Beilage zu Nr. 160 des Hanauer Anzeiger.
f Die Lebensmittelpreise
sind in der letzten Zeit immer mehr herabgesunken. Diese Thatsache ist für die Socialdemokraten und andere Erreger von Mißvergnügen sehr unbequem, da sie sich in keiner Weise gegen die herrschende Wirthschaftspolitik verwerthen läßt und da anerkannt werden muß, daß der Arbeiter unmittelbar als Consument Vortheile von dem niedrigen Stand der Preise hat. Nach sorgsamen Ermittelungen des Königlichen Preußischen Statistischen Bureaus sind seit Mai 1885 billiger geworden die Kartoffeln um 13,7 pCt., die Gerste um 10,0, der Roggen um 9,3, Erbsen um 6,9, Weizenmehl um 6,0, inländisches Schweineschmalz um 4,8, Roggenmehl um 4,0, Speisebohnen um 2,8, Hammelfleisch um 2,8, Rindfleisch um 2,5, mittlerer roher Javakaffee um 2,2, Kalbfleisch um 1,8, Eier um 1,5, Eßbutter um 1,4, Schweinefleisch um 0,8, Speck um 0,6 pCt. rc. Eine Preissteigerung wurde nur bei Linsen, Heu, Stroh wahrgenommen.
Hören wir einmal, wie sich das socialdemokratische Berl. Volksblatt die Gründe dieser Erscheinung zurechtlegt:
„Es gab eine Zeit, da die Preise der Lebensmittel sich steigerten: das war im Anfang des vorigen Jahrzehnts. In den wenigen Jahren der Prosperität nach dem Kriege stiegen auch die Arbeitslöhne. Aber die Steigerung der Löhne hielt nicht Schritt mit der Steigerung der Lebensmittelpreise; es blieb hier immer ein starkes Mißverhältniß bestehen, das in der Lebenserhaltung der Arbeiter zum Ausdruck gelangt.
Dann kam die entgegengesetzte Tendenz; die Löhne begannen zu sinken und sinken theilweise immer noch. Nun sinken auch die Lebensmittelpreise. Aber ist das ein Zeichen der Besserung? Mit Nichten.
Sinken der Löhne und Sinken der Lebensmittelpreise stehen allerdings im Zusammenhang. Mit dem Sinken der Löhne mußten die Arbeiter sich einschränken; sie begnügten sich mit dem Aeußersten. Qualität und Quantität ihrer Nahrung mußten abnehmen. Fleisch kam seltener auf den Tisch; Brod ward vielfach durch Kartoffeln ersetzt; Gemüse besserer Qualität verschwanden. Die Nachfrage nach einer ganzen Reihe von Artikeln nahm ab und damit mußten diese Artikel im Preise sinken. Es kam vor, daß man große Kornmassen nicht einmal zu Schleuderpreisen los werden konnte und daß sie verdarben."
Diese Beweisführung hat verschiedene grobe Fehler. Wir wollen nicht darüber streiten, ob während der Gründerzeit die Arbeitslöhne nicht mehr gestiegen sind, als die Lebensmittelpreise; auch sei vorweg zugegeben, daß verminderte Lebenshaltung der Massen den Preis der besseren Lebensmittel, wie namentlich Fleisch, mit beeinflußt. Aber die Löhne sind gefallen von 1874 bis 1879 ungefähr, von da ab haben sie eine aufsteigende Bewegung gehabt, die jetzt wieder zum Stillstand gebracht ist. Soll sich nun das Sinken der Lebenshaltung von 1874 und den folgenden Jahren erst jetzt in den Lebensmittelpreisen äußern? Das ist doch Verkehrtheit, zumal Mehl, Brod, Schmalz, Fleisch rc. raschem Verderben aus gesetzt sind und nicht Jahre lang in schlechten Zeiten aufgespeichert werden können, so daß etwa später die gesteigerte Nachfrage durch vermehrtes Angebot ausgewogen würde. Nach der eigenen Darstellung des Blattes müßte jetzt die Nachfrage nach Kartoffeln größer geworden sein, da die Kartoffeln angeblich vielfach die Stelle von Brod mit zu vertreten haben. Gerade Kartoffeln aber sind im Preise verhältniß- mäßig am meisten gesunken. Wie stimmt, das?
