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Lungen auf kirchlichem und socialem Gebiete, wobei er sie zu gemeinsamem Handeln bei den sich hieraus ergebenden Aufgaben aufforderte. DaS sociale Gebiet erwähnte der Kaiser wohl unter dem Eindruck der kürzlich in Berlin statigehabten 2 Nachwahlen für den Reichstag mit, bei denen es sich zeigte, daß das Anwachsen der socialdemokratischen Anhängerschaft noch immer fortdauert. Die „Weserztg." wollte ganz genau wissen, daß Fürst Bismarck dem Kaiser die Ablehnung des Hegel- schen EntlassungSgesucheS angerathm habe. Die offiziöse „Post" aber erklärte diese Mittheilung für erfunden. — Der Centralverband der deutschen Industriellen hielt am 16. Juni in Frankfart a. Main eine Generalversammlung ab, um zu berathen, was „zur Beförderung und Wahr««g nationaler Arbeit" in Deutschland zunächst ßeschehen müsse. 442 Vertreter industrieller Etablissements aus allen Theilen des Vater-- Taubes waren erschienen. Die gefaßte« Beschlüsse bestchen vornehmlich in der Forderung einer eingehenden bom Staats zu unternehmendr« Untersuchung über die Lage der vaterländ. Industrie.
In Frankreich hat sich nun auch der zweite Akt der mit dem 16. Mai herbeigeführten Krise vollzogen. Der Senat hat mit 150 gegen 130 St. seine Zustimmung zur Auflösung der Deputirtenkammer gegeben, so daß bitfe am Montag durch Dekret entlassen werden konnte. Letzteres besagt zugleich, daß die Neuwahlen binnen 3 Monaten statt- finden werden. Der Senat hat sich für die Zwischenzeit vrrtazt. Die SenotSdkbottkn, welche dieser Entscheidung vorhergingen, waren nicht minder scharf und heftig als die der Depntirtenkammer, welch' Seciere ihren Höhepunkt fanden in der Annahme der Tagrsordnunß Choiseul mit 363 gegen 158 ®t, welche da? Ministerium Broglie als eins Gefahr für die Ordnur-g und den Frieden und eine Ursache der Benmubi- WW für die Geschäfte m-d die. avgemmkn Jnirressk« hinstellte. In der letzten Sitzung weigerte sich die Deputirtenkirmmer in die Berathung des Gesetzt über die 4 neuen Steuern einzugehen, bewilligte aber ein« stimmig tun verlangiM Kredit von 209 Millionen für Herex- Md Msrine-Zwkcke. Die Republikaner der DepntiktenkMmer verkündeten der glatten durch ein Manifest, daß die emzelr-cn Fraktionen der Partei sich bei den Neuwahlen nicht bekämpfe«, sondern, daß alle einmüthig für die bisherigen Deputirten eicchesm werden. Ein von sämmtlichen republikan. Senatoren ansZchendeK Kamftst fordert die Wähler auf, die bisherigen rtpublikan. Deputirten wiederzuwählen.
Der euglische Ministerrath hat beschlossen, auch eine «m vorüber- gehends Besetzung Kenstantinepüß durch die Rufst« nicht zu dulden und vom Parlamente einen Kredit von 2 Millionen Pfund für etwa nothwendig werdende TruppsntranZports zu verlangen.
Jetzt endlich sind wichtigere Ereignisse aus den verschiedeum Kriegsschauplätze des Südostens eingetreten. In der Nacht vom 22. zum 23. Juni haben bis Russen begonnen, die Donau zu überschreiten, und zwar bei Hirlowa, Galatz, und namentlich bei Brail«, wo man eine Schiffbrücke geschlagen hatte. Da jedoch das Klima in der sumpfigen Dobrudscha überaus ungesund ist, so glaußt man nicht, daß dort der HsuptüberEMg ausgeführt werden würde. Man erwartet Letzteren vielmehr bei Rustschuk und noch weiter westwärts. Es muß sich übrigens in den nächsten Zagen schon zrigm, ob diese Vermuthung richtig ist. In der Dobrudscha sind die Türken sehr schwach und werden dort schwerlich eine Sch'acht wagen, bevor sie bedeutende Verstärkungen er« halten hüben.
