Beilage zu Nr. 169 des Hanauer Anzeiger.
t Briefe über wirthschaftliche Fragen.
III.
Die bekannte Thatsache, daß die deutsche Landwirthschaft mehr Hände beschäftigt, als Industrie und Handel zusammengenommen, und daß 421/* Procent der Gesammtbevölkerung des Reichs auS derselben die tägliche Existenz gewinnt, läßt selbstverständlich erscheinen, daß der Erhaltung des landwirthschaftlichen Gewerbes in Deutschland besondere Aufmerksamkeit zugewendet wird. Werden die Interessen der verschiedenen Berufsklassen gegen einander abgewogen, so wird das landwirth- schaftliche Interesse am Meisten ins Gewicht fallen. Selbst wenn es möglich wäre, den Nachweis zu führen, daß jeder diesem Gewerbe gewährte Schutz eine für die übrigen Klassen fühlbare Bertheurung der landwirthschaftlichen Erzeugnisse (Getreide, Vieh, Holz u. s. w) bedingte, so wäre damit nichts anderes bewiesen, als daß dem einen Uebel ein anderes gegenübersteht. Ist keine andere Wahl gegeben, als diejenige zwischen einer mäßigen Vertheuerung des Brodes für alle Deutschen und der Brodlosigkeit von 42^8 Procent der Bevölkerung des Reichs, so kann die Wahl nicht zweifelhaft sein. Da mit der deutschen Landwirthschaft die wirtschaftliche Existenz von etwa 19 Millionen unserer Volksgenossen zu Grunde gehen würde, ist die Erhaltung derselben eine unabweislrche Nothwendigkeit.
Der Beweis dafür, daß die deutschen Korn- und Viehzölle von 1878 die Nahrungsmittelpreise erhöht haben, ist bis zur Stunde nicht erbracht worden. Wie ist nun zu erklären, daß diese Zölle nichts desto- weniger auf den heftigsten Widerspruch stoßen und als „reaktionäre" Verirrungen der Parteilichkeiten für eine Klasse der Bevölkerung ange. sehen und demgemäß auf das Leidenschaftlichste verdächtigt werden?
Die Erklärung dafür ist in einer ganzen Anzahl von Umständen zu suchen, von denen einige näher liegen, als man meinen sollte.
Zunächst kommt in Betracht, daß der politische Einfluß der Städte ungleich größer ist, als derjenige des flachen Landes Wenn von Arbeitern, Besitzlosen, ärmeren Klassen u. s. w. die Rede ist, denken die meisten und die einflußreichsten Gebildeten zunächst an die Gehilfen des Handwerks und der Großindustrie. Die bloße Möglichkeit, daß diesen Leuten Brod oder Fleisch vertheuert werden könnte, dünkt ihnen die gröbste aller Ungerechtigkeiten, der städtische Arbeiter, der seinen Vortheil ungleich wirksamer geltend zu machen weiß, alS der ländliche, findet es natürlich höchst einleuchtend, wenn ihm gesagt wird, daß er daS „eigentliche" Volk sei und daß sein Interesse als wahres Volksinteresse über jedes andere gehe. Um die Rolle, welche die deutsche Landwirth, schaft für unsere gesammte Wohlfahrt hat, kümmern die Vertreter dieser, von Städten und für Städter getriebenen Politik sich aber ebenso wenig wie um die Nöthe der kleinen Leute auf dem Lande.
Mindestens ebenso wichtig ist ein anderer Umstand. Die für die meisten Deutschen noch gegenwärtig maßgebenden volkSwirthschaftlichen Anschauungen stammen aus den vorigen Jahren und — auS England. Im Gegensatz zu Deutschland ist England ein Industriestaat, dessen Bevölkerung seiner Mehrheit nach in der Stadt und von städtischen Gewerben lebt. Wenn England die Interessen seiner Industrie und seiner Industriellen über diejenigen seiner Landwirthschaft und seiner Landleute stellt, so ist daS ganz in der Ordnung. Für England war die von Richard Cobden und Sir Robert Peel durchgesetzte Abschaffung der Kornzölle in der That eine Errungenschaft, denn die durch die Zölle bewirkte Vertheuerung deS Getreides kam der Minderheit, nicht der Mehrheit der Bevölkerung zu Gute, die schon lange auf die Körner des Auslandes angewiesen ist. Ebenso richtig ist es, wenn die Engländer als Bürger des ältesten und reichsten Industrielandes des Welttheils den unbedingten Freihandel predigen: Einfuhr fremder Industrie-Erzeugnisse brauchen sie nicht zu fürchten und auf freien Märkteu sind sie ziemlich regelmäßig die Gewinner.
Diese aus England stammenden von englischen Verhältnissen ausgehenden Theorien hat man verallgemeinert, auf die gesammte Welt und ins Besondere auf Deutschland angewendet, für welche sie schlechterdings nicht passen. Die meisten Deutschen treiben Landwirthschaft, nicht Jn-
Wichtig für Damen!
Von meinen rühmlichst bekannten Wollschweiß- blättern ohne Unterlage, die nicht kühlen und nie Flecken in den Taillen der Kleider entstehen lassen, halten wie bisher für Hanau und Um- gegend in bester Güte allein auf Lager:
Fräulein L. » A. Schuekhardt, Heumarkt 4
Preis per Paar 50 Pf., 3 Paar 1 Mark 40 Pf. Wiederverkäufern Rabatt. 2832
Frankfurt a. O. Robert v. Stephan!.
Z K s e e K t r.
