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Beilage zu Nr. 48 des Hanauer Anzeiger.

Politische Wochenschau.

(Ausland.)

R. F. (Oesterreich. Ungarn.) In den Arbeiten des öster­reichischen Abgeordnetenhauses ist eine längere Pause ein getreten, indem sich dasselbe am Freitag bis zum 29. Februar vertagt hat, um den ver­schiedenen Ausschüssen Gelegenheit zur Förderung ihrer Berathungen zu geben. Vorher genehmigte das Haus noch das Gesetz über die Ver­staatlichung der Franz-Josef-Bahn, der RudolfBahn und der erst vor ? Kurzem eröffneten Vorarberg Bahn, ein Beweis, daß der Staatsbahu- gedanke auch in Oesterreich immer mehr Fortschritte macht.

(Frankreich.) Nachdem die Ende vorigen Jahres nach Tonkin abgesandten französischen Verstärkungen (ca. 6000 Mann und 3 Batterien) jetzt fast sämmtlich am Orte ihrer Bestimmung angelangt sind, wird man wohl endlich von entscheidenden Operationen der Franzosen zu hören bekommen. General Millot, der neue Oberbefehlshaber des Expeditons- corps, hat für Anfang März den Marsch gegen Bacninh in Aussicht genommen, da bis dahin die Regenperiode in Tonkin zu Ende sein wird. Der französische Oberstkommandirende ist von Siegeszuversicht ersüllt und soll erklärt haben, daß er keine weiteren Verstärkungen brauche und daß seine Streitkräfte zur Eroberung von Bacninh mehr als genügend seien; nun, man wird dies abzuwarten haben.

(England.) Die bisherige Lässigkeit der Engländer gegenüber dem Umsichgreifen des Aufstandes im Sudan müssen die dort exponirten egyptischen Garnisonen nunmehr Bitter büßen. Gleich dem unglücklichen Sinkat, dessen 600 Mann starke Besatzung von den fanatischen Schaaren Osman Digmas, des Untergenerals des Mahdi, förmlich abgeschlachtet wurde, ist nun auch Tokar in die Hände der Rebellen gefallen, dessen Besatzung ebenfalls über die Klinge springen mußte; wenigstens meldet dies eine Depesche derTimes" aus Suakin. Fünf desertirte Soldaten der Garnison von Tokar, die in Suakin eingetroffen sind, berichten, daß die Aufständischen das Geschütz- und Gewehrfeuer gegen die Festung ununterbrochen fortsetzten, so daß die Garnison sich nicht mehr halten konnte. Von neuen Metzeleien wußten allerdings die Soldaten nichts zu berichten. Die Hilfe, welche General Graham dem bedrängten Tokar bringen sollte, ist demnach zu spät gekommen und diese Kunde hat denn auch in England von Neuem die größte Erregung hervorgerufen. Wel­chen Eindruck diese abermalige Hiobspost selbst in den Londoner Regie­rungskreisen macht, beweist die schleunigste Einberufung eines Cabinets- rathes, der am Freitag abgehalten wurde. Nach demselben hatte der Oberbefehlshaber der englischen Armee, der Herzog von Cambridge, mit dem General Lord Wolseley und dem Staatsekretair des Krieges, Ma» quis von Hartington, eine längere Berathung im Kriegsministerium. Es wurde hierbei konstatirt, daß für die Streitkäfte General Grahams eine Aenderung in der bereits beschlossenen Marschrichtung nicht wohl ausführbar sei, weil die Truppen in Trinkitat jetzt ausgeschifft seien. Vielleicht verwendet man das Corps Grahams jetzt bei der Vertheidigung Suakms. Die Londoner Morgenblätter besprechen die Nachricht von der Uebergabe Tokar's und rathen davon ab, die Expedition Grahaw's zurückzuziehen. DieTimes" gibt den sehr vernünftigen Rath, die eng­lischen Trupp-n sollten vorrücken, um wenigstens die übrigen Garnisonen des Sudan zu retten und derDaily Telegraph" meint, eine jetzige Zurückziehung der englischen Truppen würde später 25 000 Mann zur Vertheidigung des eigentlichen Egyptens nothwendig machen. Officielle Nachrichten aus Suakin bestätigen, daß die Uebergabe von Tokar nicht durch einen Mangel von Lebensmitteln, sondern durch eine Meuterei, die unter einem Theile der Garnison und namentlich den Offizieren ent­stand, herbeigeführt worden sei.