Auch auf dem wpntenfgtinWn Kriegsschauplatz? ist die Sache ein bedeutendes Stück vorwärts gegangen. Eine türk. Uebermacht von 60,000 Mann ist von 3 Seiten aus in das Ländchm tingedrungen und hat die CzernaLMM geschlagen; es habm diese 3 Corps auch bereits ihre V-rtinignug bewirkt unb dürften bald den ganzen Duodezstaat besitzt haben. In seiner Noth rief Fürst Nikita nach allen Seiten um Hülfe. Die reff. Truppen sind zu weit entfernt um helfen zu können, und da hat man Oesterreich darum anseWUMn, den Retter z« spielen. Wie es scheint, will nun Oesterreich 35,000 Mann an die bosnische Grenze schicken, ob, um den Montenegrinern zu helfen, oder um Bosnien als Faustpfand zu besetzen, wenn die Steffen nach Bulgarien gehen, bleibt abzuwarten. Die Deutsch- Oesterreicher und UngdVn sind sehr bcsmgt wetzen dieser Okkupation und es sind in Folge bessert in beiden Parlament.« darüber Aufschluß verlangende Interpellationen gestellt worden, auf deren Beantwortung man gespannt ist.
In Kleinasien erlitten 15,000 Türken von etwa ebensoviel Russen eine entschiedene Niederlage zwischen Kars und Erzerum.
Don Carlos ist in Bukarest angekammen, um, wie Einige wissen wollen, sich zum Köu,g von Bulgarien anzubieten. Im Interesse Spa- nieas könnte man ihm schon guten Erfolg wünschen._______________■
Tage-schau.
— Der Vorsitzende der Patentamts zu Berlin macht unterm 29. Juni im „R. u. St A." bikannt: Auf Grund des PatentgesetzeS vom 25. Mai b. I. tritt das Patentamt am 1. Juli b. JS. in Thätigkeit. Die Geschäftsräume werden sich vorläufig Wilhelmstraße 75 befinden.
— Der Reichskanzler hat in Folge derMchrichten über das Auftreten des Colorado-KäferS bei Mülheim a. Rh. eine sofortige genaue
Untersuchung deS SachverhaltS und die evrnt.n Anwendung euergischer chemischer ZerstörungSmittel von Reichswegen angeordnet. Da eine land- wirthschaftliche Reichsbehörde bis jetzt fehlt und das Gesundheit--Amt dir einzige auf naturwissssschaftlichem Gebiete kompetente Reichsbehörde ist, so hat der Reichskanzler die Letztere mit Leitung der Angelegenheit betraut, und ist von diesem, nach telegraphisch eingegangenen Aufklärungen, der Hülfsarbeiter desselben, Professor der Chemie Dr. Kell, zur eventuellen Ausführung der erforderlichen Maßregeln nach Mülheim a. Rh. entsandt und bereits abgereift. — Die Nachricht von dem Auftreten des Kartoffelkäfers bei Mülheim a. Rh. hat auch dem Minister für die landwirthschaftlichen Angelegenheiten, Dr. Friedenthal, Veranlassung gegeben, sofort die energischste« Maßregeln zur erfolgreiche« Bekämpfung des gefährlichen Insekts anzuordnen. Der Regierung find die erforderlichen Mittel zur Ausführung der BertilgungSmaßreßeln überwiesen, und genaue Nachforschungen über die EinschleppungSart angeordnet worden. Als Sachverständiger ist sofort der Professor Dr. Gerstaecker von Greiftwald nach Mülheim entsendet worden, um den Käfer genau zu bestimmen und eventuell den Behörden mit dem nöthige« sachverständi- gen Keirathe zur Hand zu sein. m. * st.«.)
— Berlin, 28. Juni. Die Norddeutsche Allgemeine Zeitung schreibt offiziöS: „Nachdem der Präsident der Rnchkkanzler-Nmts sich über die bei den Verhandlungen in Betreff eines Handelsvertrags mit Oesterreich weiter festzustellenden Gesichtspunkte zunächst mit dem ReichS- kanzlrr verständigt, und nachdem auf Grund dieser Verständigung gestern weitere verirasliche Besprechungen im preußischen StaatS-Ministerium Statt gefuud n haben, »erben die diesseitigen Bevollmöchtigti« ihre Instruktionen zur Wiederaufnahme der Verhandlungen in den nächsten Tagen erhalten. — Die Forderung, daß der Cultus-Minister den Entwurf des UnterrichtSKesstzrs veröffcntlichen soll, wird schwerlich erfüllt werde», । weil diese Veröffentlichung mit den an sich schon schwierigen Verhandlungen über den umfass »hen Entwurf nicht vereinbar erhebst. Der i Entwurf ist räch der jetzt im StaatS-Minifierium geltenden zrundsätz- i [id^eit Behandlung nur ein provisorischer, so lange die Hauptgrundzüge nicht die Zustimmung des Staats-Ministeriums und des KönigS g« funden haben. Wenn mit Rücksicht auf die Natur der Sache die formu- lirte AufßelluKg eines Gesammtentwurfs von vorn herein geboten schien, so wird eS doch nicht als thunlich erachtet, diesen Gesetzentwurf der öffentlichen Diskussion zu unterbreiten, bevor noch die sonst beseitigten Ministerien Gelegenheit gehabt haben, wenigstens zu den Hauptgrund- sätzen Stellung zu nehmen." (ftiüugtg.)