Das Blatt berücksichtigt bloß den einen Factor der Preisbildung, die Nachfrage, und behauptet dabei noch ganz willkürlich, daß diese in den letzten Jahren gesunken sei, was nicht der Fall sein kann, weil die Einnahmen der Arbeiter nicht zurückgegangen sind; es berücksichtigt aber nicht den anderen Factor, das Angebot, welches bekanntlich in den Brodfrüchten in den letzten 6 bis 7 Jahren durch die überseeische Concurrenz enorm angewachsen ist. Wenn man wirthschaftliche Verhältnisse in ihren Wechselbeziehungen erkennen und erklären will, muß man ohne Tendenz an sie herantreten. Das ganze Sinnen der socialdemokratischen Führer ist aber von der Tendenz beherrscht, nur ja recht jede wirthschaftliche Erscheinung als einen Nachtheil für den Arbeiter hinzustellen. So sollen jetzt sogar die niedrigen Lebensmittelpreise dazu herhalten,, zu beweisen, wie schlecht es ihm gehe. Wäre jene Beweisführung richtig, so müßte man in Zeiten von Theuerung auch behaupten dürfen: Vortrefflich, der Arbeiter verdient viel Geld, denn wie kennten sonst die Lebensmittel so hoch im Preise stehen?
In Wahrheit liegt die Sache gegenwärtig so, daß die Lebensmittel- preise gewichen sind, obgleich die Lebenshaltung des Arbeiters nicht gesunken ist.
Thatsächlich haben also die Arbeiter lediglich Vortheil von dem niedrigen Stand der Preise, welcher ganz wesentlich von Umständen bedingt ist, die mit den Löhnen in keinen Beziehungen stehen.
Tageeschau.
— München, 9. Juli. Die „Allg. Ztg." schreibt offiziös:
„Der schwerste Schlag, welcher die „Patrioten" wohl je getroffen haben mag, ist gewiß der, daß der Prinzregent in seinem denkwürdigen Erlaß an das Gesammtministerium auf das Oberhaupt der katholischen Kirche als auf denjenigen hingewiesen hat, welcher sich über die Lage der katholischen Kirche in Bayern wiederholt befriedigend geäußert hat. Diese von der Patriotenpresse wiederholt in Abrede gestellte Thatsache muß um so niederschmetternder wirken, als es Jedem einleuchten muß, daß Leo HH. sein günstiges Urtheil doch wohl nur auf Grund von Berichten seines hiesigen Nuntius, hauptsächlich aber auf Grund der Berichte des bayerischen Episkopats abgegeben hat. Wir sind in der Lage, der ultramon- tanen Presse auf das Bestimmteste versichern zu können, daß die Bischöfe in ihrem Urtheil über die Situation der katholischen Kirche in Bayern mit dem Papste vollkommen übereinstimmen, ja ihr höchstes geistliches Oberhaupt gewissermaßen mit ihren eigenen Personen decken. Sollte dies bezweifelt werden, so können wir Thatsachen anführen, für heute wollen wir nur konstatiren, daß insbesondere der hiesige Herr Erzbischof wiederholt seine vollkommene Zufriedenheit über das Wohlwollen, welches das gegenwärtige Kabinet den Katholiken entgegenbringt, ausgesprochen hat. Die oppositionelle Haltung der Bischöfe, wie sie in früheren Jahren bei den Konferenzen zu Eichstätt an den Tag trat, hat längst aufgehört, und man kann sagen, seit ungefähr einem Dezennium sind nennenswerthe Friktionen zwischen Episkopat und Ministerium nicht mehr vorgekommen. Schließlich wollen wir noch anfügen, daß zu erwarten steht, es werden die bayerischen Bischöfe unter Berufung auf den bekannten Brief des Papstes an einen französischen Kirchenfürsten gegen die bewußte Hetzpresse einschreiten, was derselben wohl den Todesstoß versetzen, dem Volke aber endlich die Augen öffnen wird."
