Beilage zu Nr. 166 des Hauaner Anzeiger.
t Briefe über wirtschaftliche Frage«.
I.
Wer es im Handwerk, in der Kunst ober einer anderen, gewisse Vorkommnisse erheischenden Beschäftigung unternehmen wollte, die Regeln derselben in ein paar allgemeine Sätze zusammen zu fassen und an der Hand derselben den Lehrmeister der Sachverständigen zu spielen, würde alsbald ausgelacht und — wenn er auf feinem Vorhaben bestehen wollte — zur Thüre hinausgeworfen werden.
Rücksichtlich der schwierigen und überaus „künstlichen" Kunst, einen großen von Leuten der verschiedensten Berufs-, Bildungs. und Denkart bewohnten Staat, so einzurichten und so zu verwalten, daß alle Bethei- ligten leidlich dabei bestehen können, erleben wir alle Tage, was im bürgerlichen Leben unerhört wäre. Daß nämlich „Freisinnige" und sonstige „Sinnige" Lehrmeister aufstehen, die alle Staatsaufgaben mit ein Paar Redensarten abthun zu können unternehmen und es für außerordentlich „einfach" erklären, die Untauglichkeit der bestehenden Einrichtungen und die Mittel zu ihrer Abhilfe nachzuweisen. Da wird z. B. nach der Methode des Einmaleins auf das Geschwindeste vorgerechnet, daß auf ausländische Roh- oder Jndustrieprodukte gelegte Zölle Nichts weiter als Abgaben seien, die zu Gunsten einzelner großer Fabrikanten und Landwirthe von den ärmeren Klassen erhoben würden und daß sie demgemäß den Charakter von Privilegien zu Gunsten der Schooßkinder der Regierung trügen. „Privilegien in der zweiten Hälfte des neun- zehnten Jahrhunderts — Vorrechte einer Klasse von Staatsbürgern zu Ungunsten der Anderen" — ist das nicht unerhört! „Wenn dem Keinen Manne Brod und Fleisch durch Zölle auf das Getreide und die Speckseiten" des Auslandes vertheuert werden. so ist das doch offenbar ein „Privilegium" zu Gunsten der einheimischen Gutsbesitzer, die nach höheren Preisen schreien, um ihre ohnehin leidlich versehenen Geldsäcke noch reichlicher auszufüllen! Und wenn man Eisen, Gewebe, Leder u. f. W. des Auslandes mit Eingangsabgaben belegt, so liegt wiederum auf der Hand, daß die dadurch dem Handwerker, Bauern u. s. w. auferlegte Vertheuerung seines Arbeitsmaterials auf eine Begünstigung der Fabrikanten hinaus läuft! — Folglich — nun das Uebrige versteht sich von selbst und zeichnet sich gleichfalls durch außerordentliche „Einfachheit" aus: diese „Ungerechtigkeiten" müssen Namens der Gleichberechtigung und Wohlfahrt Aller gerade so beseitigt werden, wie ihrer Zeit die mittelalterlichen „Privilegien" beseitigt worden sind, an deren Stelle die heutige „Kraut- und Schlotjunker.Begünstigung" getreten ist
Wäre mit dergleichen politischen Wunder-Recepten das Geringste auszurichten, lägen die Dinge wirklich so, daß die tausendfältigen Verhältnisse, aus denen das deutsche Staats- und Wirthschaftsleben sich zu- sammensetzt, auf eine Formel gebracht und aus einem Punkte kurirt werden können, — wie leicht ließe sichs für die Regierungen und für die Regierten leben. Schade nur, daß diese Betrachtungsweise grade so schwindelhaft ist, wie die Anpreisung gewisser, gegen alle Krankheiten gleich heilkräftiger Medikamente oder wie das Versprechen, Jemand durch sechsstündigen Unterricht zum perfekten Kaufmann, Rechner, Sprachkenner, Landwirth u. dgl. zu machen. In Wirklichkeit hängen all die verschiedenen Erwerbs- und