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Beilage zu Nr. 32 des Hanauer Anzeiger.

t Socialistische Briefe aus Amerika.

Die Briese eines nach Amerika ausgewanderten süddeutschen Ar­beiters, deren wir bereits neulich Erwähnung thaten, zeigen auch in Be­zug auf die Fragen Schutzzoll oder Freihandel, Bedürfnisse der Industrie und Landwirthschaft, Werth eines tüchtigen stehenden Heeres und andere Fragen, daß Demjenigen, welcher nach bekannter demokratischer Schablone die auf die materielle und politische Sicherstellung des Deutschen Reiches gerichteten Bestrebungen verurtheilt, drüben sehr bald die Augen geöffnet werden.

Unserem Briefschreiber erscheint die amerikanische Industrie nicht wie einstmals die deutsche Industrie,billig und schlecht", sonderntheuer und schlecht". WaS dort gut ist, ist gewöhnlich von deutschen oder französischen Arbeitern gemacht. Die deutsche Industrie wird nach seiner Ansicht mit der dortigen, trotz der hohen amerikanischen Zölle, immer noch concurriren, namentlich wenn die Zufuhr guter deutscher Arbeiter aufhört: die Concurrenzfähigkeit der deutschen Industrie nimmt sogar mit dem besseren Geschmack und der größeren Solidität zu. In Amerika wird auf die Erziehung eines tüchtigen Arbeiternachwuchses nicht viel gegeben» man kann dort keine ordentlichen Lehrlinge bilden, jeder Junge will dort schon den selbstständigen Arbeiter und Meister spielen. Gerade wie es bei uns eine Zeit lang der Fall war und als Ideal gepriesen wurde! Der ausgewanderte Arbeiter hat gerade an diesen in Amerika bestehenden Verhältnissen mit ihren Folgen eingesehen, daß Deutschland die gewerbliche Erziehung mehr Pflegen muß.Je größeres Gewicht die deutschen Handwerker und Arbeiter auf die Schulung und Drillung der Lehrlinge legen, um so besser wird die deutsche Industrie auf dem Weltmärkte concurriren können."

Ebenso empfiehlt, der Briefschreiber zur Erhaltung deS eigenen Marktes Schutzzölle für die deutsche Industrie. Die industriellen Arbeiter in Amerika sind entschiedene Anhänger der Schutzzollpolitik, die deutschen Socialdemokraten in Amerika rütteln gleichfalls nicht an dem dortigen Schutzzollsystem. Dem bis dahin für alleFreiheiten" und natürlich auch für Freihandel eingenommenen Manne wurde von social- demokratischer Seite erklärt:Der Entscheid, was besser ist, Freihandel oder Schutzzoll, hängt einzig und allein von der Zweckmäßigkeit ab; das ist keine politische, sondern eine technische Frage; wenn die Industrie stockt, hungert die Arbeit" Jngleichen hat sich auch seine Ansicht über landwirthschaftli che Zölle geklärt.Die Hauptsache ist, daß das eigene Volk und in erster Linie die Landwirthschaft, auf welcher der ganze Staat beruht, zu leben vermag. Ist die Landwirthschaft und der einheimische Markt, der ihr doch von Rechts wegen gehören sollte, ganz und gar der Willkür der internvtionalen Spekulation verfallen, dann wird mit der Landwirthschaft die Industrie, die zunächst auch auf den einheimischen Markt angewiesen ist und in der Landwirthschaft das Gros der Consumenten hat, die Schwindsucht und Auszehrung bekommen." Um eine etwaige Vertheuerung der Lebensmittel durch die Zölle braucht der Arbeiter so wurde unserem Briefschreiber in Amerika gesagt nicht besorgt zu fein: denn er weiß, daß sich der Arbeitslohn nach Lassalle nach dem Preise der Lebensmittel und der vorhandenen Menge an Arbeitskräften richtet. Mit anderen Worten eine etwaige Vertheue­rung wird ebenso Erhöhung der Löhne zur Folge haben, wie der Lohn bei zu starkem Angebot von Arbeitskräften sinkt.

Die Lage der Land wirthschaft in Amerika wird in den Brie­fen als eine bedrückte geschildert: hieran trägt vor Allem die Ueberpro- duktion und der Raubbau die Schuld. Dabeiist in Amerika keine Regierung, welche sich der bedrängten Farmer annimmt." Ebenso leidet die Landwirthschaft in Amerika unter der Kapitaltyrattnei und Schulden- wirthschaft, vor welcher sie auch die Heimstättengesetze nicht schützen: denn der Besitz einer Heimstätte schützt nicht vor dem Zwangsverkauf, wenn es sich um rückständige Steuern und eingeklagte Hypotheken han­delt." Dabei müssen sich die amerikanischen Farmer mit geringeren Hilfsmitteln bei Bewirthschaftung ihres Bodens behelfen als die deutschen Bauern. Die vielfach behauptete Überlegenheit der amerikanischen Land- Wirthschaft in Anwendung von Maschinen ist thatsächlich nicht vorhan- den:Großgrundbesitzer wenden hüben und drüben in ausgedehntester Weise Maschinen an, und was die Bauern betrifft, so wüßte ich sagt der Briefschreiber keinen Staat in der Union, der in Bezug auf die verallgemeinerte Anwendung der Maschinen in der Landwirthschaft Bayern überträfe." Was der deutschen Landwirthschaft schädlich, das ist,daß die Gesetzgebung sich zu sehr nach den Bedürfnissen des Handels zugeschnitten hat und die Landwirthschaft nach kaufmännischen Regeln behandelt. Die Credit- und Schuldenwirthschaft mag für den Handel Passen, für die Landwirthschaft ist sie der Tod."