Aus Stadt, Provinz und Umgegend.
— Marburg, 10. Juli. Der a.-o Prof. Lic. theol. Dr. phil. Cornill ist vom 1. Oktober d. I. ab von Marburg in die theologische Fakultät von Königsberg versetzt worden. Seine Berufung ist insbesondere für das Fach der alttestamentlichen Exegese zur Ergänzung der Lehrthätig- keit des betreffenden Ordinariums erfolgt, außerdem wird derselbe die Unterweisung der Studirenden im Hebräischen übernehmen. (M. T.)
— Frankfurt a. M., 10. Juli. Gestern hat sich hier ein Fischereiverein gegründet, welcher das Fischen sportsmäßig betreiben und verschiedene Gerechtsame erwerben will. Der Verein hat in seinen Statuten auch der Geselligkeit Rechnung getragen, indem er jährlich drei Familien- Abende vorgesehen hat, an denen sämmtliche Fische, die genossen werden, von den Vereinsmitgliedern gefangen sein müssen. (G -A.)
— Frankfurt a. M., 11. Juli. Am verflossenen Dienstag kam das 4 Jahre alte Töchterchen, ein Zwillingskind eines Fuhrmannes, auf der O— Landstraße durch Gift ums Leben. Die Leute hatten zum Vertreiben von Ungeziefer aus den Bettstellen Vitriol bei einem Materialisten holen lassen. In einem unbewachten Augenblick nahm das Kind das Glas und that einen tüchtigen Zug; der Tod trat alsbald ein. — Die eisernen Thore, welche den neuen Hafen vor Hochwasser und Eisgang zu schützen haben, werden in der den östlichen Abschluß des Sicherheitshafens bildenden Schleuse jetzt ausgestellt. Jeder Thorflügel ist mit einer besonderen Schützenaufzugsvorrichtung versehen, welche den zu überwindenden Wasserdruck beim Oeffnen der Thore, wozu hydraulische Kraft angewendet werden soll, bedeutend vermindern. — Außer falschen Fünfmark-Scheinen, die seit jüngster Zeit hier in Umlauf sind und auch confiscirt wurden, circuliren hier und in der Umgegend auch wieder falsche Mark- und 20-Pfennigstücke. , „ (F-
— Nach Fertigstellung des Mainkanals zwischen Frankfurt und Mainz wird eine direkte Dampfschiffsverbindung für sämmtliche mit den Dampfbooten der Niederländischen Gesellschaft in Mainz ankommende inländische- und Verschluß-(Zoll-)Güter eingerichtet werden. Ein rheinischer Dampfschiffsbesitzer ist wegen dieser Linie Frankfurt-Mamz bereits mit der Direktion der Niederländischen Dampsschifffahrts-Gesellschast in Rotterdam in Unterhandlung getreten, um die Beförderung der Güter zu übernehmen, da die Niederländischen Dampfboote den Mainkanal nicht passiren können. Die für Frankfurt bestimmten Güter sollen in Mainz umgeladen werden, um auf eigens hiervon bestimmten Dampfschiffen hierher befördert zu werden. Seither wurden die Güter, welche auf niederländischen Booten für Frankfurt bestimmt waren, in Biebrich umgeladen und durch die Nassauische Staatsbahn über Castel hierher befördert. Die Spediteure in Brebrich würden durch diese neue Einrichtung nicht unbedeutend geschädigt werden, aber die Transportkosten für die hiesigen Empfänger würden nicht un- ^^S.., 10. IM. W- d-- ** W«1«„W Corr." aus Athen gemeldet wird, ist es nunmehr entschieden, daß König Georg bei seiner diesmaligen Reise ins Ausland sich zunächst zum Kurgebrauche nach Wiesbaden und dann zum Besuche feiner