotz unseres Zolles zu sinkenden Preisen in Deutschland liefern konnten. Der Welt­marktspreis ist nicht durch unseren Zoll, sondern durch die Concurrenz der Exportländer unter einander herabgedrückt worden. In Amerika ist der Preis für den Doppelcentner Weizen von 15,7 Mk. in 1881 auf 10,1 Mk. in 1885 gesunken! Das ist jedenfalls unabhängig von den deutschen Zöllen geschehen!

Die Folgerung, daß eine deutsche Zollerhöhung noch niedrigere Preise zur Folge haben würde, ist eine völlig haltlose. Von den niedrigen Prei­sen wird unsere Landwirthschaft erst dann befreit werden, wenn die Con- currenzländer nicht mehr im Stande sein werden, so billig wie bisher Korn zu erzeugen. Schon jetzt sind Anzeichen vorhanden, daß die Weizen­produktion in Amerika bei den auch dort durch die Concurrenz fortwährend sinkenden Preisen zurückgeht: seit 1880 ist dort nach den Untersuchungen von Neumann-Spallart ein Stillstand eingetreten, im Jahre 1885 sogar ein Rückgang. Da aber die Weltmarktpreise nur langsam wieder anziehen werden, rechtfertigt es sich, wenn Deutschland nicht etwa bis dahin wartet dann könnten unsere landwirthschastlichen Producenten leicht dabei zu Grunde gehen, sondern im Interesse der eigenen Produktion sich mit einem stärkeren Zollringe umgibt. Was man auch von der Wirkung des bisherigen Zolles sagen möge, er hat jedenfalls das Gute gehabt, daß unsere Landleute ihr Korn nicht zu den Schleuderpreisen des Weltmarktes loszuschlagen brauchten. Der Zoll ist ein Schutz gegen diese Preise, und gerade der äußerst niedrige Stand derselben rechtfertigt es, wenn dieser Schutz verstärkt wird.

L a g e s s ch a u.

Das Gerücht, die spanische Regierung sei verstimmt darüber, daß Frankreich für den Mobilmachungsversuch eine Region in der Nabe der

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spanischen Grenze ausersehen habe, verdient nicht der Erörterung. Es steht zweifellos fest, daß die Regierung der Königin Regentin sofort, nach­dem der Entschluß, das 17. Corps mobil zu machen, gefaßt war, von dieser Wahl unterrichtet wurde und keinerlei Einspruch dagegen erhoben hat. Und weshalb sollte sie auch? Daß Frankreich mit dem Versuch keine feindlichen Absichten gegen Spanien bezweckt, lehrt ein Blick auf die politische Weltlage, die maßgebenden spanischen Militärkreise, welche jetzt eifrig an der Umgestaltung ihres Heeres arbeiten, hoffen vielmehr daraus, daß die Lehren, die Frankreich aus der Probe zieht und mit Millionen bezahlt, auch ihnen kostenfrei zu Gute kommen. Das moderne Spanien ist wie Italien im Aufgang seiner Entwicklung begriffen; Italien aber ist dadurch groß geworden, daß andere Kriege geführt haben, und Spanien rechnet vielleicht, daß ihm vom Geschick eine ähnliche Rolle vorgezeichnet ist. Deutschlands Jntereffen stoßen sich nicht mit denjenigen Spaniens, denn ernsthafterweise kann man aus dem weiland Karolinenstreit doch nicht den Schluß ziehen, daß die deutsche Colonialpolitik den Jntereffen Spa­niens widerstrebe; anders ist es mit Frankreich. Die Republik dringt von Algier aus unaufhörlich nach Westen gegen Marokko vor, die Eisen­bahn ist bereits bis Alm Seffra gediehen und nicht mehr sehr weit von der vielumstrittenen Oase Figig entfernt; jeden Versuch aber, diese Oase zu besetzen, würde Spanien als einen Angriff auf Marokko betrachten, das halbfaule Despotenreich im Nordwesten. Marokko ist gegenwärtig das Kräutchenrührmichnichtan Afrikas, und gerade das ist ein sicheres Zeichen, daß die Pflanze zum Pflücken reis ist; kraft seiner Lage und seiner Interessen aber hat Spanien zweifellos eine größere Berechtigung, diese Schnitterarbeit zu vollziehen, als Frankreich, und es würde sich, falls die Republik in europäische Händel verwickelt würde, die Gelegenheit schwerlich entgehen laffen. (K. Z.)

