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welche die Gegenparteien der Regierung im ungarischen Parlamente in diesen Tagen vollzogen haben. Unter den gegenwärtigen Verhältnissen ist dies ein nahezu staatsfeindlicher Akt.

Die Lage im Orient hat in der letzten Woche wesentliche Umän­derungen erfahren. Rußland fühlt sich in seiner militärischen Stellung daselbst jetzt beengt. Es ist vollständig zu der Einsicht gelangt, daß die englische Panzerflotte die Oberherrschaft in den Dardanellen behaupten kann und das russische Oberkommando hatte sogar in Folge dessen be­reits den Beschluß gefaßt, sich der Orte Gallipoli und Bukjudere zu bemächtigen Aber eine Weisung aus Petersburg modificirte die Auf­gabe der russischen Armee dahin, sich in eine derartige Position zu brin­gen, daß sie jeden Augenblick einen erfolgreichen Angriff auf die wich­tigen Kostenpunkte bei Constantinopel unternehmen könne. Außerdem koncentriren die Russen bedeutende Truppenmassen bei Sofia, an der unteren Donau und in Rumänien. Diesbezügliche Reklamationen der rumänischen Regierung hat die russische Regierung bis jetzt unbeant­wortet gelassen. Was die Aufstände im Orient anbetrifft, so dauern dieselben nicht nur in Thessalien fort, sondern auch in Bosnien und der Herzegowina rüsten sich die Insurgenten zu neuen Kämpfen, indem sie gleichzeitig erklärt haben, sich den Türken nicht wieder unterwerfen zu wollen. Es kursirt auch ein Gerücht, wonach die österreichische Regie­rung bei der Pforte um die Ermächtigung nachgesucht habe, Bosnien und die Herzegowina besetzen zu dürfen, um weitere Aufstände zu ver­eiteln.

Die aus Rom, Bern und Paris einlaufenden Meldungen über die Friedensabsichten der päpstlichen Curie erscheinen wie Friedenstau­ben mit dem Oelzweige im Schnabel. Der Cardinal Franchi bereitet auf Anweisung des Papstes ein Rundschreiben an sämmtliche Mächte vor. Der Grundgedanke desselben ist, daß der Kirche innerhalb der modernen Währung auf geistigem und gesellschaftlichem Gebiete eine ver­mittelnde Stellung zwischen der Regierung und der bürgerlichen Gesell­schaft zukomme. Mit der Schweizer Regierung hat der Papst einen Notenwechsel geführt und darin sein Bedauern ausgesprochen, daß die vormaligen gut n Beziehungen der Schweiz zum Vatikan eine Unter­brechung erlitten hätten. Er hoffe jedoch von der Gerechtigkeit des Bundesrathes und von der Anhänglichkeit der Schweizer Katholiken, als das Oberh nipt der katholischen Kirche, daß nunmehr ein, bessere- Verhältniß zwischen dem päpstlichen Stuhle und der Schweiz wieder angebahnt werde. Desgleichen sollen unter der Vermittlung des Cardi- nals Hohenlohe zwischen der deutschen Regierung und der päpstlichen Curie Unterhandlungen bezüglich eines modus vivendi gepflegt werden.

Die nahe Eröffnung der Pariser Weltausstellung und die Her­stellung der inneren Ruhe haben die Franzosen in eine wahre Friedens­seligkeit versetzt, die dem nach den großen politischen Stürmen Frank­reichs gehegten Friedensbedürfnisse vollständig entspricht. Das FricdenS- dedürfniß bei der Mehrheit der französischen Nation hat der republika­nischen Partei auch ihre wiederholten großen Siege verschafft, da sämmt­liche monarchische Fraktionen als Ruhestörer verschrieen sind. Von die­sen ist neuerdings die bonapartistische Partei, die noch vor Kurzem kühn ihr Haupt erhob, sehr im Niedergänge begriffen. Abgesehen von dem Verluste mehrerer Kammersitze der Bonaparten bei den letzten Nach­wahlen haben mehrere ehemals eifrige Anhänger der bonapartistischen Bartei Broschüren veröffentlicht, in welchen sie die Unmöglichkeit aus­führen, daß das Kaiserreich wieder aufgerichtet werden könne. Es klingt daher auch recht wie Schicksalsironie, wenn bonapartistische Zeitungen schreiben, daß der kaiserliche Prinz von dem Rechte der Befreiung vom Militärdienste Gebrauch mache, da er der einzige Sohn einer Wittwe sei.

