Beilage zu Nr. 217 des Hanauer Anzeiger
t „Kein Programm."
Zu den nichtssagendsten Schlagwörtern im Wahlkampfe gehört vornehmlich dasjenige, welches von der Opposition neuerdings in Anwendung gebracht worden ist: die Regierung habe „kein Programm", die Wähler seien im Unklaren, die Ziele der Regierung seien „verschleiert".
Dieses Schlagwort: „Kein Programm" ist nicht etwa jetzt erst erfunden, vielmehr kehrt es bei allen Wahlen regelmäßig wieder. Vor drei und vor sechs Jahren hat man der Regierung denselben Vorwurf machen zu können geglaubt. Wie früher, so kann aber auch gegenwärtig irgend ein Zweifel über das, was die Regierung erstrebt, nicht bestehen. Wer an der Politik der letzten sechs Jahre irgend wie thätigen Antheil genommen hat, weiß sehr wohl, um was es sich auch bei den gegenwärtigen Wahlen handelt. Es ist nichts geschehen, was in den Zielen der Regierung irgend eine Aenderung hätte hervorbringen können. Selbst die Opposition, auch wenn sie für dieselben kein Verständiß haben mag, kann keinerlei Unkenntniß vorschützen. Fehlte es wirklich an irgendwie erkennbaren, greifbaren Zielen und wäre die Opposition wirklich nicht vollständig orientirt, so fragen wir: weshalb kämpst dieselbe denn mit solchem Eifer gegen die Regierung und ihre Anhänger? Doch nicht, weil sie das Programm der Regierung mißbilligt, ohne es zu kennen, sondern weil sie dasselbe kennt und weil sie es für unvereinbar hält mit ihren Wünschen und Forderungen, mit ihrer Auffassung von den politischen Bedürfnissen des Staatslebens und mit ihrer ganzen Weltanschauung.
Wenn sie trotzdem nach einem Programm der Regierung ihre Stimme erhebt, so kann dies keinen anderen Zweck haben, als einerseits in Spekulation auf die Unkenntniß der Massen der Regierung irgend welche Pflichtversäumniß anzudichten und anderseits irgend welche Kund- gebungen hervorzulocken, die sie als neue geeignete Kampfobjekte verwerthen könnte. Freilich die freisinnige Wahlagitation ist gegenwärtig eine sehr lahme und langweilige. Ihre Stich- und Schlagwörter ziehen nicht mehr, an die vielverschrieene „Reaction", die nun schon seit sechs Jahren an die Wand gemalt wird, glaubt Niemand mehr, das Märchen von der Vertheuerung der Lebensmittel durch die Zölle hat seine Wirkung eingebüßt, die direkte Gegnerschaft gegen die Kolonialpolitik scheint den Freisinnlern in vielen Fällen nicht rathsam, — kurz, sie befinden sich mit ihrer Politik in äußerster Verlegenheit. Um so begreiflicher ist es, daß sie irgend eine neue programmartige Kundgebung verlangen, auf die sie sich stürzen können, und welche neues Wasser auf die vertrockneten freisinnigen Mühlräder bringen könnte.
Wir glauben nicht, daß ihr Wunsch in Erfüllung gehen wird, weil thatsächlich die Ziele der Regierung im Großen und Ganzen Niemandem unbekannt sind. Dieselben bis ins Detail zu zergliedern, kann von Niemandem verlangt werden, ganz abgesehen davon, daß dergleichen specialisirte Fragen oder Gesetzentwürfe nicht zum Gegenstand der Abstimmung seitens der Wähler gemacht werden können. Die Conservativen, welche in den letzten Jahren eifrig für die Ziele der Regierung eingetreten sind, haben mit Recht in ihrem Wahlaufruf an die Kaiserliche Botschaft vom 17. November 1881 erinnert. Diese ist das Programm der Regierung wie der Conservativen. An diesem Programm mag sich die Opposition genügen lassen und ihrerseits bei den Wahlen dazu Stellung nehmen: an Klarheit läßt dasselbe nichts zu wünschen übrig. Wie sich bisher schon an der Kaiserlichen Botschaft eine Scheidung der Geister vollzogen hat, so wird dieselbe namentlich auch bei den Wahlen ein Erkennungszeichen für Freund und Feind sein.
— In Erfurt, das bisher den Abg. Dr. Stengel (freisinnig) vertrat, haben Nationalliberale wie Conservative als Compromißcandidaten Herrn Robbe aufgestellt. Derselbe wird, nach einer Meldung der „Post", der freiconservativen Partei beitreten.
— Aus Sachsen theilt das „Leipz. Tagebl." als „erfreuliche" Thatsache mit, daß Vereinbarungen zwischen Conservativen und Liberalen zur Aufstellung gemeinsamer Candidaten bis jetzt stattgefunden in den Wahlkreisen Dresden-Neustadt, Chemnitz, Leipzig-Land, Zschopau-Marien- burg, Zwickau Crimmitschau und Oschatz-Grimma.
— In dem Städtchen Helmbrechts im Frankenwald wurde kürzlich eine milzbrandige Kuh geschlachtet. Der Bezirksthierarzt Kübel, welcher die Untersuchung des Fleisches vorgenommen, und der
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Süßer Aepfelwein.
