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Nr. 23. Montag den 28. Januar 1884.
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Amtliches.
Die am 1. d. fällig gewordene Brandsteuer für 1884 (5 Pf. von 30 Mk. Kapital) ist von den Versicherten in hiesiger Stadt binnen 8 Tagen bei Meidung der Beitreibung hierher abzuführen.
Hanau, am 26. Januar 1884.
______________________K. Steuerkasse I.___________________872
t Socialistische Briefe aus Amerika.
„Amerika, du hast es besser!" — Noch immer gibt es Leute, welche diesen Satz für wahr holten, so sehr derselbe auch schon von den verschiedensten Seiten von einsichtigen und unparteiischen Beurtheilern der amerikanischen Verhältnisse widerlegt worden ist. So Mancher denkt bei sich doch immer noch, daß wenn auch nicht Anderen, so doch ihm wenigstens das Glück in dem modernen gelobten Lande blühen werde; er rafft sein bischen Geld zusammen und kauft sich ein Billet zur Ueber» fahrt nach Amerika, um — dort gründlich bekehrt und belehrt zu werden. Ein solcher Schritt ist thatsächlich nichts anderes als ein Lotteriespiel, bei welchem man auf das große Loos spekulirt, aber doch nur eine Niete zieht.
Vielleicht sind die schlichten Ausführungen eines Arbeiters, der sein Glück in Amerika hat versuchen wollen und seinen Genossen daheim über seine Enttäuschungen die Augen öffnet, dazu geeignet, die europamüden Arbeiter von der Auswanderungssucht zu kuriren. Dieser Arbeiter, ein Süddeutscher, hat an seine Freunde „socialistische Briefe" aus Amerika geschrieben, die vor Kurzem in München (Carl Merhoff's Verlag) veröffentlicht worden sind. Der Briefschreiber hat früher lebhaften Antheil an der socialen Bewegung genommen und glaubte für seine socialdemokratischen Ideen den richtigen Boden in der neuen Welt finden zu können, nicht etwa nur Gesinnungsgenossen, die es ja auch dort in Hülle und Fülle gibt, sondern praktische Verhältnisse, welche die Richtigkeit seiner Grundsätze bestätigen könnten. Nichts von alle dem: er zieht die politischen, socialen, kirchlichen, militairischen, industriellen, agrarischen und kulturellen Zustände der neuen und alten Welt unter besonderer Bezugnahme auf Deutschland in fortwährenden Vergleich und kommt nicht nur zu dem Ergebniß, daß es in der alten Welt viel besser ist, sondern sucht auch seine politischen Gesinnungsgenossen von der socialdemokratischen Krankheit zu bekehren, wie er selbst bekehrt worden ist und wie die meisten Ausgewanderten bekehrt worden sind.
Der Brieffchreiber hat namentlich der Lage der Arbeiter sein Augenmerk zugewandt. Nach seinen Erfahrungen ist die Arbeitslosigkeit in Amerika mindestens so groß wie in Deutschland. Der Arbeitslose wird aber in Amerika viel schlechter behandelt. Ueberhaupt, so sagt er, steht die von den deutschen Demokraten und auch einstmals von ihm so hoch verehrte Republik in der Anerkennung der Menschen- und Arbeiterrechte viel hinter dem geschmähten Deutschland zurück. Der eingeborene amerikanische Arbeiter sowie der eingewanderte englische Arbeiter sind sonderbare Naturen, die nur stolz sind auf ihre eingebildete Freiheit und die Karbatsche nicht fühlen, mit der sie täglich ins Gesicht geschlagen werden. Es sind recht viele unwissende, rohe Leute unter ihnen, gegen vierzig Procent können weder lesen noch schreiben. „Und erst der Auswurf der irischen Menschheit!" Ja, mit diesem können wir deutsche Arbeiter uns unmöglich auf eine und dieselbe Stufe stellen lassen, wie es die amerikanische Ausbeuterclique will. Es ist auch eine eitle Hoffnung, mit solchen Menschen eine systematische Verbesserung der socialen und wirthschastlichen Zustände zu Stande bringen zu können. Die besseren Gesühle, welche den deutschen Socialisten bei ihrer Agitation für eine internationale Arbeiterassociation vorschwebten, werden hier mit eiskaltem Wasser niedergedämpft. Die deutschen Arbeiter im Vaterland« können nur etwas erreichen, wenn sie dem internationalen Verbrüderungsschwindel Valet sagen und zu einander und zu ihrem deutschen Lande halten. Die deutschen Socialisten s ü h r e r — so bekundet der ausgewanderte Arbeiter aus seiner reichen in Amerika gesammelten Erfahrung — treiben ein thörichtes Spiel, indem sie gegen alle Sccialreformen vpponiren, die von „oben" kommen. Sie haben Angst um ihre poli- tische Stellung und füttern ihre Heerde mit wolkenkuckuksheimlichen Ideen. Nun, die deutschen Arbeiter werden hoffentlich über kurz oder lang eine solche Comödte satt bekommen und die Reformen von demjenigen nehmen, der sie ihnen geben will.