X Steinkohlen. X
Sämmtliche Sorten der renommirtesten Zechen des Ruhrgebiets liefert in der Fuhre sowohl, wie in Waggonladungen bei vorzüglicher Qua- lität zu äußerst billigen Preisen 6707
Carl Sinzenich, Auheimer Weg 3a.
Zu vermiethen:
der zweite Stock, bei 6597
Schuhmachermeister Helm, Allstadt.
dustrie, — sie wohnen auf dem Laude und nicht in der Stadt, — die deutsche Industrie ist eine verhältnißmätzig junge, mindestens keine so alte, wie die englische; wir besitzen endlich keine auf unsere Industrie- Erzeugnisse angewiesenen Colonien und bis jetzt auch noch keine die Meere des gesummten Erballs beherrschende Schifffahrt. — Ob und in wie weit die Lehren der englischen Volkswirthschaft für uns Geltung beanspruchen können, beantwortet sich nach dem Vorstehenden von selbst.
Endlich ist aber zu berücksichtigen, daß die Bedingungen der landwirthschaftlichen Produktion sich seit den letzten dreißig Jahren so unkenntlich verändert haben, daß aus früherer Zeit stammende Lehrsätze überhaupt keine Geltung mehr beanspruchen können, so weit sie sich auf das landwirthschaftliche Gewerbe beziehen.
Lokales, Provinzielles und Umgegend.
— Frankfurt a. M., 21. Juli. An den Folgen eines Insektenstiches starb kürzlich, wie wir berichteten, ein Mann. Dasselbe Geschick traf einen Arbeiter in Bockenheim, der von einem Infekt, wahrscheinlich einer Fliege, in die Nase gestochen worden war. Es trat eine gefährliche Entzündung derselben ein und der hierauf gerufene Arzt ton» statirte eine Blutvergiftung. Der Arzt versuchte, durch eine Operation den Mann noch zu retten, allein es war zu spät. Der Unglückliche starb. Dieser Fall ist eine Mahnung, solche Stiche nicht leicht zu nehmen, aber er ist auch eine Mahnung an Jedermann, für die richtige Beseitigung von Thiercadavern, aus denen die Fliegen nur zu gern ihre giftige Nahrung saugen, Sorge zu tragen. — Vergangene Woche erfolgte hier die Gründung einer Schuhmacher-Innung. Etwa 100 Meister sind derselben beigetreten. Herr Schuhmachermeister Mondrion wurde zum Vorsitzenden gewählt. (Fr. I.)
— Ein Familienvater, welcher gestern das Turnsest in Bornheim besuchte, — der Zudrang zu demselben war so stark, daß alle Gärten überfüllt waren, — brächte seinen Kindern zwei der bekannten kleinen bunten Ballons mit. Die Kleinen freuten sich, ließen dieselben im Zimmer steigen, als plötzlich die Mutter mit der Petroleumlampe ins Zimmer trat und einem der Ballons zu nahe kam. Dieser explodirte sofort und verletzte die Frau im Gesicht und Hals dermaßen, daß alsbald ärztliche Hilfe ausgesucht werden mußte. (G.-A.)
— Fran kfurt a. M., 22. Juli. Ein Wirth ging über die neue Brücke von Sachsenhausen nach Frankfurt und stolperte plötzlich über die Leiter eines Laternenanzünders. Das brächte ihn dermaßen in Harnisch, daß er dem harmlosen Lichtanzünder die vermeintliche Unachtsamkeit schwer entgelten ließ. Er schlug ihn blutig, als aber der Zorn verraucht war, und der sonst gutmüthige Mann sah, was er angerichtet hatte, fiel es ihm dermaßen auf die Nerven, daß er sich sofort auf daS Revier fahren ließ und sich selbst wegen Körperverletzung anzeigte. (Fr. R.)
— Wiesbaden, 22. Juli. I. Exc. der Herr Kultusminister v. Goßler und der Oberpräsident und Staatsminister Graf zu Eulen« bürg besichtigten gestern Vormittag in Begleitung des Herrn Reg.-Prä« sidenten v. Wurmb auch die unter der Direktion des Herrn Dr. Schmitt stehende LebenSmittel-Unterfuchungsanstalt und chemische Versuchsstation, die Kön. Bibliothek, sowie die chemische Lehranstalt und das Laboratorium des Herrn Geh. Hosrath Prof. FrefeniuS. (Rh. K.)
— Ofsenbach, 21. Juli. OffenbachS Schützen haben sich bereits ausgezeichnet, denn nach soeben eingetroffener telegraphischer Nachricht sind von den hiesigen Schützen beim gestrigen Concurrenzschießen in Leipzig folgende greife errungen worden: Herr Adam Seelmann 4ter Becher in 28 Minuten auf der Feldscheibe, Herr Valentin Huppe 12ter Becher in 29 Minuten auf der Standscheibe. Gewiß eine lobenSwerthe Leistung bei der großen Zahl von Theilnehmern! (O. Z.)
— (lieber fahren.) Ein Bremser auS Oberrad wurde nach der „O. M-Z." am vergangenen Samstag von dem um 1/x2 Uhr ankommenden Frankfurter Schnellzüge bei Niederhone (zwischen Bebra und Eisenach) überfahren. Der Mann war sofort eine Leiche; er hinterläßt eine Frau und fünf unmündige Kinder.
Bekanntmachung.
Das 2. Bataillon Infanterie- Regiments Nr. 97 beabsichtigt während der diesjährigen Herbstübungen von Hanau aus zur Fortschaffung des CantinenwagenS 2 Vorspannpferde zu ermiethen.
Offerten mit Preisangabe pro Tag sind direct an das Bataillon nach Cassel zu richten. 6718
Bereiferinnen ges.
6771 Conrad Deines jnn.