Und nun vom Heerwesen. Die Liberalen sagen:Amerika

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soll reicher und glücklicher fein, weil es so wenig stehende Truppen hat." Unser Briefschreiber nennt es eine Einbildung, d^ß daS amerikanische Militair nur wenig koste.Rechnen wir die Ausgaben für Landheer, Flotte, Festungen, Militair- und Kriegspensionen zusammen, so kommen wir auf eine Summe, welche dem deutschen Militairetat völlig ebenbür­tig gegenübersteht. Mit den Zinsen der Staatsschuld, die noch immer an 400 Millionen Mark per Jahr betragen, steht Amerika in Bezug auf Militair- und Kriegskosten unmittelbar neben Frankreich. Wenn irgend­wo, so dürfen in Amerika die Zinsen der Staatsschuld zu den Militair« ausgoben geschlagen werden; denn die Schuld wurde im Kriege und für den Krieg kontrahirt. Was das Land an jährlichen Ausgaben für eine größere Armee und Flotte etwa spart im Verhältniß zu dem deut­schen Budget sind die Ersparnisse nicht groß, das wird in einem Kriege zehn- und Hundertsach aufgebraucht." Es ist ja bekannt, daß die Abschaffung stehender Heere und die Einführung von Milizarmeen auch jetzt noch das Ideal der deutschen Demokratie bilden. Der Brief­schreiber erinnert daran, daß die deutsche Armee ja nicht aus Söldnern, sondern aus Söhnen des Volks besteht, und fährt fort:Die deutsche Armee ist sogar ein socialer und wirthschaftlicher Regenerator: wollte man die 400 000 Soldaten aus den Kasernen entlassen, so würde sich die Armee der arbeitslosen Proletarier in gleichem Maße vermehren. Wenn zahlreiche Zeitungen in Deutschland die Segnungen des amerika nischen Schulwesens preisen und die großen Ausgaben für dasselbe im Gegensatz zu denunproduktiven" Ausgaben für das Militair stellen, so muß man über eine solche Naivetät lachen: das viele Geld in Deutsch, land wird nicht umsonst ausgegeben, man weiß dort, wo das Geld Hin- kommt, wie es angewendet wird, daß es seinem Zwecke dient: aber wo die viel größeren Summen, welche in Amerika angeblich für das Schul­wesen verbraucht werden, hinwandern weiß man nicht Die für das deutsche Heer verwendeten Millionen werden ja der Cirkulation nicht entzogen, sie wandern vielmehr in die Taschen vieler kleinen Leute zu­rück, statt auf den einen großen Haufen des Großkapitals und der Ban­ken. Ohne Armee hatten wir überhaupt keine Volkswirthschaft mehr, sondern nur mehr Privatwirthschast, und was für eine! Die Armee beschäftigt eine Menge von Industrien, schafft sogar neue dazu. Und was verdankt ihr nur die Landwirthschaft durch Hebung der Pferdezucht § Was das Verkehrswesen, was die Schule, die Gymnastik und selbst die Wissenschaften!"

Wir glauben durch unsere Mittheilungen genug Interesse für diese mit Verständniß geschriebenensocialistischen Briefe" eines durch die Er­fahrungen des Lebens klug gewordenen Arbeiters erweckt zu haben, und können nur wünschen, daß sie in den weitesten Kreisen Würdigung und Verständniß finden.

Lokales, Provinzielles und Umgegend.

Frankfurt a. M-, 6. Februar. (Säug er reise d eS Schubertbund") Der Schubertbund aus Wien hat bereits im abgelaufenen VereinSjahre den Beschluß gefaßt, im Juli 1884 eine Sängerreise nach Deutschland zu unternehmen. Aus diesem Anlässe ent­sendete er im vorigen Sommer zwei Delegirte, um die nöthigen Ver­bindungen anzuknüpfen. Bei dieser Reise-Tour wird der Schubertbund die Rheinfahrt bis Köln machen, das Niederwald-Denkmal besuchen und in Nürnberg, Frankfurt a. M., Wiesbaden, Heidelberg und Stuttgart concertiren. Der schriftliche Verkehr mit den deutschen Gesangvereinen und musikalischen Persönlichkeiten ist bereits ein sehr reger und es steht dem Bunde allerorts eine herzliche Aufnahme bevor. Nur sieben Straßen gibt es gegenwärtig in Frankfurt, an welchen gebaut werden kann, da sie vollständig dem Baustatut entsprechen. In der Ober- main-Anlage befindet sich unweit der Ostendstraße eine bereits ganz grüne Hecke. , (G.-A)

Ein in der Friedbergergasse wohnender Wirth gab gestern Morgen seinem Dienstmädchen einen Brief und ein Zehnpfennigstück, damit es ihn frei machen möge. Die Unschuld vom Lande, welche noch nicht viel Briefe geschrieben haben mochte, wußte offenbar nicht, was unter dem Freimachen zu verstehen sei und warf Schreiben mitsammt Zehnpfennigstück in den Briefkasten an der Constabler Wache. Ein hiesiger Einwohner, Herr H., hat dem Pestalozzi-Verein sein ganzes Vermögen vermacht. Dasselbe dürfte nicht unbedeutend fein, denn der Verstorbene hat zwei andere philanthropische Corporatronen mit Legaten im G.esammtwerthe von 2000 M. bedacht, die der Pestalozzi-Verein als Universalerbe auszuzahleN haben wird. Der Vorstand des Vereins hat bereits die nöthigen Schritte eingeleitet, um in Besitz der ihm von der Behörde avisirten Erbschaft zu kommen. (8*. )

In der Zeit vom Mai Juli wird in den

Off. unter Jacob Kr. an die Exp.

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