Berufszweige ein Mal so eng unter einander zusammen, daß keiner ohne den anderen bestehen kann und sind anderer Seits die Bedingungen ihrer Wohlfahrt so verschiedenartiger, beziehw. gegensätzlicher Natur, daß es unmöglich erscheint, allen in gleicher Weise und mit den nämlichen Mitteln zu entsprechen. Setzte der Staat sich ausschließlich aus Handarbeitern, Handwerkern, Kaufleuten, Beamten und anderen Städtebewohnern zusammen, so erschiene in der That gleich- giltig, wo diese thr Fleisch und Brod hernehmen und ob dasselbe aus dem Aus- oder Jnlande bezogen wird. Ebenso einfach würde die Frage nach der Herkunft der Industrie-Erzeugnisse liegen, wenn allein die Zustände und Bedürfnisse der Landbewohner und Bauern berücksichtigt zu werden brauchten. Run weiß aber jedes Kind, daß es in Deutschland Stadt- und Landbewohner, Handwerker und Industrielle, Fabrikanten und Kaufleute gibt und daß die Interessen der Einen ebenso viel Anspruch auf Berücksichtigung haben, wie diejenigen der Anderen. Ebenso muß man sich bei einigem Nachdenken sagen, daß die großen Landwirthe und Industriellen nicht als einzelne Personen, sondern als Arbeitgeber von Tausenden und aber Tausenden ihrer Mitmenschen in Betracht kommen. An dem Wohl und Wehe des Eisengießerei-, Berg- oder Kohlen- schachtbesitzers, der in der Sprache unserer „Freisinnigen" als Schlot- junker abgethan wird, hängt in zahlreichen Fällen das Leben und Sterben vieler Hunderte von Arbeiterfamilien. Wird der Industriezweig,
Neue holllilid. Vollharinge empfiehlt F. H. Henckel,
6542 franz. Allee, Jnh. A. Hock.
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Werlor WMOMM empfiehlt 6648
Heinrich Henckel, am Markt.
’ den dieser einzelne Mann betreibt, durch die Concnrrenz des Auslandes ruinirt, so helfen seinen Arbeiten die billigen Lebensmittelpreise nicht das Geringste, weil es für dieselben überhaupt nichts mehr zu essen gibt. Und weiter: wenn das amerikanische, ungarische oder russische Korn so billig auf den deutschen Markt gebracht wird, daß das deutsche Getreide keine Abnehmer findet, so mag das für die städtischen Consumenten ziemlich gleichgiltig sein, — die Millionen von Deutschen, die von der Landwirthschaft leben, gehen aber zu Grunde, wenn ihre Produkte unter dem Herstellungswerthe verschleudert werden müssen. Schließlich wird das auch für die städtischen Industriellen fühlbar, denn wenn die ländlichen Abnehmer ihrer Erzeugnisse wegbleiben, gehen sie selbst dem Ruin entgegen.
Von all' diesen Schwierigkeiten ist in den „freisinnigen" Wahlreden und Zeitungsartikeln mit keinem Worte die Rede. Wird in diesen doch gewöhnlich so raisonnirt, als siehe jeder einzelne Berufsstand allein auf der Welt da und als komme es nur darauf an, die Welt für ihn und nach seinen Bedürfnissen einzurichten. Dem Landmanne redet man von den Vortheilen wohlfeilen ausländischen Waarenproduktes vor, den städtischen Bürger ködert man mit dem Versprechen niedriger Preise für ausländisches Korn und Fleisch. Der gewissenhafte Staatsmann, der für die Einen und die Anderen zu sorgen hat, kann und darf so nicht raisonniren. Auf die Gefahr hin, von Städtern und Landbewohnern gleich hart gescholten zu werden, muß er die Interessen der verschiedenen Berufsarten gegen einander abwägen und danach seine Entschließungen fassen.