„Gefasel" nennt es der Briefschreiber, wenn deutsche Zeitungen die
amerikanische Republik preisen, daß sie vom Socialismus nichts zu befürchten habe. „Heute, wo die Kluft zwischen Reich und Arm zusehends sich erweitert, wo die großen Geldhaufen immer größer und die kleinen Löhne immer unzureichender werden, wo die Menge der das Land und die Straßen unsicher machenden Bettler in unerhörter Weise zunimmt und die Anwendung barbarischer Mittel und drakonischer Gesetze her- vorruft, wo das gemeinsame Interesse der Eisenbahnkönige, Getreide-, Petroleum-, Land- und Lebensmittelmonopolisten den größten Druck auf das producirende Volk ausübt, in einem solchen Lande wird" — so bekennt der Briefschreiber wörtlich — „die Anarchie nur die nothwendige Folge des schrankenlosen Manchesterthums sein." „In Deutschland — so fährt er fort — sind die wirthschaftlichen Verhältnisse nicht zu der gleichen Stufe gediehen. Sie waren auf dem besten Wege, nach amerikanischem Muster sich auszugestalten, allein die monarchische Regierung war noch selbstbewußt und stark genug, um die Dinge nicht zum Aeußersten kommen zu lassen. Ein so weitsichtiger Staatsmann wie Bismarck hätte sich kaum herbeigelassen, die socialen Pflichten des Königthums und des Staates so entschieden zu betonen, wenn er nicht die Nothwendigkeit und Möglichkeit der Hilfe für den „armen Mann" einsah. Solche Worte und Versprechungen, die in den kaiserlichen Botschaften enthalten sind, werden nicht wie Zeitungsartikel für den Tag gemacht, solche Kundgebungen von solcher Stätte und aus solchem Munde sind geschichtliche Thatsachen, an welche die Mit- und Nachwelt anknüpft, um den Fortschritt der Cultur und Civilisation zu begründen." Nur das legitime sociale Königthum kann die schroffen Gegensätze vermitteln und ausgleichen, und darum ist Deutschlands Zukunft gesichert, wenn es bei dieser Politik bleibt.
Aus den weiteren Ausführungen der „socialistischen Briefe aus Amerika" werden wir in der Folge noch diese und jene Auszüge mit» theilen: die bisherigen zeigen, wie sehr der ausgewanderte Socialdemokrat die Zustände und die Politik seiner Heimath zu schätzen und richtig zu beurtheilen gelernt hat.
Tagesschau.
— Berlin, 27. Jan. Se. Maj. der Kaiser schlief in der vergangenen Nacht zwar mit Unterbrechungen, sein Befinden ist aber ein durchaus gutes und erwünschtes, seine Genesung schreitet regelmäßig fort. Vormittags nahm der Kaiser die gewöhnlichen Vorträge entgegen, empfing später den Besuch des Prinzen Wilhelm und des Erbgroßherzogs von Baden, ertheilte dem Statthalter Grafen Manteuffel eine Abschiedsaudienz und konferirte Nachmittags mit dem Minister v. Puttkamer.
— Berlin, 26. Jan. Das Abgeordnetenhaus genehmigte in seiner heutigen (35.) Sitzung die Positionen des Etats des Handelsministeriums nach den Commissionsbeschlüssen.
Der Gesetzentwurf, betreffend das Höferrecht für Hannover, wurde ohne erhebliche Discussion in erster und zweiter Berathung unverändert angenommen.
Es folgte die Berathung des Gesetzes, betreffend die Errichtung eines Landgerichts in Memel und wird der Entwurf unverändert in erster und zweiter Lesung angenommen.
Das Gesetz, betreffend die Abänderung der Pensionsgesetze vom 27. März 1872, wurde der Justizkommission zur Vorberathung überwiesen; schließlich das Gesetz, betreffend die Abänderung des Gesetzes über die Staatsschuldenkommission, in der Fassung des Herrenhauses angenom- men.
— Berlin, 26. Jan. Die Steuergesetz Commission des Abgeordnetenhauses berieth die von der Heranziehung ver Aktiengesellschaften und Commanditgesellschaften zur Einkommensteuer handelnde Paragraphen 2 und 14 des Einkommensteuergesetzes Die Freiconservativen beantragen, daß Actionäre und persönlich hastende Gesellschafter berechtigt seien, den Steuerbetrag auf die von ihnen bezogenen Gewinnantheile in Abzug zu bringen. Der detailliere Antrag von Enneccerus will die mit dem Recht des Vermögenserwerbes ausgestatteten Vereine und Gesellschaften nur in sehr beschränkter Weise zur Einkommensteuer herangezogen wissen Die Liberalen beantragen Ablehnung beider Paragraphen. D'.e Höhe der Steuer würde den Ruin der Gefi llschasten herbeisühren. v Eynern und Janssen (Centrum) sind gegen die Besteuerung der Aktiengesellschaften event. für den Antrag Enneccerus. v. Zedlitz will die Aktionäre frei- lassen, aber die Gesellschaften besteuert wissen, v. Hammerstein ist für