Aus Stadt, Provinz und Umgegend.

Frankfurt a. M., 5. September. Die amtliche Statistik über den Verkehr auf der kanalisirten Strecke Mainz-Frankfurt ergibt, daß im Monat August c. die Frankfurter Schleuse im Ganzen 841 Schiffe (432 zu Berg und 409 zu Thal) mit zusammen 886604 Ctr. (642143 Ctr. .zu Berg und 244461 Ctr. zu Thal) passirten. Der Verkehr zu Berg ist hiernach fortgesetzt im Steigen begriffen und beträgt 31000 Ctr. mehr als im Monat Juli. Dagegen ist der Thalverkehr um 22000 Ctr. gegen den vorigen Monat zurückgegangen. Die Flößerei brächte im August 221 Flöße mit zusammen 41570 Cbm. Inhalt.

Frankfurt a. M., 6. September. Gestern früh 7 Uhr 10 Minuten traf auf dem Main-Neckar-Bahnhof der deutsche Kronprinz mit dem von Köln hier ankommenden Zuge ein und begab sich mit den bereit stehenden Wagen in ein hiesiges Hotel. Heute Vormittag 11 Uhr 20 Minuten erfolgt die Weiterreise nach München. In seiner Begleitung befinden sich seine Gemahlin nebst Töchtern. Das Aussehen des Kron­prinzen soll nichts zu wünschen übrig lassen. Ein Kommis erhielt die Nachricht, daß sein Loos 500 Mark gewonnen habe. Hoch erfreut über dieses Glück lud er seine Kollegen zu einem festlichen Mahle ein. Der ganze, kurz vorher empfangene Monatsgehalt wurde geopfert, hatte er doch beinahe das Zehnfache gewonnen. Als am anderen Morgen der Gewinner von seinem Rausch erwachte, brächte ihm seine Wirthin ein Schreiben an's Bett. Daffelbe war von dem Loosehändler und enthielt die Meldung, daß die Nachricht von dem Gewinne auf einem Irrthum beruhe: nicht das Loos Nr. 20019, sondern Nr. 2019 hätte den Betrag gewonnen. Ein kränklicher Hausherr erwirkte am Samstag den Ex­missionsbefehl gegen seinen Miether. Als er vom Gericht -nach Hause zurückkehrte, erschien der Letztere mit einem mächtigen Prügel in der Wohnung des Ersteren und fuchtelte damit in einer, so bedrohlichen Weise umher, daß der Hausherr in seiner Angst dem Miether nicht bloß die rückständige Miethe, sondern auch noch 50 Mark in Baar schenkte. Da­gegen verpflichtete sich der Miether, schon gestern die Wohnung zu räumen, was auch geschah. (Fr. N.)

Mainz, 4. Sept. Die jüngst hier stattgehabte Generalversamm­lung der ehrsamen Wagnerzunft hat, wie dasM. T." mittheilt, Anlaß zu einem komischen Quiproquo gegeben. Sicherlich war der Verlauf der Versammlung ein sehr harmonischer gewesen, allein daß auf dem Wege von hier nach Leipzig aus unseren ehrsamen Handwerksmeistern lauter enragirte Musikfreunde werden würden, das hätte sich wohl kein Theilnehmer träumen laffen. Und doch berichtet die jüngste Nummer derLeipziger Jll. Ztg." unter Musik und Theater, daß an jenen Tagen hier eine Ge­neralversammlung der Wagner-Vereine stattgefunden habe. (O. Z.)

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