Lokales, Provinzielles und Amgegend.
— Frankfurt a M., 17. Juli. Eine sog. Wassereiche, d. h. eine Eiche, deren Stamm schon seit langen Jahren im Wasser gelegen hat und deren Holz in Folge dessen eine außerordentliche Härte erlangt hat, erhielt gestern Herr Zimmermeister Hancke mit der Hanauer Bahn von Ulm. Der Stamm ist 7 Meter lang und hatte 1 Meter im Durchmesser. 4 kräftige Pferde zogen den gewaltigen Baum, der einige hun- dert Jahre in der Donau gelegen hat und dessen Holz wie versteinert und von dunkelbrauner Farbe ist. Dem Vernehmen nach werden Keltern daraus verfertigt. Das Holz ist so hart, daß es nicht möglich ist, die Spundlöcher hineinzubohren; dieselben müssen langsam mit Hilfe des Feuers hergestellt werden. — Das Vermächtniß, mit welchem Herr Haas, der bei einem hiesigen größeren Bankhaus thätig gewesen, in anerkennens- werther Weise den Pestalozziverein bedacht hat, soll, wie uns mitgetheilt wird, 40 000 Mark betragen. — Ein braver Arbeiter, Vater von 4 Kindern, wurde vorige Woche von einer Fliege in die Hand gestochen. Er schenkte der kleinen dadurch entstandenen Geschwulst anfänglich keine Aufmerksamkeit, bis ihn dieselbe zu schmerzen begann. Der Arm schwoll immer mehr an, entzündete sich, es trat Fieber ein, so daß endlich ärztliche Hilfe herbeigeholt wurde. Dieselbe kam leider zu spät, denn der Unglückliche starb an den Folgen einer Blutvergiftung. (Fr. I.)
— Der Eschenheimer Thurm soll noch im Laufe dieses Sommers renovirt werden. Der Voranschlag der Hochbau-Inspektion beziffert sich auf M. 7000. Die Baudeputation hat trotz der Erheblichkeit des Objekts eine engere Submission für Ausführung der Arbeit in's Auge gefaßt. — Sämmtlichen Wirthen ist von Seiten der Polizei die Weisung zugegangen, täglich ihre Aborte mehrmals in bemerkbarer Weife zu des- inficiren. _ Jede Zuwiderhandlung wird mit 10 Mark gestraft. Als Desinfektionsmittel sind Carbol und Chlor vorgeschrieben. (G.-A.)
— Frankfurt a. M., 18. Juli. Der gestern 1/al2 Uhr fällige Pariser Schnellzug rannte im Main-Neckar-Bahnhofe auf eine zur Ausfahrt bereitstehende Lokomotive. Personen wurden bei der Affaire nicht verletzt, dagegen sind beide Lokomotiven und das Geleise stark beschädigt worden. — Der Besitzer eines Specereiladens in Sachsenhausen, bei dem es vor etlichen Tagen gebrannt hatte, ist gestern Morgen wegen Verdachts der Brandstiftung verhaftet worden. Wie es heißt, fand sich an der Brandstelle eine Menge zum Theil angebranntes Material vor, welches mit Petroleum getränkt gewesen sein soll. (Fr. N.)
— Büding en. Die unsern Saaten vom Roste drohende Gefahr ist durch den günstigen Einfluß der heißen Witterung in der Hauptsache glücklich abgewendet. Wenn nicht gerade Hagelschlag oder schwere Regengüsse noch in der letzten Stunde die Felder verwüsten, wird ein reicher Erntesegen die Mühe des Landmanns lohnen. Auch der Büdinger Wein, ein Gewächs, das nicht jedes Jahr gedeiht, berechtigt zu der Hoffnung, daß er trinkbar wird. (D. Vfd.)
Neue holländische Vollhäringe,
6606 empfiehlt Louis Schweisgut.