Ein ordentl. Mädchen ges., Haing. 35. 8494
Süßer Ae-seltoein. f
Sterng. 40 eine kl. Wohnung zu verm. 8497
Fleischer Flechtner, welcher das Thier geschlachtet hatte, zogen sich Beide eine Vergiftung zu, an deren Folgen sie gestorben sind. Ein Fuhrmann, der beim Ausschlachten der Kuh einige Handgriffe mit gethan hat, sowie der Eigenthümer der Kuh und zwei seiner Kinder, die bei dem Vorgänge zugegen waren, liegen noch am Milzbrandfieber krank. (Wie ist so etwas möglich!) (Df.-Ztg.)
— Allen Respekt vor dem persönlichen Muthe des Königs Umberto! Wie ein Feldherr, der zur Zeit der Entscheidung auf dem Schlachtfeld in den vordersten Reihen erscheint, so setzt auch er in den Nöthen, welche der böse Feind aus Ostasien über sein Land gebracht hat, sein Leben aufs Spiel. Oder wäre etwa das Krankenfeld mit weniger Gefahren verbunden als das Schlachtfeld? Die moralische Wirkung dieses helden- müthigen Verhaltens bleibt daher auch Nicht aus und selbst die Ultra- montane Presse Italiens zollt dem König ihre Bewunderung. Wie würde es in Neapel aussehen, wenn ihm dies erhebende Beispiel nicht gegeben wäre? Zur Steuerung der Roth hat der König 300 000 Lite gespendet und erklärt, er werde nicht von der Stelle weichen, bis die
Seuche nachgelassen habe.
Reichsgerichts» Entscheidungen.
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— Bei einer Zolldesraudation darf, nach einem Urtheil des Reichsgerichts, IV. Strafsenats, vom 17. Juni d. I., die Strafe der Konfiskation des defraudirten Gegenstandes auch dann gegen den Defraudanten erkannt werden, wenn er nicht der Eigenthümer des defraudirten Gegenstandes ist. Von dieser Regel findet nach § 154 a. a. O. nur dann eine Ausnahme statt, wenn die Contrebande oder Desraudation von dem bekannten Frachtfuhrmann oder Schiffer, welchem der Transport allein anvertraut war, ohne Theilnahme oder Mitwisfen des Eigenthümers oder des in dessen Namen handelnden Befrachters verübt worden ist und der Waarenführer nicht zu denjenigen Personen gehört, für welche der Eigenthümer oder Befrachter nach § 153 des Gesetzes subsidiarisch verhaftet ist; in diesem einen Ausnahmefalle tritt statt der Konfiskation die Verpflichtung des Waarenführers zur Entrichtung des Werths der defraudirten Gegenstände ein.
— Erwirbt Jemand eine Sache, von welcher ihm bekannt ist oder bekannt sein muß, daß sie mittelst einer strafbaren Handlung erlangt worden, nicht von demjenigen, welcher die strafbare Handlung begangen hat, sondern von einem gutgläubigen Zwischenerwerber, so macht er sich nach einem Urtheil des Reichsgerichts, II. Strafsenats, vom 20. Juni d. I., dennoch der Hehlerei schuldig.
Lokales, Provinzielles und Umgegend.
,— Frankfurt a. M., 15. September. Die japanesischen höheren Osficiere, welche in den letzten Tagen in Frankfurt weilten, sind kleine Gestalten von brauner Gesichtsfarbe, dunkelschwarzem Haarwuchs, dicken Lippen und schiefen Augen, sie sprechen ziemlich gut deutsch und sehr gut englisch, sowie sranzösisch. Sie haben feine Manieren, elegantes Auftreten und zeigten sich äußerst dankbar für Alles, was ihnen vorgesührt wurde. Der kleinste Gegenstand hatte Interesse für sie und über zahlreiche Dinge machten sie sich Notizen. (Fr. I.)
— Frankfurt a. M., 16. September. Eine Dame von hier hat vor einigen Tagen unbeabsichtigt ein Urtheil über die heutige Damen- mode gefällt. Sie besuchte in Begleitung ihres Töchterchens den Palmen- garten. Im Begriffe zu zahlen, ruft sie den Kellner. Während dieser erwartungsvoll vor ihr steht, beginnt sie nach der Tasche ihres nach neuester Mode angefertigten Kleides zu suchen. Sie sucht einige Minuten, findet sie nicht und sagt schließlich zu dem Kellner: „Kommen Sie in einer Viertelstunde wieder, Sie können doch nicht so lange warten, bis ich meine Tasche gefunden habe." (Fr. N.)
— Homburg v. d. H., 15. Sept. Heute Morgen gegen öVs Uhr wurde hier eine minutenlange, ziemlich starke Erderschütterung verspürt, in Folge deren die Fenster klirrten und die Thüren klappten.
(Fr. I )
— In Lampertheim brach vorgestern (Sonntag) Abend auf bisher unaufgeklärte Weise Feuer aus, das 7 bis 8 gefüllte Scheuern und Stallungen völlig einäscherte. Die Beschädigten sind zumeist nicht versichert und verlieren somit fast ihr ganzes Besitzthum. Bemerkenswerth ist, daß vorgestern in Lampertheim Kirchweih war und in der letzten Zeit fast in jedem Jahre an diesem Tage dortselbst ein Unglück passirt ist.
Inserate.
Gasthaus z. den 3 Hasen. Reife Weintrauben,
Fischergaffe 13.
8531
Per 1. Oktober Fahrgaffe 2 eine freund!. Wohn. 7328