— Berlin, 28. Juni. Schon Ende voriger Woche verbreitete sich das Gerücht von der unmittelbar bevorstehenden Rückkehr des Fürsten Bikmarck, und in Folge dieser Gerüchts, welches sich inzwischen als falsch erwies, taucht die Nachricht auf, daß der Reichskanzler in Rücksicht auf die politische Lage seinen Aufenthalt in Kissingen abgekürzt habe. Die Combination fällt natürlich mit der BolauSsetzu«g. Indeß ist die Rückkehr des Fürsten innerhalb der nächsten Tage zu erwarte« und wird derselbe nach kurzem Aufenthalt in Berlin und ohne erst einen Brsuch in Ems abzustatten sich nach Barzin begeben. Dagegen hat sich bekanntlich in @mS ein Gast eingefunde«, welcher vielleicht unerwartet kommt, Bicomte de Houtaut-Biron. Man hört hier den Wunsch und die Hoffnung auSsprechen, eS werde unserem Kaiser dir Erholung, welche er in EmS sucht, nicht dadurch verkümmert werden, daß ihm die Aufnahme geschäftlicher Bes-rechunge« gewisser Maßen unvermeidlich gemacht wird. — 29. Juni. Der deutsche LasdwirthschafSrath hat bekanntlich Schritte unternommen, um auf dem Wegs der Gesttzgebung der überhandnehmende« Verfälschung der Lebensmittel beizukommen, und hat eine Denkschrift an das Reichskanzleramt gerichtet, in welcher zur Beurtheiluug dieser heiklen Frage ein ausgiebiges thatsächliches Material beizebracht wird Wie sehr mit der Landwirthschaft die gesammte Bürgerschaft unter diesen Fälschungen leidet, dafür mag folgende Zusammenstellung sprechen: Die Verdünnungen der Milch durch Wasser sind bekannt. Nach der „Landwirthschaftlichen Presse" beregnet sich das Quantum Wasser, welches allein in Berlin als Milch verkauft wird, auf 3-4 Millionen Liter, der Konsum an Milch auf 36*/, Millionen Liter, b. h. 38.3 Liter pro Kopf. Dem Mehle setzt man Schwerspath, GypS, Kreide, Marmorstaub hinzu. Dem Brodteig wird Alaun odrr Kalk- wasser .beigemengt, um das Brod weißer zu mache«, und Jalappenwur- zel, um die verstopfende Wirkung des Alauns zu heben. Schlechter, verdorbener Kaffee wird gefärbt, sogar mit giftigen Farbstoffen. Im Stampfkaffee finden sich Cichorien und RoZgrn. Im Cichorienpulvrr hat man wiederholt Ocker, Eisenoxyd, Ziegelmehl; im Cichorienkuche« mitunter alten Kaffeesatz, Baumrinde, ja, Erde nachgewiesen. Zur Cho- coladenberettu«k verwendet man mitunter anstatt der theuren Cacao- bohnen als Zusatz Perubalsam oder Storox, anstatt des Zuckers Melasse- syrup oder Stärke. Zur Vermehrung der Waffe führt man derselben Mehl von Getreide, Hülsenfrüchten, Castanien, gepulverte Cacaoschalen, Gummi- gypS, Kreide hinzu. Anstatt der Cacaobutter, welche man aus der Masse entfernt, wird Schmalz, Fett und Pflanzenöl genommen. Gewürze wer» | den in großem Maßstabe mit mineralischen und organische« Substanzen 1 verfälscht. Um Baumöl zu imitiren, versüßt man gemeines Rüböl mit