(Italien.) Das italienische Ministerium hat von der Deputir- tenkammer ein abermaliges Vertrauensvotum erhalten. ES handelte sich um den von der radikalen Opposition lebhaft bekämpften Gesetzentwurf über die Reorganisation des höheren Unterrichts, zu welcher von radi­kaler Seite in der Sitzung vom 21. Februar mehrere Amendements ein> gebracht worden waren, die ihre Spitze gegen den Unterrichtsminister ^ Boccarini richteten. Von dem Deputirten Martini wurde Uebergang zur Tagesordnung beantragt, welcher das sich mit Baccarini für solidarisch erklärende Kabinet zugestimmt hatte; die Tagesordnung wurde sodann mit 122 gegen 86 Stimmen in namentlicher Abstimmung angenommen.

(Nord-Amerika.) Ueber den furchbaren Wirbelsturm, welcher in voriger Woche die südlichen und südöstlichen Staaten der nordameri- kanischen Union verheerte, liegen jetzt nähere Mittheilungen vor. Die Anzahl der getödteten Personen soll sich auf ca. 500 belaufen, mehrere kleine Städte wurden ganz in Trümmer gelegt; gegen 5000 Gebäude sind zerstört. Dem gegenüber dürfte der auf eine Million Dollars ge­schätzte Schaden noch zu niedrig gegriffen sein.

(Egypten.) General Gordon greift zu seltsamen Mitteln, um dem Mahdi die Herrschaft über den Sudan wieder aus tun Händen zu winden. Die Wicdergestattung des Sklavenhandels im Sudan ist eine

Maßregel, die eigenthümlich berühren muß, wenn man bedenkt, daß das­selbe England doch sonst überall die scheußliche Suftitution des Sklaven- Handels mit allen Mitteln bekämpft.

t Die Lage des ländlichen Grundbesitzes.

Immer nachhaltiger erheben die berufenen Vertreter des landwirth- schaftlichen Theils der Bevölkerung ihre Stimme über die kritische Ge- sammtlage des ländlichen Grundbesitzes und immer von Neuem legen sie Zeugniß ab von den Ursachen dieser Nothlage wie von der Nothwendig­keit und den Mitteln der Abhilfe. Derartige Kundgebungen sind mit Freude zu begrüßen; sie legen den Finger in eine Wunde unseres na­tionalen Volkslebens, welche für dasselbe ebenso schmerzhaft wie gefähr­lich ist, und wirken in dem Sinne aufklärend, daß allmählich die ganze landwirthschaftliche Bevölkerung und die Nation die Heilung dieser Wunde fordern und in den Vordergrund stellen wird.