Der Kaiser von Brasilien hat die ziemlich wiederspenstigen Kam­mern des Landes, welche in ihrer Mehrheit dem Ministerium Opposi­tion bereiteten, gleich bis zum 15. Dezbr. 1878 vertagt. Die brasi­lianische Majestät hofft vielleicht, daß der heiße Sommer Südamerikas die Kammermitglieder mürbe machen werde.

Ergänzungsnachricht. Ein Telegramm aus Wien bringt soeben noch die bedeutungsvolle Nachricht, daß Großfürst Nikolaus von San Stefano nach Petersburg zurückkehren wird, nachdem er durch General Totleben im Hauptquartier ersetzt worden ist. Dieser Wechsel im Commando wird als eine Maßregel der Versöhnung angesehen.

T « g e s s ch « «.

Berli!?. In vielen ländlichen Distrikten findet sich auch in diesem Jahre die sogenannte Wucherblume, welche bekanntlich auf den Feldern großes Unheil anrichtet, an einzelnen Stellen schon in großer Menge vor. Einzelne Polizeiverwaltungen haben deshalb auf's Neue an die Regierungs-Polizeiverordnung vom 25. April 1876 erinnert, wonach die betr. Besitzer von Grundstücken verpflichtet werden, dieses Unkraut, bevor es zur Blüthe kommt, herauszunehmen und derart zu vernichten, daß es entweder mindestens 1 Meter tief vergraben, oder verbrannt wird. Mit dieser Vertilgung muß spätestens am 1. Mai c. begonnen werden.

(Borsig's Vermögen.) Wie ein Berliner Blatt berechnet,

hat der verstorbene Maschinenfabrikant Borsig 4000 Lokomotiven gebaut und an jeder in der guten Zeit 5000, später 3000 Thaler verdient. Wenn man den Durchschnittsoerdienst mit 2500 Thaler annimmt, so gtbt dies ein Vermögen von 10 Millionen Thalern oder 30 Millionen Mark. Das Vermögen, das in Werken. Effekten und Landgütern steckt, wird auf 5060 Mill. Mark veranschlagt.

Hamburg, 17. April. Auf das Konto der verheerenden Gründerzeit mit ihren Ansgeburten wurde heute wieder ein bedeutender Verlust gebucht. Die in den letzten Jahren mit einem Aufwande von circa 1 Million Mark errichtete Sillem'sche Zementfabrik und Ziegelei an der Eidrr, in Pahlhude, wurde heute mit dem dazu gehörigen großen Grundbesitz von dem Baron v. Horschitz in Hamburg für 180,000 M. in öffentlicher Auktion angekauft.

Wien, 17. April. DiePolit. Korresp." veröffentlicht fol­gende Meldungen: Aus Konstantinopel, den 16. d.: Die bereits wieder ausgeglichene Ministerkrisis war eine Folge von Spaltungen im türki­schen Ministerrathe über die eventuelle Haltung der Pforte im Falle eines russisch-englischen Krieges. Die Majorität der türkischen Minister sprach sich für die Neutralität aus, nur der Minister-Präsident Vefik Pascha erklärte sich für ein Bündniß mit England. Da sich Vefik Pascha mit seiner Meinung isolirt sah, gab er seine Demission, zog die­selbe aber auf Grund eines Kompromisses zurück und willigte in die Neutralität. Die im Laufe der Verhandlungen gemachten Versuche, Mitglieder des gegenwärtigen oder des früheren Kabinets zur Ueber­nahme der Minister-Präsidentschaft zu bestimmen, blieben fruchtlos. Die Russen haben seit vorgestern größere Truppenbewegungen in der Umge­bung von Konstantinopel begonnen. Von russischer Seite wird auf die Räumung von Schumla, Varna und Batum, welche noch theilweise von türkischen Truppen besetzt sind, neuerdings sehr gedrungen. Aus Athen, 17. d. M.: Die englische Regierung hat den englischen Konsul Merlin nach Volo entsandt, um zwischen den Insurgenten und den türki­schen Truppen einen neuen Waffenstillstand zu vermitteln. Aus Bukarest: Ein Theil des Corps des Generals Zimmermann aus der Dobrudscha ist zur Verstärkung des russischen Lagers auf dem Plateau von Furtscheni bestimmt, welches den Schlüsselpunkt aller Vertheidi­gungslinien zwischen der Wallachei und Rußland bildet. Die Russen verschanzen das Lager und häufen daselbst Lebensmittel und Munition auf. Die russische Garnison in Galatz wird verstärkt. Bei der Sulina- mündung werden mit Steinen beladene Schiffe postirt, um eventuell die Donaumündungen wieder zu sperren. Die Brücke bei Barboschi erhält schwere Belagerungsgeschütze. Die rumänische Armee konzentrirt sich bei Turnseverin und Tirgevisti. Die beurlaubten rumänischen Milizen sollen einberufen werden. Der Fürst von Rumänien wird sich nach dem Schlosse Sinaia begeben, welches in der Nähe des Konzentrationspunk­tes der rumänischen Truppen liegt. Wie es heißt, soll die rumänische Regierung nunmehr in St. Petersburg gegen den Friedensvertrag von San Stefano protestirt haben. Die daselbst überreichte Note soll aber verschieden von der in dieser Angelegenheit an die rumänischen Agenten im Auslande früher erlassenen Depesche sein.

Paris. Nach dem für die Eröffnung der Pariser Weltaus­stellung festgestellten Programm wird, laut eines Telegramms der Nat. Ztg." die Feierlichkeit vor dem Palais des Trocadero stattfin- den, woselbst für den Marschall Mac Mahon, die Minister, das diplo­matische Corps u. s. w. eine Tribüne gebaut wird, und zwar inmitten der Terrasse, welche den Wasserfall überragt. Die Einrichtungen sollen dahin getroffen werden, daß etwa 27,000 bis 30,000 Eingeladene der Feier beiwohnen können. Der Marschall Mac Mahon wird eine Rede halten und die Ausstellung für eröffnet erklären, worauf der Rundgang durch die Ausstellung stattfindet. Punkt 12 Uhr sollen dann die Thore der Ausstellung dem Publikum geöffnet werden.

London, 19. April, Morgens. Dem Reuter'schen Bureau wird aus Kalkutta vom gestrigen Tage gemeldet: Brigadier-General Rofs ist zum Commandirenden der Epedition ernannt, welche nach Malta geht. Rofs wird speciell die erste, Macpherson die zweite Ab­theilung, Major Watson die Cavallerie, Prendergast die Sappeurs kommandiren. Dem Vernehmen nach ist Befehl ertheilt, die in Chatham stehenden Infanterie-Regimenter bis zum Montag auf die voll­ständige Kriegsstärke von 1066 Mann zu bringen. (Köln. Ztg.)

St. Petersburg, 17. April. Wie dieAgence Russe" mittheilt, schienen die Pourparlers zwischen den Kabineten von London, St. Petersburg und Berlin eine befriedigende Wendung zu nehmen. Die Zeitungsnachricht, daß Rußland dem Zusammentritt einer Prälimi- narkonferenz widerstrebe, sei unrichtig. Die russische Regierung habe im Gegentheil seiner Zeit dem Vorschläge einer Präliminarkonferenz, als das Berliner Kabinet ihn machte, zugestimmt. Es sei kein Grund vorhanden, demselben ^ute nicht zuzustimmen, zumal in dem Falle, daß England demselben sich nicht mehr widersetze. Was die Nachricht anlange, daß England mit Griechenland eine Allianz abgeschlossen Haoe, so sei dieselbe durch die Thatsache widerlegt, daß die englische Regie­rung der griechischen zu wissen gethan habe, daß sie in einem Kampfe gegen die Türkei nicht auf die Unterstützung Englands zu rechnen habe.