In den letzten Tagen war die Lage des ländlichen Grundbesitzes Gegenstand zweier Versammlungen, des Congresses deutscher Landwirthe und der Vereinigung der Steuer- und Wirthschaftsreformer. In beiden Versammlungen wurde einmütig auf die Uebel der Verschuldung und Uebersteuerung des ländlichen Grundbesitzes und auf die noch immer anwachsende, meist unter günstigeren Produktiosbedingungen arbeitende ausländische Concurrenz, als auf die Ursachen der kriti chen Lage hinge­wiesen. Ueber diese Dinge besteht keine Meinungsverschiedenheit mehr; sie sind Thatsachen und so ist es nicht zu verwundern, daß überall, wo man sich über die Lage des ländlichen Grundbesitzes unterhält, diese Verhältnisse immer von neuem konstatirt werden. Ebensolche Einmüthig- keit aber herrscht auch im allgemeinen bezüglich der Mittel der Abhülfe, wenn auch im Einzelnen die Ansichten über die praktische Durchführbar­keit derselben auseinandergehen. Auf welche Weise der Verschuldung deS Grundbesitzes entgegenzutreten, für eine Besserung der landwirthschast- lichen Creoitverhältmsse zu sorgen und die Erhaltung des Grundbesitzes und Bauernstandes zu erstreben ist, das sind Fragen, welche in beiden Versammlungen erörtert wurden, ohne daß man sagen kann, ihre end­gültige Lösung sei gesunden. Vorläufig handelt es sich nur um die An­bahnung einer Richtung, um die Pfadfindung, um die Verbreitung deS Verständnisses für die Mittel und Wege: die praktische Lösung wird erst dann in Betracht kommen können, wenn das Verständniß ein allgemei­neres geworden und die landwirthschaftliche Bevölkerung sich auch in den gesetzgebenden Körperschasten eine ihrer Zahl entsprechende Vertretung zu erringen verstanden hat. Die Beschlüsse der beiden Versammlungen über die Schuld- und Creditsrage, namentlich das Votum des landwirth- schaftlichen Congresses für die'egesetzgebung, für die Reiff-isensche Darlehnskass-n und für öffentliche von großen Verwaltungsbezirken zu errichtende, mit Amortisationspflicht verbundene Hypotheken-Creditkassen, verdienen gewiß alle Beachtung. Von augenblicklich größerem politischen Interesse aber ist es, daß aus beiden Versammlungen heraus die Noth­wendigkeit betont wurde, daß die landwirthschaftliche Bevölkerung über ihre Zahl und Bedeutung aufgeklärt werde und daß sie es in der Hand habe, solche Abgeordnete zu wählen, welche ihre Interessen verstehen und auch vertreten wolle.

Ein bäuerlicher Hosbesitzer beklagte sich im Congreß darüber, daß der Bauernstand sein Wahlrecht nicht hinreichend ausübe und von seinen Feinden mißleitet werde. Der Bauernstand sagte er müsse auf­geklärt werden über die Bedeutung volkswirthschaftlicher Fragen für ihn; geschähe dies, so würde sich der Bauernstand sehr bald von den libe­ralen Vertheidigern des Manchesterthums abwenden. Wenn die Bauern gegen ihr eigenes Interesse wählen, so komme dies daher, daß ihnen wie in einem Falle konstatirt wurde die fortschrittliche Presse vorge. redet habe, wenn man einen Conservativen wähle,würden die Bauern wieder vor den Pflug gespannt". Gegen solche Verdummungsversuche, welche jetzt wieder die Gründung desEisenacher" Bauernvereins er­möglicht haben, muß energisch durch Gründung wirklicher Bauernvereine angekämpst werden, wenn es gelingen soll, daß bei den politischen Wah­len die landwirthschaftliche Bevölkerung ihre wahren Interessen richtig zum Ausdruck bringt. Dann wird auch die Schuld- und Creditfrage ihre angemessene Lösung finden, und dann wird auch der ungleichen und ungerechten Bertheilung der Steuern ein Ende gemacht werden können. 1

Von den Beschlüssen des Congresses ist besonders derjenige her- vorzuheben, welcher daraus hinzielt, daß die nothwendige Steuerreform endlich zur AuS- und Durchführung gelange. Der Congreß verlangt, daßdie in den Einzelstaaten vorzunehmenden Reformen der direkten Staats- und Gemeindesteuern das Ziel verfolgen, ungerechtfertigte Ueber- lastungen des Grundbesitzes gegenüber dem Geldkapital zu beseitigen, resp, auszugleichen; insbesondere ist eine stärkere Ausbildung der indi­rekten Steuern anzustreben, um die drückenden Communalsteuerzusch'äge zu vermindern", und namentlich sollder Grundgedanke der deutschen